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Das Gebot der Stunde.
€in« Antwort aus der liberalen Zugend an Herrn Dr. Lipschitz.
Von Arthur Lilien 1 hal.
Die Frage der Einrichtung eines jüdischen Sonntags-
gottesdienlles ist in dieser Zeitung in letzter Zeit recht aus¬
giebig erörtert worden. Wenn wir trotzdem den nachfol¬
genden Artikel nochzum Abdruck bringen, so geschieht es,
weil er von einem Führer der jüdischen Zugend geschrieben
ist, und den Bedürfnissen der Tugend soll ein Sonntags-
gottesdienst in erster Linie dienen. 2m übrigen sei daran
erinnert, datz für alle mit dem Namen dos Verfassers ge¬
zeichneten Artikel dieser, nicht die Schriftleitung der Zei¬
tung die Verantwortung trägt.
Zn der Züdisch-liberalen Zeitung vom 20. 4. hat Herr Dr. Lip-
jchitz einen Aufsatz veröffentlicht, in dem er lebhaft davor warnt, die
Forderung nach einem Prediglgottesdienst am Sonntag Vormittag
wieder auf das Programm des Liberalismus zu setzen. Soweit er
sachliche Bedenken dagegen geltend macht, gehen sie im wesentlichen
dahin, datz ein solcher Gottesdienst sabbatlichen Eharakter tragen
würde, und datz darin eine „Schmälerung der hohen Bedeutung unseres
Sabbats" liegen würde. 2ch halte diesen Gesichtspunkt für falsch.
Wenn ich es für nötig halte, für diejenigen, die das Bedürfnis nach
Besuch des Gottesdienstes empfinden, und die dieses Bedürfnis nur
am Sonntag befriedigen können, einen Sonntagsgottesdienst einzu¬
richten, so kann dessen Ausgestaltung nur unter einem Gesichtspunkt
erfolgen, nämlich dem: in welcher Gestalt erfüllt der Gottesdienst
am ehesten seine Aufgabe und entspricht am besten dem religiösen
Bedürfnis? Und darum dürfen, wenn ich Thora- und Prophetenvor-
lesung für einen wertvollen Bestandteil des jüdischen Gottesdienstes
holte — und • darüber, daß sie das sind, wenn auch teilweise in
anderer Gestalt als heute, dürfte wohl Einigkeit bestehen —, beide
auch im Sonnlagsgottesdienst nicht fehlen. 2hr Fehlen aber ist wohl
für Herrn Dr. Lipschitz eine sehr wesentlicher Punkt in dem von ihm
vorgeschlagenen Goltesdienst. Wie kann jedoch die „Sabbat- 2 d e e"
dadurch „aa Bedeutung verlieren", datz diejenigen, die am Sonnabend
dri, Gottesdienst nicht besuchen und die Thora-Vorlesung nicht hören,
dies wenigstens am Sonntag tun? Und wenn Herr Dr. Lipschitz sagt,
datz die „Sabbat Einrichtung" jedem 2uden, auch wen» er ihr nicht
voll gerecht werden kann, heilig sein soil, so glaube ich, datz die Sab¬
bat- E i n r i ch t u n g dem mehr heilig ist, der das Wort der heiligen
Schrift am Sonntag hört, als dem, der es gar nicht hört.
Keinesfalls aber ist die Frage des Sonntagsgottcsdienstes da¬
durch zu lasen, datz man, wie Herr Dr. Lipschitz oorschlägt, einen
Gottesdienst am Sonntag Nachmittag einrichtet. Das Bedürfnis
nach einem Nachmittags- und Abendgottesdienst wird durch den
FreitagÄbendgsttesdienst befriedigt; man mutz sich nur dazu entschlie¬
ßen, ihn regelmäßig zu einer geeigneten Zeit anfangen zu lassen. Es
bandelt sich doch nicht als Selbstzweck darum, nun gerade am Sonn¬
tag einen Goltesdienst abzuhaiten, sondern darum, das Bedürfnis
nach einem Bormittagsgottesdienst zu befriedigen.
Für Herrn Dr. Lipschitz scheinen da nicht nur diese sachlichen
Gründe ausschlaggebend zu sein, sondern sehr wesentlich auch taktische.
Und gerade zu ihnen ist es nötig, ein paar Worte zu sagen.
