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treten werden, aber wenn die Mauern gar zu hoch sich
erheben, dann kann die Sonne nicht hineinstrahlen und
der dumpfe und lichtlose Garten geht zu Grunde: ist dann
der schuld, der den Rat erteilt: Errichtet einen Zäun um den
Garten? Nein, der verschuldet das Nebel, der den verständigen
Rat unverständig ausgeführt hat.
Selbst die alten Lehrer des^Talmud, die doch selbst so
vrel dazu getan haben, um die Last des Gesetzes zu mehren,
haben nicht in den Gnzelheiten der religiösen Uebung, die
Religion gefunden, sondern zu dem Kapitel an der Spitze
des dieswHchentlichen Schriftabschnittes (R'e) lesen »vir die
Bewertung des Talmud: „Wer zum Götzendienst sich bekennt,
der hat die ganze Thora geleugnet, wer aber die Götzen
leugnet, der hat sich zur ganzen Thora bekannt." So'hat
selbst der Talmud den nur nebensächlichen Wert der Satzung
erkannt, die wesentlich auf ihm beruht.
Wie viele aber selbst in unserer Zeit sind tatmudischer
als der Talmud und wenden die ehrwürdigste Bezeichnung:
„Gotteswort" auf Satzungen an, die ihren menschlichen und
vergänglichen Charakter deutlich, man möchte sagen unver¬
kennbar, an der Stirne tragen.
Ter Prophet Hesekiel tadelt einmal die Priester und
Propheten in den heftigsten Ausdrücken und macht sie vor
allem verantwortlich für das Unheil, das über die Juden
hereinbrach; an dieser Stelle klagt er, daß sie die Thora ver¬
gewaltigen, daß sie zwischen Heiligem und Unheiligem nicht
nicht unterscheiden, daß die Propheten Trug übertünchett,
„sie sagen: so spricht der ewige Gott und Gott hat garnichit
geredet". Gibt es etwas Heiligeres als Gotteswort und
gibt es darum etwas Heilloseres als ein Menschenwort ein
göttliches zu nennen?"
* ^ *
„Aber wenn Gott das schlimmste verhütet, so sollen
wir, soweit wir es vermögen, dafür sorgen, daß auch das
Schlimme nicht eintritt, daß der Feindschaft gegen uns
die Waffen entwurden werden. Tie Aufgabe ist nicht leicht;
»vir sollen zusammengchen mit den Lanöesgenossen und doch
auch nicht aufgeben und doch nicht verschwinden in dieser
Gemeinschaft; gesellig und bürgerlich sollen wir uns nicht
sondern und dennoch unsere religiöse Sonderung wahrer:.
Nicht alles, was Nicht-Juden tun, ist darum unjüdisch; nicht¬
jüdisch mag es sein, aber wenn es gut ist, so soll es jüdßsch
werden. Tie Religion ist eine Herrscherin in unserem Leben,
aber sie ist nicht 'Alleinherrscherin und selbst das Macht¬
gebiet, das das Judentum für sich in Anspruch nimmt,
gehört ihm nicht ausschließlich; viele Gebiete sind den reli¬
giösen Bekenntnissen aller zivilisierten Nationen gemeinsam.
Ter Talmud selbst will keineswegs alles Fremde von Israel
sernhalten; ein weiser Lehrer sagt: „Eininckl tadelt der Pro¬
phet Hesekiel an seinen Zeitgenossen, daß sie die Sitte der
Nachbarvölker einführen, und ein anderes Mal ivirft er
ihnen vor, daß sie diese Sitten nicht nachahmen. Wie ist
das zu erklären? Und der Talmudtehrer löst den Wider¬
spruch wie folgt: Tie Zeitgenossen des Propheten ahmten nur
das Schlechte und die Schlechten nach, das Gute und die
Guten ahmten sie nicht nach.
Tiejenigen unter uns, die jeden Vorschlag zur Hebung
des religiösen Lebens nur deswegen ableynen, weil er sich
an fremde Vorbilder anlehnt, sind jedenfalls frömmer als
der Talmud, als R. Josua, der nichts dagegen einzuwrnden
hat, daß wir von Fremden das Gute lernen. Weise ist,
der von jedem lernt; der kundige Gärtner sieht es als eilten
Triumph seiner Kunst an, wenn er eine Pflanze des Südens
in den nordischen Boden setzt und sie dort sich gedeihlich
entfaltet; wie armselig wären unsere Aecker und Gärten,
wenn dort nur Anpflanzungen wüchsen, die von feher dort
angebaut worden sind; und in unseren Geist und in unser
Herz und in unsere Religion sollten wir nicht alles Gute und
Schöne aufnehmen, wenn es unserem Boden gemäß ist?
