Seite
Wirtschaft — so paradox dies klingen mag — darin bestehe,
eine besoldete fachmännische Kraft anzustellen. Es erregte
Verwunderung, baß dies selbst in manchen größeren Ge¬
meinden, z. B. Würzburg, noch nicht geschehen sei.
Frl. Tr. Kronheimer (Zentralwohlfahrtsstclle) legte dar,
daß planmäßige Wirtschaft im Wohlfahrtswesen nicht nur
als Schutz gegen übermäßige Schnorrerei oder als Ausdruck
unserer Armut oder als notwendiges Uebel aufzufassen sei.
Sie stelle vielmehr einen hohen positiven Wert dar, denn sie
verwirkliche den moralischen Anspruch, den unsere Hilfsbe¬
dürftigen an die Hilfeleistung haben.
Den Anstaltsleitern, die sich gegen eine Kontrolle durch
Personen wandten, die im Anstaltsbetrieb keine Erfahrung
haben, wurde zugestanden, daß die Anstaltsbeamten in dem
? Ichlauten „Ueberwachungsausschuß" maßgebend vertreten sein
ollen.
Frau Brode, Berlin, schilderte eingehend die Arbeit
der „Jüdischen Not", die seit sechs Jahren durch zentrale
Sammlung Mittel beschafft und an die angeschlossenen An¬
stalten auf Grund der festgestellten Bedürfnisse verteilt.
Tr. Lubinski, Berlin, berichtete über dengeglückten Ver¬
such der Berliner Gemeinde, eine Klasse der Mädchen-Mittel¬
schule für 14 Tage in das Seesener Heim zu entsenden. Im
Anschluß daran wurde von Rabbiner Dr. Neumark, Duis¬
burg, der Vorschlag gemacht, die vielen Kinder- und Er¬
holungsheime während der Zeit, in der sie teilweise leer¬
stehen, als ^Landschulheim für unsere jüdischen Schulen zu
verwenden.
Dck Sonntagabend brachte eine öffentliche Kund¬
gebung, zu der sich ein wielhundertköpfiges Publikum im
großen Festsaal der Frankfurt-Loge eingefunden hatte. Rab¬
biner Dr. Baeck, Berlin, der Vorsitzende der Zentralwohl¬
fahrtsstelle, sprach über „soziale Verantwortlichkeit". Der
Begriff der Verantwortlichkeit hat in der letzten Zeit auch
bei uns Juden eine gewisse Verengerung erfahren. Er wird
meist nur noch in Verbindung zum Berus und Amt empfun¬
den. Darüber hinaus ist uns das Gefühl der Verantwortlich¬
keit in menschlich-sozialer Beziehung vielfach verloren ge¬
gangen. Das Gebot der Stunde ist, uns diese persönliche
Verantwortlichkeit auf sozialem Gebiet wieder einzuprägen.
Jeder ist verpflichtet, das Glück und die Wohlfahrt des Ne¬
benmenschen als seine eigenste und 'persönlichste Aufgabe
anzusehen! Tie andere Seite des sozialen Verantwortlichkeits-
bewußtseins besteht aber darin, die Grenzen des eigenen
Wissens und Könnens zu begreifen, sich auf das zu be¬
schränken, das man wirklich zu vollbringen imstande ist.
Wir brauchen auf sozialem Gebiet beides: die Arbeit des
Dilettanten, dessen Herz voll Güte ist, auch wenn er einmal
von dem Hilfesuchenden getäuscht und betrogen wird, und
die Arbeit des Sachkenners, der mit kühlem Verstand und
systematischem Wissen an die Probleme herangeht. Tie „Zen¬
tralwohlfahrtsstelle" macht es sich zur Aufgabe, jeden Men¬
schen zur persönlichen Hilfeleistung aufzurufen, daneben aber
auch die Arbeit der Fachmänner zu fördern. Aus dem
Zusammenwirken beider wird dann die rechte Wohlfahrt
erwachsen.
Frau Bettina Brenner, Leipzig, die Vorsitzende des
Jüdischen Frauenbundes, erzählte darauf, was die jüdischen
Frauen seit einem Vierteljahrhundert auf sozialem Gebiet
geleistet haben, und benutzte die günstige Gelegenheit, auf
die beiden bevorstehenden großen Tagungen des Jüdischen
Frauenbundes in Hamburg und Berlin aufmerksam zu
machen.
