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Wollen Sie im Uebrigen leugnen, daß die Speisegesetze
bei der Erhaltung des jüdischen Gemeinschastskörpers eine
hervorragende Rolle gespielt haben? Darüber gibt es ja leine
Diskussion, das ist ja beinahe schon Gemeinplatz. .
Wenn Sie mich aber fragen, wie ich mir die Durchar-
beitung und Ausgestaltung denke, so gestatten Sie, daß ich
Ihnen darauf hier noch nicht antworte, das kommt, aber nicht
im Rahmen solch kurzer Antwort; vorher wird es notwendig
sein, daß man das von mir angeschnittene Grundsätzliche erörtert;
und offen gestanden, darauf warte ich, man muß in derlei
Dingen sich erst über das Grundsätzliche verständigt haben.
Nur soviel sei gesagt. An die geheiligte Freiheit des Nichthaltens
wird man nicht rühren; einen Zwang kann man nicht auSüben
und will Niemand wieder einführen. Sicher aber ist, daß wenn
man nicht nach dem Gerger'schen Wort darüber: eint nt «unt
aut non sint gehandelt hätte, und jenen Versuch gemacht hätte,
dessen Linien ich zu skizzieren versuchte, die Zahl derer, die
siöy zur freiwilligen Bindung verstanden hätte, eine so erhebliche
gewesen wäre, daß an dieser Stelle die Einheit der Judenheit
nicht so heillos zerbrochen wäre, wie es geschah, und das ganze
praktische religiöse Leben einen anderen Anstrich bekommen
hätte, eine größere Intensität behalten hätte und auch unser
Liberalismus eine andere, machtvollere überzeugendere Rolle
spielen würde.
Ich bin in stet- sich erneuernder HochschLtzung
Ihr sehr ergebener
Rabbiner Dr. D i e n e m a n n.
die Mische Gegenwart [jj§
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Ein Museum jüdischer Altertümer eröffnete in Frankfurt a. M.
die Gesellschaft zur Erforschung jüdischer Kunstdenkmaler im ehemaligen
Geschäftshaus der Firma M. A..von Rothschild & Söhne, erbaut nach
dem letzten großen Brande der ehemaligen Judengasse (1796). Die
gezeigten Altertümer des Kultus in Synagoge und Haus sind von
großer Mannigfaltigkeit. Bon den künstlerisch und historisch hervor-
ragenden Stücken sind besonders ein Almemmor vom Ende des
18. Jahrhunderts, ein bronzener Chanuckahleuchter aus dem 17. Jahr¬
hundert, Torahvorhänge, Brautringe und ein auffallend schöner Bibel¬
foliant mit silbergetriebenem Deckel zu erwähnen.. Würdig reihen
sich jüdische Miniamrhandschriften, wie Maimonides' Jad hachasaka
(16. Jahrhunderts), Kaiserprivilegien und Reproduktionen oltcr
Synagogen an. Die mit dem allgemein zugänglichen Museum ver¬
bundene Studienbibliothek wird besonders dem Gelehrten ein will¬
kommenes Werkzeug sein.
Jubiläum der Oppelner Synagoge. Am 29. Oktober beging die
Gemeinde die Feier des 25jährigen Bestehens ihrer Synagoge. Seit
2v»olph Wiener, der Mitstreiter Abraham Geigers, hier als Rabbiner
wirkte (1853—1895), ist Oppeln ein Borort des religiösen Libera¬
lismus. Die alte Synagoge ist 1842 von Geiger ein geweiht worden.
Der Bau der neuen schönen Synagoge ist ganz besonders der uner¬
müdlichen Tatkraft des kürzlich in Breslau verstorbenen Apothekers
Ernst Muhr zu danken, der alle entgegenstehenden Bedenken zu über¬
winden wußte. Der Grundstein zu dem schonen Gotteshause ist noch
von Wiener gelegt worden. Die Feier ist wegen der interalliierten
Besatzung nicht bereits im Juni begangen worden. Mit der Jubel¬
feier des Gotteshauses ist die Enthüllung Md Weihe der schlichten,
aber schonen und würdigen Gedenktafel verbunden worden, die zum
Andenken an die im Weltkriege für das Vaterland gefallenen An¬
gehörigen der Gemeinde in der Synagoge angebracht ist. Zu dem
eindrucksvollen Festgottesdienst waren die staatlichen Behörden, an der
Spitze der Regierungspräsident, Vertreter des Magistrats und der
Stadtverordneten, der katholischen und der evangelischen Geistlichkeit,
der Militärbehörden, die Direktoren der höheren Lehranstalten usw.
erschienen. Außer zahlreichen früheren, jetzt auswärts wohnenden
Gemeindemitgliedern, waren die früheren Rabbiner der Oppelner
Gemeinde, Dr. Bogelstem aus Breslau, Dr. Baeck aus Berlin, Dr.