Herr Dr. Lipschitz erinnert an die schwere Niederlage, die dem
Liberalismus in Berlin um die 2ahrhundertwende sein Eintreten für
den Sonntagsgottesdienst gebracht hat. Er rechnet es sich zum be¬
sonderen Verdienst an, dafür gesorgt zu haben, datz diese Frage „ein
für alle Wal" aus dem Programm des Liberalen Vereins ver¬
schwand, und er beklagt es als „sündhaftes Spiel mit dem Feuer",
daß die 2ugend diese Forderung jetzr wieder aufnimmt.
Gewitz: man soil aus den Ereignissen der Vergangenheit lernen.
Aber man mutz es wirklich verstehen, im Buche der Geschichte zu
lesen. So einfach ist es nicht, datz alles, was einmal zum Schlechten
ansgeschlagen ist, auch schlecht ist und für immer gemieden werden
muh. Nein! Ueber die Wahrheit einer 2deo, über die Berechti¬
gung einer Forderung entscheidet nicht der Ausgang eines Wahl-
Kampfes, mag sein Ergebnis sein, wie es wolle. Nur eins geht viel¬
mehr aus jenen Vorgängen hervor: datz damals die Geister für
die Einführung des Sonntagsgottesdienstes durch die Gemeinde noch
recht genügend vorbereitet waren. Noch gar zu viele Liberale sehen
nicht ein. datz es sich nicht um eine Verlegung des Sabbats von'
Gemeinde wegen handelt, sondern einfach um die elementare Pflicht
der Befriedigung des religiösen Bedürfnisses einer grotzen Anzahl
von Glaubensgenossen. Und das nur ist aus jenen Vorgängen zu
lernen, datz der praktischen Einführung des Lonnlagsgottesdienstes
die Verbreitung der Einsicht an die Notwendigkeit seiner Einführung
oorangehen mutz. Das ist es, was die liberale 2ugend feit einigen
Fahren in Berlin getan hat. und was Herr Dr. Lipschitz ein „sünd-
baftos Spiel mit dem Feuer" nennt. Wir haben bisher nicht ge¬
thifieren, denn die 2uden sind eine der stärksten Stützen des „Neuen
Argentiniens". von dem Du immer sprichst. Die jüdische Nasse ist
vielleicht die lebhafteste und dynamischste, wie sie auch die modernste
ist. 2n unserem Lande interessiert sich niemand so wie der 2ude für
das geistige Leben. Darum betrachte ich die 2uden als wahre argen¬
tinische Patrioten, die ich als Mitarbeiter an unserer Kultur aner¬
kenne und schätze."
„Das mag alles sein, aber sie wollen uns beherrschen."
„Und wer will nicht herrschen? Du zum Beispiel, willst du nicht
auch beherrschen? Und ist es nicht logisch, datz sie herrschen, denn sie
bilden eine intelligente Nasse. Eine heilige intellektuelle Leiden¬
schaft besitzt 2srael. Hier in Buenos Aires leide» hunderte ihrer
jungen Leute und Mädchen heroisch Hunger, Frost und Einsamkeit um
di« Schulen und die Universitäten zu besuchen. Für sie ist die höchste
menschliche Betätigung der Schriftsteller, der Gelehrte, der Künstler.
Und sieh: hier, wo der geistige Arbeiter so wenig geachtet ist, findet
der Schriftsteller, der Gelehrte, der Künstler Nospekt, Sympathie und
Zuneigung nur in den jüdischen Kreisen.
Victor mutzte zugeben, datz in dem „Neuen Argentinien" die
Zudeu den. modernsten und lebendigsten Teil bildeten. So wie sie
dazu beigetragen hatten, den Jankee-Tgpus zu beeinflussen, so wür¬
den sie in ähnlichem Sinne auch aus die argentinische Nation wirken.
Bald werden sie das intellektuelle Leben des Landes mitbeftimm^n,
also auf den nationalen Geist einwirkcn, das hoitzt auf unser köst-
üchftes Gut. Und er mutzte zugeben. datz die 2uden Ausdauer und
Zuversicht besähen. Er. der die Zuversicht bei gowision politischen
Parteien und bei den Frauenrechtlerinnen bewunderte, mutzte ge-
zwungenerwoiso dies auch bei den 2uden tun.".
