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dabei gründliche Sprachkeimtius wie nur wenige Sprachforscher,- jjbcv=
treffen wird ihn in dieser Beziehung wohl niemand. Ja, ich bin
geneigt, ihn den gelehrtesten Sprachforscher unserer Zeit zu neunen.
Und eine Dialektik begegnet uns in ihm von einer Gewalt und Selb¬
ständigkeit, wie wir sie seit Wilhelm von Humboldt nirgends ange-
troffcu haben. — Seine Hauptwerke sind: „Ursprung und Entwick¬
lung der menschlichen Sprache und Vernunft", Band I, 1808, Baud II
nach des Verfassers Tod 1872. Volkstümlich dargestcllt: „Ursprung
der Sprache" (1869).
Was die größten Forscher und Denker als ein in die weiteste
Ferne zu rückendes Problem erachteten, hat Geiger auszuhellen ver¬
sucht, indem er eine Geschichte der Begriffe, der Bedeutungen, schrieb
und damit zugleich „die Lehre von dem in der Sprache, welche außer¬
dem nur Laut ist, austrctenden Denken und Empfinden". Die Frage
nach dem Ursprung besser Eutlvicklung der Sprache »vollte er, losge¬
löst von allen logischen und metaph»)sischen Problemen, lediglich in
geschichtlichem Sinne beantworten. Er hat die Begriff s gcsetze
entdeckt. Er zeigt z. B. durch Vergleichung fast aller Sprachen und
Literaturen, daß .Herr und Meister überall aus dem Grundbegriff
des älteren Bruders hcrvorgehen im Gegensatz zu Jünger, tvas
.icsprünglich den jüngeren Bruder bezeichnet. Meister entspringt
aus Magister. Man findet diese Bezeichnung auch im Semitischen:
rab -- Lehrer und Meister. Und nun vergleiche man 1. B. M. 25, 23:
„Der Größere (rab) wird dem Kleineren (za'ir, nicht za'ira, >vie bei
P-eschier) dienen", tvas den älteren und jüngeren Bruder bedeutet.
Auch .Herr ist demselben Begriffsgcsetz gefolgt. Häriro und he-rosto
sind in den frühesten Stellen mit „älter und ältest" wiedergegeben;
senior suus tvird mit heriro siner „sein älterer Bruder" übersetzt^
(Siehe ausführlich hierüber bei Peschier „Lazarus Geiger: Sein
Leben und Denken, Frankfurt a. M. 1871). -- Nach Geiger ist die
Sprache weder ein Produkt menschlicher Uebcreiukunst, noch bestehe
«in naturnotivcudiger Zusammenhang zivischen Laut und Sache. Ter
Laut entwickele sich für sich, wie der Begriff. (Im 1. B. M. 2, 19
heißt es: Gott brachte die Tiere vor den Menschen, „um zu sehen,
wie er sie nennen werde, und jedes lebendige Tier, tvie es der Mensch
nennen werde, so sollte sein Name sein". Hiernach dürfte der Name
dem Wesen der Tinge entsprechen. Es erinnert das an die alle
scholastische Streitfrage: Hie Realismus, hie Nominalismus'. Ersteres
bedeutet, daß >vir die Dinge erkennen können, tvie sie sind; letzteres,
daß Begriffe lvie Pferd ufw. bloße Namen sind, denen keine wirkliche
Existenz zukomme.) Die Sonderbcdeutung, meint Geiger, die im
Laufe der Zeit schließlich ein Laut erlangt habe, sei immer ein Resul¬
tat des Zufalls oder der E n t tv i ck l u n g. Tiefer „Zufall" spielt
bei G. inbczug auf Sprachentlvicklung eine sehr wichtige Rolle. „Tie
zufällige Eutlvicklung ist es, von deren Begreifen die Einsicht in
das Wesen der ganzen Sprachgeschichte, und von deren empirischer
Verfolgung, wenn sie möglich ist, bis zu ihrem Anfang, die endliche
Erkenntnis von dem Ursprung der Sprache abhängt; es ist dieselbe
Zufälligkeit, die in alles, was sich entivickelt, uird also alles, tvas tvird,
und also alles, was ist, auf allen Punkten der Zeit und des Raumes
unauflöslich verflochten - — — ist." Ter Zufall tvird zum
Sprachgebrauch. Geiger bemerkt: „Sprachgebrauch ist die Getvohnheit,
ein Wort in einem bestimmten Sinn anzuivendcn. Ueberall ist es
nur die Mehrheit des Vorkommens, welche entscheidet. Je oster ein
Wort gebraucht tvird, um so gebräuchlicher tvird es; tvird es dagegen
eine Zeitlang nicht gebraucht, so kann es dadurch allein veralten,
ja vergessen werden." — Geigers Standpunkt ist, daß die Sprache
primär ist, und der Begriff durch das Wort entsteht. Tie Sprache
hat die Vernunft erschaffen, vor ihr war der Mensch vernunstlos.
