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Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e. V.
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Die „Jüdisch-liberale Feltuug" erscheint jeden Freitag, je
dreiwöchentlich als wissenschaftliche Beilage „Liberales Judentum" und
„Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft jüdisch-liberaler Jugeudvereiue".
Ar. 20 « Berlin, 18. Mai I92Z * Z. Jahrgang
Redaktion und Geschäftsstelle:
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Das Denkmal.
Lin Märchen ;um Wochenfeft.
Von Rabbiner Dr. G e or g Wi l d e, Magdeburg.
Im Dorfe Ramah, nicht weit von Jerusalem, liegt
das Grab des Propheten Samuel. Ein Gotteshaus
steht darüber, und ein ewiges Licht brennt am Grabe.
Aber das Gotteshaus gehört nicht den Juden, und das
ewige Licht wird nicht von Juden entzündet. Eine Kirche
stand früher über dem Grabe, und die Anhänger der
Kirche verehrten den toten Propheten der Juden. Ein
Gotteshaus der Mohammedaner steht jetzt über dem
Grab, und die Bekenner des Islam sorgen täglich für
die ewige Lampe.
Lin heiliges Haus und heiliges Licht spendet man
einem toten Juden, die lebenden Süden aber schreiten
durch eine Welt voll Neid und Hatz. Dem toten Juden
erbaut man ein Heiligtum, den lebenden zerstört man
die Häuser. Dem toten Juden brennt man ein heiliges
Licht, die lebenden warf man in die Flammen. Verkannt
und verfolgt ist mancher durch's Leben gegangen, aber
nach seinem Eode hat man ihm ein Denkmal gesetzt. Als
er lebte, wollte man ihm sein Lebenslicht verlöschen; als
er tot war, hat man Lichter für seine Seele entzündet.
Der letzte Sude auf Erden war gestorben. Nie¬
mand war da, der sich selbst als Sude bezeichnete. Immer
geringer wurde die Fahl der Menschen, die noch ihre
jüdische Abstammung kannten. Mit dem letzten Juden
starb auch der letzte Judengegner. Noch kurze Feit leb¬
ten die Judengegner von dem Kampfe gegen die Iuden-
abkömmlinge, dann hörte auch dieses auf. Da mutzten
die Judengegner sich andere Berufe suchen und gegen
andere Menschen reden und schreiben. Die Juden ge¬
hörten der Vergangenheit an. Nur die Geschichts¬
forscher, die Gelehrten, die denkenden Menschen be¬
schäftigten sich mit ihnen. Immer ruhiger, immer un¬
parteiischer urteilte man über die Juden; immer wunder¬
barer, immer eigenartiger fand man ihr Schicksal.
Da tauchte der Gedanke auf, auf dem Sinai dem
gestorbenen Judentum ein Denkmal zu errichten; ein
ewiges Licht dort brennen zu lassen, wo einst das Licht
der Offenbarung für alle Menschen aufgeflammt war.
Der Gedanke fand begeisterten Widerhall. Die höchsten
Geistlichen der Wellreligionen stellten sich an die Spitze;
die Negierungen fast aller Länder erklärten ihre Be¬
reitwilligkeit, die Vertreter der Universitäten, die Ver¬
treter der Arbeitgeber und Arbeitnehmer schlossen sich
sofort an.
Die Geschichtsforscher stellten fest, an welchem Eag
die Juden ihr Wochenfeft, das Offenbarungsfest, gefeiert
hätten. Dieser Eag wurde zur Feier bestimmt.
Auf halber Höhe des Sinai stand das Denkmal:
Mose, vom Berge niedersteigend, die zwei steinernen
Eafeln mit den zehn Geboten im den Händen. Darunter,
am Futze des Berges, ein Altar für das ewige Licht.
Nach langem Streit war dem höchsten Geistlichen der
einen Religion, der aus Rom herbeigeeilt war, die Ehre
zuerteilt worden, das ewige Licht zu entzünden.
So sprach er: Leuchte, o Licht, und erzähle vom Da¬
sein des Volkes, das das Licht der Religion entzündet.
Erzähle von Mose, der hier vom Berge gestiegen und
der Menschheit die steinernen Eafeln mit den 10 Ge¬
boten gebracht hat. Fu ihnen bekennen wir uns alle,
auf ihnen haben wir unsere Sittenlehre aufgebaut.