Ter 3. Redner, Justizrat Tr. Straus (München) wies
aus den Zusammenhang der jüdischen Wohlfahrtsarbeit nnd
der Gemeindearbeit hin. Eine Wohlfahrtsarbeit, die alle Kräfte
produktiviert, und alle Fragen des wirtschaftlichen und sozialen
Lebens in ihr Bereich zieht, dient zugleich der Idee der Erhal¬
tung unserer jüdischen Gemeinden. Voraussetzung für eine
lebendige Wohlfahrtsarbeit aber ist die Stärkung des Be¬
wußtseins der jüdischen Gemeinschaft und des Vertrauens
in die jüdische Zukunft.
Zum Schtrrß zeigte Rabbiner Tr. Horovitz (Frankfurt
a. M.), der Vorsitzende des Landesverbandes für jüdische Wohl¬
fahrtspflege in Hessen und Hessen-Nassau, daß Religion und
soziale Arbeit eng zusammengehören. Das Judentum ist,
wie Bibel und Talmud erweisen, eine Religion der sozialen
Liebe. Wer dem Armen gibt, lehrt es, gibt Gott. Heute ist
nicht mehr die Zeit, Synagogen zu bauen — ein tapferes
Wort aus dem Munde eines konservativen Rabbiners! —,
sondern Zcdakah zu üben. Tie Aufgabe der Tagung ist
es vor allem gewesen, den alljüdischen Geist der Zedakah
wieder lebendig zu machen.
In engstem Zusammenhang mit der Tagung standen
zahlreiche Konferenzen und Besprechungen (eine Borstands¬
sitzung der Zentralwohlsährtsstelle und des Landesverbandes
für Hessen und Hessen-Nassau, eine Besprechung der Vor¬
sitzenden, Geschäftsführer und Beamten der jüdischen Wohl->
fahrtsstellen, eine Sonderbesprechung zwischen der Zenträl-
wohlfährtsstelle, dem Bund der jüdischen Kranken- und Pflege¬
anstalten und den Krankenschwesternorganisationen über das
Thema „Nachwuchs jüdischer Krankenschwestern"). Mehrere
Organijationen (der Jüdische Frauenbund, der Hessische Di¬
strikt der Logenschwestern, der Soziale Ausschuß des Rab-
binecverbandes) ^benutzten die Anwesenheit vieler Mitglieder
in Frankfurt, um besondere Tagungen abzuhalten.
Als Ausklang der Bezirkstagung fand eine Besichtigung
Frankfurter Wohlsährtsanstalten (Westendheim, Heim Neu-
Jfenburg/ statt. Tr. M. S.
Judentum und Umwelt
Von Siegfried Moses, Liturg i. R. Berlin-Weißensee.
„Nicht abschließen, sondern
anschließen ist unsere Losung."
Man hat oft die Beobachtung machen können, daß wert¬
volle Jdeenkomplexe, deren geistiger, ethischer und moralischer
Wert außer Frage steht, nur darum beiseite geschoben werden,
wert die Träger dieser Ideen sich hermetisch gegen den Ein¬
fluß der Zeit und Gegenwart abschlossen. Jede Bewegung, die
im besten und höchsten Sinne modern bleiben will, muh
sich dem geistigen Gehalt der Zeit in Form und Inhalt assi¬
milieren. Auch die Form ist in diesem Zusammenhang wichtig,
denn sie ist es, die zuerst veraltet und darum die Menschen
der Gegenwart auch dem Inhalt, der an sich lebendig und
wertvoll geblieben ist, entfremdet. Auch Wahrheiten von
unbestrittener Unvergänglichkeit müssen in die Sprache der
Gegenwart gekleidet sein, weil sie sonst den lebendigen Zu¬
sammenhang mit den Menschen der Gegenwart verlieren.
Diese Gefahr ist besonders gegeben für Fragen des reli¬
giösen Kultus, in denen die Aufnahme moderner Ideen vielfach
dem Widerspruch derer begegnet, die glauben, daß damit die
Grundlage der Lehre eine unstatthafte und unerwünschte Um¬
wandlung erfahre. Solche Anschauungen sind sowohl dem
Geiste der Entwicklung als auch besonders dem jüdischen
Haben Sie schon
einen Hilfsfonds
-Beitrag eingezahlt? Ueberweisen Sie sogleich-
RM 10,— auf das Postscheckkonto der „Ver¬
einigung für das liberale Judentum e. V.",
Berlin No. 137069
Jeder einzelne muß durch einen Beitrag zeigen,
daß er mitbauen will an dem Werk, welches
wir für unsere Kinder und Kindeskinder
schaffen. Darum gebt alle, der
Vermögende mehr, der andere
weniger, und — gebt schnellI
Geiste abträglich — sie sind an sich unjüdisch. Schon der
Talmud verschließt sich, wie untenstehende Stellen beweisen,
der Aufnahme fremder Ideen durchaus nicht prinzipiell —
er erklärt sie sogar des öfteren für wünschenswert und im
Interesse des Judentums gelegen.