Wenn bisher die Annahme galt, daß die allererste Regung des Sprach--
lautcs auf Nachahmung eines hörbaren Objekts zurückzuführcu sei,
führt sie G. auf eine G e s i ch l s w a h r n e h m u n g zurück. „Ter
erste Sprachlaut drückt eine tierische Miene oder Geberde aus, und
von hier aus breitete er sich über das Gebiet der Gesichtswahrnehmuug
ans, das er noch heute nicht wesentlich verlassen hat."-— „Ten
Sprachschrei erfolgt auf den Eindruck des Gesichtssinnes; eine neue
Erscheinung desselben Gegenstandes wird in der Folge auch sie zu
demselben Laut bestimmen; ein ferneres .Hören des von einem unter
ihnen (den Individuen) ausgestoßcnen Lautes allen jenen Gegenstand
vor die Seele rufen." — — „Von dem einen Urlaut entwickeln sich
sodann die sämtlichen Worte der Sprache durch bloße Differenzie¬
rungen." Die Sprache ist Eutlvicklung, sagt Geiger, nicht Entartung;
sie beginnt nicht mit Reichtum, Mannigsältigkeit und Vollkommen¬
heit, sondern mit dem geringfügigsten unscheinbarsten Besitz"; — —
„sie ist die Quelle der Vernunft". Um auch dem Gemütslebcn Geigers
gerecht zu werden, schließen wir mit den ergreifenden Versen, die
dieser allzufrüh Vollendete bei der Gelegenheit dichtete, als vor 75, Jahren
(1854) die alte Synagoge in Frankfurt a. M. einer neueil weichen
mußte:
„Es weinten Greise und es weinten Knaben,
cs weinten selber auch mit tiesem Tröhnen
die Mauern, die die Töne Wiedergaben.
O, lvollt nicht meine Schwäche, Menschen, höhnen:
Ties war ern Weinen, o, dies war ein Weinen,
erschütternd für das Ohr von Menschensöhncn."
2r. M. Spanier (Magdeburg).
Enrico Marconi
Von UllaWolff-Frankfurter.
(Schluss)
Das bräutliche Verhältnis hatte im Verkehr zwi¬
schen Enrico und Antonia wenig geändert. Sie duldete
seine Zärtlichkeiten, aber seinem dringenden Wunsche
nach baldiger Vermählung setzte sie den ruhig, aber
unumstößlich ausgesprochenen Wunsch entgegen, daß
drei Monate bis zur Hochzeit verfließen müßten. Diese
Zeit vereinte sie täglich, und eigentümlicherweise be¬
fanden beide sich am wohlsten, wenn Filippo die Stun¬
den des Beisammenseins teilte. Der Jüngling hatte eine
so liebenswürdige, treuherzige Art, mit seinem Meister
zu verkehren, seine Launen zu ertragen und zu mildern,
daß auch Antonia sich wohltuend davon berührt fühlte.
Alles, was Filippo tat, war anmutend, rein, kindlich,
frisch. Wenn er plauderte und lachte, wenn er schmei¬
chelte und schmollte, immer kam seine unberührte Seele
zum sonnigsten Ausdruck.
Seinem Spiel lauschte Antonia lieber als dem ihres
Verlobten. Es war die gleiche Kunst, wenn auch nicht
in voller Reife, aber es war sanft und mild und rein,
was die Töne sagten, selbst im Affekt der höchsten
Leidenschaft, während Enricos Spiel die Sinne verwirrte
und alle Dämonen der menschlichen Seele wachrüttelte.
