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tn orwctt Fällen um so schwEger, als \a unser gegen¬
wärtiges Wirtschaftsleben überhaupt so schwer erschüttert
ist, bah dessen Neugestaltung nur mutmaßlich und auf
keinem Gebiete auch nur mit einiger Wahrscheinlichkeit sich
voraussehen und beurteilen läßt.
In Erkenntnis dieser Tatsache hat schon wAhrend deS
Krieges in Deutschland eine Bewegung um sich gegriffen,
die in indischen Kreisen bedauerlicherweise nur wenig
Beachtung gefunden hat. Ich meine die S i e d e l u n g s-
Lewegungzu gunstendek ehemaligen Kriegsteilnehmer.
Ueber diese selbst braucht hier nicht ausführlich gesvrochen
zu werden, da deren Zweck und Ziel, nämlich allen Kriegs¬
teilnehmern, deren wirtschaftliche Verhältnisse gesichert
werden fottcn, eine Heimstätte zu bieten, auf der sie U nach
Maßgabe ihrer^Eignung ihren Lebensunterhalt gewinnen
können. Der „Verein zur Förderung der Bodenkultur
unter den Juden". — kurzweg „Bodenkulturverein" ge¬
nannt — hat dieser Sicdluiigsbewegung von Anbeginn an
seine vollste Aufmerksamkeit zugewandt, um gegebenen
Falles nach nachahmenswerten Vorbildern auch für jüdische
Krieger eine Diedelung zu schaffen. Indessen fanden die
mehrfachen Anregungen weder beim jüdischen Publikum,
noch bei den ehemaligen Krieaern so viel Beachtung, um
eventuell eine jüdische ländliche Siedelung ins Leben zu
-rufen. wozu ja auch so bedeutende Mittel erforderlich
wären, wie sic nur durch große Beteiligung der Juden auf¬
gebracht werden können. Wohl wendete sich eine Anzahl
jüdischer Krieger an den Bodenkulturverein mit dem
Punsche, durch dessen Hilfe eine landwirtschaftliche oder
gärtnerische Vorbildung zu erlangen.. Da der Boden-
kutturverein aber keine eigene Lehranstalt besah, vielmehr
seine Zöglinge an das von ihm reichlich subventionierte
Land- und Lchrgut Steinborst in Hannover verweisen
mußte, überdies auch seine Hauptaufgabe, nur junge Leute
für den Landtvirtschaftsberuf auszubilden, voranstellen
mußte, so konnte der Gedanke, eine ländliche Siedelung für
ehemalige jüdische Kriegsteilnehmer m gründen, nicht ver¬
wirklicht werden.
Da nun gher in absehbarer Zeit der Bodenkultur-
Verein ganz nahe bei Berlin eine Landwirtschafts-und Gärt-
neveischule zu eröffnen gedenkt, so könnte einer vorläufig
kleinen Zahl von Personen, die sich dem einen der beiden
Berufe widmen wollen, hierzu Gelegenheit geboten werden.
Dies sei hier heute nur mitgeteilt, für den Fall durchaus
geeignete Erwachsene Lehraeleaenheit dafür suchen. Der
Gedanke, als Bauer oder Gärtner dereinst sein Leben zu
gestalten und sein Brot zu finden, mag für manchen neu
und überraschend sein. In icbcnt Falle aber muß dieser
Gedanke sehr wohl, sehr gründlich und schr ernstlich er¬
wogen werden, ehe er zum Entschluß wird. Die Freude
und Liebe zur Natur allein tut's nicht. Zwischen Saat
und Ernte lieaen schwere Arbeit, Schweiß und Mühe, Hin¬
gebung und Ausdauer — und, nicht zuletzt, reale Mittel.
Wer nun glaubt, diese Eignung zu besitzen, und wer als
Städter und gar als Großstädter überzeugt ist. auf die
mannigfachen Reize des Stadtlebens verzichten zu können,
um am Busen der Natur ein einfaches, friedvolles, aber
arbeitschweres Dasein zu führen, der, aber auch nur der,
möge diesen Berns ergreifen.
Zue Geschichte -er posener Ju-en
uuö ihres Schulwesens von 1793—1848.
Bon Professor Dr. ®. Peiser.
