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©tgan für das liberale (Judentum e. D.
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Die „Jüdisch-liberale Leitung" erscheint seben Freitag und mit zwei monat¬
lichen Beilagen, der wissenschaftlichen Zeitschäft „Liberales Judentum" und den
„Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft jüdisch-liberaler Zugendvereine".
Nr. 47 ❖ 24. November 1922
Redaktion: Berlin W8, Mauerst». 22 (Bereinigung für
das liberale Judentum e. D.) Fernruf: Amt Zentrum Ui»
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Monatsschrift für ble religiöse Erneuerung des Judentums
'Dcrau.zrg.ben von der Beretulguug fite da» liberale 2ud»ub»« E.D. unter brr Schrtstteituuz von Dr. Caefar Sell guraau, Jrabblaee tu lZcauksurt am llütatu.
Nr. 11
24. November
14. Jahrgang
Inhalt: Gedanken eines Süden bei der Lektüre von Dantes ,,©5tt-
-icher Komödie", von Rabbiner Dr. Bruno Italiener, Darmstadt. - Mystik,
^ speisegesetzs und hebräische Gcbetssprache, von Rechtsanwalt Dr. Ernst
Lmtl Schweitzer, Berlin. — Jur Gebetbuch-Frage, von Rechtsanwalt
Heinrich Stern, Berlin. — Jur Frage des Einheitsgebetbuches, von Rabbiner
Dr. Norden, Elberfeld. — Entwurf einer neuen Liturgie für den Iugend-
gotteedienst in Synagogen-Gemeinden, von Hermann Wallach, Aachen.
Gedanken eines Juden bei -er Lektüre
von Dantes „Göttlicher Komö-ie".
Don Rabbiner Dr. Bruno Italiener, Darmstadt.
Dante hat das Schicksal der Bibel. Man bewundert
ihn, aber man liest ihn nicht. Darum kennt man ihn
auch nicht, zumal in jüdischen Kreisen. Was den Juden
von der Lektüre der Schriften Dantes, insbesondere der
„Göttlichen Komödie", zurückhält, ist nicht nur bewirkt
durch den äußeren Grund, den Mangel einer des Dichters
würdigen deutschen Uebersetzung, sondern es sind viel¬
mehr innere Gründe. Zunächst die Schwierigkeit des
Verständnisses auch für den, der die „Göttliche Komödie"
in der Ursprache zu lesen vermag. Dante selbst warnte
schon die Leser seiner eigenen Zeit, die nicht genügend
für ihn gerüstet waren, im zweiten Gesang des Paradieses
(Vers i—7) mit folgenden Worten:
„O ihr, die mir gefolgt im kleinen Kahn,
Zu hören wünschend, hinter meinem Kiel,
Der singend zieht auf seiner blauen Bahn,
Kehrt' lieber uni, laßt dieses hohe Ziel,
(iJcfjjt nicht ins Meer! Ihr könntet, mir entfahren,
Verloren treiben als der Wellen Spiel,
Das Wasser, das ich nahm, ward nie befahren."*)
Diese Warnung des Dichters hat noch viel mehr
Berechtigung für uns. ; „Irr Dante," meint Carlyle,
„haben zehn schweigende christliche Jahrhunderte eine
Stimme gefunden." Die Welt, die uns irr der „Göttlichen
Komödie" entgegerrtritt, ist die mittelalterlich-katholische
mit ihren Dogmen, ihrenr Heiligenkult, ihrem Glauben
.rn Hölle, Fegefeuer und Paradies. Wenn schon die
Juden des Mittelalters dieser Welt innerlich ablehnend
gegenüberstanden, um wieviel mehr wir rnodernen
Juden. Wir empfinden als religiöse Menscherl Ehrfurcht
vor der tiefen Innigkeit und Glcmbenskrast, die sich
hinter ihr verbirgt, aber wir lehnen sie ab.
Doch es sind keineswegs nur religiöse Gründe, die
uns Inden, rrud gewiß nicht uns allein, von Dante
scheiden. Jur Weltbild des Dichters ist die Erde der
Büttelpunkt, um die die Sonne kreist „in Brudersphären
Wettgesang". Für uns ist unser Planet ein winziges
Pünktchen im unendlichen All; für uns sind die Klänge
der Sphärenharmonien, die Dantes Ohr noch lauschend
vernahm, für ewig verstummt. Für Dante sind Papst¬
tum itnb Kaisertum die Säulen der Welt, die Angel¬
punkte seiner politischere Weltanschauung. Auch diese
Säulen hat der Strom der Geschichte unbarmherzig zu
Boden geworfen.