— Auch Marconi liebte den Vortrag seines Schülers,
und so hätten diesen drei Menschen die Tage bis zur
Hochzeit in scheinbarer Harmonie und Ruhe verfließen
können, wenn nicht seit einiger Zeit schon Gefühle
verschiedenster Art ihre Seelen bestürmt hätten.
Enrico fragte sich öfter als zuvor, ob Antonia ihn
liebe, und immer furchtsamer sah er der Antwort aut
diese Frage entgegen. Er beobachtete sie, er studierte
ihre Mienen, er belauschte ihre Aeußerungen, um einen
verborgenen Sinn derselben zu erraten — vergebens,
nichts in ihrem Wesen hatte sich geändert. — Mit
Filippo aber war eine große Veränderung vorgegangen.
Nicht äußerlich gab sie sich kund; aber in seinem Herzen
wühlte und rumorte es, sein Blut stürmte in seinen
Adern, er war sich anfänglich über diese neuen Empfin¬
dungen nicht klar, er bebte und fieberte, er fühlte sich
wohl und wehe, er zagte und hoffte, er wünschte und
fürchtete — und alles um ihretwillen, in ihrer Nähe...
Mit schrillem Laut war die Saite auf seinem Instrument
gesprungen — Antonia war eingetreten, unbemerkt von
Enrico, in jenem Augenblick, als er wie gelähmt aut
sein Ruhebett zurücksank, aber Filippo hatte sie geahnt
und in diesem Augenblick mit wonnigem Grauen er¬
kannt, daß er sie liebe, die Braut seines Wohltäters,
seines Meisters! —
Und Antonia? Sic kannte sein Geheimnis schon
lange. Mit dem Instinkt des liebenden und klugen Weibes
hatte sic es erraten.
Beide standen sie vor dem Lager Enricos, auf dem
er in halber Bewußtlosigkeit ruhte. Erst heftete sich
Filippos Blick angstvoll auf ihn; als er ihn aber mit ge¬
schlossenen Augen daliegen sah, wagte er den Blick
zu Antonia zu erheben, und dann standen sie sich gegen¬
über, Aug’ in Aug’, wortlos und beredt, selig und sinnen¬
betört. Und immer tiefer senkten die Blicke sich in
ihre Seelen, immer flammender wurden diese glücktrun¬
kenen Bekenntnisse, so daß sie alles um sich her ver¬
gaßen und auch nicht bemerkt hatten, daß Enrico die
Augen geöffnet hatte und sie beobachtete.
„Liebt mich Antonia?" Ein verzweifeltes, grimmiges
Lächeln zog um seinen Mund. Die Antwort war da! Erst
wollte er aufschreien in rasendem Zorn, dann wurde er
ruhiger, stiller ...
Das Schicksal hatte ihm Antwort gewährt aut eine
Frage — vielleicht, wenn er das gelassen und dankbar
hinnähme, brachte es ihm auch die auf eine zweite, auf
jene andere, fürchterlichere, entsetzliche: „Was war vor¬
dem?“ Dieser Gedanke jagte Schauer der Furcht und
Hoffnung durch seine Seele. Sein Antlitz verklärte sich,
er wurde sanfter und milder, und als er die beiden jungen
Geschöpfe noch immer in atemloser Verzückung, in seli¬
gem Anschauen vor sich sah, da erfaßte er ihre Hände
und legte sie ineinander. — Laut aufschluchzend sanken
sie an seinem Lager nieder, und auch über sein schönes
Gesicht rollte weich und langsam die ihm unbekannte,
lindernde Träne. — Nach einigen Minuten erhob er sich
und zog auch Antonia empor, noch einmal preßte er sie
an sein Herz, dann führte er sie zu Filippo hinüber, ver¬
einte wedeir ihre Hände, lächelte sie gütig an und winkte
ihnen einen Abschiedsgruß zu — lautlos hatten beide das
Zimmer verlassen. Wenige Minuten der Sammlung ge¬
nügten Marconi, um sich wiederzufinden. Es war, als
sei mit der Klärung dieser Zweifel ein neuer Geist
über ihn gekommen. Leicht und elastisch ging er durch
das Zimmer, und 'dem bewegten Spiel seiner Mienen
hätte man ansehen können, daß in seinem Geiste Er¬
wägungen und Entschlüsse verschiedener Art mitein¬
ander rangen. Er wurde allmählig ruhiger, bedächtiger
und schien fertig geworden mit seinem Nachsinnen und
Grübeln.
