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Aus den Ortsgruppen
und Gemeinden.
Der Liberale Bereis für die Augelegeuhette« der Berliner M-
fcheo Gemeinde hatte seine Vorstandsmitglieder und eine Anzahl in¬
teressierter Gäste am 23. April zu einer Besprechung eingeladen, die
sich ausschließlich mit' der Zrage beschäftigte: Soll die ögnagoge
Zasanenstrahe der Reformgemeinde für einen Sonntagsgottesdienst
zur Verfügung gestellt werden? Das große Interesse, das diese
Zrage zurzeit in den Kreisen des Berliner Öudentums findet, zeigte
sich auch in dem außerordentlich starken Besuch. Der große Saal
im Sgnagogengebäude Zafanenftraße war fast gefüllt. Der Vor¬
stand der jüdischen Gemeinde war durch Herrn Geheimrat Stern
und Herrn Kammergerichtsrat Wolff vertreten. Von der jüdischen Ge¬
meinde waren ferner die Rabbiner Dr. Bergmann und Dr. Galliner,
von der Reformgemeinde die Prediger* Dr. Loblenz, Dr. Lehmann
und Dr. Zelski erschienen. Rach einer Begrüßungsansprache des
Vorsitzenden, Herrn Dr. Seligsohn. hielt Herr Dr. Loblenz ein ein¬
leitendes Referat über den Antrag der Reformgemeinde und die
Gründe, die diese zur Erhebung ihrer Zorderung bewogen hätten.
Er stellte sich dabei auf den Standpunkt, daß die Mitglieder der
Reformgemeinde steuerzahlende Mitglieder der Gesamtgemeinde seien
und daher als solche Befriedigung ihrer religiösen Bedürfnisse, also
Einrichtung eines Lormtagsgottesdienstes in einer geeigneten Ge-
meindefgnagoge verlangen könnten. Er bestritt, daß oadurch der
Sabbat abgelehnt oder der Sabbat-Gottesdienst beeinträchtigt werde.
Die große Mehrheit der Süden sei heute nicht in der Lage, den Sab¬
bat zu halten. Es handle sich also nicht um die Beseitigung des
Gottesdienstes, sondern um seine Ergänzung für diejenigen, die ihn
nicht halten können, und darum jetzt jedem Gottesdienst fern-
bleibm Der Sonntag sei nicht nur der religiöse Zeiertag des
Ehriftentums, sondern auch der soziale Ruhetag der Bolksgesamtheit.
Wenn es von der großen Südischen Gemeinde zur Bedingung ge¬
macht werde, so sei die Reformgemeinde auch bereit, in der Zrage
der Kopfbedeckung und einer stärkeren Betonung des Hebräischen
im Gottesdienst Zugeständnisse zu machen. Er wies auch darauf hin,
daß unsere Väter in der Gottesdienstfrage einst liberaler und gro߬
zügiger gewesen seien, denn sie hätten für die Marktbesucher am
Montag und Donnerstag einen besonderen Gottesdienst, sogar mit
Toravorlefung. eingerichtet, weil die Landbevölkerung den öabbat-
gottesdienst uicht habe besuchen können. Diesen Liberalismus
verlange die Reformgemeinde auch für die Setztzeit.
Sn der an das Referat sich anschließenden Aussprache stießen
die verschiedenen Auffassungen, die in dieser Zrage innerhalb des
liberalen Sudentums herrschen, ziemlich hart aufeinander. Als Geg¬
ner nahm insbesondere Herr Rabbiner Dr. Bergmann scharf gegen
de*. Antrag Stellung. Er erklärte, mit einem Zustande, bei dem in
demselben Gotteshaus am Sabbat ein Gemeinderabbiner seine An¬
schauungen und am Sonntage ein Prediger der Reformgemeinde
seine wesentlich abweichenden Ansichten der Gemeinde lehre und vor¬
trage, sich nicht abfinden zu können. Er verlange grundsätzlich Tren¬
nung von großer Gemeinde und Reform auch in örtlicher Hinsicht.
Eine Befriedigung der Wünsche der Reformgemeinde sei nur durch
den Bau eines eigenen Gotteshauses für diese möglich. Dr. Berg¬
mann verwclrf auch Zugeständnisse der Reformgemeinde in bezug auf
Zragen, die er nicht für äußere, sondern für grundsätzliche ansehe.