Leuchte, Licht Israels, als Licht des Sittengesetzesl
Leuchte, o Licht, als Gotteslicht Israels! Im Dun¬
kel des Heidentums haben deine Ahnen, o Israel, zuerst
das Licht des Glaubens an einen Wellengolt entzündet.
Dein „Höre Israel" tönte über die Erde, zum Gotte
Israels haben wir uns alle bekannt und beten in unseren
Gotteshäusern: „Siehe, nicht schläft und nicht schlum¬
mert der Hüter Israels."
Leuchte, o Licht, als Sabbatlicht Israels! Verkünde
das Leben des Volkes, das der Menschheit einen sieben¬
ten Lag als Ruhetag gegeben. Denn ob wir Sonntag
oder Freitag oder einen anderen Eag feiern, von Israel
haben wir den Labbat empfangen.
Leuchte, o Licht, als Prophetenglanz Israels! Latz
in deinem Schein uns die Propheten Israels sehen, die
der Menschheit den Gott der Geschichte, den Gott der
Einbruch in das Kunstmuseum der
Berliner jüdischen Gemeinde.
Berlin. (2. E. B.) Am 10. Mai haben Einbrecher die in der
Oranienburgerstraße gelegene Kunstsammlung der Berliner jüdischen
Gemeinde beraubt. Den Verbrechern. die über dar Dach der neuen
Lgnagoge gestiegen sein muhten, sind wertvolle Kunstgegenstände, vor
allem prachtvolle seltene Münzen und Medaillen, in die Hände ge¬
fallen. Von der Einbrecherbande sind bereits zwei, ein Ehrist und
ein Jude, gefaßt worden. Die geraubten Gegenstände sind bis jetzt
noch nicht entdeckt worden. Es besteht die Befürchtung, daß ver¬
sucht werden wird, dieselben ins Ausland zu bringen, weshalb auch
in allen Ländern des Auslandes die Kriminalpolizei verständigt
wurde.
Es wurden die folgenden GegerPände entwendet: 153 Medaillen,
meist silberne, und zwei goldene, 90 jüdische Münzen aus der Zeit
öimons l. Maccabäus und der nachfolgenden Epoche; 10 goldene
Trauringe aus dem Mittelalter; I goldenes Kettchen; 1 silberner
Becher, 17. Jahrhundert; 33 verschiedene Kultusgeräte, meist Silber;
4 große Pokale und zwar 2 „Hachnosioth Kalloh" mit hebräischen
Anschriften und den Namen sämtlicher Vorsteher; 2 Becher der alten
Sgnagoge. 18. Jahrhundert. Die jüdische Gemeinde hat auf die
Wiederbeschaffung der geraubten Gegenstände eine hohe Belohnung
ausgesetzt und warnt vor Ankauf derselben.
£ucien Klolff über die Verfolgung des
jüdischen Glaubens in Rußland.
Als Antwort auf die Behauptungen des russischen Morningpoft-
Korrespondenten, daß ungeachtet aller Bemühungen der jüdischen
Presie, dar Gegenteil zu beweisen, die jüdische Religion im Gegensatz
zu den christlichen Konfessionen keinerlei Verfolgungen und Drang¬
salierungen in Rußland aurzustehen hätte lRIorningpoft hatte auch
noch eine Erklärung der Berliner „Nakanunje" angeführt, wonach
der jüdische Glauben in Rußland volle Freiheit genieße), sandle
Lueien Wolfs an die „Morning-Poft" die folgende Zuschrift: „Ich
glaube kaum, daß eine Erklärung aus derselben Quelle betreffend die
Sewisiensfreiheit für andere Konfessionen in Rußland das gleiche
Vertrauen geschenkt würde." Lueien Wolfs beruft sich dann auf
Rechts, den Gott der Liebe verkündet, in denen wir die
Verkünder und Vorläufer unseres Glaubens sehen.
Leuchte, o Licht, als Liederklang Israels! Deine
Psalmen, o Israel, singen wir in unseren Gotteshäusern,
beten wir in unseren Gebeten. An ihnen richten wir
uns auf in unseres Herzens Rot, mit ihnen danken wir,
mit ihnen preisen wir Gott für alle Schönheiten der Erde.