„Genug!“ murmelte er vor sich hin — „genug! Es
war ein reiches, großes, langes Leben — für einen, der
nicht einmal weiß, wo es begonnen, woher cs kam ...“
Er trat an den Schreibtisch, nahm Feder und Papier
und begann ruhig zu schreiben.
Es war sein letzter Wille, den er aufsetzte. Filippo
machte er zum Erben seines großen Vermögens unter
der Voraussetzung, daß er Antonia Lissander heiratete.
Bedeutende Legate und Unterstützungen für junge Künst¬
ler setzte er fest und bedachte die Dienerschaft reichlich.
Er warf die Summen ganz willkürlich aus, mit echter
Künstlerfreigebigkeit. Daß sie vorhanden sein würden,
wußte er. Ein begeisterter Anhänger seiner Kunst hatte
sein Vermögen gut verwaltet, und endlich schloß er dies
kurze und merkwürdige Testament mit den Worten:
„Ich gehe nun, um mir auf eine zweite dunkle
Frage meines Lebens Antwort zu holen, nachdem mir
urplötzlich Licht wurde über die erste, die mich be¬
schäftigte. Klarheit und Seelenruhe sind die höchsten
Güter des Daseins! Da ein gütiges Geschick mir über
mein und anderer Lebensglück Klarheit gewährt und
mich den rechten Weg zu wählen gelehrt hat, hoffe ich,
daß ich auch die Antwort auf die Frage finden werde.
„Woher?“ Ich ziehe aus, meine Seelenruhe zu suchen.
Nichts nehme ich mit von meinen Besitztümern als ein
kleines schwarzes Büchlein mit krausen Zeichen, das
wie ein Buch mit sieben Siegeln mir das Geheimnis
meines Lebens zu umschließen scheint. Lebt wohl und
forscht nicht nach mir! Enrico Marconi.“
Dann siegelte er das Schriftstück und tat kaltblütig
alles, um seine Authentizität zu beglaubigen. Er lächelte
zufrieden vor sich hin und freute sich über seine Sach¬
lichkeit und die Ueberlegung, die sonst nicht seine Art
waren.
Endlich war alles erledigt, und nun trat er vor den
großen Schrein, und dort suchte er unter den stolzen
Bänden moderner Wissenschaft ein kleines, abgegrif¬
fenes, vergilbtes, verstaubtes und vergessenes Büchlein
heraus, den Pentateuch!
So trat er seine Wanderschaft an, um die Lösung
seines Lebensrätsels zu suchen. Und er brauchte nicht
weit zu gehen! Als er aus seinem eleganten, auf dem
Boulevard Haußmann gelegenen Palais heraustrat, lenkte
er seine Schritte nach der Avenue de l’Opera. Bald war
er im großen Gewühl der Menschen und ließ sich von
ihm planlos fortführen. Er ging an der Oper vorüber
und trieb mit dem Strom den Boulevard des Capucincs
entlang an den glänzend erleuchteten Cafes vorbei, weiter
und immer weiter, bis er am Boulevard de Marie nouvelle
sich durch das Gedränge belästigt fühlte und in eine
Querstraße einbog. Dort hielt er einen Moment inne,
schöpfte Atem und schien sich zu besinnen — wohin?
Rasch war die Dämmerung herabgesunken, und die
Luft war, wie im Herbst gewöhnlich in Paris, mild und
weich. Es fiel ihm einen Augenblick auf, daß er in
dieser abgelegenen Straße eine größere Anzahl Menschen
einem bestimmten Ziele zustreben sah, aber er hatte
für solche Aeußerlichkeiten kein wirkliches Interesse;
zu viel anderes, Eigentümliches, Wunderbares regte sich
in seiner Seele. Er stand still und sah zum abendlichen
Himmel empor — ein sonderbares, ahnungsvolles Gefühl
beschlich ihn, und er wußte nicht, wie lange er so in
Betrachtungen versunken an der Straßenecke gestanden
hatte. Allmählich war es wieder ruhig und still um ihn
geworden. Die Vorübereilenden schienen ihr Ziel er¬
reicht zu haben, und auch er schritt langsam vorwärts.