Die Meinungen der Diskussionsredner waren recht geteilt. Zür die
Lhariottenburger Ortsgruppe sprach sich Dr. Laro mit großer
Wärme zugunsten der Wünsche der Reformgemeinde aus. Dagegen
bekannte sich Herr Hirschberg im Namen der Nordwestgruppe als
scharfer Gegner jedes Entgegenkommens. Die große Mehrheit der
Redner aber erkannte an, daß es sich um eine Lebensfrage der
Berliner jüdischen Gemeinde handle, da eine Absplitterung der Re¬
formgemeinde mit Sicherheit zu erwarten sei, wenn man ihre Wün¬
sche dauernd unbeachtet und ihre religiösen Bedürfnisse unbefriedigt
lasse. Herr Rechtsanwalt Stern, der einen vermittelnden Stand¬
punkt vertrat, warnte ebenfalls davor, den linken Zlügel des libe¬
ralen Zndeatuws zur Absplitterung zu drängen. Er vertrat den
Standpunkt, daß es an fwh Sache der großen jüdischen Gemeinde
sei, einen Sonntagsgottesdienst für diejenigen zu schaffen, die am
Sabdatgottesdienst auch bei größter Opferwilligkeil nicht teilnehmen
könnten. Aach sehr reger Aussprache kam es schließlich gegen
12 Uhr Mitternacht zur Abstimmung. Mit allen gegen 5 Stimmen
wurde die zur Diskussion stehende Frage bejaht.
Ans der Berliner ReprSsentanteu - Dersannnloug. 2n
der letzten Sitzung der Repräsentanten-Bersammlung stand ein
liberaler Antrag zur Beratung, der Semeindevorstand möge für
eine regelmäßige und dauernde Inspektion des Religionsunterrichts
Sorge tragen. Es wurde zur Begründung auf die auch in diesen
Spalten jüngst besprochenen unhaltbaren Zustände im Religionr-
unterrichtswesen der Gemeinde hingewiesen, denen nur dadurch ab¬
geholfen werden könnte, daß sich jemand hauptamtlich mit der Re¬
organisation der Unterrichtsverwaltung und der lnspektion der Un-
terrichtstechnik — diese im weitesten Sinne des Wortes verstanden —
beschäftige. Demgegenüber verlangte man von Leiten der Zionisten
und Konservativen eine Kontrolle auch der jüdischen Richtung des
Unterrichts und hielt deshalb die Bestellung zweier lnspektoron —
rines liberalen und eines konservativen — für unbedingt notwendig. :
Die Zionisten erklärten sogar, die Bestellung von lnspektoren sonst •
überhaupt ablehnen zu müssen, da das, was nach liberaler Auffassung
ihre Aufgabe sein sollte, Lache eines Berwaltungsdeamten sei. Wie !
ein solcher den Religionsunterricht in pädagogischer Hinsicht inspi- ?
zieren soll, ist allerdings schlechthin unverständlich, ln dem lnteresie j
um die Erhöhung ihres Einflusses auf den Religionsunlerricht — !
zeichneten sich doch die Umrisse einer bestimmten ausgesprochen zio- \
nistischen Kandidatur für den konservativen Posten deutlich ab — i
scheint sich demnach das zionistische lnteresse an der Hebung des
reinen Religionsunterrichts ziemlich zu erschöpfen. Der Ruf nach
der allein seeligmachenden jüdischen Volksschule ertönte gestern wie¬
der aus jeder zion-istischen — und auch orthodoxen — Rede.
Schließlich wurde den Wünschen der Zionisten und Konservativen
dadurch Rechnung getragen, daß die Mehrheit der Versammlung —
auch ein Teil der Liberalen — dom Vorstand die Bestellung zweier
Schulinspizienten empfahl, so daß jede Richtung das Amt nach ihren
Wünschen ausgestalten kann.
Die zweite Angelegenheit, bei der eine sachliche Entscheidung
von Bedeutung fiel, war die der Subventionierung der Reform¬
gemeinde. Der Vorstand hatte um die Ermächtigung gebeten, der
Reformgemeinde, wenn es sich im Verlauf der zurzeit schwebenden
Verhandlungen über deren Verhältnis zur Gemeinde als notwendig I
Herausstellen sollte, außer den bereits gezahlten 5 Millionen Mark
noch weitere zwei Millionen bewilligen zu dürfen. Es war inter¬
essant. zu beobachten, welche Nervosität das Wort Reformgemeinde
bei einem großen Teil der Ziomsten und Konservativen hervorruft.
