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Gesichts Sinn und Inhalt des Wortes verdeutlichte, wie er:
vom feinsten Piano seelischer Analysen bis zum Pathos!
vderschäumender Begeisterung die Hörer in seinen Bann j
zwang: das war auch ein ästhetischer Genuß. Dabei waren ,
alle Reden bis ins kleinste und Feinste durchgearbeitet,
er feilte an jedem Wort so, daß er oft tagelang nach
eirem einzigen Ausdruck suchte. Auf die Form der Rede
legte er besonderen Wert. Ganz systematisch trieb er seine
llebungen zur Technik der Rede, feilte immer und immer
wieder an jedem Sähe. Selbst die unscheinbarsten all¬
wöchentlichen „Sabbathbetrachtungen". „Schrifterklärun¬
gen" usw. wurden unter seinen Händen zu Kabinettstücken
synagogaler Vortragskunst. Ein Vergreifen im Ausdruck
machte ihn tief unglücklich — er selber war sein strengster
Kritiker. Dabei hatte er — das darf nicht verschwiegen
werden — in seiner Gattin eine ebenso kenntnisreiche wie
feinfühlige Helferin, die an all seinen Arbeiten verständnis¬
voll mitwirtte.
Lange bevor die Volkshvchschulbewegung aufkam, hielt
E. im Verein mit Theologen, Aerzten, Professoren usw.
in Bielefeld öffentliche populär-wissenschaftliche
Vortragszyklen in der Au*a des Gymnasiums.
Schopenhauer, Nietzsche, Kant, der jüdische Prophetismus
und ähnl. waren seine Themen. C. hatte nicht den Ehrgeiz,
in diesen Vorträgen „schöpferisch" wirksam zu sein, er wollte
nur reproduktiv wirken; mit dem Fleiße einer Biene trug
er emsig Stück um Stück sein Material zusammen, aber
dann* war der Vortrag wie aus einem Guß Gerade
Dr. Eoblenz' Vorträge erfreuten sich gewaltigen Zulaufs
aus christlichen und jüdischen Kreisen, wie auch seine
Predigtgottesdiensteoft zahlreiche nichtjüdische Hörer, be¬
sonders aus akademischen Berufen, in die Synagoge
führten. — So darf es nicht wunder nehmen, dag C. sich
in Bielefeld eines ganz ungewöhnlichen Ansehens erfreute.
Neben feiner rednerischen Wirksamkeit und seinen in der
Bielefelder Tagespresse erschienenen Artikeln schätzte man
die außerordentliche Tatkraft, den klugen Rat des er¬
fahrenen Mannes. Das Ansehen drr ganzen Gemeinde
gewann durch sein Wirken, das als ein rechter „Kiddusch
Haschern" bezeichnet werden darf.
Dr. Eoblenz war ein hervorragender Lehrer mit
besonderer pädagogischer Veranlagung für die höheren
Schulklassen. Der Anarchie im Religionsunterricht machte
er ein Ende; in den vielen Jahren seiner Bielefelder
Wirksamkeit kam kaum ein Dispens eines Schülers vor!
Welcher Großstadlrabbiner dürfte sich dessen rühmen, daß
von Serta bis Unterprima kein Schüler dem Unterricht
je ferngeblieben ist? Dabei folgten besonders die Schüler
der oberen Gymnasial- und Lyzealllassen mit wahrem
tzeuereifer seinem Unterricht. Diese Stunden der Ober-
Nassen wurden zu ernsten religions-philosophischen Aus¬
einandersetzungen, die mit manchen früheren Schülern und
Schülerinnen noch jahrelang während deren Universitäts-
studiums und darüber hinaus fortgesetzt wurden. — Eine
praktische Frucht seines Religionsunterrichts war das von
E. herausgegebene Religionsbuch: hier wurde zum
ersten Male der Versuch gewagt, von der bis dahin üb¬
lichen Katechismusform abzuweichen und eine zusammen¬
hängende Darstellung der jüdischen Religion zu geben.