Leuchte, o Licht, als Segen Israels! Den Segen
deiner Priester sprechen wir in unseren Gotteshäusern,
in allen Stunden der Weihe: Der Herr segne dich und
behüte dich!
Wir sind deine Söhne, o Israel! Wie der Sohn
nach jüdischem Brauch für seine Mutter das Iahrzeit-
licht entzündet, so entzünde ich dieses Licht: Dein Iahr-
zeitlicht, Israel! —
Psalmenlieder erklangen nach dieser Weiherede.
Ein Vertreter der grötzten Universität der Welt
war beauftragt, im Namen der Wissenschaft zu sprechen.
Also sprach er: Dies ist der Weg der Menschheit:
vom unbewutzten Leben des Eieres aufzusteigen zur
höchsten Höhe geistigen Lebens. Von denjenigen Völ¬
kern schweigt die Geschichte, die dumpf und stumpf da-
hingelebt haben, nur beschäftigt, sich Nahrung und Woh¬
nung zu verschaffen, deren Leben sich kaum unterscheidet
vom Leben der Tiere. Von lausend Völkerschaften, die
einmal gewesen sind, wissen wir nichts. Spurlos ist ihr
Dasein geblieben. Aber einzelne Völker ragen, leuch¬
ten durch die Nacht der Vergangenheit. Sie haben das
geistige Gut der Menschheit bereichert. Wir sprechen
noch von Eggptern und Babgloniern; wir preisen die
Griechen als Volk der Kunst und Philosophie, die Rö¬
mer als Volk des Rechts. Du, Israel, warst immer das
Volk des Geistes, das Volk des Buches, das Volk der
Schrift. Als die Völker, unter denen du lebtest, noch
tief in mittelalterlicher Unwissenheit und Roheit steckten,
lernten alle deine Knaben Lesen und Schreiben, satzen
deine Männer über Bücher und Schriften gebeugt. Ihr
habt am Geistesleben aller Völker teilgenommen, Ihr
wart in grotzer Fahl auf allen Schulen und Hochschulen
als Lehrer und Schüler zu finden. Viele grotze Gelehrte
und Forscher auf allen Gebieten der Wissenschaft hast
du, kleines Volk, der Menschheit geschenkt. Bei ande¬
ren Völkern hat die Religion oft das wissenschaftliche
Streben und Forschen eingeengt; bei dir, dem Volk der
Religion, hat die Wissenschaft immer ein Heim gehabt.
Dich hat man um deine Reichen gehatzt, du aber hast
deine Reichen verachtet, wenn sie ohne Bildung waren;
selbst deine Frommen galten weniger, wenn sie nicht auch
Wissen besaßen.
Leuchte, o ewiges Licht, als Geisteslicht Israels!
Ein Vertreter der Staaten folgte dem Vertreter
die Antwort, die ihm im Januar seitens des Lowjetvertreters in
Großbritannien zuteil wurde und in welcher es hieß: „Es gibt in
Rußland keine religiösen Verfolgungen." „Was die sogenannte 2m-
munität der Juden in Rußland betrifft," fährt Wolff fährt, „so
widersprechen alle uns von dort erreichenden Nachrichten dieser Auf-
fasiung. Jüdische Rabbiner, Lehrer und Studierende an jüdischen
Schulen sind genötigt, vor den Verfolgungen zu fliehen. Synagogen
und Schulen werden geschlossen."
Ongebeure Propaganda für Bcrrn ford's
präftdentf&aftskandidaiur«
In politischen Kreisen, sowie in der Presie Amerikas beschäftigt
man sich eifrig mit dem ungeheuren Propagandaapparat, der seitens
der Anhänger des Automobilfabrikanten und Antisemiten Ford für
desien Kandidatur auf dem Präsidentenstuhl der Bereinigten Staaten
entfaltet wird. Die Postämter sind überfüllt mit Briefen, Broschü¬
ren und Pamphleten, in welchen Henry Ford als der zukünftige
amerikanische Präsident dem Volke suggeriert wird. Auch in den
Kreisen der demokratischen Partei, der Ford angehört, erregt diese
Art Propaganda Mißfallen. Führende Mitglieder der demokrati¬
schen Partei sprachen sich dahin aus, daß Henry Ford von den 1100
demokratischen Delegierten, die die Nominierung des Kandidaten der
Partei vorzunehmen haben, kaum 200. höchstens aber 300 Stimmen
auf sich vereinigen wird.