Goldmann aus Leipzig gekommen. Ein freiwilliger Chor von Damen
und Herren aus der Gemeinde und Sologesänge des Kantors Jospe
und der Damen Frau Kohn-Schlesinger und Frau Evstein gaben dem
musikalischen Teil ein schönes, würdiges Gepräge. In seiner Fest-
Predigt wies Rabbiner Dr. Braunschweiger auf di« Aufgabe des
Gotteshauses, all gcns fceOK&fti, der Belehrung va6 der Ver¬
sammlung hin. Die dauernde enge Beziehung zwischen der Gemeinde
und ihren früheren Rabbinem kam in deren Amtstätigkeit bei der
Feier zum Ausdruck. Dr. Bogelstein verrichtete das Gebet für Vater-
land, Stadt und Gemeinde, Dr. Goldmann enthüllte die Gedenktafel
für die Gefallenen und würdigte jeden einzelnen, Dr. Baeck gedachte
der Toten, insbesondere derer, die sich um die Gemeinde verdient ge¬
macht hatten. Der Eindruck der gottesdienstlichen Feier wird allen
Teilnehmern dauernd im Gedächtnis bleiben. Am Abend vereinigte
ein geselliges Beisammensein die Mitglieder und die Jugend der Ge¬
meinde, sowie die auswärtigen Gäste.
Dr. Apfel gelandet. Der langjährige Borsitzende des Verbandes
der jüdischen Jugendvereine, Rechtsanwalt Dr. Apfel, -ist, wie die
Jüdische Rundschau mitteilt, Mitglied der Zionistischen Vereinigung
geworden. Somit bekennt dieser bewährte Schaukelpolitiker endlich
Farbe. Vor wenigen Jahren noch trat Dr. Apfel wiederholt scharf
gegen den Zionismus auf und betonte, daß sich der neutrale Verband
nicht zwischen zwei Stühle setzen dürfe. Dann wurde er Vorstands¬
mitglied des Zentralvereins. Hier wurden ihm keine Lorbeerkränze
geflochten. Herr Dr. Apfel war „neutral", was den Vorteil mit sich
bringt, daß man leicht den Standpunkt wechseln kann. Von dieser
schönen Möglichkeit der Neutralität hat er nun in einer Weise Ge¬
brauch gemacht, die wir aufrichtig begrüßen.
Eine Erziehvngökoufereuz, in welcher der Einfluß wirt¬
schaftlicher, pädagogischer und hygienischer Verhältnisse auf die
Erziehung erörtert werden soll, beabsichtigt die Zeutralwohl-
fahrtsstelle der deutschen Inden in der zweiten Hälfte des
Monats Dezember in Berlin zu veranstalten. Jnr Anschluß
hieran wird von der Geh. Rat Dr. Wolf Cohn'schen Stiftung,
Berlin, aus eine Ausstellung von Erzeugnissen jüdischer Lehrlinge
stattsinden.
I« Polen fanden vor einigen Tagen die Wahlen zum Sejm
statt, bei denen die nationalen Minderheiten einen Block geb-ldet
hatten und eine einheitliche Liste aufstellten. Zu ihnen gehörten ins¬
besondere die deutschen und die Rationaljuden. Die Liste war außer¬
ordentlich erfolgreich. Die Fraktion der nationalen Minderheiten wird
die zweitgrößte Fraktion der polnischen SejmS werden. Die Zahl der
jüdischen Deputierten wird mindestens 98 betragen.
Die amerikanische liberale Judenheit rüstet sich zur
Einweihung des neuen Tempels Beth-El in Detroit (Michigan),
da dasj.Gotteshaus auf dem Woodward in der Gladstone Avenue
dicht vor feiner Fertigstellung steht. Sein Erbauer ist der
Architekt Albert Kahn. Der Grundstein wurde am 4. Oktober
1921 gelegt. Mit dem Tempel ist eine Schule verbunden worden.
Es haben sich Synagogenvereine für Männer, Frauen und
Jugendliche im Alter von 16 bis 18 Jahren gebildet, die nach
Art von Logen organisiert sind und in religiöser, erzieherischer,
sozialer und philantropischer Hinsicht ähnliche Ziele verfolgen
wie die Bnei Briß-Logen. Die Synagoge, deren Kosten sich
auf 750 000 2dl!'.'.'.? stellen und die 2500 Plätze umfaßt, wird
die größte und führende Gebetsstättc des Reform; ndentums
in den Bereinigten Staaten sein.