Tie Erstarrung des Judmtums in überlieferten Ideen
sollte schon durch den Umstand hintangehalten werden, daß
hier keine Priesterkaste den Schatz allein zu wahren hat,
hier keine Priesterkaste den Schatz allein zu wahren hat, son¬
dern daß hier — anders als in anderen religiösen Gemein¬
schaften - dem Laientum jeder Einfluß.gewährt ist. Das
tut der Würde des geistlichen Standes keinerlei Abbruch, da bei
uns nicht das Amt die Würde verleiht, sondern umgekehrt,
die Persönlichkeit, die Gelehrsamkeit und untadeliges Leben.
Weder das Judentum noch der geistliche Stand fahren dabei
schlecht. Das Laientum, das mit seiner Zeit naturgemäß im¬
mer tu stärkerem Konnex steht als der in seine Ideenwelt
eingesponnene Theologe, wird also ganz von selbst Ideen
der Zeit zur Geltung zu bringen versuchen.
Aber es hat darüber hinaus auch an Geistlichen nicht
gefehlt, die zu solchen Anschauungen sich bekannten und dem-
, gemäß der Entwicklung des Judentums in dieser Richtung
Bahnbrecher waren.
Der in weiten Kreisen bekannte glänzende Essayst und
bedeutende Kanzelredner Rabbiner Dr. Rippner war in seinen
Lehren, Reden und Schriften der Typus eines solchen Geist¬
lichen, der der Synthese zwischen Judentum und Umwelt
immer und immer wieder das Wort redete. Obwohl seit
seinem Ableben schon mehr als 30 Jahre vergangen sind,
wirken Zitate aus seinen Predigten als seien sie heute ge¬
schrieben.
Man lese nur die folgenden, seinen Predigten entnom¬
menen Stellen.
„Und wenn in anderen Bekenntnissen immer mächtiger
der Wunsch rege wird, daß die Gemeinden Einfluß gewinnen
avr die Gestaltung des religiösen Lebens, nun, so darf sich
daS Judentum dessen rühmen, daß diese Errungenschaft in
seiner Mitte scho nviele Jahrhunderte alt ist. Seitdem die
Mauern des Tempels gefallen, ist auch die Schranke ge¬
fallen, welche Priester und Laien trennt, seitdem gibt es
nur Lehrer, aber keine Priester, man ehrt das Wissen aber
nicht die Würde, die Ordnung des Lebens nach der religiösen
Pflicht ist dieselbe für alle, mögen sie nun auf der Werkstatt
oder auf der Kanzel ihrem Beruf obliegen. Tie Lehre, die
uns Mose befohlen, ist ein Erbgut der Gemeinde Jakobs,
Israel wird seinem Berufe untreu, welcher ist ein Priestervolk
zu sein, wenn es den Schatz-, der allen anvertraut ist, der
Obhut einer Klasse übergäbe. Ehjeh, der die Völker nicht
scheidet, kann umsoweniger eine Scheidewand innerhalb eines
bestrmmten Volkes gelten lassen."
* * * *
„Wem von jenen, die auch nur oberflächlich die Thora des
Moses und die spätere Gestaltung des Judentums mit allen
seinen Regeln und Formeln und Ordnungen und Bräuchen
verglichen haben, ist njcht schon der Gedanke gekommen, daß
Mose, wenn er heute wieder Herabstiege zu denen, die sich
doch zu seiner Lehre bekennen, sich bei den Seinen garnicht
mehr zurecht finden, daß Mose den Mosaismus nicht wieder
erkennen würde.
Zur Zeit, als die Juden aus Spanien vertrieben wurden
und viele, um sich vor diesem Schicksal zu schützen, fich dem
Bekenntnis des Landes anschlossen, kam der Fall vor, daß
nur das Lesen der heiligen Schrift einen Sprößling ehemaliger
Israeliten für das Judentum begeisterte und ihn bestimmte,
Spanien zu verlassen und ein Land aufzusuchen, in welchem
die Juden ihrem Glauben frei leben konnten. Wie groß aber
war sein Erstaunen und fdin Erschrecken, als er nach der
Ueberwindung großer Gefahren wieder ein Genosse des alten
Glaubens wurde und die Thora des Moses vergleichen konnte
mit dem religiösen Leben seiner Genossen und der ursprüng¬
liche Kern vor den vielen Schalen gar nicht wieder zu
erkennen war!