Ein Vemeniten-Viertel in Jerusalem.
Eine SrMe aus 2/einen stammender Juden hat beschlosien, ein
besonderes Viertel in der Nähe der Bezalel-Schule zu gründen. Es
sollen im ganzen ungefähr 40 Häuser errichtet werden, die olle von
Gärten umgeben sein sollen.
Sportlieg eines ungarischen ^nden.
Die Meisterschaft für Ungarn im Fechten ist von dem Juden
Johann Garai errungen worden. Darüber sind jene Sportkreise, in
denen der christliche Kurs regiert, sehr mißvergnügt. Bemerkens¬
wert ist, daß die Weltmeisterschaft bei den letzten Olympiaden in
Athen und Stockholm ebenfalls von einem ungarischen Juden, von
Dr, Eugen Fuchs, erkämpft wurde.
der Wissenschaft; also sprach er: Du warst ein Volk, o
Israel, und du warst doch kein Volk. Du lebtest unter
allen Völkern und hattest deine eigene Art und gehörtest
doch zu dem Volke, bei dem du lebtest. Du warst ge¬
hatzt und unterdrückt wie nie ein Volk. Dir waren
Jahrhunderte lang alle Wege zu ehrenvollen Stellen, zu
ehrenvollem Besitz, zu ehrenvollem Gewinn verschlossen.
Doch haltest du Recht und Freiheit nur durch ein Ge¬
schlecht, wurdest du schon zum Segen für das Land. Du
warst immer geistig frisch, du warst immer nüchtern. Du
warst den trägen Völkern wie belebender Trank, du
warst den müden Völkern eine treibende Kraft. Dein
lebensbejahender Wille überwand alle lebensverneinende
Müdigkeit. Du versankst nie in tierische Roheit, du
suchtest immer einen Weg zu besseren Tagen, du warst zu-
kunftsfreudig, wie deine Religion es dich lehrte. Deine
guleu Eigenschaften überwogen weit deine schlechten.
Leuchte, o Licht Israels, als Licht des Schaffens, als
Licht der Zukunft!
Ein Arbeiter sprach für alle Arbeiter der Welt:
Leuchte, o Licht Israels! Denn du hast immer den
Armen und Verfolgten geleuchtet, denen, die den Weg
erst suchen vom Dunkel zum Licht, von der Knechtschaft
zur Freiheit. Das hast du, o Mose, schon gewußt: Armut
und Sklaverei sind die finstere Rächt, die auf Millionen
Menschen sich senkt. Da hast du schon in der Bibel ver¬
sucht, dieses Dunkel zu vertreiben, hast das Leben des
Sklaven und des Arbeiters erträglich zu machen gesucht;
hast allen Menschen gleichen Anteil am Boden geben
wollen, denn der Boden gehört Gott und keinem Men¬
schen. Du, Israel, warst immer unterdrückt und ver¬
folgt; darum hast du gewußt, wie dem Unterdrückten zu
Mute ist. Weil du dich selbst nach Freiheit gesehnt, sind
so viele Freiheitskämpfer aus deiner Mitte entstanden.
Als die arbeitenden Massen auch Licht und Freiheit be¬
gehrten, Anteil an den Gütern der Welt, da fanden wir
Mitkämpfer und Führer aus deinen Reihen. Dich haben
deswegen die gescholten, die uns bekämpften. Vielleicht
ist mancher von dir zu uns nur gekommen, weil die An¬
deren ihn zurücksliehen. Aber viele kamen aus tiefstem
Mitempfinden, aus reinster Begeisterung für unsere
Menschheitsideale. Wir waren in manchen Feilen die
Einzigen, die gegen dich nicht undankbar waren und auch
deine Menschenrechte schützten.
Israel, du warst auch uns ein Träger des Lichts!
So sprachen sie alle und priesen Israel; denn Israel
war gestorben.
Israel aber betet am Wochenfeft: „Ich will nicht
sterben, ich will leben, um Gottes Werke zu verkünden!"
Fugeudvereins-Au zeigen IN" letzte Sette.