Vor dem Gitter eines großen Gebäudes hielt er
wieder an. Lichterglanz fiel aus weiten Fenstern aut die
verhältnismäßig stille Straße. Unwillkürlich öffnete er
die Gittertür und trat wie traumverloren in einen Vorhof,
der zu einer breiten, nur halb angelehnten Pforte führte.
Mechanisch schreitet er auf die Schwelle des Eingangs
zu und lehnt sein Haupt an die schwere Eichentür —
wo ist er? Aefft ihn ein Traum, ein Wahngebilde? Oder
hat er Aehnliches schon gesehen in seinem Leben? In
diesem Augenblick erschall Orgelklang an sein Ohr, und
dann — schlicht, bescheiden und doch gewaltig ringen
aus dieser modernen Kirchenmusik sich einfache Töne
empor: Lalaahla — lala ala — lalaahla — lalaählä —
lala ahla — la — la ahlalala — — er lauscht mit ange¬
haltenem Atem, und jetzt noch einmal... lalaahla —
lala — ala... „Kol N i d re!“ bricht es in wildern
jauchzen von seinen bebenden Lippen — „Kol Nidreü"
Er sinkt auf der Schwelle des Tempels nieder. In¬
brünstig umklammert er den Pentateuch, und plötzlich,
wie von rasender Begier ergriffen, schlägt er ihn auf,
und beim Strahl eines aus der Vorhalle des Tempels
herausfallenden Lichtes erkennt er die vergessene Schrift,
die alten Zeichen und ihre Deutung wieder — er hat
sich gefunden!
Vor ihm steht die Vergangenheit, die Jugend, seine
Kindheit, seine Eltern und das Ghetto mit allem was
darin lebt und leidet. Der Abend seiner Flucht tritt
vor seine Seele, und wie er dann hungernd und frierend
durch das Land zog, der arme, verachtete Judenknabe,
Jahr und Tag wohl, bis er einst an der Klosterpforte
elend und krank zusammenbrach — das weitere war
ihm in Erinnerung geblieben, aber nun hatte er auch
den Anfang, und plötzlich, wie von einer Inspiration
beseelt, schreit er mit gepreßtem Ton aus: „Wenastem
gei — horaj ki jagai horim el ozal“... aber seine Ueber-
setzung stimmt nicht mit dem hebräischen Text, denn
mit lauter Stimme ruft er aus: „Zurück zu meiner Heimat
— zu meinem Gotte will ich fliehen!“
Die Zeitungen besprachen den zweifellosen, unbe¬
greiflichen Selbstmord Enrico Marconis — seine Leiche
wurde zwar nicht aufgefunden, aber wer konnte wissen,
wie der berühmte extravagante, bis hart an die Grenze
des Wahnsinns erregte Künstler geendet hatte?... Jeden¬
falls war seine Spur für immer verloren.
* * *
Wer heute die engen, winkligen Gäßchen Venedigs
durchschreitet, die über die Brücke des Rialto hinweg,
an der Pescheria vorüber nach dem ehemaligen Ghetto
führen, Gäßchen, die so vielfach verschlungen sind, daß
kaum bewährte Führer sich in ihnen zurecht finden
können, gelangt endlich nach langen Kreuz- und Quer¬
zügen an ein hohes, neunstöckiges Haus, das die Tafel
„Ghetto vecchio“ trägt. Das Ghetto ist gefallen, die
Israeliten wohnen in den Prokurazien des Markusplatzes,
an der Piazetta und den Ufern des Canale grande in
weiten, marmorgeschmückten Palästen, aber das alte Haus
steht noch da, ein Wahrzeichen einer traurigen, elenden
Zeit. Es bildet die Ecke, welche zu einem Häuserviereck
führt, in dem die portugiesische Synagoge und ihr gegen¬
über die orthodox-polnische liegt. Beides stattliche Ge¬
bäude mit guter Architektur und schöner Täfelung des
Jnnenraumes. Welche unter den elf Synagogen Venedigs
diejenige ist, an der vor vielen Jahrzehnten die Geschichte
von Henrico Marconi begann, könnte niemand mehr
sagen. Aber an der Schwelle des Hauses sitzt ein alter
Mann mit langem, weißem Bart und dunklen, wehmuts¬
vollen, bittenden Augen, von jener eigentümlichen Schön¬
heit, welche die Greise der Lagunenstadt zu einer viel¬
gerühmten Spezialität macht. Er wärmt sich in dem
schmalen Strahl der Sonne, die nur verstohlen sich dort
hineinschleichen kann. Leise bewegt er sein Haupt, und
über die Lippen kommen hebräische Laute. Das Mitleid
seiner Glaubensgenossen erhält den alten und geistes¬
schwachen Mann, und die ihn umspielenden Kinder rufen
uns zu: „Si, Signore, il vecchio Wenastem.“ Sie halten
das Wort für seinen Namen und wüßten keine Antwort
auf die Frage zu geben, ob da nicht vielleicht eine ster¬
bensmüde Seele der Gnade ihres Gottes harrt, zur Sühne
für den Abfall vom Glauben seiner Väter.