Wenn dieser Versuch auch nicht auf den ersten Hieb gelang
«nd das Buch gewiß zahlreiche Mängel aufwies, so schoß
doch die bald nach dem Erscheinen des Buches einsetzende
Kritik weit über jedes Ziel hinaus. Die orthodoxen
Kritiker in ihrem Farca'ismus, neidische liberale Verufs-
genossen in ihrer Gehässigkeit fanden sich einträchtig zum
Autodafe zusammen. Das Ergötzlichste war der „Beschluß"
einer ostdeutschen Relegi.onslehrer-Konferenz. die nach dem
Referat eines Rabbiners das Coblenzsche Buch als un-
seeignet für den Religionsunterricht ablehnle. Tabci wukde
die Feststellung gemacht, daß außer dem Referenten, dem
Leiter der Versammlung und ein oder zwei sonstigen Teil¬
nehmern niemand das Buch vorher auch nur in der Hand
gehabt, geschweige denn gelesen hatte! Demgegenüber
fand E. gerade in Lehrer- und liberalen Rabbinerkreisen
außerordentlich sympathische Zusttmmung. — Besonders
verdient machte er sich um die Ausgestaltung des Religions¬
unterrichts in der Provinz Westfalen. D urch' feine Ini¬
tiative richtete der von ihm mit dem verstorbenen Bankier
Moritz Katzenstein aus Bielefeld geschaffene „Verband
der Synagogengemeinden Westfalens" eine Schul-
k o m m i s s i o n ein, als deren Mitglied er an der Heraus¬
gabe eines „Lehrplans für den Religionsunterricht"
führend beteiligt war. In diesem Zusammenhang mag
auch seines sonstigen hervorragenden Wirkens im „Ver¬
band der Synagogengemeinden Westfalens" gedacht sein.
Fast alle jüdischen Gemeinden Westfalens sahen in dieser
Organisation ihre offizielle Vertretung. E. war in ihr
von führendem Einfluß: man darf sagen: er war
bis zu feinenr Fortgange aus der Provinz der Führer
der westfälischen Iudenheit. Das hat ihm mancher nie
vergessen können. Aber trotz seines ausschlaggebenden Ein¬
flusses hütete er sich stets vor einem Eingriff in die religiösen
Angelegenheiten der angeschlossenen Gemeinden. Bei aller
Begeisterung für die Idee des liberalen Judentums
ließ er sich nie zu irgendwelcher Intoleranz Hinreißen. —
In den großen Organisationen des deutschen Iudentums
Pressefonds.
Für den
Pressefonds
der Jüdisch-liberalen Zeitung gingen ein:
Aus Berlin: Ludwig Klingcr, Dr. Bett je 100,—, Georg
Wolfsohn u. Co. 42,—, Carl Herzberg 20,—, Direktor
Schnittkitt 10,—.
Airs Potsdam: Jüdisch-liberaler Jugendverein 10,—.
Aus Stettin: durch Herrn Rabbiner Dr. Nellhaus 18,40.
Aus Hanrm: Dr. Michaelis 1,—.
Aus Breslau: Erich Königsberger 0,50 M.
Für die
Ruhrhilfe
für jüd. Bergarbeiter liefen ein von
Jakob u. Scheidt A.-G., Berlin, 30,—, Dr. Lipschitz,
Berlin, 0,50 M.,
die wir bereits weitergelcitet haben.
har er sich nicht in dem Maße betätigt, wie man es von
einem Manne seiner Art wohl erwartete. Stets fürchtete
er, seine Kräfte zu sehr zu zersplittern, und wollte lieber in
kleinerem Kreise Vollendetes wirken. Das war eine leider
zu weist Selbstbeschränkung des bescheidenen Mannes, die
inan nur tief bedauern kann. — Sein Verhältnis zum
Zentralvcrcrn war immer recht kühl. Zwar hat er mit
den Antisemiten Westfalens und der Nachbargebiete
manchen Strauß erfolgreich durchgefochten; er war ge¬
fürchtet als ein hiebfester Debatter. Aber die Arbeit des
Zcntralvereins erschien ihm nickst positiv jüdisch genug.