Nicht abschlleßen, sondern anschließen ist unsere Losung."
„Vier Aussprüche, so lesen wir im Talmud, vier Aus¬
sprüche hat Mose verkündet, da kamen vier Propheten und
haben sie aufgehoben. Bevor wir noch auf diese Aussprüche
im Einzelnen eingehen, — schon dieser allgemeine Gedanke,
daß spätere Propheten aufheben können, was ein Mose ver¬
kündet, verdient ob seiner Kühnheit unsere volle Aufmerk¬
samkeit. Welch einen Lärm würden wohl unsere Glaubens¬
wächter, deren Blick stets auf die Vergangenheit gerichtet ist
und die der Gegenwart den Rücken kehren, erheben, wenn ir¬
gend ein moderner religiöser, Denker die Meinung ausspräche,
daß die religiöse Erkenntnis, die Ansicht über die Auf¬
gaben und das Schicksal Israels, des Gottesvolkes, in man¬
chem Punkte über Mose hinansschreiten könnte. Verrat am
Heiligsten wäre wohl das mindeste, dessen man ihn bezich¬
tigen möchte. Nun aber sagt es kein Moderner, sondern R.
Joseh bar Chanina und es steht geschrieben im Talmud, im
Traktate Makkoth. Es wäre auch gar zu seltsam, wenn,
da doch alle Erkenntnis sortschreitet, gerade,die Religion stehen
bliebe, da sie doch vielmehr dazu berufen ist, dem Strome
gleich, alle die geistigen Nebenfluten, die auf den verschieden¬
sten Gebieten entsprungen und wachsen, in sich aufzunehmen
und zu sammeln und sonach um so mächtiger zu werden, je
mehr die Geistesarbeit überhaupt zunimmt und leistet. Glau¬
ben wir nimmermehr denen, die Feindschaft setzen zwischen
dem freien Geist und der Religion. Es ist dre Schlange,
welche die Erkenntnis den Tod des Glaubens schilt.
Soll sich darum die Vergangenheit loslösen oder gar
losreißen von der Vergangenheit, aus der sie emporgewachsen
ist? Wir stehen auf dem Boden des mosaischen Judentums,
wenn wir auch unfern Sinn der Lehre der Geschichte nicht
verschließen, daß die spätere Zeit uns in vielem über Moses
hinausgeführt, in vielem freilich auch hinter Mose zurück¬
gedrängt hat."
„Wir wollen die Vorzeit nicht verleugnen, wir dürfen
stolz sein auf unsere Ahnen, aus unser Geschlecht von Dul¬
dern, denn: die Thora alles war. Fern ist es mir, einew
Vorwurf gegen die Alten anszusprechen, die sich in die neue
Zeit nicht finden wollen, nicht finden können. Als einst im
alten Rom ein Greis angeklagt wurde, begann er seine Ver¬
teidigung mit den Worten: Man könne sich vor niemand
vertetdigen, als vor denen, mit welchen man gelebt habe.
Aber trotz Mckem, was soll au£jbent Judentum werden, wenn
wir nur den Alten zu Willen sind, und aus die Jugend
keine Rücksicht nehmen? Wir wollen, daß dre kommenden
Geschlechter einziehen in das Land der Verheißung, daß Is¬
rael knospe und blühe, daß der . ganze-Erdball voll werde seiner
Frucht; aber dieses Zukunftsbild kann sich nur verwirklichen,
Versammlungskalender
Breslau.
Jli „Abraham Geiger". Mittwoch, den 29. Mai, 29.15 Uhr:
Gemütliches Beisammensein im Kurgarten, Kürasfierstraße; (Erich
Vulkan berichtet Über „Abwehrarbeit im sächsischen Wahlkampf"). —
Sonntag, den 2. Juni: Treff-Fahrt und kleine Tagung der Breslauer
und Rattbvrer Jlis in Oppeln. Treffpunkt: pünktlich 7.39 Uhr am
Saupleingang des Hauptbahnhofs, Sonnlagsfahrkarte 3. Klaffe bis
Oppeln.
Dortmund.
Mittwoch, den 29. Mai, findet im Gemeindehaus, abends 8.39
Uhr, der letzte Diskussionsabend statt. Konrektor M. Andorn, leitet
denselben ein mit einem Referat über: „Schule und Haus".
Frankfurt a. M.