Antworten
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Dr. I. Goldschmidt, Offeubach. Sie geben Ms, erst jetzt, von
einem Antrag Kenntnis, den Sie in der vorjährigen Versammlung
des Rabbmerverbandes in Frankfurt gestellt haben. Da heißt es:
„In Anbetracht deffen, 1. daß das Judentum eine geschichtliche
Sendung darin erblickt, den Glauben an einen Gott zum Gemein¬
gut der Menschen zu machen und in dem Glauben an den gemein¬
samen Vater die Menschen zu verbrüdern; 2. daß die Propheten
Israels das „Messianische Reich", das Reich des Völkerfriedens als
das Ziel der Geschichte der Menschheit verkündet haben; 3. daß das
Judentum in der Zerstreuung Israels unter allen Böllem eine pro-
bVentfeOt Forderung seiner Ausgabe im Dienste der Menschheit «S
blickt; 4. daß der letzte Krieg gezeigt hat, wi« wert die Menschheit von
dem Ziele der BölkerverbrüderMg entfernt ist und dadurch die Sehn-
sucht nach dem ewigen Frieden in Millionen Herzen der besten
Menschen entflammt hat; 5. daß der Wilson'sche „Völkerbund", wenn
auch nicht die letzte Lösung dieses höchsten Problems der Menschheit,
so doch die Einführung dieses hohen Ideals in die politische Realität
bedeutet. — beantrage ich. zu beschließen, daß der Deutsche Rabbiner-
Verband in Verbindung trete a) mit den Rabbiner-Berbänden und
den führenden Rabbinern der ganzen Welt, b) mit dem , Deutsch-
Israelitischen Gemeindebund", dem „Zentral-Verem", den Zionisten^
Führern, der orthodoxen „Freier! Berein-gung", dem „Verband der
deutschen Juden" usw., e) mit den verschiedenen außerdeutschen jüdi¬
schen Organisationen, um zu erklären: daß das Judentum der
Gegen wart als Religion in er st er Linie die Pflicht
hat, sich in den Dienst der „Völkerb und".Idee zu
stellen; und zu beschließen: Einen Weltverein der
Israeliten zur Propaganda für einen Völker«»
bund zu begründen. Es ist höchste Zeit, daß sich das Indem
tum der Gegenwart als Religion auf seine geschichtliche Sendung
wieder besinne und mit schöpferischer Begeisterung positive Arbeit
dafür leiste. Das Judentum wachse mit seinen alten, höheren
Zwecken. Wenn die anderen Religionen ebenfalls als Religionen
ihre ungleich reicheren Kräfte und Drittel der Verbrüderung der
Menschen direkt widmen wollen, wird es unsere Religion mit Dank-
barkeit im Namen der Menschheit begrüßen. Das Judentum leidet
am meisten unter der Zerriflenheit der Böller und glaubt darum,
als Religion das traurige Vorrecht zu haben, im Dienste des
Völlerfriedens die Initiative zu ergreifen." Der Antrag ehrt seinen
Urheber. Er beweist, daß dieser einen offenen Blick für die religiösen
Notwendigkeiten der Gegenwart hat und der besonderen Aufgabe des
Judentums nicht so stemd gegenübersteht, wie manche seiner Kollegen.
Und es zeugt von einem leider nicht allgemeinen Bekennermut, wenn
Sie dem berechtigten Gedanken Ausdruck verleihen, man habe in der,
heute allerdings noch autokratischen Völkerbunds: nstitution einen An¬
knüpfungspunkt für die Friedensarbeit zu sehen. Der den erfordere
lichen Schwung zu geben, sei ein trauriges Vorrecht des Juden¬
tums? Wir halten's für den wahren Sinn des so heiß umstrittenen
Begriffes der geistigen Auserwähltheit Israels. Darum bedauern wir,
daß der Rabbinerverband Ihren Antrag zwar einstimmig an¬
genommen hat, ihn aber noch immer im Schoß einer Kommission ruhen
läßt, statt schnellstens durch einige tatkräftige Männer die segens¬
reichen Vorschläge einer rerquälten Menschheit nutzbar machen zu
lasten.
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Aeitungsschau
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Hermann Lohen und Wilhelm Herrmann» Die
in Marburg erscheinende Zeitschrift „Die christliche Welt"
bringt aus der Feder von Heinrich Knittermeyer eine ein¬
gehende Würdigung der letzten Schrift Hermann Cohens.