Er fühlte sich ganz als Deutscher, verwarf jedoch die Fehler
Naumanns und seiner Freunde, deren Mangel an Selbst¬
achtung gegenüber christlichen Kreisen er in jüdischem Stolz
verurteilte. Eine Welt trennte ihn von den Zionisten, deren
Gesinnungstreue und Idealismus er jedoch alle Achtung
zollte. —
Eoblenz war eine ernste Natur, doch im geselligen
Kreise auch ein unterhaltsamer Plauderer. Ein Grundzug
seines Wesens war seine große Hilfsbereitschaft
gegen jedermann. Mit feinem scharfen Urteil war er ein
guter Ratgeber: er übersah im Augenblick die kompli¬
ziertesten Zusammenhänge und traf schnell kluge Entschlüsse.
Der Halb- und Unbildung war er abgesagter Gegner
und legte seinen Verkehr deshalb in die Kreise, in denen er
die tiefste Bildung zu finden hoffte. Mit Gelassenheit
elstrug er die Gegnerschaft der Auch-Gebildeten, die ihm
deswegen zürnten. — Ms Eoblenz während des Krieges
die ihm schon einmal einige Jahre früher angetragene Stelle
eines Predigers an der Jüdischen Reformgemeinde zu
Berlin annahm, waren manche seiner Gegner nicht wenig
froh, den geisttg und sittlich überlegenen Mann auf solche
Weise „loszuwerden". Was wußten sie auch von seiner
Bedeutung! Der größte Teil der westfälischen Iudenheit
aber bedauerte aufs tiefste seinen Fortgang, weil man selbst
in gegnerischen Kreisen fühlte, daß er ein Mann von nicht
gewöhnlichem Ausmaß war.
Das deutsche Judentum unserer Tatze hat viele her¬
vorragende Männer. Es sind unter ihnen ehrlich liberal
wirkende Kräfte. Keiner aber war so konsequent in
seiner liberalen Gesinnung und Wirksamkeit, keiner hctt
so unentwegt alten Anfeindungen zum Trotz immer dem¬
selben Ziele zugestrebt wie er. Die einen wurden alt
und fanden sich reuig in den Schoß des allein selige
machenden „positiven" Iudenttlms zurück: andere
glaubten Zeichen von Jugend zu geben, wenn sie dem
früher heftig und laut von ihnen bekämpften jüdischen
Nationalismus demütigen Tribut brachten. Dieser
eine Dr. Eoblenz blieb sich selber treu bis zuletzt! Don
der Parteien Haß und Gunst nicht verwirrt, war und blieb *
er ein ganzer Mann.
Der Religionsunkerrichl
in der Gemeinde Berlin.
Gedanken zu Dr. I. Freunds „Denkschrift
betreffend die Reform des Religions¬
unterrichts".
Von Lehrer Robert Hirschseid.
Diese Denkschrift ist schon vor einigen Jahren erschienen
und einem kleinen Kreise zugänglich gewesen. Der Ver¬
fasser klagt darin zunächst über den mangelhaften Zustand
des Religionsunterrichts in Berlin. Rach seiner Meinung
liegt die Schuld daran, daß der Religionsunterricht an
den höheren Schulen in Konkurrenz steht mit dem an den
eigentlichen Religionsschulen.
Er schlägt vor, durch eine Zusammenfassung der ver¬
schiedenen Schulen in einen Bezirk eine straffere Organi¬
sation herbeizuführen. Hierin muß man ihm unbedingt
Anstimmen. Denn, wenn es möglich istz die Schüler nach
! Klassenstufen getrennt zu unterrichten, wenn die Religions-
i klaffen richtig gefüllt sind, so kann viel mehr erreicht werden
als bei dem heutigen Zustande. In unseren höheren Schulen
sind nämlich meist mehrere Klassen, oft in ganz unglaub¬
lichen Zusammenstellungen, miteinander vereinigt, und noch
schlimmer ist es in den Religionsschulen. Wenn Herr Dr.
