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Nr. 21
Berlin, 24. Mai 1929 9. Jahrgang
Neue SyuagogenbrSuche
Wir veröffentlichen nachstehend einen Artikel über
neue Bräuche in der Magdeburger Synagoge, den uns
Herr Rabbiner Dr. Wilde-Magdeburg zur Verfügung
gestellt hat. Die Red.
Barmizwoh.
1. Der Knabe liest ans einer zweiten Thorarolle den
hebräischen Text der 10 Gebote.
Grund: Der Knabe, der zum ersten Male vor der Thora
stcht, soll auch aus der Thora lesen. Es wird das erste und
einzige Mal in seinem Leben sein. Darum muß er eine Stelle
lesen, die ihm Bedeutung und Wert der Thora sür immer
einprägt. Ich hatte zunächst den alten Brauch wieder einge¬
führt, daß der Knabe den betressenden Abschnitt aus dem
Wochenabschnitt vorträgt. Die Stellen waren aber fast nie
geeignet, die gewünschte Wirkung auf den Knaben zu er¬
zielen. Welche Wirkung kann man erwarten, wenn der Knabe
einen Abschnitt über die Nachkommenschaft des Nahor liest
oder über die des Jsmael oder des Esau? Wie soll er bas
Empfinden bekommen, dieses Buch könnte ihm Lehren für
das ganze Leben geben, wenn er Bestimmungen über den
Bau der Stiftshütte liest, die vor Jahrtausenden gewesen, oder
über Opfer, die vor 2000 Jahren aufgehört Haben! Soll
der Knabe, der die Speisegesetze in seinem Elternhaus nicht
mchr sieht, gerade darüber einen Abschnitt lesen, um dann
zu glauben, Speisegesetze wären das Wichtigste in der jüdi¬
schen Religion? Soll man es verantworten, einen 13 jährigen
Knaben Stellen über geschlechtliche Beziehungen lesen zu
lassen? Nur bei wenigen Wochenabschnilten wird die Stelle
für' den „Maftir" auf das Gemüt eines dreizehnjährigen
Knaben eindrucksvoll sein. Bei dem neuen Brauch kommt
dem Knaben zum Bewußtsein, daß die Welt die 10 Gebote
aus unserer Thora entlehnt hat, wird ihm der Zusammen^
Hang zwischen Religion und Sittmlehre deutlich, wird die
Thora ihm zur Künderin ewig gültigen Sittengesetzes, prägen
sich ihm die 10 Gebote für immer im hebräischen Urtext
ein. Dazu kommt noch der pädagogische Gewinn, daß der
Barmizwohunterricht dm Knaben gemeinsam erteilt werden
kann.
2. Auch die weiblichen Angehörigen des Knaben sitzen
bei der Feier in der Nähe des Altars. Die Mutter soll
nicht bei der Einsegnung durch die Weite und Höhe des Rau¬
mes von ihrem Kind getrennt sein, so daß sie ihn oft kaum
sehen und hören kann.
3. Der Knabe öffnet und schließt in Begleitung des
Rabbiners vor und nach dem Olenugebet die Lade. Wenn
er Halb- oder Ganzwaise ist, spricht er nach dem Olenu vor
der geschlossenen Lade das Kaddischgebet.
Mädcheneinsegnung.
Die Mädcheneinsegnung findet an einem jüdischen Feier¬
tag, meist ersten Tag des Wochenfeftes, im Gottesdienst
nach dem Einheben der Thora statt. Jedes Mädchen ist aktiv
beteiligt. Die Mädchen sprechen am Schluß, vor der An¬
sprache des Rabbiners, gemeinsam das Sch'ma. Die Ansprache
des Rabbiners ist nie allgemein gehalten, sondern wendet sich
1—2 Minuten an jedes einzelne Mädchen. Die Worte stehm
stets im Zusammenhang mit dem Leben des Mädchens, mit
dem Schicksal ihrer Familie usw. Es dürfen allerdings
dann nicht mehr als 10 Mädchen bei einer Feier sein. Am
Schluß des- Gottesdienstes vor dem Olenu treten alle Mäd¬
chen vor die Lade. Entweder der Rabbiner oder auch 2 von
den Mädchen öffnen und schließen die Lade: Anfang zu
einer aktiven Beteiligung der Frau im Gottesdienst.
Auf Wunsch der Eltern findet auch die Einsegnung des
Mädchens an einem Sonnabend zusammen mit dem um ein
oder zwei Jahre jüngeren Bruder statt.