Jüdisch-liberale Jugendgemeinfchaft. Samstag, den 25. Mai
1929, 17 Uhr, „Faust", Dr. Hvffmann, Untermainanlage 7. Nächster
Heimabend Dienstag, den 28. Mai 1929, 29.45 Ahr: „Religiöser
Liberalismus", Sitzungszimmer der Westendsynagoge.
Liberale Synagoge Norden, Schöuhanfer Allee 192. Jede« Freitag¬
abend liberaler Gottesdienst mit Chor und Predigt, vegi«« 19.15 Uhr
pünktlich. Freitag, den 24. Mai, Gottesdienst. Predigt: Rabbiner
Dr. Vogelstein. Sonnabend, den 25. Mai, vormittags 19 Ahr,
Gottesdienst. Predigt: Rabbiner Dr. Salomvnfki. Freitag, de»
31. Mai, Gottesdienst. Predigt: Rabbiner Dr. Blumenthal.
Sonnabend, den 1. Juni, vormittags 19 Uhr, Gottesdienst. Predigt:
Rabbiner Dr. Salomvnfki.
Berltn-Westend.
verein Liberale Synagoge Westend, Leistikowstraße 7-8 (Schul¬
aula», nahe Reichrkanzlerplatz. Jede« Freitagabend liberaler Gottes¬
dienst mit Chor «ab Predigt. Beginn 19.15 Uhr pünktlich. Freitag,
den 24. Mai, Gottesdienst. Predigt: Rabbiner Dr. Cäsar Selig¬
mann, Frankfurt a. M. Freitag, den 31. Mai, Gottesdienst.
Predigt: Rabbiner Dr. Klein.
Berlin-Wilmersdorf.
Liberal« Synagoge Wilmersdorf (in der Aula der Cäeilienfchule,
Rikolsburger Platz»: Jede« Freitagabend liberaler Gottesdienst mit
Chor und Predigt. Beginn 19.15 Uhr pünktlich. Freitag, den
24. Mal, Gottesdienst. Predigt: Rabbiner Dr. Wiener. Freitag,
den 31. Mai, Gottesdienst. Predigt: Rabbiner Dr. Salomvnfki.
wenn wir es einprägen den Gemütern unserer Jünglinge
und Jungfrauen.
Dürfen wir zaudern, die alte, unabänderliche, religiöse
Wahrheit in ein Gewand zu kleiden, durch welches sie der
modernen jüdischen und ntchtjüdischen Welt gefälliger und
angenehmer erscheint? Unsere Alten sagen: Daheim gilt
der Name, draußen das Kleid. Das gilt auch von der
Religion. Es ist wichtig, für das Urteil der Welt, für
die Empfänglichkeit unserer Jugend, in welchem Kleide sich
die Religion zeigt, in welchen Formen sie ihnen entgegen¬
tritt. Soll und kann denn von der alten Wahrheit ein
Deut geopfert werden? Nimmermehr! Mer wi-e der beste
Mann auffällt und vielleicht sogar mißfällt, wenn er im
altmodischen Gewände einherschreitet, so soll auch die alte,
in ihrem Kern ewige und unabänderliche Religion das
Kleid der Zeit tragen, damit sie von der Jugend, die am
Altertümlichen Anstoß nimmt, willig und freudig ausge¬
nommen werde.
Rabbi Meir sagt: Es gibt ein neues Faß voll alten
Weines, und ein altes Faß, das nicht einmal neuen Wein
enthält. Wahrlich, es gibt keine bittere Ironie für manches
starre Festhalten an alten Formen, als dies Talmudwort:
Ein altes Faß, das nichts oder gar verkommenen Trunk ent¬
hält. Und es gibt keine würdigere Empfehlung für manche
neue, für das Heranwachsende Geschlecht bestimmte Einrich¬
tung als das Gleichnis Rabbi Meirs: Ein neues Faß voll
alten Weines.
Wir lesen in der heiligen Schrift, wie Gott über die
Israeliten, die eben aus Aegypten gezogen waren und zu
feig sich zeigten, um den Kampf mit den Kanaanitern auszu¬
nehmen und das Land der Verheißung zu gewinnen, das
Strafurteil fällt: in dieser Wüste sollt ihr sterben. Mer an
dies harte Strafwort schließt sich sogleich das erbauliche
Trosteswort: Eure Kinder, die bringe ich dorthin, ihnen
soll das herrliche Land zu eigen werden. Wieviele Eltern
ertragen es willig, ja fast freudig, in der Wüste zu leben und
zu sterben, wenn sie die Zuversicht hegen, daß ihre Kinder
einziehen werden in das Land, der Verheißung."
Allerlei Selksamkeiken
Von Joseph Kauffmann, Weißensee.