Die Orthodoxen in der jüdischen Volkspariei und in der konserva¬
tiven Arbeitsgemeinschaft konnten sich sogar nicht enthalten, ihrer
Ansicht, daß diese Richtung — der auch ein Mitglied der Versamm¬
lung angehört — außerhalb des Judentums stehe, laut Ausdruck zu
geben; ein Verhallen, für das es eine parlamentarische Bezeichnung
nicht gibt. Allerdings wird die Reformgemeinde diese Einschätzung
hoffentlich mit Würde zu tragen wisien. Hat doch der fanatischste
Orthodoxe der Reprösentantenversammlung, der Zionist Dr. Loeb,
der in der letzten Sitzung von dem fortschrittlichen Zudentum als
vom Zudentum fortschreitenden Zudontum sprach, vor einiger Zeit
an derselben. Stelle auch von der Hochschule für die Wissenschaft des
Judentums als von einer Anstalt gesprochen, aus der der aus dem
Judentum herausführende Geist der Richtlinien hervorgehel Das
Resultat der sehr lebhaften Debatte war, daß ein orthodoxer An¬
trag, der Reformgemeinde bis zur Klärung ihrer Stellung zur Ge¬
meinde überhaupt keine Zuschüsse mehr zu bewilligen, mit großer
Mehrheit abgelehnt wurde. Dagegen wurde ein konservativer An¬
trag, der den Vorstand auffordert, neue Zahlungen an die Reform-
gemelnde nicht ohne Zustimmung der Repräsentantenversammlung zu
leisten, gegen die Stimmen der Liberalen, die für den Vorstands-
antrag eintraten, angenommen. Damit ist die Entscheidung über die
künftigen Zahlungen an die Reformgemeinde aufgeschoben. Be¬
merkenswert an der Debatte war noch, daß man auf zionistischer
Seite den Mut hatte, der Reformgemeinde nahezulegen, sie solle
einem ihrer Rabbiner, die sich bekanntlich alle nicht mehr im jugend¬
lichen Alter befinden, empfehlen, sich eine andere Stellung zu suchen;
diese Zumutung erfuhr von liberal-orthodoxer Seite die verdiente
scharfe Zurückweisung.
Zwischen diesen beiden Punkten der Tagesordnung war eine
zionistische Interpellation über die Beschlagnahme der Räume des
jüdischen Zlüchtlingsheimes für Zwecke der Stadt Berlin verhandelt
worden. Gegenüber dem Versuch des Gemeindevorstandes, die
Schuld daran anderen außerhalb der Gemeinde stehenden Stellen zu¬
zuschreiben, waren sich wohl schließlich alle Parteien darüber einig,
daß dieselbe vorwiegend beim Gemeindevorstande liegt.
Erwähnt sei ferner eine auf zionistische Anregung an den Vor¬
stand gerichtete Aufforderung, mit den Gemeinderabbinern wegen
Einführung allsabbatlicher Lehrvorträge in allen Gemeindesgnagogen
Zählung zu nehmen.
Schließlich dürfte es die jüdisch» Oeffentlichkeit interessieren und
vielleicht zur Stellungnahme anregen, daß man in der Gemeinde¬
verwaltung mit dem Gedanken umgeht, aus den Thören der Orgel-
sgnagogen einen Zrauenchor zu machen und dafür die Thöre in den
orgellosen Sgnagogen zu verstärken. A. L.
«
Liberaler Verein für die Angelegenheiten der jüdische« Ge¬
meinde» Ortsgruppe Norden. Am Dienstag, den 15. Mai, veran¬
staltet unsere Ortsgruppe eine Versammlung, um deren Besuch alle
Mitglieder und Leser dieser Zeitung im Bezirk dringend gebeten
werden. Wir weisen ganz besonders auf den Vortrag von Dr.
Loblenz „Moderner Gottesdienst" hin. Gäste willkommen. Näheres
im Inseratenteil dieses Blattes.