„Die Geschichte", sagt Friedrich der Große, „ist das
Brevier der Fürsten". Heute, wo jeder Erwachsene be¬
rechtigt und verpflichtet ist, an der Entwickelung seines
Staates mitzuarbeitcn, ist ihre Kenntnis für jedermann,
der es mit seiner politischen Aufgabe ernst nimmt, eine ge¬
bieterische Notwendigkeit. Ein Rückblick auf die Geschichte
der Posener Juden, insbesondere ihres Schulwesens in den
ersten 50 Jahren seit der zweiten Teilung Polens, dürfte
daher in einer Zeit, wo die Frage nach der künftigen Ge-
Qedenitet 4er
JAdluAen KinderMlfef
staltung der Schulen der Juden wieder im Vordergründe
des Interesses steht, die Beachtung weiter Kreise verdienen.
Nachdem Professor Bloch diesen Gegenstand in einem licht¬
vollen Abschnitte des Sammelwerkes: Das Jahr 1793, teil¬
weise behandelt, Geheimrat Warschauer ihm eine alle Vor¬
züge seiner Forschungsmethode vereinigende Abhandlung
(Erziehung der Juden in der Provinz Posen durch das
Elementarschulwesen) gewidmet und Moritz Iaffe in seiner
vortrefflichen Darstellung der Geschichte der Stadt Posen
unter preußischer Herrschaft, diese Frage wiederholt gestreift
hat. habe ich die Akten des Posener Staatsarchivs noch¬
mals eingesehen und gebe in folgendem die Resultate dieser
Untersuchungen wieder:
Durch die zweite und dritte Teilung Polens war eine
sehr große Anzahl Juden an den preußischen Staat ge¬
kommen. Sie wurde von der Regierung — freilich wohl
zu hoch — auf ein Achtel der Gesamkbevölkemng der neuen
Provinzen. Südpreußen und Neu-Ostprenßen, geschätzt.
Ihre Lage war eine überaus trostlose. In engen Iuden-
vierteln zusammengepfercht, waren sie auch durch die Un¬
sitte zu früher Eheschließung oft körperlich verkümmert.
Eine gewaltige Schuldenlast, die besonders während der
Unruhen der letzten Jahrzehnte ausgenommen war, be¬
drückte die jüdischen Gemeinden, und jedes einzelne Ge¬
meindemitglied haftete aus Grund eines unseligen Gesetzes
für die Schuld der Gesamtheit. Bon allen Aemtern und
vielen bürgerlichen Gewerben ausgeschlossen, fristete eine
überaus große Anzahl ihr kümmerliches Dasein durch
Schacher und Hausierhandel. Die Rabbiner übten vielfach
einen unerträglichen Gewissenszwang aus, indem sie die¬
jenigen, welche rituelle oder religiöse Vorschriften verletzten,
durch Verhängung des aroßen oder kleinen Bannes, durch
Versagen des Ostermehles oder des geschachteten Fleisches
bestraften. Da allein die talmudische Gelehrsamkeit in
Ehren stand, wurde nur sie in den Schulen gepflegt. Selbst
in den Elementarschulen war der Talmud das Lehrziel.
Die neue Regierung ließ sich durch den jammervollen
Zustand, in dem sich die große Masse der Juden vorfand,
nicht entmutigen. Getreu ihrer Verheißung, ..die Glück¬
seligkeit der neuen Untertanen fördern zu wollen", trat sie
auch an die jüdische Bevölkerung mit dem Bestreben, ihre
Lage zu bessern und mit unverkennbarem Wohlwollen
heran. Als der Berliner Synagogenvorstand sich an den
Grafen Hoym, der nach dem Minister von Boß das Or¬
ganisationswerk in den neuen Provinzen leitete und sich
bereits in Schlesien die dankbare Zuneigung der Juden er¬
worben hatte, mit der Bitte wandte- dahin wirken zu
wollen^ daß das Schicksal der Juden unter dem neuen
Regiment ein Segen für sie werde, antwortete er, es werde
ihm ein „wahres Vergnügen sein", zum Wohlstand der
Juden beitragen zu können. Die neue Verwaltung ging
dabei von der wohlwollenden Annahme aus. daß der Jude,
wie der Minister von Boß am 21. Januar 1794 dem Ober¬
präsidenten von Südpreußen, von Buagenhagen, schrieb,
„im ganzen genonimen der Jude in Südpreußen ein kul¬
tivierterer Mensch als der Bürger in kleinen Stödten und
der Bauer auf dem platten Lande" sei. Graf Hohm kam
infolgedessen in seiner Eingabe an den König vom 23. Mai
1795 zu folgendem Ergebnis: „Südpveußen ist noch nicht
in der Verfassung, daß es der arbeitenden jüdischen Hände
entbehren kann, sondern es werden noch viele Jahre hin¬
gehen. ehe die christlichen Einwohner an Arbeitsamkeit und
spleiß aewöhnt. sich den Geschäften widmen werden, indem
bekanntermaßen die Juden nickt nur alldort den Handel
ä la grofsa und ä la rninuta fast einzig und allein auf die
alleruneingeschränkteste Art treiben, sondern an den
mchresten Orten oft die einzigen Handwerker sind, Acker¬
bau und Viehzucht treiben und sich als Lagelichner, Hand-
arbeiter unfc Fährleute gebrauchen lassen." .Er schloß
seinen Bericht mit einer Forderung, die zeigt, wie weil er
in seiner menschenfreundlichen Gesinnung den meisten
seiner Zeitgenossen vorausgeeilt war: „Ich glaube, daß,
um diese Leute zu glücklichen und besseren Gliedern der
bürgerlichen Gesellschaft zu machen, sie vollkommen gleiche
Rechte-mit allen übrigen Untertanen erhalten müßten."