3m Ganzen schildert Manuel Galvez die sozialen und geistigen
r-tröinungen unter den argentinischen 2uden nicht unrichtig, wenn
rr auch bisweilen die Farben etwas stark aufträgt. Merkwürdig
jedoch ist, datz er die in verschiedenen Landosleilen gelegenen jüdi¬
schen landwirtschaftlichen Kolonien, in denen ein Drittel aller in der
La-Plata-Republik lebenden 2sraeliten angesiedelt sind, nicht in den
-Kreis seiner Betrachtungen gezogen hat.
fordert, datz seine Einführung von der Gemeinde verlangt wird, son¬
dern wir haben über ihn gesprochen und seine Einführung geistig
vorzubereiten versucht. Und wenn Herr Dr. Lipschitz uns mit Un¬
kenntnis der Vergangenheit zu entschuldigen sucht — eine Entschul¬
digung, die beinahe eine Verschärfung des Vorwurfes ist —, fo fei
er versichert, datz mir. der ich mich für diefe Bewegung in der Ber¬
liner liberalen 2ugend in erster Neihe verantwortlich fühle, diefe
Vorgänge seit langem bekannt sind, was er ja auch gerade bei
mir nicht ernstlich bezweifeln wird. Aber ich habe die Folgerung
aus ihnen gezogen, datz es noch viel Arbeit zu tun gibt, bevor unsere
berechtigte Forderung erfüllt werden wird, und habe danach ge¬
handelt. 2ch glaube, datz das eine fruchtbarere Art ist, aus der Ge¬
schichte zu lernen, als die, wegen einer Wahlniederlage eine Forde¬
rung „ein für alle.Mal" vom Programm abzufetzen.
Herr Dr. Lipschitz fürchtet, um ihm einmal aus das Gebiet der
taktischen Fragen zu folgen, als Folge der Einführung eines Predigt¬
gottesdienstes am Sonntag Vormittag, datz bei den Wahlen wieder
viele Liberale zu den Konservativen abschwenken werden. Nun, auch
er weitz, datz andernfalls mit mindestens ebenfogrotzer Wahrschein¬
lichkeit der Austritt derer, die für sich einen Sonntagsgottesdienst
wünschen, aus der Berliner jüdischen Gemeinde erfolgen könnte.
Man mag das billigen oder nicht. Man wird jedenfalls kaum den
Stab über diejenigen brechen können, die einer Gemeinde, die er¬
klärt. für ihre religiösen Bedürfnisse nicht ebensogut wie für die
aller anderen Glaubensgenosien sorgen zu können oder zu wollen,
den Nucken kehren. Was das aber für die Zukunft des Liberalis¬
mus in der Gemeinde und für die Entwicklung des ganzen Gemeinde¬
lebens, die der Einheit heute stärker bedarf als je, bedeutet, braucht
für jeden denkenden Menschen nicht erst ausgcführt zu werden.
Deshalb scheint mir gerade die taktische Lage des Liberalismus zu
gebieten, datz in der Frage des Sonntagsgottesdienstes jetzt etwas
geschehen mutz.
Man äutzert — und das ist wohl auch das Hauptbedenken von
Herrn Dr. Lipschitz —, datz die Einführung eines Prodiglgottes-
dienstes am Sonntag Vormittag als Vorbereitung einer „Verlegung"
des Sabbats von Gemeindewegen angesehen werden könnte. Es be¬
darf kaum der Erwähnung, datz daran kein Mensch denkt. Aber
gibt es einen geeigneteren Weg. um auch diese Auslegung zu
vermeiden, als den, der Neformgemeinde eine Gomeindesgnagoge für
ihren Gottesdienst zur Verfügung zu stellen? Dann ist es ganz
deutlich: die Gemeinde denkt nicht daran, den Sabbat zu ver¬
legen. Wohl aber wird sie ihrer Aufgabe, alle religiösen Bedürfnisse
zu befriedigen, dadurch gerecht, datz die Gemeinde denjenigen, die
einen Sonntagsgottesdienst für sich wünschen, eine ihrer Sgnagogen
zur Verfügung stellt. Ob der Gottesdienst in der Fasanenstratze gut
besucht sein wird, diese Sorge sollte man füglich der Neformgemeinde
überlassen. 2ch glaube es allerdings sicher. Besser als beim Sonn-
abendgottesdienft mancher Sgnagogen wird der Besuch jedenfalls
sein. Und darum: wenn auch nur hundert oder fünfzig Besucher
allein dadurch wieder überhaupt zum Gottesdienst kommen, würde,
zumal sie einen grotzen Teil der Kosten selbst tragen, es sich nicht um
ihretwillen schon lohnen?