Kiddusch durch den Rabbiner.
Wenn der Rabbiner am Freitag-Abend predigt, leitet
er zum Schluß zum Kiddusch über und spricht ihn selbst
von der Kanzel mit dem Weinbecher in der Hand.
Es wäre wünschenswert, daß der Rabbiner auch ohne
zu singen oder singen zu können, am hebräischen Teil des
Gottesdienstes stärker beteiligt wäre.
Kaddisch durch den Rabbiner.
Bei den Seelenfeiern spricht der Rabbiner den Kaddisch.
Es wäre wünschenswert, daß der Kaddisch nur einmal in
jedem Gottesdienst und dann durch den Rabbiner gesprochen
wird.
Neujahrsfest.
Am ersten Neujahrstage werden die Namen der Paare
verlesen, die im letzten Jahre getraut und die Namen der
Knäbm und Mädchen, die eingesegnet worden sind.
Andere Feiertage.
Die Gestaltung von Feiern in der Laubhütte und der
Ausbau gemeinsamer Sederfeiern gehören nicht hierher.
Die Fernstehenden werden sich vielleicht über die Ge¬
ringfügigkeit der Neuerungen wundern. Wer aber weiß,
wie schwer es dem liberalen Rabbiner auch in den liberalen
Einheitsgemeinden gemacht wird, neue Bräuche einzusühren,
der wird weder die Mühe unterschätzen, die aufgewendet
werden mußte, noch wird er die Wirkung solcher Gebräuche
gering achten. Sie sind fast alle darauf berechnet, den ein¬
zelnen Menschen in persönliche Beziehung zum Gottesdienst
zu bringen, nicht durch pomphafte Ausgestaltung des Gottes¬
dienstes, sondern durch Wirkung mit schlichtesten religiösen
Mitteln.
Diese Veröffentlichung soll aber auch bewirken, daß andere
Rabbiner und Gemeindemilglieder von neuen Bräuchen aus
ihrer Gemeinde in dieser Zeitung erzählen, damit einer vom
andern lernen kann und damit auch die Anschauung Lügen
gestraft wird, daß der Liberalismus nur abschaffen, aber
nicht, wie immer in Zeiten lebendigen religiösen Lebens,
neue „Minhogim" schaffen kann.
Rabbiner Tr. Wilde.
Planwirtschaft
in der jüdischen Wohlfahrtspflege
(West- und süddeutsche Bezirkstagunq der jüdischen Wohl¬
fahrtspflege in Frankfurt a. M. am 12. und 13. Mai 1929.)
Tie Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden hatte
— gemeinsam mit dem Landesverband für jüdische Wohl¬
fahrtspflege in Hessen und Hessen-Nassau und der jüdischen
Wohlfahrtspflege Frankfurt a. M. — alle in der jüdisch¬
sozialen Arbeit stehenden Männer und Frauen zu einer
Bezirkstagung aufgefordert. Trotz Ungunst der Zeit, trotz
Knappheit der Mittel, trotz Unzulänglichkeit der Vertretung
waren viele, denen jüdische Wohlfahrtspflege zum Amt und
Beruf, zur Lebensaufgabe und Lebensnotwendigkeit geworden
ist, dem Rufe gefolgt: Gemeindevorstände, Rabbiner und
Lehrer, Anstaltsleiter, Sozialbeamte und freiwillige Mitar¬
beiter aus einem Bezirk, der von Hamburg bis München,
von Düsseldorf bis Erfurt reichte. Von dem spiritus rector
der Tagung, der „Zentralwohlsahrtsstelle" in Berlin, ohne
deren hingebungsvolle Vorarbeit das Gelingen des Ganzen
nicht denllmr wäre, waren außer dem Geschäftsführer Dr.
Ollendorff mehrere prominente Dezernenten erschienen. Der
D.J.G.B. war durch Professor Sobernheim, der Preußische
Landesverband durch Professor Türk vertreten; auch der
bayerische, badische, Württembergs e und hessische Landes¬
verband, sowie zahlreiche Provinzialverbände der jüdischen
Wohlfahrtspflege hatten Delegierte entsandt.
Während man früher bei ähnlichen Gelegenheiten alle
möglichen Themen behandelt hatte, wurde hier zum ersten
Male der Versuch gemacht, eine leitende Idee in den Mittel-
punkt der gesamten Tagung zu stellen: die Planwirt¬
schaft in der jüdischen Wohlfahrtsarbeit. Um
dieses zeitgemäße Problem gruppierte sich, in mehr oder
minder straffer Durchführung alles Konferieren und De¬
battieren, aller Austausch der Gedanken, aller Kampf der
Meinungen.