Ehe die neue Regierung jedoch daran ging, die Ver¬
hältnisse der Juden auf eine neue Grundlage zu stellen,
begann sie. sich durch eingehende Berichte, die sie ein¬
forderte, über alle einschlägigen Fragen zu orientieren. Die
Akten des Warschauer Archivs logen davon ein sehr beredtes
Zeugnis ab. Nur in einigen Punkten begann sie sofort
eine reformatorische Tätigkeit. Sie schränkte die frühe
Eheschließung ein und öffnete die Tore der Iudenviertel
— natürlich nicht, ohne mannigfache Opposition zu finden.
Der Posener Magistrat zum Beispiel setzte den Reskripten
der Regierung passiven Widerstand entgegen: er mußte
sich von der Kriegs- und Domänenkammer belehren lassen:
„Eine vernünftige und gesetzesmäßige Toleranz gegen die
Einwohner dieser Religion zu beobachten, ist Menschen-
pslicht." Die gleiche Gesinnung zeigte die Kammer den
vielfachen Bemühungen der Posener christlichen Kauf¬
mannschaft gegenüber, die lästige Konkurrenz der Juden
zu beschränken und ihnen den Warentransport auf der
Warthe zu untersagen. Graf Hoym entschied, daß „die
Ausschließung eines Teiles der Einwohner deS Staates
von der öffentlichen Benutzung eines Flusses" unstatt¬
haft sei.
Erst 1797 waren die Vorarbeiten für die Neuregelung
der Verhältnisse der Juden beendet; am 17. April dieses
Jahres wurde „das General-Iudenreglement für Süd-
und Neu-Ostvreußen" in deutscher und polnischer Sprache
publiziert. Das umfangreiche Gesetz — es umfaßt in dem
Regierungsblatt nicht weniger als 60 Seiten — geht frei¬
lich nicht so weit, wie Graf Hoym in seinem Bericht vom
Mai 1795 gewünscht hatte, aber es atmet durchaus den
Geist des durch — nicht irmner sanfte — Gewalt erziehen¬
den. aufaeklärten Despotismus der zweiten Hälfte des acht¬
zehnten Jahrhunderts. Die Erlaubnis der Eheschließung
wurde an die Zurücklegung des 25. Lebensiah res und den
Nachweis eines gewissen Vermögens geknüpft, die Bestim¬
mung. daß alle Gemeindemitglioder solidarisch für die
Schulden der Gemeinde bastbar seien, aufgehoben und der
Weg zur Ablösung der Gemeindeschulden gewiesen. Vom
Hausiechandel und Schacher wurden sie, soviel nur möglich,
abgedrängt und auf kaufmännischen Handel, auf Künste
und Handioerke, Ackerbau und Viehzucht, Fuhrwerk und
Handarbeit im Lohn verwiesen.
Die freie Ansübuna ihrer Religion wurde den Juden
feierlich garantiert und die Stellung der Rabbiner und der
übrigen jüdischen Kultusbeamten von Grund aus rändert.
Das General-Iudenreglement verkündete, daß sich fortan
.als landesherrliche Beamte gelten, von der Kammer ein-
- gesetzt und aus einer öffentlichen KaffeZbesoldet Mrden
sollten. Wurde dadurch auch die völlig freie Rabbinerwahl
ccheblich eingeschränkt, so mußte die Ausführung dieser
Anordnung zunächst unzweifelhaft eine wesentliche Hebung
dieses Standes herbeisühren.