Breslau. Südlicher Zranenbuud. Die Abteilung Erholungs¬
heim des jüdischen Frauenbundes möchte erwerbstätigen. Damen des
Mittelstandes einen, wenn auch nur kurzen, Erholungsaufenthalt in
guter Luft ermöglichen. Wir hoffen, daß die altbewährte jüdische
Hilfsbereitschaft sich wieder beweisen wird, sodaß wir manchen, denen
wir gern helfen möchten, gegen einen bescheidenen Pensionspreis
gute Erholung verschaffen können. Meldungen von Zimmern mit
Beköstigung an Zrou Professor Guttmann, Breslau, Zreiburger-
straße II, erboten.
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Nachdruck sämtlicher Orlgiualbeitrage nur mit Genehmigung der
Redaktion gestattet. Eiugesaudte Mauuskrip.'e werde« uur zurück-
gesandt, wenn Rückporto belllegt.
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nrbcltsgemBinschaft jüdisch-liberaler Jugend-Vereine D
imimiimiiiiiiiiiiiiiiimiiiiiiiiiiiiimi ln Deutschland.
Ili Breslau
Büro: Hölchenstrasse 61.
Voranzeige!
Sonntag, den 27. Mai 1923:
Von Montag, den 28. Mai ab
allwöchentlich jeden Montag
abend von 8 Uhr ab
ZgifflMkiiDfle im Boland
Gäste bei allen Veranstaltungen
willkommen.
Ili Berlin
Büro: Berlin W8, Mauerstr. 22
Fernsprecher: Amt Zentrum 162
Sonntag, den 13. Mai 1923
Halbtagsausfiug
nach Nikolassee—Wannsee
Treifnunkt:
% 10 Uhr Bahnhof Dahlem-Dorf
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au, d
tbds 8‘/4Uhr,inderRosenstr.2-4
(Bahnhof Börse), Vortrag des
Herrn RsehUaswalt Dr. Breslauer:
Die bedrohte Einheit der
Berliner Jndenheit / Der
Friedhofskandal / Die Frage
der Reformgemeinde
Qäste willkommen.
===== Liberaler Verein =====
für die Angelegenheiten dor jüdischen Gemeinde Ortsgruppe Norden
. N. 37, Lottumatrafie 22.
Dienstag, den 15. Mal 1923, pünktlich 8 Uhr abends,
findet in der Aula der Knabenschule Gr Hamburger Str. 27 eine
Versammlung
unserer Ortsgruppe statt
I. Teil.
a) Vortrag des Herrn Rabb. Dr. Loblenz:
.Moderner Gottesdienst*
b) Aussprache.
II. Teil.
Künstlerische Darbietungen:
Gesang — Geige — Klavier.
Der Vorstand
Gäste sind herzlich willkommen. L A.: H. Falkenberg, I. Vors.
Norden (3222)
INHHtNMHMMMMIttNMNHUHN ErhOlUnflSMUfaillhalt IHHimMMUHHUMMMMUlUlfl
für jüdische Damen des Mittelstandes In schöner Gegend gegen
mäßiges Entgelt gesucht. Angebote an .Abteilung Erholungsheim
des jüdischen Frauenbundes* z. H.von Frau Prof. Guttmann, Breslau,
Frdburgerstraße 11.
aller menschlichen Triebkraft und Lebensführung auch die
idealen Forderungen der Menschheit sicher gegründet
werden.
Völkerpsychologie ist Psychologie des Wir, Ethik
wird Lozialethik. Negation des Zch ili positiv Hinge¬
bung, Zusammenschließung, Hineinwachsen des Einzelnen
in die Gesamtheit, von der es seinen Wert erhält. Dieses
Evangelium der Liebe, den Kampf gegen den Egoismus,
finden wir leidenschaftlich schon in Briefen aus Lazarus'
Studienzeit. Die GesamHkil ist das Ursprüngliche, das
Zch ist nur eine Abstraktion. Das Wir ist etwas weit
Höheres als eine Addition von Zchs, in ihm kommt das
höchste sittliche Prinzip zur Erscheinung. „Es gibt, sagt
Lteinthal, eigentlich nur e i n Wir, den Geist der Mensch¬
heit. Doch begreifen wir vielfältige Ausschnitte aus
dieser Menschheit, teilweise Wir, bis herab auf das Ehe¬
paar und das Zreundespaar. Nur eine Näuberbande
ist kein Wir. Denn jede sittliche Vereinigung Einzelner
bleibt im allgemeinen Wir; jene Bande aber löst sich dar¬
aus und seht sich ihm entgegen." Er gründet den 5inn
von „Sch soll" auf den Widerspruch, daß das Sch eine in¬
dividuelle Kraft bildet, aber ganz und gar aus einem
Gemeinsamen flieht und in ihm aufgeht. „Sch wird von
uns nicht als Sch^-Sch gedacht» sondern als eingeschlossen
in einem Wir, einem Gemeingeist, der wahrhaft geistige
Wirklichkeit hat. . . Wir sind unserer Erscheinung nach
nicht da, wo unsere ideale Heimat ist; solch ein Wesen ist
zur Sittlichkeit geboren".