Die nachfolgende Zusammenstellung wird auch den¬
jenigen Lesern unserer Zeitung interessant sein, die nicht
in allen Punkten dem Verfasser zuzustimmen vermögen.
Wir behalten uns vor, abweichende Ansichten in unserm
Blatte demnächst zum Abdruck zu bringen.
Die Redaktion.
Ter Vater eines meiner Schulfreunde war Stadt-Bau¬
meister. Er fragte mich einst, weshalb wir Juden für unsere
Synagogen den maurisch-orientalischen Stil bevorzugen. Er
könne wohl verstehen, daß die Nachkommen der spanischen
Juden an einer alten, überlieferten Gewohnheit hingen, sähe
aber keinen Grund für solche Vorliebe bei den deutschen
Juden. Ich konnte ihm keine Antwort gebm, aber die
Frage gab mir zu denken. Als ich nach der Schulzeit Gele¬
genheit hatte, in der Welt herumzufahren, reiste die Frage
mit mir. In fast allen größeren deutschen jüdischen Ge¬
meinden fand ich die neueren Synagogen in einer mehr oder
weniger mit maurischer Architektur vermischten Stilart erbaut,
ich konnte eine treffende Erklärung für diese Eigenart nicht
erlangen.
Wir deutschen Judm haben doch niemals unter mau¬
rischer Herrschaft nick unter dem Einfluß maurischer Kunst
aelwt. Auch unsere Vorfahren in Palästina und Babylonien
standen unter yauz anderen Eindrücken. Was konnte unseren
jüdischen Architekten und Gemeindeverwaltungen zu solcher
seltsamen Bauweise bewegen? Wäre es' nicht richtiger ge¬
wesen, einen deutschen oder wenigstens einen westeuropäischen
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i 7i ahrhuft.
Stil zu wählen? Natürlich konnten die Kirchenbauten nicht
als Vorbild dienen — aber warum gerade die Moschee?
Durch diese Seltsamkeit wurde auch mein Blick für
andere jüdische Seltsamkeiten geschärft, je mehr ich beobachtete,
desto mehr fand ich. Aber diese anderen Seltsamkeiten haben
immerhin Beziehungen zu unserer Vergangenheit, sie beruhen
auf Ueberlieserungen, teils mehrhündertjährigen, teils sehr
alten, mehr als tausendjährigen. Sie sind stehen gebliebene
Schildwachen aus der Vergangenheit.
Wir haben seltsame Ansichten über den Gottesdienst
von unseren Vorfahren übernommen. Unendliche Anhäufung
von Gebeten, ständige Wiederholungen eines und desselben
Gedankens, und häufige Wiederholungen gleicher Gebete füllen
den Gottesdienst. Zu diesem ist nur der Mann voll berech¬
tigt, die Frau aber ist nur zum Zuhören geduldet. Auch
die katholische Kirche nimmt seit altersher solchm Standpunkt
ein. Aber sie hat wenigstens das Orientalisch-Sexuelle ab¬
geworfen, den Haremsgedanken, bei uns ist er leider noch
vorherrschend. Recht veraltet sind auch die Mizwot und
Aliot, das Aufrufen, Ladeöffnen, Thora ausheben und Wickeln,
die als Ehrenämter gelten und für Geld zu haben sind. In
vielen Synagogen hat man neben der Ehre noch das Recht,
sich öffentlich eine besondere Empfehlung an den lieben Gott
erteilen zu lassen; dieser Mischeberach wird wieder von einer
Geldspende begleitet. In manchen kleineren Gemeinden ist
es Sitte, am Nachmittag des achten Tages des Hüttenfestes
eine reguläre Auktion der hauptsächlichsten Synagogenämter
zu veranstalten. Da erwirbt ein Meistbietender das Recht,
während des kommenden Synagogenjahres den Kidduschwein
liefen: zu dürfen, ein anderer, für die Beleuchtung tzu
sorgen. Tann kommen die Ehrenrechte am Simchat Tora
an die Reihe. Am gesuchtesten ist der Chosson bereschit, der
nach der Ueberlieferung einem der Würdigsten und Gelehr¬
testen gebührt. Ta aber die Würdigsten und Gelehrtesten
selten das dickste Portemonnaie haben, so kommt in der Regel
der größte „Kowedjäger" zu der Ehre. Ein seltsamer Um¬
stand .(ich hätte beinahe gesagt Unfug).