Ten grundlegenden Bortrag hielt Justizrat Dr. Straus,
München, der Vorsitzende des Bayerischen Landesverbandes
für jüdische Wohlfahrtspflege, über „DiePlanwirtschaft
in der Mittelbeschaffung und Mittelverwen-
duiiH." Auch in der Wohlfahrtspflege ist rationalle Wirt¬
schaft nötig, die alle materiellen und ideellen Kräfte ein¬
heitlich zusammenfaßt und an der richtigen Stelle einfetzt.
In der Mischen Wohlfahrtsarbeit ist der Gedanke der Plan¬
wirtschaft eng verknüpft mit dem der Zentralisation. Er
gipfelt in der 1917 erfolgten Begründung der „Zentralwohl-
sahrtsstelle", die sich als Spitzenorganijation über einem
System von Provinzial- urrd Landesverbänden aufbaut. .Tie
Geldbeschaffung für diese Verbände ist wegen der verschie¬
denen Rechtslage in den einzelnen Ländern meist schwierig.
Noch größere Mannigfaltigkeit herrscht im Wohlfahrts¬
wesen der Gemeinden, wo zahlreiche Vereine, Stiftungen und
Anstalten neben einander bestehen und auf eigene Faust Wohl¬
tätigkeit üben. Durch die Inflation haben fast alle ihr
Vermögen verloren. Infolgedessen ist heute der .Egoismus
und Partikularismus der Vereine stark zurückgedrangt und
die Verwirllichung planvoller Zentralisation ermöglicht wor¬
den. Fast in allen größeren Städten haben die jüdischen
Gemeinden die Wohlfahrtsarbeit übernehmen müssen, ent¬
weder direkt durch Schaffung eigener Wohlfahrtsämter (z. B.
Berlin, München) oder indirekt durch Mitwirkung.-bei selbstän¬
digen Zentralen (z. B. Frankfurt a. M., Nürnberg, Karls¬
ruhe). .
Die Geldmittel stammen aus verschiedenen Quellen: 1.
aus Beträgen, die der Staat zur Verfügung stellt. Die
große Not hat die frühere Scheu vor dem Herantreten an
die öffentliche Fürsorge völlig überwunden. 2. Aus Mit¬
teln der Kultussteuer: Die Steuerschraube kann nicht beliebig
angezogen werden. Gegen eine besondere zwangsweise Steuer
führ Wohlfahrtszwecke erheben sich finanzrechtliche Bedenken.
3. Aus freiwilligen Leistungen: Vereinsbeiträgen, Spenden,
Sammlungen. Sie sind stark zurückgegangen. Der alte Ge¬
danke des Maaßer-Gebens, der nicht auf öffentlichem Zwang,
sondern auf religiöser Pflicht beruht, sollte wieder lebendig
gemacht werden, eine Aufgabe, der sich vor allem die religiösen
Führer des Judentums widmen müßten. Bei der Ein¬
ziehung der Beträge ist heute noch wenig von Planwirtschaft
zu spüren. Entweder könnten — wie in München —
alle Vereine gleichzeitig durch einen gemeinsamen Beamten
sammeln lassen, oder eine Gesamtorganisation übernimmt
das Sammeln und Verteilen der Gelder. Als Vorbild sollten
hierbei die community-chests der Bereinigten Staaten und
die Organisation „Jüdische Not" in Berlin dienen.
Auch für jüdische Anstalten, deren Arbeit sich auf ein
größeres Gebiet erstreckt (Blinden-, Taubstummen-, Tuberku¬
lose-, Psychopathenheime), könnten die Mittel zentral aufge-
Sendet de« fälligen Beitrag
\t das 2. Quartal 1929 in Höhe von Mk. 2,50 auf
>s Postscheckkout- der LereiulW«- für dar llderale Juden¬
tum Bern« Nr. 137069 ein.
bracht werden. Es ist unwürdig, wenn solch wichtige Ein¬
richtungen sich aufs Schnorren verlegen müssen. Notwendig
ist ferner eine zuverlässige Aus kunstsstelle, die über auslän¬
dische Anstalten, z. B. Jefchiwoths, informiert und dem
„wilden" Sammeln entgegenwirkt.