Und doch, so sehr die Aufzählung dieser Verschieden¬
heiten zwischen, dem Weltbild Dantes und dem unsrigen
noch um ein Vielfaches vermehrt werden könnte, in
einem besteht die Verbindung. All das Trennende
wird überschattet durch das eine Gemeinsame,
und das wird dargestellt druck) den Bi e n s ch e n , durch
die Persönlichkeit Dantes. Wenn die Worte
Goethes am Schlüsse von „Faust":
„Wer immer strebend sich berrrübt,
Den können wir erlösen"
mit Recht als der Ausdruck des m 0 d e v r. e n Per-
sönlichkeitsideals gelten, dann.: m Dante
trotz aller mittelalterlicher Verkleidung em m d e r n e r
Mensch gewesen. Auch bei ihm die leiden?waftliche
Sehnsucht, zu den Quellen der Walnden vor zustoßen,
auch bei ihm die zwei Seelen im Herzen, dre eure, dre
„mit derber Liebeslust ihn an der Erde lialt mit klam¬
mernden Organen", die andere, die mit wundersamem
Zaubermante! ihn emporträgt zn den „weniern rn der
Luft, die zwischen Erd' und Himwe! lienicliend fäuvcben.
Und endlich auch bei ihm der faustische Lrang, aus lcacht
und Schuld' durch eigene Kraft zu ^.icht und
Reinheit sich emporzuringen.
') Anm. Uebersetzt von Karl Federn, -a^le und \tine Zeit,
Leipzig 1916 ; die übrigen Stellen find meist -
Uebersetzung von Karl Streckfus; (ReclmiM U’«'^ o mo^unb
Boßler, die .Göttliche Komödie". Heldclbc^ Id^ lu§ 1910 und
Rickard ?>otzmann. Dante, die .Etliche Komodre . are,b»,ra n B.
Gerade dieser letzterwähnte Zug scheint uns be¬
sonders wichtig. So groß die Bedeutung auch sein mag,
die der Dichter als gläubiger Katholik in seinem Werke
der Gnade zuweist, die in Gestalt der B e a t r i c e
als „Ewigweibliches", als „Liebe von oben" den ringenden
Menschen helfend emporzieht, ist er doch von dem Glauben
an die Freiheit des menschlichen Willens,
das heißt der modernen — für uns Juden freilich im
Grunde sehr alten, in unserer Religion begründetet: —
Gedanken, der Selbstverantwortung des Menschen für
sein Schicksal im Innersten durchdrungen. Das tritt
in dem lateinischen Widmungsschreiben, das Dante den:
Can Grande della Scala überreicht, klar zutage. Hierin
wird die Absicht des Dichters über den eigentlichen Zweck
der „Göttlichen Komödie" folgendermaßen definiert:
„Homo, prout meiendo et demerendo per arbitrii
libertatem esfc Justitiae praemianti aut pimienti
obnoxius“, das heißt „der Mensch, wie er durch
Verdienst oder Schuld, durch Betätigung eines freien
Willens der lohnenden oder strafenden Gerechtigkeit
verfällt". Man hat die Echtheit dieser Stelle bezweifelt.
Wir lassen hier die Entscheidung dahingestellt. Aber das
ist gewiß, kein Wort kann den Geist der „Göttlichen
Komödie" besser kennzeichnen, als diese Aeusierung.
Denn so viele Tendenzen die Dichtung auch habet: mag,
keine ist so ausgeprägt, keine hat ihr mit solchem Recht
den Ehrennamen eines „heiligen Gedichtes" eingetragen,
wie dieses sittlich-religiöse Ziel. Die Erziehung des
Einzelmenschen und der Menschheit zur Sittlichkeit, das
ist ihr Zweck, und wenn je ein Mensch, so ist Dante ihr
berufener Prophet. Denn Dante ist ein wahrhaft
frommer Mensch. Er hat, wie alle echten Propheten,
in schwersten inneren Kämpfen das erlebt, was er lehrt.
