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rnih'rft. Tw Mävcheit sollen durch das gemeinsame Leben mit
ihren Altcrsgcnossinnen uird mit den Bewohnerinnen des Beate Gull
mann-Heims, sür deren Wohl sie zu sorgen haben, lernen, sich der
jüdischen Gemciniischasl einzusügen.
Unsere Anstalt erstrebt, mie der Prospekt zeigt, die behördliche
Anerkennung der Abschlußprüfung als Hausgehilfin.
Außerdem soll erreicht werden, das Schuljahr der Haushab-
tungSschule als praktisches Jahr sür alle höheren Be
rufe zur Anrechnung zu bringen, die eine Hauswirtschaft
liche Ausbildung erlangen.
Tie Schule gibt Gelegenheit zur Vorbereitung sür das eigene
Heim durch Eiuzclkurse im Loche» und in Hauswirtschaft.
.Heim und Schule werden streng rituell geführt werde».
Zu jeder näheren Auskunft ist das Kuratorium gern bereit.
Anfragen sind zu richten an Frau Sternberg, Breslau, Lindenallee 6.
Dauzig. (O e f s e N l l i ch e Vorträge in der Haupt -
s y u a g o g c.) Auf Anregung des Gemeinderabbiiicr-s Tr. Grün
haben die hiesige» Gemeindelötperschnften beschlossen, in der Haupt'
syuagoge öffentliche Vorträge über Sinn und Wesen des Judentums
halten zu lassen. Ter erste Vortrag sindel am 15. Januar statt.
Es spricht Rabbiner Tr. Grün über „Tie Religion der Propheten".
Halle a. d. S. (Neuer jüdischer Friedhof.) Nordöft-
lich des halleschcn blertrandensriedhoses an der Bölckestraße erhebt sich
der neue Bau der jüdischen Friedhosshalle, vom Architekten Wilhelm
Haller aus Leipzig errichtet. Tie feierliche Einiveihutig des neuen
Friedhofes, zu der neben den Genicindeniitgiiedern Vkrlreter der
Behörden und Kirchen erschienen waren, fand am Bußtage statt.
Nach der Schlüsselübergabe des Architetten an Herrn Mainzer, deir
ersten Vorsteher, übernahm dieser mit einer kurzen Ansprache de»
neuen Friedhof in Obhut. Tarnach hielt Herr Rabbiner Tr. Äahtberg
die tief zu Herzen gehende Weihcrede. Er sprach im Anschluß an die
Friedhofsinschriften über den Sinn dc-s Lebens, der uns im ,..Hause
des Lebens" erst recht ausginge. Orgelspiel und besang umrahmtet» die
überaus ivürdige Feier, die einen nachhaltigen Eindruck bei alten
Antvesruden hinterließ. Airs Anlaß der Weihe hat der Vorstand
eine Festschrift herausgegeben, i» der eiuzelue Mitglieder des Bor
standcs über das Friedhofsweie» und andere Verioallnngszlveige
sprechen, ivährend ein Leipziger Archilekt den Bau eingehend ivnrdigi.
Leipzig, (G e m e i n d e s l tz u » g.) Am 19. b. Mts. fand eine
tKemeindesitzung statt. Ter Vorsitzende teilte zunächst mit, daß gemäß
einem in einer nichtöffentlichen Geineindesitziing gefaßten Beschluß
Herr Chaim Eitingon gelegentlich seines 70. Gebiinslages ivegen
feiner Verdienste um die Gemeinde und um das Jndeninm zun,
Ehrenmitglied der Gemeinde ernannt worden sei. tteber die höchste
Ehrung, die die Gemeinnde zu vergeben hat, ist dem Jubilar eine
Ehrenurkunde überreich! worden. - Nach Eintritt in die Tages
ordnung wird über die Feststellung des Steuersatzes für das Jahr
102!) gesprochen. Ter Finanzdezernent berichtete über die 'fahlen
der Steuerallfkommen und teilte mit, daß das Sreuersvll der Ver
aulagten für die Neichseinkommensteuer von 1926 RM. 6,5, Mil
lionen beträgt. An Gemeiiideanlagen sür 102!) seien rund RM.
i»O0 000,— auszubringe», Inas einem Steuersatz von 12 "n eiilsptäche.