Freund aber meint, daß man diesen Unterricht in den Rach^
mittag legen solle, so befindet er sich in dem irrigen Glau¬
ben, daß unsere Schüler freiwillig nachmittags zum Unter¬
richt kommen werden. Ms Theoretiker kennt er nicht die
Schmerzen, die bei einem Kinde ausgelöst werden durch
Klavierslunden, Geburtstage und ähnliche wichtige Er¬
eignisse, unter denen die Frequenz des Nachmittagsunlev-
richts unbedingt leiden würde. Man müßte vielmehr dahin
streben, den gesamten Religionsunterricht parallel zum
evangelischen in die Voriiiittagsslnnden zu legen. Aller¬
dings müßte durch Verhandlungen mit den Behörden dafür
gesorgt werden, daß der Unterricht nicht nur in den
Anfangs- und Endstunden liegt, sondem. wie es in ein¬
zelnen Schulen schon durchgeführt ist, über den ganzen
! Vormittag verteilt. Damit würde erreicht werden, daß
eine Reihe von Lehrkräften voll beschäftigt und ausgenutzt
j werden könnten. Und die jüdische Gemeinde könnte dafür
i sorgen, daß diese durch feste Anstellung gesichert würden.
! Dabei müßte allerdings eine sorgfältigere Auswahl der
! Lehrkräfte stattfinden als bisher, und auch ihre fortlaufende
^ Inspektion röäre eine dringende Forderung. Ob bei solch
einer Organisation die in dem Bezirk liegenden Gemeinde¬
schulen bei ben höheren Schulen mit berücksichtigt werden
könnten oder nicht, müßte von Fall zu Fall entschieden
werden. In manchen Bezirken haben wir nur wenige
hr»
Synagogale Altertümer.
Don Professor Dr. Ing. Alfred Grotte.
So ehrwürdig alt das Judentum als solches ist und obgleich
dieses als Knlturwcrk seit Jahrtausenden angesehen wird, seine Kunst-
lbctätigung wird noch immer nicht voll gewürdigt. Das l)at nicht nur
seiueu Grund in dem Aberglauben, sein Kult sei direkt kulturfeindlich
«nd verbiete ihm jede künstlerische Betätigung — Gurlitt sagt sogar
wörtlich: „Wer im mosaischen Sinne fromm ist, hat^dir Kunst zu
hassen" (!) —: der Grund liegt auch darin, daß jüdische Gelehrte
aller Gebiete sich bisher weit intensiver mit d:r Kunst anderer Völker
und Kulte befaßten und — so paradox es auch klingen mag —
die Erforschung jüdischer Kunst den an dieser Materie scheinbar inter¬
essierten nichtjüdischcn Köpfen überließen. Man denke an die zahl¬
reichen Monographien über den Tempel in Jerusalem und wird in
diesen vergeblich nach jüdischen Autoren suchen. Vor ',4 Jahrhundert
setzte die ernsthafte wissenschaftliche Forschung über jüdische Kunst-
denkmülrr ein — sic ist auf den streng katholischen Direktor dcS
Düsseldorfer Knnstnuiseums, den verstorbenen Heieirich F r a u b e r g c r
znrückzusührcn. G u r l i t t bearbeitet im Band „Kirchenbau" des
Handbuches der Architektur das Kapitel über Synagogen, aus den,
oben ein bezeichnendes Zitat gegeben ist, nachdem schon voeher Klasen
diese Materie in seinen „Grundrißvorbildern" dürftig und ohne be¬
sondere Wissenschaftlichkeit behandelt hatte. Alle diese Vorarbeit, so
wertvoll sie auch im eiuzeluen sein mag, mugte Stückwerk bleiben.