Zugleich aber nahm sich die Regierung auch der Ge-
meindenntglieder gegen jeden geistlichen Zwang an.. Ei
wurde den Rabbinern bei hoher Geldstraie, im Wieder¬
holungsfälle sogar unter Androhung der Ausweisung aus
den: Lande, verboten, gegen ihre Glaubensgenossen irgend¬
welche Gerichtsbarkeit auszuüben und geistliche Zensuren
zu verhängen. „In Ritual- und Kirchendisziplinsachen",
hieß es in dem Reglement, „soll kein Jude, der für sich
und in feiner Wohnung gegen Glaubens- und Zeremonial-
satzungen etwas tut oder unterläßt, darüber angefochten
und mit Kirchenzensnr oder Strafen belegt werden, sondern
sein Tun und Lassen hierin muß eines jeden eignen Ein¬
sichten und Gewissen anheimgestellt bleiben."
Bor altem aber wurde in der Erkenntnis, daß hker
besonders der Hebel für die oeistiae und sittliche Hebung
Lüge -es Frühlings.
Novelle von Ludwig Davidfohn.
Wollahn, den ... April 19 ...
Mein lieber, gitter Junge!
Es tut mir sehr leid, daß Du im Staatsexamen
durchgefallen bist. Aber ich habe das vovausgeahut.
Wer fo. wie Du, immer versonnen und an irgend eine
Dichtung denkend durch das Leben geht, wird es nie zu
etwas bringen. Damals, als ich mit Dir zusammen
wohnte und studierte, habe ich Dir oft genug- geraten,
Dich mehr mit der Medizin, als mit der Poesie und
Philosophie zu beschäftigen. — Nun, als Du bei mir
warst, bist Du schließlich zuletzt ganz fleißig oewesen,
und Dein erstes Examen hast Du ja ganz gut bestanden.
Das ist aber nun Jahre her, und seitdem wir nicht mehr
beisammen sind, scheinst Du ein vollkommener Träumer
geworden zu sein. — Ich möchte Dir jedoch kein« Vor¬
würfe machen, denn ich habe ein« etwas seltsame Welt,
anschauung: ich glaube nämlich, es kommt alles so,
wie «8 kommen muß, und Meniand ist an seinem Schick-
sal schuld.
Vergiß nicht, Walter, daß Du ein Jude bist. Wir
Juden haben die doppelte Verpflichtung, tüchtig zu sein
und mit beiden Füßen im wirklichen Leben zu stehen.
Wir haben zu viel Feinde! Jeder Fehler eines einzelnen
von uns wird immer gleich der Gesamtheit zur Last ae.
legt, und deshalb hat ;eder einzelne die heilige Pflicht,
sein Leben fo zu führen, daß niemand ihn verspotten
oder belächeln kann.
Run will ich Dir aber auch ratest, was Du machen
sollst: komm wieder zu mir. in unsere Heimat! —
Sag mal, hast Du denn in den ganzen Jahren, in denen
Du nicht hier warst, keine Sehnsucht nach Wollahn ge¬
habt? Bei jedem Baum, jedem HauS, jedem Weg am
Strande, grüßt Dich hier eine Jugenderinnernng. Und
Wollahn wird sich bald wieder in ein Paradies ver¬
wandeln. Die Weiden unten an der Dünenpromenade
haben längst silberne Kätzchen, und der alte Lotse Brink»
mann, der allerdings feil Jahren pensioniett ist, sängt
schon an, mit der Pfeife im Munde aus der Hasen¬
mauer an der Mole aus und ab zu spazieren, und das
ist ein untrügliches Zeichen, daß es bald Frühling wird.
— Neulich waren hier schon säst warme Tage, die See
war korn'blmnen'blau, und als ich durch dm Strandpark
ging, sah ich, wie lmchtend schon der hellorüne Schim¬
mer war, der aus dm Bäumen und Sträuckem lag. —
Tr. Meerwart'h lud mich sogar vorgestern schon zu einer
„Frühlingsfa!hrt" nach Rendemünde mit seinem Motor¬
boot ein. Nun, dazu hatte ich kein« Zeit, denn seitdem
ich dirigierende Arzt des neuen Wollahner Hospitals
bin, habe ich viel zu tun. Das Krankenhaus ist aN der
Stelle gebaut, wo ftüber das alte, baufällige Lotsen¬
haus und die RettungSfiatton standen, im Park, nicht
weit vom Strande, nur wenige Minuten von der Mole
entfernt. Es steht etwas hoch, fodaß man von allen
Fenstern der Front das Meer sehen kann.