Die auf Zusammenschließung gegründete Entwick¬
lung sittlichen Lebens verleiht dieser Philosophie den
Eharakter eines energischen Optimismus. Ein Volk
kann nicht untergehen, solange seine Glieder von der
Hingebung an das Ganze erfüllt sind; es zerfällt, wenn
Egoismus herrscht. Die Einzelnen sind nicht ein Volk,
sie s ch a f f e n es nur unaufhörlich, insoferwlie ihre Ver-
einzeinung aufheben. Dies ist die sittliche Zorderung,
die an jeden ergeht. Das Necht der 5 e l b st b e st i m -
mung ist bereits in den 1858 geschriebenen einleitenden
Gedanken über Völkerpsychologie, die die Zeitschrift er¬
öffnen, klar erfaßt; „Ein Volk ist eine Menge von Men¬
schen, welche sich für ein Volk ansehen, zu einem
Volke rechnen . . . Der springende Punkt im Lelbstbe-
ivußtsein des Volkes ist jener subjektive, freie Akt der
Lelbsterfassung als ein Ganzes und als ein Volk".
Wie alle Kulturtätigkeit die Menschen zusammen-
schlieht und zugleich individualisiert, so gibt sie auch dem
Leben der Völker einen doppelten Erieb: sie eint sie zu
gemeinsamem Streben und führt sie durch die bewußtere
Erkenntnis ihrer Eigenart dazu, den Zwang abzustreifen,
der Zusammengehöriges trennt, Widerstrebendes anei-
nanderkettet. 5o wird der weite Kreis der Menschheit
durch die in sich immer reicher gegliederten Kreise der
Nationen geschlossen.
Die sittliche Zorderug dieser Zusammenschließung
der Völker zur Menschheit, in der die Völker aber nicht
aufgehen, sondern der sie durch immer reichere Entfaltung
ihrer Eigenart erst ihren Wert verleihen, ist ein Sdeal,
fern wie ein Ltern, der uns in der Nacht leuchtet und
leitet, und wirklich wie er. Das Sdeal ist das wahrhaft
Neale, denn es ist das Unvergängliche inmitten des Wech¬
sels. „An die Völker ergeht die Mahnung, dem Men- i
schentum (der Humanität) den Leib zu schaffen". Ein
echter Völkerbund ist dieser Leib, und die Leele ist das
Lelbstbestimmungsrecht, auf dem der Begriff des Volkes
beruht. Beide sind Forderungen der Ethik, zu der die
Völkerpsychologie führt. Lazarus^ und Lteinthal ver¬
kennen nicht, daß sich der sittliche Fortschritt in der Ge¬
schichte nur langsam vollzieht. Das Littliche bedarf als
höchste Würde des Menschen der längsten Vorbereitung.
„Die Ethik, sagt Lteinthal, muh die Zorderung der re¬
alen Humanität in der konkreten Menschheit festhalten,
wie sehr auch ein Blick auf die Wirklichkeit die Erfül¬
lung für heute noch als unmöglich erweist ... Auch unsere
höchststehenden Nationen sind noch viel zu egoistisch, als
daß sie ernstlich und folgerecht an die Humanität und die
von dieser geforderte Menschheit zu denken vermöchten.