Denn eine Kunst, die so tief im Kult verankert ist. wie die jüdische,
konnte nur derjenige voll erfassen, das zarte Pflänzchen, das diese
Kunstbetätigung tut Gestrüpp religiöser Dogmen roechllt, richtig wür¬
digen, der selbst in dem Glauben des Judentums erzogen war, ihn
richtig wcrten und fasscu konnte. Darum ist auch alles, tvas bisher
über das Nalioualhciligtuin von archäologischer Seite geschrieben
wurde, Stückwerk geblieben; stets einseitig bejubelt erscheinen die
zahlreichen, z T. trefflichen Versuche einer Restauriccuug di s.'s gigan¬
tischen Baues. Hier der Archäologe, der nach den technisch unhaltbaren
Angaben des Josephus arbeitet und, wo dieser schweigt, seine eigene
Phantasie spielen läßt, dort der Theologe, der sich streng nach den
Angaben des Talmuds richtet, vergessend, daß milnd.iche Ueberti serung
in Bausachcn ersahrungsgemäß heillosen Wirrwarr stistet und unS
ein Zerrbild sondergleichen liefert. Wo wirklich Brauchbares geschaffen
werden soll — eS gilt dies für alle Gebiete jüdischer Kunst so rschung,
muß der Archäologe, noch besser der zünftige Architekt, genuinsam
mit dem Theologen schaffen, solange eS nicht gelingt, eine Persönlich¬
keit zu gewinnen, die beide Gebiete meistert. Darum ist das erste
Werk, daS der Kritik standhalten kann, die Forschung über die antiken
Synagogen in Galiläa gewesen, die Doppelarbeit des im Kriege ge¬
fallenen Rcgierungsbaumcisters Kohl und des Professors Wetzingcr,
Muer Nichtjudcn, von denen indessen der letztere als Autorität auf
dem Gebiete des hebräischen Schrifttums gelten kann.
Null ist neuerdings eine Arbeit erschienen, die einen bedeutsamen
Schritt auf dem Gebiete jüdischer Kunstforschung darstcllt und ledern,
der hier forschend tätig ist, ein unentbehrliches Nachschlagewerk sein lvird.
Uni dies richtig bewerten zu können, sei kurz das Nachstehende
eingeschaltet: . i ’
Als der Verfasser vor 10 Jahren daran ging, seiner Vorbildung
als Architekt gemäß, die Entwicklung des Synagogenbaues von den
ältesten Zeilen des Mittelalters bis zur Emanzipationszeit baulich
und kunstgcschichtlich zu erforschen, niußte er mühselig aus zahlreichen
verstreute» Quellen, die ihm sprachlich z. T. unzugänglich loarcn, und
gestützt auf z. T. unvollkommene Uebersetzungen, den dichten Nebel
durchdringcn, dxr über der jüdischen Diaspara der ersten nachchristlichen
Jahrhunderte lagert. Denn es war ihm klar, daß die tempellose
Zeit nicht zugleich eine synagogenlose gewesen sein konnte; ebenso, daß
die Spanne vom 10. und 13. Jahrhundert (Synagogen in Worms und
Prag) bis zum 19. Jahrhundert kaum ohne Synagozeu-Ncubauten
gewesen sei. (Ueber diese zwei langen Zeiträuine hatte sich die Fach¬
literatur bis dahin ausgeschwiegen.) Gelang cs dem Verfasser nun
nach jahrelanger Arbeit und ausgedehnten Reisen in Deutschland, Böhmen
und Polen, mehr als 30 solcher verschollener, ausgelassener und un¬
bekannt gebliebener Synagogen kleinsten bis größten Ausmaßes zu
finden, in ein System zu bringen und auf diese Weise die jüngere der
beiden Lücken zu füllen — für die ältere >oar dies schier unmöglich.
Zwar fanden sich Hinweise im neuen Testament, in der Apostel¬
geschichte usw. (Caesarea, Nazareth, Kapcrnaum ,usw.), auch verstreut
in talmudischen Enzyklopädien, aber sie bestärkten nur das Eingeständnis
völliger Hilflosigkeit angesichts der Uebcrzcugung, daß noch viel, viel
mehr Synagogen in jener allen Zeit bestanden haben mochten. Vollends
versagten aber die mir zugänglichen Quellen über die vielleicht älteste
und in ihrer Herkunft und Zweckbestimmung unerklärliche Synagoge
im Bezirke des Tempels selbst, die „Quaderhalle" im Priesterhofe
des Heiligtums.