Hier ist so manches anders geworden: «in schmuckes
Lotsenhaus, ein neuer Leuchtturm, ein großes S-urm-
warnungszetchen sind neben dem Hafen errichtet worden.
Eine ganz neu« Vtllenkolonie bat sich im Osten Wol-
labns gebildet. Der Seesteg wird renoviert und tag.
täglich hämmern die Arbeiter an ihm herum. Wollahn
vevgrößk-tt sich zusehends.-
Walter. Walter, hast Du gar keine Sehnsucht nach
unsrer Heimat? — Wieviel Jabre sind es her, daß Du
zum le^en Male das Meer gesehen hast, das herrliche,
weite Mer? — Komm zu mir! Bleib «in Jahr hier,
oder länger; Du kannst mir hier oft helfen, und ich
will mit Dir lernen und schon dafür soraeN, daß Du
nicht zum zweiten Male im Examen durchfällst. —
Ich habe eine schöne, große Dienstwohnung im
Hospital; im Erkerzimmer — von dort stehst Du di«
See — sollst Du wohnen!
Wann kann ich Dich erwarten?
ES grüßt Dich Dein alter Freund
Hans H o l tz.
* •
Walter saß frühmorgens in seinem Zimmer ln Berlin
und starrte zum Fenster aus das schmutzige, mßiae Dach
eines Schuppen- hinaus. Draußen war eS trüb und
regnerisch. Sine dumpfe Schwer« lag ihm im Kopf. Eben
war er von einem weiten Wege zurückgekommen; er hatte
die Nacht nicht schlafen können und war, bevor der Morgen
dämmette, ausgestanden und. planlos in den Straßen der
Großstadt herumgelausen. Sein Gesicht war blaß und über¬
arbeitet, seine Bewegungen müde und langsam.-
Und es war ein seltsames Zusammentreffen: sein Blick
fiel auf ein Bild vom Wvllabrier Strande, daS im Zimmer
hing, und er darbte an die kleine Stadt an der Ostsee, in
der er geboren und ausgewachsen war, er dachte an das
Meer und seine ewige Schönheit, und er dachte an Hans,
seinen einzigen Freund, der in der Heimat als Arzt bereits
eine geachtete Stellung einnahm. —
Er sann und sann. —
Da beachte ihm der Briefträger das Schreiben von
Hans, und Walter packte seine Sachen, verhandelte wegen
Aufgabe seines Zimmers und reiste ab. —
Grübelnd jaß er im rüttelnden Eisenbahnwagen, der
ihn nach Norden fübtte. —
Er sah hinaus aus die draußen aus und nieder glei-
tewden Telegraphendrähte, auf die grünenden Felder und
Wiesen, auf di« spiegelnden Scen und Teiche, an denen er
rrüberslog. ,.
Der Himmel war blaßblan und die Sonne töten schon
mz wann. In dem rhythmischen Stampfen des Zuge?
aubte «r den sich immer wiederholenden Schlußsatz einer
ielodi« zu hören, und er dachte nach, wo er diese einmal
rbött batte: aber soviel er auch sann und suchte, — er
nd es nicht. „ „
Er versuchte zu lesen, — die Buchstaben tanzten vor
inen Auren. —
Er blickte z'»m Fenster hinaus: der Zug sauste gerade
n einer E hausier vorüber, hinter der heruntergelasienen
»chranke standen zwei kleine, weißaekleidete Mädchen, die
lstig winkten. Das Sonnenlicht svielte in ihren blonden
aaren, — vorüber war das liebliche Bild und dunkle Tan-
Walter verhütte Schmerzen im Kopse, das Dröhnen
und Rütteln deS Zuges taten ihm weh. —
Er versuchte wieder zu le^en. aber vergebens. — Ein«
seltsame Sehnsucht hatte ihn seit Tagen ergriffen.
Je näher der Zug ihn seiner Heimat entgegentrug, desto
intensiver dachte er an sie.
Wie wird es dott aussehen? Ob sich dort viel ver«
änldett haben wird? ... Sind die Gräber der Eltem gut
erhalten?... Wer von den vielen Menschen, die er dort
kennt, sind noch am Leben, wen wird er nicht mehr Wieder¬
sehen?