Also: zweierlei scheint mir nun das Gebot der Stunde zu sein:
die Verbreitung und Erkenntnis von der Notwei'Gigkeit eines Sonn-
tagsgottesdienstes und die vorläufige praktische Verwirklichung dieser
Forderung durch die Ueberlassung der Sgnagogo Fasanenstratze an die
Neformgemeinde.
Schafft liberale Zugendliteratur!
Bon Hermann Becker, Berlin.
l.
Ein Freund unserer Zeitung aus dem besetzten Gebiete beklagt
den Mangel jüdisch-liberaler 2ugendlektüre, welche sowohl der Be¬
lehrung, als auch der Unterhaltung für die Mitglieder der Zugend-
vereine dienen sollte, die aber auch als Werbematerial für die Ver¬
eine selbst von guter Wirkung sein könnte. Zunächst danken wir
unserem Mitgliede für die fruchtbare Anregung, die um fo aner¬
kennenswerter ist, als sie beweist, datz trotz des schweren Leides, das
unsere Freunde gerade jetzt in jenem Gebiete erfahren, unsere Be¬
strebungen auch dort nicht vergesien werden und datz überall, wie die
Schrift sagt, „vegel machane b’ne jisroel" die Fahne des Lagers
der Kinder 2fraels entfallet wird. Wir wollen im Anschlüsse an
diese dankenswerte Anregung in Nachstehendem die Fragen erörtern:
1. Besteht tatsächlich ein Mangel an jüdisch-liberaler 2ugendlektüre?
2. Wenn ja, welche Gründe führen zu diesem Mangel? 3. Werden
die von dem Einsender gewünschten Zwecke durch eine solche Lektüre
erreicht? 4. Stoffe und Form jüdisch-liberaler 2ugendlektüre.
N.
Die Frage, ob tatsächlich ein Mangel an jüdisch-liberaler Zugend¬
lektüre besteht, kann nicht ohne weiteres mit 2a oder Nein beant¬
wortet werden, wenn wir nicht zuvor einen kurzen Blick auf die
Zugendlektüre, bester die Zugendschriftenbewegung im allgemeinen,
werfen, wie sie feit Zähren in der deutschen Lehrerwell sorgsam und
zielbewuht gepflegt wird. Die Erkenntnis, die Goethe mit den Wor¬
ten bezeichnet hat „Für die Zugend ist das Beste gut genug", führte
vor Zähren zur Gründung von Zugendschristen-Kommissionen in dem
Deutschen Lehrerverein und in seinen Landes- und Provinzialzweig-
vereinen. Das Organ dieser Zugendschristen-Kommissionen war die
„Zugendschriftenwarte", in welcher nach einer hier nicht näher zu
erörternder Methode fast alle neu erscheinenden Zugendschriften, aber
auch ältere, in den Händen der Zugend befindliche Zugendschriften
sorgfältig beurteilt wurden. Die „Zugendschriftenwarte" selbst tag
den einzelnen Lehrerzeitungen bei, sodatz der Lehrer im kleinsten
Dorfe jederzeit wutzte, welche Bücher er für die Schülerbüchereien,
der Zugend und den Eltern mit gutem Gewisten empfehlen konnte.