Es ist zweifellos gut, einen Zaun um einen blühenden
Garten zu errichten, daß die prächtigen Beete nicht zer-
Jlja Ehrenburg: «Das bewegte Leben des
Laflk Roitschwantz-.*)
Tie literarische Urgestalt, die unter höllischem Gelächter
vieler Generationen den Widerspruch zwischen Wort und
Handlung, zwischen wirklichem Leben und Gestaltung ausge¬
deckt, die in unzähligen Schwänken unphilosophisch das
Wortbild aus seinen buchstäblichen Wert herabgedrückt hat, lebt
ber den Deutschen immer noch. Es ist: Till Eülenspiegel!
Nebenbei: Eulenspiegel ist eine Zeitgestalt, die uns über seine
Schwankmacherei doch auch ein Stück mittelalterlichen Le¬
bens uttd mittelalterlicher Kultur aufzeigt.
Tie moderne Zeit hat Eülenspiegel und seine Methode
nicht vergessen. Sie ist über den „braven Soldaten Schwejk"
in den „bewegten" Lasik Roitschwantz eingegangen. Eulen-
ft iegel war ein rechter Deutscher, Schwejk ein echter Czeche rniib
„gelernter" Altösterreicher dazu — — Roitschwantz ist ein
Jude. Ein Jude aus dem Beginn des bolschewistischen
Rußland.
Eülenspiegel versinnbildlicht den Schalk, der sich über die
vermögenden Handwerks- und Stadtherren und gelehrten Ma¬
gister seiner Zeit lustig macht. Schwejk den vertrottelten Sol¬
daten, der tausendmal gescheiter als seine „gescheiten" Be¬
fehlshaber, durch aktive und passive wörtliche Befolgung ihrer
Befehle, alles Bürokratische und Militaristische und alles
Oesterreichische unter Hohnlachen ad absurdum führt. Roit¬
schwantz ist eine höhere Synthese! Er, der aus fügsamstein
Willen und ehrlichem Eifer, vermischt mit Hunger, überall,
Überall anstötzt, bleibt nicht mehr bei e i n e r Kaste, bei einem
Staat oder bet einer politischen Erscheinung stehen! Fast
das gesamte Kulturleben, wenigstens in seinen bedeutenderen
Abwandlungen, erfaßt ihn in seinem „bewegten" Leben und
prügelt ihn bald abenteuerlich, bald lächerlich, bald schmerz¬
lich erbarmungslos. Und er macht sich immer über sich und die
anderen unwillkürlich lustig. Ueberall, wie sein erlauchter
Urahne Till Eulenspiegel, kann er das Wort, das sich heute
in einer These, in einem Programm, m ethischen, religiösen,
politischen, moralischen und sozialm Grundsätzen breitmacht,
durch seine minutiöseste Auffassung und Befolgung, weit über
m ) Erschienen im Rhein-Verlag: Basel, Zürich- Leipzig,
Paris, Strahburg. Aus dem Russischen übertragen von W.
Jottos.
Till und Schwejk in seiner Hohlheit entlarven. Und so
bekommen wir eine lustige Kulturkritik unserer Welt, die
doppelt tragisch-lustig wird, weil sie stets mit stärkstem Unter¬
tonätzenden jüdischen Witzes versehen ist. Nicht zum we¬
nigsten ist dieser Witz jüdische Selbstironie und hundert lustige,
gescheite Ghettogeschichten, Talmudvergleiche und ständige Er¬
innerung an das jüdische Leben im Ghetto färben die komi¬
schen Erlebnisse und Aeußerungen Lasik Roitschwantzs, die
trotzdem einen sehr ernsten Hintergrund haben, für den, der
sie zu deuten weih.
Teils ist Lasik Roitschwantz eine lachende Reaktion des
Ghettojuden auf die neue Situation im Bolschewismus, an¬
dererseits und darüber weit hinaus erprobt er sich in einer
Art von jüdisch-welthistorischem Witz, oder jüdischem Witz an
der Wellhistorie alles tönenden Phrasen-Unfugs der „Kultur"
unserer heutigen Zeit. Auch das untrügliche GhettojudLntum
und das Judentum, das seine ghettohaste, innere Einstellung
mit einem modern-literarischen Mäntelchen behängen lvill,
und nicht zuletzt und nicht minder treffsicher selbst das na¬
tionale Gebilde der Zionisten in Palästina werden zur Ziel¬
scherbe seiner lächelnden Satire. Bolschewisten, Juden, Liebe,
Religion, Deutschland, Polen, Franzosen, Engländer, Zio¬
nisten, Proletarier und Kapitalisten, Gericht und Strafvollzug
und hundert andere Dinge dienen ihm als Objekt. Dem
zionistischen Wesen widmet er die lustigen Kapitel, gleich
drei (38., 39., 40.). Und schließlich stirbt er, der arme
Roitschwantz, bei Rahels Grad.