Lie stehen sämtlüh noch unter dem heidnischen Begriffe
der Kraft. Lie wissen sich nicht als die Völker Gottes,
als die zu bestimmter Mission in der Vermehrung und
Erhöhung der Humanität auserwählten Werkzeuge. Und
so bildet Patriotismus bis heute noch immer einen Ge¬
gensatz zur Humanität, während es in Wahrheit Lgrio-
ngmen find". Der Widerstreit zwischen Nationalität und
Humanität löst sich in Harmonie auf» wenn die ernste
Verfolgung der geistigen und sittlichen Snteressen die
Völker zu der Erkenntnis führt, daß sie, wie auch Edu¬
ard Zeller vor 50 Zähren mahnte, dienende Glieder eines
größeren Ganzen und „daß die Pflichten gegen das eigne
Volk und die Pflichten gegen die Menschheit nicht von¬
einander zu trennen sind".
Wissenschaft und Leben verdanken der Völkerpsg-
chologie reiche Keime; der beiden Männer, die die Saat
ausstreuten, hat man vielfach vergessen» weil sie lebten,
was sie lehrten. „Sm Grenzenlosen sich zu finden» wird
gern der Einzelne verschwinden". Die Zukunft wird ih¬
nen gerechter werden, als eine egoistisch gespannte Zeit.
Uebrigens erschloß sich öteinthals Persönlichkeit nur de¬
nen, die ihm näher traten, und als akademischer Lehrer
konnte er infolge seines ringenden, schmucklosen Vortra¬
ges nur von auserlesenen Geistern voll geschätzt werden.
Gustav Glogau bezeichnete den Tag, an dem er Stein-
thals erste Vorlesung über Völkerpsychologie hörte, ak
den wichtigsten seines Lebens, und Paulsen ging zu Be¬
ginn des Lommersemesters 1870 nach Kiel, weil Stein-
thal, auf den er gerechnet hatte, krank und somit der
Aufenthalt in Berlin „unmotiviert" war. Leine „Zu-
genderinnerungen" bekunden, welch tiefe Anregungen ihm
dessen Vorlesungen boten; sie sprechen auch von den „un¬
vergleichlichen Neizen" der schlichten Geselligkeit, die ihm
Lteinthals Haus bot und die „vor allem das Verdien;!
seiner Zrau, der Lchwester des Professor Lazarus" war.
Der Bund, den er mit der fast 20 Zahre jüngeren Zrau
Zsannette geschlossen, der es vergönnt ist, die Hundert¬
jahrfeier zu erleben» hat ihm ersetzt, was das Schicksal
ihm schuldig geblieben ist; sie war „das Glück feines Le¬
bens, die Zreude seiner Mannesjahre und der Trost sei¬
nes Alters". Der frühe Verlust der beiden ersten Kinder
nahm ihm nach eigenem Bekenntnis nichts an Zestigkei!
der ideale, noch an steter Bereitwilligkeit zum Wirken
für die Zdeen, viel aber von der Freudigkeit des Daseins.
Zn seiner Tochter Zrene fand er Frieden auch nach diesem
Leid; ein rührend anmutendes Bild zeigt ihn als ihren
Lehrer.
Zn seiner letzten ästhetischen Vorlesung sprach La¬
zarus im Lommer 1880 von der Harmonie, die wir im
sittlichen Menschen unter den Zormen der sinnlichen
Welt wiederfinden; wie wir das, was ganz innerlich und
»sittlich ist, so anschauen, als ob es die Zorm des äußeren
Daseins sein könnte. Zn dieser Harmonie lag die Macht,
die Lteinthal auf alle übte, die sein Wesen erkannten;
„ein Mann von lauterstem Wollen und reinstem Handeln,
ein Mann, dem der Adel der Gesinnung mit unverkenn¬
baren Zügen auf der Ltirn geschrieben stand. Von seiner
Person ging eine eigenartige Weihe aus; niemand konnte
ihm nahen, ohne einen Hauch edelsten Menschentums zu
verspüren. Was er dachte und fühlte, was er sprach und
schrieb, alles an ihm war Neligion, Heiligkeit des Ge¬
mütes".
Herausgeber: Bereinigung für das liberale Sudentnm e. V., Berlin W. S. — Verantwortlicher Schriftleiter: Dr. Hugo Rathanfohn. Lharlottenburg. — Druck: Gebrüder Maurer, Berlin SO. 26 ,
Llifabeth-Ufer 28-29.