All diese Fragen löst nun in erschöpfender Weise, mit tiefer
Gründlichkeit und an der Hand eines schier überwältigen Quellen-
matcrials aus jüdischer, orientalischer, klassischer und fremdsprachlicher
Literatur, alle, auch die jüngsten Forschungsergebnisse beachtend, das
eben erschienene Werk von Professor Dr. Samuel Krauß in
Wien („Synagogale Altertümer", Verl. Benj. Harz, Berlin-
Wien, 1022, 470 S. und 26 Abbild.).
Samuel Krauß, der bekannte Verfasser der dreibändigen „Talmu¬
dischen Archäologie", der sich auch in verschiedenen Zeitschriften wieder¬
holt mit der wissenschaftlichen Auswertung der galiläischcn Funde be-
saßte, bringt hier eine umfassende Arbeit über alle synagogaleu Fragcn.
über Geschichte, Verbreitung, Bau, Anlage, Einrichtung. Orientierung,
Verfassung usw. des jüdischen Gotteshauses. Er weist nach, daß dieses
schon zur Zeit des Tempels weit verbreitet war, im babylonischen
Exil eingerichtet und in Aegypten zu einer Art Konkurrenz für daS
Nalionalheiligtum wird. Von nicht weniger als 144 verschiedene»
Orten werden Synagogen erwähnt; aus Jerusalem allein 480, Pa¬
lästina, Babylonien, Phönizien, Kleinasien, Aegypten, Mauretanien,
Griechenland und Italien. Besondere Beachtung verdienen die 11 bisher
bekanntgewordencn römischen Synagogen, die Krauß aus Grund früherer
Arbeiten (Müller: Die jüdischen Katakomben des Monteverde, Vogel-
stein-Rieger usw.) kritisch untersucht -und bespricht. Die Abbildungen,
aus z. T. wenig bekannten wisscheuschaftlichen Zeitschriften entlehnt,
geben wertvolle Anregung für die damalige synagogale Kunst; sie
zeigen uns das hilflose Stammeln des jüdischen Kunstdranges innerhalb
der reichen Formcnsprache der I>elle:iischen Kunst, die der damalige»
Kulutrwcli ihren Stempel ansgedrückt hatte. — Was dem prächtigen
Werke — vom baulünstlerischen Gesichtspunkt aus betrachtet — einen
besonderen Wert verleiht, ist der Nachweis, daß nicht die antik¬
römische Basilika das Vorbild zu den ersten christlichen Kultbauten
gab, sondern eben diese alten jüdischen Gotteshäuser, die sich daS
Schema der Basilika scheinbar schon srüljer zu eigen gemach«
halten, als die Römer für ihre Hallen und Geerichtsbauten. Es wirb
hier die Ansicht von Kohl-Wetzinger nur von neuem bestätigt, die in. A.
zuerst diese Zusammenhänge an den galiläischen Synagogeufunden
nachwiesen.
So sehen wir hier ein Werk, das für die jüdische Kunstforschung
epochemachend wirken dürste. Wir haben in den lebten Jahren immer
wieder von neuem Ausgrabungen jüdischer Altertümer vernommen.
Hier ist endlich das Schema für ihre Bewertung und Einrcihung gcgcbei»
Und wenn sich diese Funde mehren sollten — und das ist mit Be¬
stimmtheit zu erwarten —, so wird es endlich gelingen, ein klare-,
umfassendes Bild von dem Knnstbestrcben des jüdischen Volkes z»
gewinnen, da? cs trotz mancher religiöser Hemmungen verstanden hat,
zu allen Zeiten der Kunst im Hause des Herrn eine Pflanzstätte
zu bereiten, wenngleich die politische Lage es ihm — von wenige»
kurzen Episoden abgesehen — kaum gestattete, sie zur vollen B1Ü1»
ausrrisen zu lassen.
Breslau, im Dezember 1923.