Was die Frage der Mittelverwendung anbetrifft, so soll¬
ten die Organisationen, die die Mittel beschafft haben, auch
dabei Mitwirken und die Anstalten, ihre Bilanz, Selbst¬
kosten, Wirtschaftsführung kontrollieren.
Sodann referiert Fräulein Frieda Weinreich, Berlin
(Zentralwohlfahrtsstelle) über „Tie Planwirtschaft im
An st altswesen und in der Etholungsfür-
forge". Der traurige Zustand, in dem sich die jüdischen
Wohlfahrtsanstalten nach der Inflation befanden, ist glück¬
lich überwunden. Das ist der Joint-Hilfe, der Unterstützung
aus Reichsmitteln, den Krediten des Reichs, der Länder und
Provinzen, den Zuschüssen der Gemeinden sowie der konse¬
quenten „Pflegegeldpolitik" zu verdanken, die keine Preiser¬
mäßigung und keine Freistellen mehr kennt. Diese Pflegegeld¬
politik hat aber auch ihre negativen Seiten: sie bewirkt einer¬
seits, daß unsere Anstalten nicht voll ausgenutzt werden
können, — 500 Plätze, d. h. 5 Prozent der Beitenzahl, stehm
10 Monate im Jahre leer — während andererseits gerade die
Bedürftigsten und Elmdsten, die die teuren Pflegesätze nicht
aufbringm könnm, von der Unterbringung in Heimm aus¬
geschlossen sind. Der Grundsatz der Planwirtschaft erfordert,
daß Heime gleichen Charakters in einer Gemeinde, die nicht
voll belegt find, zusammmgelegt werdm. Vor Neugründung
oder Erweiterung von Anstaltm ohne Zustimmung der Zm-
tralwohlfahrtsstelle ist entschieden zu warum. Ta großer
Mangel an Plätzen für Sieche besteht, sollten die Alters¬
heime sich mtschlrchm, auch Sieche aufzunehmen. Die hohm
Selbstkosten der Anstalten erklären sich vor allem aus dem
unverhältnismäßig großm Bestand an Personal, das oft nicht
genügend qualifiziert ist. Durch Anwendung planwirtschast-
licher Methoden sowie durch Schaffung von Reservefonds
(aus Mitgliedsbeiträgen, aus Spenden und aus der bevorste¬
henden sozialen Vorzugsrente) müssen die zu hohm Pflege-
fätze gesmkt und Freistellen errichtet werden.
Auf dem Gebiet der Erholungsfürsorge wird besonders
unrationell gewirtschaftet. Von 56 Heimm sind 42 nur
zwei bis vier Monate im Jahr geöfftret. Noch schlimmer
wird dies werden, wmn sich — dem Zuge der Zeit entspre¬
chend — das Systmr der Ferimkolonien bei uns Weiler
ausbreitet. Durch die „Arbeitsgemeinschaft der jüdischen Er¬
holungsfürsorge" müsse unbedingt ein Ausgleich in der Be¬
legung der Heime herbeigeführt werdm.
In einem gewissen Gegensatz zu diesen beiden Referaten
stand der Vortrag von Direktor Dr. Rothschild, Dinslakm,
über „Planwirtschaft im Anstallsbetrieb". Das
ökonomische Prinzip im Anstaltsbetrieb darf weder Gewinn¬
erzielung noch Sparsamkeit a tout prix bedeuten, sondem
muß auf Heranbildung höchstwertiger Menschen, auf Ver¬
wirklichung der bestm Pflege und Erziehung gerichtet sein.
In der Einrichtung der Anstalt, in der Ernährung und
Erziehung der Kinder, in der Auswahl und Verwendung
des Personals, in der Tageseinteilung ufw. muß der Geist
zweckvoller Planmäßigkeit zum Ausdruck kommen, aber höher
als das ökonomische Prinzip, als das Materielle muß der
Mensch mit seinen ideellen Werten stehen. Der Anstalts¬
leiter darf — trotz aller Zentralisierungsgedankm — nicht bei
der Aufbringung der Mittel ausgeschaltet werdm, die ihn
aufs mgste mit der Anstalt verknüpft. Die Zentralwohl¬
fahrtsstelle solle sich nicht anmaßen, den inneren Betrieb der
Anstaltm zu schematisieren; die individuelle Eigenart jeder
Anstalt müsse gewahrt bleiben.
In der Aussprache, die am folgenden Tage statt-
fand, wurde u. a. betont, daß der erste Schritt zur Plan-,