Im Jahre 1026 haben MOD Steuerzahler RM. 588 000,—■ anszu
bringen gehabt. Von dieser Summe zahlten 600 Veranlagte RM.
.011 000,—, während die restlichen RM. 77 000,-- auf 2600 Steuer¬
zahler entfielen. In der entscheidenden Sitzung des Finanzausschusses,
die sich mit den Vorarbeiten für die Festsetzung des Steuersatzes
beschäftigte, hätten die Vertreter der Jüdischen Volkspartei gefehlt.
Ties sei umso bedauerlicher, als gerade diese sür eine Herabsetzung
des Steuersatzes stets eingetreten seien, was aber nach Lage der
Tinge unmöglich ist. Ter Vorsitzende betonte, daß die Aussichten
für di? Zukunft recht trübe seien. Ter Vorstand könne es nicht
verantworten, eine Ermäßigung des Steuersatzes vorzuschlagen. Na
inens des Vorstandes beantrage er eine Festsetzung aus 12 »o. Ein
Vertreter der liberalen Fraktion erklärte, daß man zwar die Absicht
hatte, den Steuersatz auf 10 "d zu ermäßigen. Man habe aber
etugesehcn, daß es angesichts der augenblicklichen Lage unmöglich
sei, damit auszukomme». Im Namen seiner Fraktion unterstütze
er den Antrag des Vorstandes. Ter Vertreter der Jüdischen Volks-
Partei stellte sich auf den Standpunkt, daß 10 genügen müßten.
Man möge die hohen Losten sür die Verwaltung und die Fürsorge
abbaucu. Wegen des bestehenden Wahiunrrchts gingen keinerlei nam
hafte Spenden ein, die das Slencrauflommen entlasten könnten.
In, Aufträge feiner Fraktion beantrage er, den Steuersatz auf 10 ';>j
zu ermäßigen. Ter Vertreter der Poale Zion war im Gegensatz
dazu der Meinung, daß man das Wahlrecht nicht mit dem Steuer¬
satz verknüpfen tonne. Wenn man mit 10 11 n nicht nustvmme,
müssen 12 o'o festgesetzt werden. Ein Vertreter der liberalen Frak¬
tion behauptete, daß im Fernbleiben der Vertreter der Jüdischen
Volkspartei von der entscheidenden Sitzung des Finanzausschusses
System liege, um sich der Verantwortung zu entziehen. Auf Antrag
der Fraktion der Jüdischen Volkspartei sei seinerzeit eine Spar
kommission eingesetzt worden, die aber bis setzt nichts erreicht habe.
Man habe eine Aktion zur Beschaffung freiwilliger Spenden ange
regt, es sei aber kein Geld eiiigcgangen. In erster Linie hätten
diejenigen die Pflicht, Spenden zu überweisen, die große Geschäfte
im Auslande hatten und hier nur zu einer niedrigen Steuer veran¬
lagt würden. Atich er unterstützt den Antrag, den Steuersatz auf
12 dp festznsetzcn. Tagegen betonte der Vertreter der Jüdischen
Volkspartei, daß man in Berti» unter den jetzigen Verhältnissen
nur 10 o-o nehme und mit diesem Satz noch Ucbcrschüsse erzielt
habe. Der Vorsitzenoe erwidert ihm daraus, daß vor dem jetzigen
Regime die liberalen Vertreter in Berlin Werte geschaffen haben,
wovon die (Mcmeiubr noch zehre. Tiefe Werte haben lange vor
der Herrschaft der Volkspartei bestanden. In feiner Antwort hierauf
gab der Vertreter der Volkspartei zu verstehen, daß er diese Werte
anerkenne, aber die letzten ztvei Jahre in Berlin hätten gezeigt,
das; man auch bei einem niedrige.i Steuersatz Werte schaffen könne.
Ein Mitglied des Vorstandes betonte, daß cs sich hier nur darum
handele, die im Haushalkplan bewilligten Ausgaben zu decken. .Hier¬
zu sei aber eine Festsetzung des Steuersatzes auf 12 »t, erforderlich.