Wie wirksam die Zugendschriften-Kommissionen arbeiteten, das be¬
weist die Gegnerschaft der Verleger und Verfaster der sogenannten
Schundliteratur, die häufig zu Prozesten wegen „Gefchäftsschädigung"
führte. Za mir können sogar ohne Ueberhebung sagen, datz der
Kampf gegen die Schundliteratur, welcher seit Zähren vom Staate,
namhaften Schriftstellern. Volksfreunden und Bildungsvereinen ge¬
führt wird, feinen Ausgang von den Zugendschristen-Kommissionen
der Deutschen Lehrervereine und ihrem Organ, der „Zugendschriften¬
warle" genommen hat. Auch der Berbaud der jüdischen Lehreroer¬
eine hatte diesen Kampf ausgenommen, auch er gründete eine Zugend-
fchriften-Kommisfion, welche die Zugendschriften vom jüdischen Stand¬
punkte aus beurteilte. Diese Urteile wurden periodisch im Ber-
bandsorgan veröffentlicht. Leider war es nicht möglich, von den
jüdischen Zeitungen Rezensionsexemplare der neuerschienenen Schrif¬
ten zu erlangen und ihre Beurteilung, für welche kein Hono¬
rar berechnet wurde, der Zugendschriften-Kommissi-n des
Verbandes zu überweifen. Die Grotzloge B'ne B’ri’th hatte gleich¬
falls die Bedeutung der Zugendschriften für das Zudentum erkannt
und einige Zahre den „Wegweiser" für jüdische Zugendschriften unter
der Leitung des Kollegen Dr. Spanier-Magdeburg auf eigene Kosten
erhalten. Leider erscheint infolge der ungünstigen Zeitumstände und
der Lösung wichtigerer Ausgaben der „Wegweiser" schon seit einigen
Zähren nicht mehr. Es gibt also tatsächlich bereits eine Menge guter
Zugendschriften für die jüdische Zugend, wenn auch nicht gerade für
die jüdisch-liberale Zugend. Der Raum ist hier zu beschränkt, lim
diefe Sd>riften alle aufzuführen. Wer sich aber der Mühe unter¬
ziehen will, die alten Zahrgänge des „Wegweisers", des Verbands¬
organs des Lehrerverbandes und auch der „Zugendschriftenwarte"
daraufhin zu untersuchen, der wird seine Mühe reichlich belohnt
finden.
Wir haben hier auch die in der „Zugendschriftenwarte", dem
Organ des pariätifchen Deutschen Lehrervereins und seiner Zweig¬
vereine, beurteilten, also nicht speziell jüdischen Zugendschriften emp¬
fohlen, und das mit Recht. Denn die Zugendfchriftenkommifsion des
jüdischen Lehrerverbandes hotte feiner Zeit ausdrücklich befchlosten,
Zugendschriften, die nicht rein christlichen Znhaltes sind, oder solche,
die nicht antisemitische oder gar Bekehrungspropaganda treiben, son¬
dern Vilduugszwerke verfolgen und sittliche Erziehung fördern wol¬
len, auch der jüdischen Zugend zu empfehlen, weil wir für unsere
Zugend doch dieselben Ziele erstreben. Freilich sind dies nicht die
einzigen, denn wir wollen unserer Zugend ja auch die Kenntnis der
jüdischen Geschichte, der jüdischen Religion und des jüdischen Schrift¬
tums vermitteln in möglichst verständlicher und anregender Form, und
dazu brauchen wir jüdisch-liberale Zugendschriften. Die Zionisten,
die uns Liberalen ja stets — worauf ich fo oft hingewiefen habe —
an Opfermut, Taktik und Energie weit voraus sind, haben bereits
eine Reihe von zionistischen Zugendschriften geschaffen. Sie gaben
in diesen Schriften ganz offen und ehrlich ihre Absichten zu; ja diese
Offenheit geht so weit, datz beispielsweise in einer Bearbeitung des
Buches Esther für die Zugend, die Hauptpersonen sich den zionisti¬
schen Grutz zurufen, als ob schon vor Zahrtaufenden die jüdische
„Volkspariei" bestanden hätte. Zch habe in der mir von der
Zugendfchriften-Kommission des Lehrerverbandes seiner Zeit über¬
tragenen Beurteilung einiger zionistischer Zugendschriften ausdrücklich
darauf hingewiesen. Wo diese Besprechung hingekommen ist, habe
ich bis heute noch nicht erfahren, in unserem Verbandsorgan ist sie
jedenfalls noch nicht — es sind etwa drei Zahre her — zum Abdruck
gelangt. Dieser rührigen Agitation der Zionisten gegenüber hat die
liberale Bewegung allerdings nichts, aber auch gar nichts auf¬
zuweisen. Das führt uns zur Erörterung der zweiten oben mitge-
Israels Geitteskönig.
„Und du Bethlehem in Ephrata, klein im Verhältnis
zu deiner Angehörigkeit zu den Gemeinden Zsraels, aus dir
soll mir hervorgehen der künftige Herrscher in Zfrael: und
fein Ursprung ist von jeher aus den Tagen der Ewigkeit."
Micha 5, 1.