Sehr viel ließe sich über den Gottesdienst sagen, aber
darüber ist schon so viel geschrieben, daß Wiederholungen
langweilig sein würden. Es sollte ja auch nur von Selt¬
samkeiten die Rede sein. Seltsam ist das Hereinführen der
Trauernden in die Synagoge nach dem letzten Verse des
Lecho dodi und die feierliche Ansprache an dieselben. Wer
das wohl seit der Aufnahme des Lecho dodi, die vor etwa
300 Jahren erfolgte, ansgeheckt hat? Weil der letzte Vers
mit „Komme in Frieden" beginnt, ist diese schöne Sitte
eingeführt. Man begrüßt damit den Sabbat, aber herein
tritt ein Leidtragender. An Wochentagen schlägt man sich
bei dem sechsten Segensspruch der Tefilla mit der Faust einige
Male kräfttg aus die Brust, weil man um Sündenvergebung
bittet. Diese seltsame, wahrscheinlich orientalische Sitte ist
auch zu einer Gepflogenheit der deutschen Sprache geworden.
In der Bibel steht einige Male „Ziehe die Schuhe von deinen
Füßen, denn der Ort, auf dem du stehst, ist heilig". (Moses,
Josua.) Der Moslem betritt die Moschee nur barfuß. Der
Jude zieht am Jom Kippur und 9. M auch die Stiefel
aus, aber er zieht Filzschuhe an, da er sich sonst erkälten
könnte. Die Rabbiner haben erllärt, „ohne Ledersohle kein
Schuh". Am siebenten Tage des Hüttenfestes schlägt man
seine Sünden symbolisch durch Weidenzweiae ab, am Rosch
Haschonoh wirft man sie in fließendes Wasser in Form von
Brotkrumen, und am Vortage des Jom Kippur schwenkt man
einen lebendigen Hahn um den Kopf und ruft: „Dieser Hahn
wird zum Tode gehen, ich möge aber zum Leben bestimmt
sein." Nachher wird der Hahn geschlachtet nnb aufgegessen.
Wie dumm muß man in der Zeit gewesen sein, als solche
Sitte Eingang finden konnte! Wie dummgläubig waren aber
auch die nachfolgenden Geschlechter.
Im Altertum war es Sitte, die Verstorbenen drei Tage
in einer Felsnische aufzubewahren und öfters nachzusehen,
ob sie nicht vielleicht scheintot seien. Erst nach drei Tagen
wurden sie begraben. In Polen entstand die Sitte, die
Beerdigung am Todestage, spätestens am folgenden Tage
vorzunehmen. Durch polnische Rabbiner kam die Sitte nach
Deutschland. Schon Moses Mendelssohn hat sich in einem
Gutachten energisch, dagegen ausgesprochen. Und heute blüht
sie wieder! Ein polizeilich abgestempeltes ärztliches Attest
genügt, um eine sofortige Beisetzung herbeizuführen. Irren
ist menschlich, ein Arzt kann sich vielleicht auch einmal irren.
An manchen Tagen des Jahres sollen keine Leichenreden ge¬
halten werden, aber sie werden doch gehalten, der Redner
beginnt mit der Erklärung, daß eine Trauerrede nicht statt¬
haft sei — und dann hält er sie doch.
Auch unsere Trauervorschriften beruhen auf orientalischem
Gebräuchen. Kann man überhaupt Trauergebräuche vor¬
schreiben? In gewissen Fällen ja. Als die Trauersitten
durch außerordentlichen Aufwand und Pomp zu einem Un¬
fug und einer wirtschaftlichen Gefahr geworden waren, gab
Rabban Gamliel II. durch seine testamentarischen Anordnun¬
gen für seine Beisetzung das Beispiel und dadurch die all¬
gemeine Anordnung für die Einfachheit der Beerdigung,
die jetzt noch im Großen und Ganzen gültig ist. Von ihm
stammt die jetzt noch übliche Leichenkleidung und der.schmuck¬
lose Sarg. Es gibt aber auch Trauersitten, die in einer
bestimmten Zeit und Umgebung entstanden sind und uns heute
seltsam oder auch unangebracht erscheinen müssen. So war
es schon in frühbiblischen Zeiten Sitte, bei einer Trauernach¬
richt seine Kleider zu zerreißen und sich auf die Erde zu
setzen. Heute machen wir noch einen Riß in das Oberkleid
und setzen uns auf eine Fußbank oder einen Kmderstuhl.
Sieben Tage sollen wir Schiwoh sitzen, den Bart nicht ab¬
nehmen, nicht baden und die Wäsche nicht wechseln. Wer's
mag, der mag's, und wer es nicht mag, mag's ja wohl nicht
mögen. Uebertriebene Trauer zügeln zu suchen, ist gewiß