„Die Religion der Bemunft aus den Quellen des Juden¬
tums", in welcher eingangs die persönlichen Beziehungen
von Cohen und Herrmann behandelt werden. In diesem
Aufsatze heißt es:
Langst hätte dies Buch des 1918 verstorbenen Marburg»
Philosophen hier seine Anzeige finden müssen. Daß es nicht eher
geschah, hat wohl mit seinen Grund darin, daß der, der sonst mit
der religiösen und philosophischen Haltung Cohens sich auseinander¬
setzte, Wilhelm Herrmann, nun auch zu den Toten gehört und schon
seit Jahren in seinem Schaffen behindert war. Und diese Do-,
innerung führt weiter. Beide sind ja aufs Tiefste mit der Geschichte
der Universität Marburg in: letzten Menschenalter verknüpft. Wer
hier in Marburg Theologie studierte, der hörte auch ein Kant-Kolleg
bei Cohen oder seine Vorlesung über Ethik. Und wer gekommen
war, um Cohen zu hören, der hörte auch bei Herrmann die Ethik
oder wohl gar die Dogmatik. Beide waren in der methodischen Auf-
fastung der Komischen Philosophie einig und sahen in ihr die vei>
kindliche Grundlage des eigenen Denkens, und beide waren doch'
Die geborene Cugenüreich.
Ein Großstadtroman von Oskar JonS Mtltrna«.
(80. Fortsetzung.) -
Ein junges Fräulein, schlank und schön, aber erschreckend
blaß trat vor sie hin. Ebba betrachtete sie durch ihr StilglaS
und verbarg angstvoll das Haupt an seiner Brust. „Schütze
mich, ich fürchte mich!" — Eine unheimliche Stille trat ein;
die Fremde aber Hub an zu singen, mit feiner, süßer und
trauriger Stimme:
Heut hast du dich der andern anvertraut,
Im kalten Grab weint die betrog'ne Braut;
Mein Herz zerbrach, denn du hast mich verlassen.
Ich liebe dich und kann dich niemals hassen.
Ein allgemeiner Tumult entstand, und ein Teil der
dänischen Gesellschaft klatschte ironisch Beifall. Marens Mutter
rief: „Hinaus mit ihr! E8 ist alles Lüge und Gemeinheit!
Polizei, Polizei!" — Der Vater gebot ihr Schweigen: „Laß
uns ruhig nach Hause gehen!" — Doch schon stand der Schutz¬
mann Held salutierend auf der Bühne und fragte, immer die
Hand am Helm, und auf Minni zeigend: „Soll ich sie mit¬
nehmen?"
„Nein, nein!", schrie Max mit lauter Stimme, daß der
schlafende Vater erwachte und erschreckt in sein Zimmerchen
trat. „Aber, Matschke", fragte er liebkosend und ganz mit
demselben Tonfall, wie er vor zwanzig Jahren seinen kleinen
Jungen beruhigt hatte: „Ist Dir nicht gut? — „Ich habe wohl
geträumt, Papa", antwortete Max verlegen: „Geh zu Bett,
Du wirst Dich erkälten." — Auch die Mama erschien mit dem
Leuchter in der Hand, und Marie machte den Beschluß. Sie
wollte durchaus wissen, ob Einbrecher da wären. „Es wird Sie
niemand weglragen!", beruhigte Jettchen. „Der Tag war
noch nicht verstört genug!" Damit zog sie sich mürrisch zurück.
Auch Jonas legte sich seufzend nieder, nicht ohne zu bemerken:
„Man muß früh den Arzt kommen lassen, der Junge gefällt
mir garnicht." — „Red' ihm auch da§ noch ein!" Dann aber
erklärte sie sachlich: .Mt dem ärmsten jüdischen Mädel würde
ich mich abfinden, aber diese Familie kann mir keiner zumuten!