Nicht selten haben wir es erlebt, datz grotze Männer kleinen
Hütten entstammen. Vielleicht hat das seine Ursache darin, datz in
der engen Verknüpfung mit der Natur, in ihre lebendige Einfühlung,
die Geisteskräfte hier ungebundener und weniger abgelenkt sich ent¬
falten können. Der König David wird geboren in einem kleinen
Ort, in Bethlehem. Und weil er einen Teil der Hoffnungen feines
Volkes erfüllt hat, nämlich äußere Machtentfaltung und sozialen
Fortschritt, so hat seit dieser Zeit der Gedanke eines machtvollen
Reiches aus Davidifchem Geschlecht in Israel Wurzeln gefaßt.-
Dieser volkstümlichen Anschauung vom äußeren Messias-
reiche steht aber eine andere, die prophetische Richtung der \
geistigen Erfassung des mefsianifchen Reiches entgegen. Denn die
Propheten betonen, datz äußere Gewaltreiche die Menschen nicht er¬
lösen können — nie erlösen werden! Das fühlt auch David, darum
bittet er Gott um einen neuen festen Geist und ein reines Herz.
Micha leitet den Geistesfürsten aus Bethlehem her, weil die
Uebsrlieferung bei dem Gedanken an dos mefsianifche Zeitalter an
die Vorstellung von der davidifchen Zeit anzuknüpfen pflegt. Der
König der äußeren Alacht ist ein Hinweis auf den König des
Geistes als wahres Vorbild für die Menschheit. Von gleicher Auf¬
fassung wie Micha läßt sich auch Zesaja leiten, wenn er hervorhebt:
„Es keimt ein Sproß aus dem Stamme Zsais, und ein Zweig aus
seiner Wurzel wird Frucht bringen. Aus ihm wird ruhen der Geist
des Herrn . . . ."
der mit Gottesgeist erfüllte Herrscher ist also der wahre Führer
Ziraols, der Zdealmensch, den die Propheten als Bahnbrecher und
Lrlofer predigen — ja nicht nur predigen, sondern herbeisehnen. Die
Propheten selbst fühlen diese Geistesmacht noch nicht in sich — denn
[ie verlogen ja dieselbe in die Zukunft. „Sein Ursprung ist von jeher
aus den Tagen der Ewigkeit." Micha sieht, datz der Gedanke eines
fplchen göttlichen Führers, als das Beispiel eines wahren, mit gött¬
lichem Geiste erfüllten Menschen „von jeher" im Plane des gött¬
lichen Weltengrundes gelegen hat. Zst aber der Gedanke Gottes:
ein göttlicher Mensch — so ist es ganz offenbar, datz die ge¬
samte Weltfchöpfung allein im Hinblick auf einen solchen Bahn¬
brecher zur Gestaltung einer geisterfüllten Menschheit, als das
Messiasreich, entstanden ist. E. O.
Du 'Cbora Gottes.
Zur Konfirmalionsfeier in der özmagoge ;u Ljjen.
Von Dr. S. Samuel.
Du Thora Gottes, vollkommen, mit Klarheit
Die Seele erfüllend,
Du Zeugnis Gottes, ein Spiegel der Wahrheit.
Die Weisheit enthüllend;
Zhr Ordnungen Gottes, verständig und grade,
Die Herzen berückend l
Du Furcht des Herrn, wie bleibst Du erhaben,
Bestehst alle Zeiten;
Zhr Rechte Gottes, wie berget ihr Gaben,
Das Hoi! zu bereiten.
Viel köstlicher gilt mir, denn Gold und Geschmeide
Und schimmernder Hort,
Und süßer denn Honig und Gaumens Weide
Dein teures Wort.
Auch mich soll es mahnen mit mächtigem Klange
Und warnen mit Dräu'n,
Auf datz ich den Lohn Deines Dienstes empfange,
Zn Harren und Treu'n.
Verirrung, wer merkt sie? tilg' heimliche Sünde,
Berborgen begangen;
Auch datz ich mich rohem Frevel entwinde.
Zst heißes Verlangen.
Gewonnen Hab' ich das Ziel meines Lebens,
Nimmst Du mir die Schuld,
Gerungen nicht um den Kranz vergebens.
Schenkst Du mir die Huld.
O laß Dir gefallen der Deinen Spende.
Die huldigend kamen,
Und führe das Opfer der Herzen und Hände
Heut' himmelwärtsl Amen.
(Nach Psalm Id).