Man unterscheidet zwei Typen der Frömmigkeit:
die der Mystik und die der Propheten; die eine welt-
abgewandt, müde, beschaulich, die andere zur Welt hin¬
drängend, ganz Wille, ganz Tat. Der Mystiker ist ein
Entsagender, der Prophet ein Kämpfer. Solch ein
Frommer im prophetischen Sinne ist Dante trotz allen
Einflüssen, die gerade die Mystik auf ihn ausgeübt hat.
Daher auch seine Vorliebe für die Propheten unserer
Bibel, das heißt des Alten Testaments. Die Welt hat.
kaum einen Dichter, der so in der Bibel *ebte, wie Dante.
Man hat eine Statistik aufgestellt, die nachweist, wie oft
der Dichter in seinen Werken die Bibel, und wie oft er
beispielsweise den größten katholischen Kirchenvater,
Augustin, erwähnt, und das Ergebnis ist, daß die Bibel
mehr als fünfhundertmal, Augustin aber nur zehnmal
zitiert wird. Man kann eine derartige Statistik von:
künstlerischen Standpunkt aus geschmacklos finden, für
den vorliegenden Zweck ist sie, obwohl in der erwähnten
Zahl auch das Neue Testament eingeschlossen ist, sehr
beweiskräftig. Denn in den Zitaten überwiegt bei weitem j
das Alte Testament, und in diesem steht dem Dichter, >
wie Dante selbst ausgesprochen hat, der Prophet I e
remtfl am nächsten. Das ist kein Zufall. In dem Buch
Jeremia liest Dante das Buch seines eigenen Lebens.
Das gleiche Martyrium des Prophetentums, das gleiche
Bewußtsein, von einem Höheren berufen zu sein, die
gleiche inbrünstige Glut der Frömmigkeit, der gleiche
leidenschaftliche Zorn gegen Lüge und Unrecht, und vor
allem der gleiche Mut! Wie Jeremias Sendung damit
beginnt, daß Gott ihn macht „zu einer festen Burg und
einer ehernen Säule gegenüber Königen und Priestern
und allem Volk des Landes", so hat auch Dante beit
Kampf ausgenommen wider seine. Zeitgenossen, hat
Könige und Päpste vor seinen Richterstuhl geladen und
sie je nach Verdienst in die tiefsten Abgründe der Hölle
hinabgeschleudert oder zur Seligkeit des höchsten Himmels
emporgehoben. Wie man Jeremia nicht lesen kann ohne
innere Bewegung, ohne das Gefühl: jedes Wort des
Zornes gegen seine Volksgenossen ist zu vergleichen mit
den Schlägen, die eine Mutter ihrem Kinde gibt — jeden
Schlag d oppelt schmerzhaft selbst empfindend —, so
auch Dante! Wie haßt er die Florentiner, dieses laster¬
hafte, lügnerische, treulose Volk, das ihn heimatlos
gemacht hat, so sehr, daß er noch im höchsten Himmel in
leidenschaftlichem Ingrimm seiner Vaterstadt die Worte
entgegenschleudert (Paradies, Gesang 31, Vers 37—40):
„Wie ich, dem Menschlichen entwunden,
Zum Höchsten kam, von Zeit zur Ewigkeit
Und von Florenz zu Wackern und
Gesunden
Und doch, wie liebt er Florenz, dem Verbannten
im Heimweh noch verllärter erscheinend, umweht vom
zauberhaften Dufte der Erinnerung, den Einsame«
noch heiterer, noch verlvckendcr grüßend. Und wie der
Prophet Jeremia endlich fern der Heimat sein Leben
beschloß, nach der Ueberlieferung unter den Steinwürfen
seiner eigenen Volksgenossen, so starb auch Dante ein^
sam, verbannt, von seinen Landsleuten zu der (freilich
nicht vollstreckten) Strafe des Scheiterhaufens verurteilt.
Man darf ruhig die Behauptung wagen, wer fidj
in Dantes Leben versenkt, dem erscheinen auch die
Propheten der Bibel zeitlich und menschlich näher gerückt;
ja vieles in der Heiligen Schrift gewinnt, mit den Augen
Dantes gesehen, ein eigenes, vorher nicht geschautes
Leben. Das gilt insbesondere von den Psalmen.