Vereinsnachrichten
Fortbildungskursus für Kantoren in Berlin. In der Zeit vom
8. bis 26. Juli 1929 findet in Berlin ein Fortbilduugskursus für
Kantoren unter der Leitung der Obertantoren Magnus TavidsoHn und
Felix Asch statt. Ter Unterrichtsplan sieht Vorlesungen über ver¬
schiedene sachliche Wissenschaften von hervorragenden Dozenten vor.
Ter technische Unterricht liegt in den Händen der beiden Kantoren.
Die Teilnahme ist unentgeltlich. Reise und Ausenthaltszuschüsse
werden nach Maßgabe der vorhandenen Mittel geivährt. Ta nur
eine beschränkte Anzahl von Teilnehmern zugelassen werden kann,
ist die sofortige Anmeldung bei Oberkantor TavidsoHn, Berlin W. 15,
Knesebeckstraße 44, erforderlich.
7. Liste der Spenden für den Hilfsfonds
Tr. med. Hugo Fliest;, Berlin; San.-Rat Tr. Arthur
Steiner, Magdeburg; Hugo Wassermann, Nürnberg; Georg
Neumann, Stargard i. Pom.; Justizrat Salonion Kalisch,
Breslau; D. Leeser, Dortmund; R.-A. Tr. Fritz Strauß,
Karlsruhe i. B.; Tr. Martin Bernkopf, Nürnberg; San.-
Rat Tr. Emil Eisner, Ratibor; Rabbiner Tr. Löwenstamm,
Berlin-Spandau; Landgerichtsrat Tr. Stern, Nordhausen;
Justizrat Tr. Löwenstein, Leipzig; H. Graetzer, Kryschanowitz
b. Breslau; Ed. Oberländer, Bonn: Tr. G. Ollendorf, Bar¬
men; Rabbiner Tr. Ernst Appel, Dortmund; Albert .Heine¬
mann, Dortmund; L. M. Bernheimer, Ulm a. T.; A. Dan-
ziger, Breslau; S. Oppenheimer, Nürnberg; Justizrat Arthur
Kochmann, Gleiwitz; Tr. Luchs, Ingolstadt; Gebr. Rosen¬
bach, Dortmund; Frau Paul Wallach, Dortmund; Baum,
Dortmund; Konrektor Andorn, Dortmund; .Hermann Schön¬
feld, Dortmund: I. Riesenfeld, Dortmund; N. N., Frankfurt
a. M. durch Rabb. Tr. Lazarus, Frankfurt a. M.; Sy¬
nagogengemeinde Düsseldorf; Leo Gronemann, Märk. Fried¬
land; A. Gottschalk, Bochum; Tr. Paul Rosenstein, Breslau;
Tipl.-Jng. E. Brock, Duisburg; Arthur Knopf, Freiburg
(Breisgau): N. Joske, Leipzig; Rabbiner Tr. Jul. Galliner,
Berlin-Eharlottenburg: Jsaae Falk, Beckum; M. Schmoll,
Leipzig; A. Rosenthal, Stettin; H. Selinger, Lörrach; Rechts¬
anwalt Tr. Loeb, Hildesheim; W. Katz, Nordhausen; Oscar
Schustan, Breslau;' S. Sostheim, Düsseldorf; I. und M.
Balk, Hamburg; Tr. M. Eichholz, Hamburg.