Tort endet das „bewegte" Leben Roitschwantzs. Sein
Leben war im doppelten Sinne „bewegt". Nirgends zu Hause
und niemals ruhig und „bewegt" von innerlichsten Gefühlen!
Und Jlja Ehrenburg beerdigt rhn mit der Grabschrist: „Ruhe
in Fneden, armer Roitschwantz! Länger wirst du nicht von
der großen Gerechtigkeit träumen und auch nicht von einem
Zipfelchen Wurst!" — — ~~
Ein vergnügliches und dabei nachdenkliches Buch! Voll
Lachen, aber auch voll verhaltener Kritik und voller Sprach¬
kunst. In einem Vorwort teilt der Uebersetzer mit, was der
Kunst-Inhalt dieser, in ihrer Eigenart für Fremde ne um,
für Juden aber nicht ganz unbekannten, Sprachschöpsung
ist. Lasik ist ein Ghettojude, talmudisch aufgezogen." Tie
Verheerungen, die das nme bolschewistische Pathos beim Ein¬
bruch in die abgeschlossme Mische Borstellungswelt anrichtet,
sind enorm. Tie Phraseologie des unverdauten Marxismus
und Leninismus vermischt sich unmittelbar mit der alt¬
jüdischen Lebenstlugheit!" Das gibt eine neue Form und eine
neue sprachliche Behandlungsweise, die durchaus' ironisch und
künstlerisch ist. Schließlich hat man die Empfindung, daß die
Sprache Roitschwantzs Rettung ist. In aller Verwirrung
und allem Erleben: „Sie ist das wichtigste Element dieses
Romanes, der nicht nur Persiflage, sondern zugleich Traum
ist." Aber kein Traum mit mystischem Inhalte, sondern ein
Traum aus dem wir lächelnd und irgendwie angeregt er¬
wachen!
*
Damit wäre ja meine herzliche Empfehlung für das
außerordentliche Buch, des berühmten jüdischen Dichters Jlja
Ehcenbucg fast zu Ende! Aber vom jüdischen Standpunkte
habe ich noch einige Bemerkungen meiner Kritik anzuhängen.
Es gibt jüdische Kritiker, die dieser „empfindsamen Reise"
des „bewegten" Lasik Roitschwantz, gerne zugestehen wollen,
daß sie lustig und gescheit ist und Scherz, Ironie und tiefere
Bedeutung mit einem Hellen, jüdischen Spott vermischt. Aber
alles in der Welt darf man kritisieren und mit gütig zwinkern¬
den Schalksaugen anschen - — — nur das Judentum,
lies: Ghettojudmtum, nicht! Das ist unverletzlich! Trotzdem
es so viel Handhaben zur Selbstironie gibt!
Und sie wollen mit ihrer putzigen Mentalität... nur
Roitschwantz ist ihr gewachsen... die Absichten Ehrenburgs
mißverstehen! Bis zum letzten Atemzug ist Roitschwantz
Jude, allerdings kritisch« Jude. Er sprüht von jüdischem
Witz, alles ist köstlich von ihm in Besitz genommen... nur
bei dem anachronistischen Ghettojudentum soll er stehen bleiben
und sich verbeugen... und da sollen seine überschauen Augen
nichts sehen. Das vertragen arme, jüdische Herzen mit
der Feder nicht!
Und so gibt es Juden und jüdische Kritiker, die gegen
dieses Buch schweres Geschütz, auffahren und ihm jüdisches
Verstehen absprechen! Auf solche „Juden" nimmt natürlich
Roitschwantz in seinem ganzen Leben keine Rücksicht, wie er
auch keine Rücksichten nimmt auf alles andere der anderen
Konfession! Er hat ja Größeres als das Ghetto im Auge,
auch Luftigeres! Seine Grabschrist sagt alles: Er war glühend
vor Gerechtigkeitssehnsucht und hatte dabei ewigen unstillbaren.
Materiellen Hunger! Wie soll man da nicht ein Philosoph
werden... wenn man dazu Jude ist? Gerade so sollen ihn
alle, aber zuerst jüdische, fortschrittliche Leser verstehen!
Sei mir gegrüßt, munterer, kluger, aber so hungriger
Lasü Roitschwantz!
Siegmund Reis- Hindenburg.