Eher soll er überhaupt nicht heiraten!" — — —
„Ich bin in einer Zwickmühle, Frau Witt", begann am
anderen Vormittag Theodor Sachs, indem er im Sanktissimum
auf und ab ging. „Die Eltern sind durchaus dagegen, und ich,
offengestanden, nicht dafür. Trotzdem sage ich weder nein,
noch ja. Minni wird weiter bei Fuchs rrnd Freitag arbeiten;
darüber waren wir uns schon gestern einig. Alles hängt von
dem jungen Herrn ab! Wenn er nur halb so energisch ist, wie
seine Mutter, kann man schon heute gratulieren!" —
Also erschien Minni nach zweitägiger Abwesenheit wieder
im Geschäft und nahm, von den Damen der Firma teilnahmsvoll
begrüßt, den Platz auf dem Drehstuhl ein. Jonas blieb von
gleicher, wenn auch etwas steifer Höflichkeit, und selbst Jettchen,
da eine Begegnung sich nicht vermeiden ließ, erwiderte förm"ch
ihren Gruß. Minni sah angegriffen aus, aber gerade das —
Frau Rosenthal mußte es sich innerlich eingestehen — stand
ihr gut. Ueberflüssig, zu sagen, daß die Liebenden sich nach
wie vor tagtäglich trafen, „und der ganze Unterschied seit dem
letzten Auftritt besteht darin, daß ich eS weiß und doch nicht
hindern kann.". So haderte bitter Mama Jettchen in dem nicht
unrichtigen Empfinden, nach langer Allmacht mütterlicher
Herrschaft entthront zu sein. Aber auch die geborene Tugendreich
war nicht viel anders beschieden worden, als sie zaghaft versucht
hatte, Minni vielleicht „davon abzubringen." — „Mama, mach
uns beiden das Herz nicht schwer, ich kann mich nicht hindern
lassen!" So zeigte sich die junge Braut als gelehrige Schülerin
ihres künftigen Gebieters, der über eine ganz besondere Taktik
verfügte, diesen unbequemen Erörterungen aus dem Wege
zu gehen. Nur noch ganz sell^n gelang es Jettchen, auf den
„Zustand" anzuspielen, indem sie Janas, aber natürlich in
Maxens Beisein monierte: „Nun schreib schon endlich nach
Kopenhagen ab!", oder aber, — das war die schärfere Dosis:
„Erst muß ich tot sein! Solange ich atme, betritt sie nicht meine
Schwelle!" — Max antwortete dann friedlich und fest: „Ohne
Deinen Segen werde ich nicht heiraten." „Laß Dir die Zeir
nicht lang werden!", quittierte regelmäßig die Mama.
XIII.
Nicht lange danach begab sich etwas ausfälliges. Max
erklärte seinem Papa, daß er jetzt seine juristisch-kauiniünnische
Vorbildung beendet habe und die Knopf-, Besatz- und Band¬
wissenschaft praktisch erlernen möchte. „Aber nicht bei diner
fremden Firma; dazu bin ich zu alt! Am liebsten gleich bei
Fuchs und Freitag!" — Den Vater Jonas durchzuckte starke
Freude, denn sein Lebenstraum ging ja damit in Erfüllung;
doch auch einiges Mißtrauen gesellte sich bald hinzu, und dies
behielt die Oberhand. Denn was Jettchen an dieser neuesten
Berufswahl ihres vielseitigen Sprößlings aussetzte, mußte auch
ihr Ehemann, bei aller sanftmütigen Gesinnung, unterschreiben.
„AuS Trotz — sage ich Dir —, lediglich aus Trotz, um vor unseren
Augen mit ihr zusammen zu sein! Spaß, wird er ein Kaufmann
werden, die Kunden können mir leid tun!" —
Herr Dr. Rosenthal trat ins Geschäft, überaus korrekt, sehr
eifrig, ganz gelehrig und erfüllt von modernen Ideen, denen der
Vater Berechtigung und Anerkennung nicht versagen konnte.
Schreibmaschine und Kartothek, Registrierkasse und Personal-
Kontrolluhr zogen mit ihm ein, und siehe da —, es war sehr gut!
Zuerst nannte die Chesmama, ewig auf der Suche nach Bean¬
standungen, diese Neuerungen „kindische Spielerei, die un¬
nützes Geld kosten". Als aber eine, Lungenkraft und Treppen
sparende Haustelefon-Anlage und der Behaglichkeitsstrom des
elektrischen Lichtes nachfolgten, schwieg sie belehrt. Auch einige
Dreiräder mit bauchigen Kasten, die statt des müden Leihwagen«
der Witwe Hellriegel mit den Waren flott und elegant zur Stadt¬
kundschaft und Hauptpost spurteten, bewährten sich. Die Lösung
dieses Traditionsverhältnisses, das die Inhaberin des Fuhr-
geschäftes i« der Pallisadenstraße 13 mit der halben Klosterstraße
verband, regte den Erbsohn ihres Betriebes nicht sonderlich auf^
„Orje" hatte gegentoärtig andere Sorgen. War er auch von der
Facon, die der Berliner „reichlich dow" nennt, so schlug sein
Herz, im Banne einer hoffnungslosen Liebe, doch stürmisch und
empsindsarn. Man wird es verstehen, wenn seine leicht entzückten
JünglingSaugen an Minni besonderes Wohlgefallen fanden,
denn junge Damen zwischen siebzehn und achtzehn, selbst wenn
sie nicht so schön und zart sind, haben bekanntlich immer erklärte
oder heimliche Verehrer. (Fortsetzung folgt.'.