Wie hat das fromme Gemüt des Dichters ihre Sehnsucht
und ihren Glauben, ihre Buße und ihre Gottseligkeit
nachzuempfinden und in die Dichtung zu verweben ver¬
standen! Was wäre das Fegefeuer, was das Paradies
in der „Göttlichen Komödie", wenn nicht die Psalmen
aus dem Mmde der Büßende:: und Seligen erklingend
ihnen die Feierlichkeit und unnachahmliche Weihe gäben k
Nur ein Beispiel. Virgil, der den Dichter auf seiner
Wanderung durch die Hölle und den größten Teil des
Fegefeuers begleitete, hat ihn an der Schwelle des
irdischen Paradieses verlassen, Beatrice steht vor ihm.
Die Begegnung mit der Jngendgeliebten gehört zu den
dichterisch schönsten, menschlich ergreifendsten Stellen deS
ganzen Werkes; sie wird, nebenbei gesagt, eingeleitet
mit den Worten des Hohenliedes (Kap. 4 Vers 8):
„Komm Braut vom Libanon und zeige dich!"
Die Hauptstelle beim Anblick der Beatriee lautet
(Fegefeuer Gesang 30, Vers 36 bis 54): ,-y
' „Das Herz nur schaut und fühlt sich festgehalten, Z
Das ist der alten Liebe macht'ges Walten. — ']
Und rückwärts bis zu früher Kindheit Tagen
Der Blick aus die Verklärte jetzt mich führt:
Wie lange hatt' ich Leid um sie getragen.
Wie hatte dieser Gang die Glut geschürt!
Wie um der lieben Mutter es zu klagen,
Was bis zu heiße:: Tränen so mich rührt,
Wend' ich — im Tiefste:, bebend — : nick zur Linken,
Dem väterlichen Freund ans Herz zu sinken —
Und seh' ihn nicht! Es greift die Hand ins Leere;'
Der Stab, der jetzt mich stützen sollte, bricht! .<
Virgil, der mich geführt durch Nacht zum Licht! L
Virgil, der mich enthob der Erdenschwere!
Virgil, der Vater, den als Sohn ich ehre, —
Ich'suche rings, doch ach! Ihn sind' ich nicht!"*) *
Beatriee richtet ihr Auge prüfend auf den Dichter,
er vermag int Bewußtsein begangener Fehl den Mick
nicht zn ertragen (Vers 76 bis 78):
„Ich sah zum Bach hinab, sah mein Gesicht,
Sah auf die Blumen dann, die nrich umgaben, '
Gedrückt die Stirn von schwerer Scham Gewicht."
Man beachte, mit tvclch unübertrefflicher Kunst
Dante in diesen wenigen Versen fast alle Gemüts¬
bewegungen der Menschenseele zusanimengedrängt hat:
die Seligkeit über das Wiedersehen der Geliebten, der
Schmerz über die durch die Begegnung mit der so früh
verlorenen Braut seiner Jugend neu aufbrechenden
Wunden seines Herzens, das Heimweh nach dem treuen
väterlichen Freund, der ihn verlassen, die Scham vor dem
richtenden Auge Beatriccns, die Reue ob begangener
Schuld, all das wogt in schier verwirrender Fülle in
wenigen Augenblicken durch des Dichters Herz! Eine
Lösung scheint'unmöglich! Da tritt Stille ein! „Sie
schwieg . . ." (Bers 82) und von Engelschören gesungen,
treffen Ohr und Seele Dantes die ersten neun Verse des
31. Psalms, der mit den Worten beginnt: „Bei Dir,o Herr,
berge i ch mich, laß mich nimmermehr zuschanden werden!"
Ihre Wirkung auf seine Seele ist unbeschreiblich!
In zwei Bildern, deren eines noch schöner ist als das
andere, sucht er den Eindruck dieses Sanges der Engel
zu schildern, „der ihm ein Nachklang ist vom Lied der
ew'gen Sphären!" Vergebens — hier versagt das
Wort- Da löst sich die Spannung wie von selbst auf
— in Tränen, die unwiderstehlich sich ihm ins Antlitz
drängen (Vers 97—99):
„Da schmolz das Eis, das starr mein Herz umflossen,
Zu Hauch und Wasser und karn mit Beklemmung
Durch Mund und Augen ans der Brust geflossen?"
*) Uebersetzung von Pochhammer.
^uaendvereins-Anzeigen HF* letzte Sette.