Tcr Antrag des Vorstandes ivnrde schließlich gegen 3 Stimmen
an genommen. — Ter Gemeinde verorduete Stein hat in einem Schrei
beit um Enthebung von seinem Amte gebeten. Ein Vertreter der
liberalen Fraktioti beantragt, inan möge beschließen, .Herrn Stein zu
bitten, daß er sein Amt behilte, da er, wenn er auch nicht seiner,
sondern der orthodoxen Partei angehöre, stets die Interessen der
Gemeinde in bester Weise vertreten habe. Nach inrzer Aussprache
wird der Antrag gegen 1 Stimme attgeuommen. — Aus Antrag
des Vereins Ohel Jacob »vurdc beschlossen, die Tilgung der ihr
getvährten Hypothek auf 1 Jahr zu stunden. — Der Vertreter der
Poale Zion führte darüber Beschwerde, daß es seiner Partei ver¬
weigert worden sei, ein von ihr herausgezebenes Flugblatt dem Ge
meiudeblatt bciztitegc:'.. Ter Vorsitzende ertvidert, daß die Entschei¬
dung hierüber tticht dem Gemcittdevorstand zugestandeit habe, sondern
einzig und allein dem Gemcindeblaltausschuß. Das in der Ver
sammlung anwesende Mitglied dcs Gent.'it'.deb.attausschnsses stellte
fest, daß das Flugblatt viel zu spät zur Vorzensur cingereicht worden
fei. Sachlich habe es aber derartige ^Angriffe gegen die übrigen
Parteien enthalten, daß man es unmöglich verantworten konnte,
den Mitgliedern der Gemeinde mit dem Gcmeindcbiatt zuzustellett.
Ti? Schtr'd an dieser Angelegenheit falle allein aus die Poale Zion
zurück. Nach Verlesung eines Berichtes des Schristleicers des Ge
m-eindeblottcs über den .Hergang der Sache entgegnete der Vertreter
tzcr Poale Zion, daß in dem Flugblatt keine beleidigenden Stellen
entha.-e!'. feien. Er beantragte, zufatnmen mit ihm einen drei¬
gliedrigen Ausschuß einzusetzett, um den Inhal! des Flugblattes
Punkt für Punkt dnrchzusprechen. Durch das Verbot der Beilcguttg
ln seine Partei bei der Wahl um ein Mandat gebracht worden.
Ter Antrag wird gegen 2 Stimmen abgclehnt.
Lever». (Todesfall.) In Münster entschlief im Alter von
84 Jahren der frühere Vorsteher hiesiger Gemeinde Alex Löwen stein.
Wie sein Vater, dem die Gründung der Gemeinde und die Er-
bauutm w Synagoge zu verdanken ist, so hat auch der Entschlafene
- lter hindurch die Interessen der Gemeinde mit großer
■: und unermüdlicher Hingabe vertreten. Die Nach
zgang oes allgemein geachteten Mannes- hat daher liefe
Teilnahme geweckt; ein ehrendes Gcdeitken bleib! ihm über das Grab
hinaus bet allen, sie sein, gemeinnütziges Wirken zu schätzen wußten,
gesichert.
Myinz. Wissenschaftlicher Kursus der Rabbiner
der süddeutschen Landesverbände.) Ter wissenschaft¬
liche Kursus der Rabbiner der süddeutschen Landesverbände, welcher
vor einigen Jahren auf Anregung der israelitischen L-andesorgani-
sation Badens ins Leben trat und bisher in Karlsruhe und Nürnberg
geragt hat, fand sich in diesem Jahre auf Einladung des hrsfischen
Landcsverkmndes in Mainz zusammen. Dieser Kursus, der unter
der Leitung des .Herrn Rabbiners Tr. S. Lcvy-Mainz stand, wurde
am Sonntag, den 15. Dezember d. Js., abends, in den Räumett
des Mainzer Gemeindehauses eröffnet, wobei er vom Borsitzeuden
des Landesverbandes der israelitischen Religiottsgemeindcn Hessens,
Herrtt Kommerzienrat B. A. Mayer, von Herrn Kommerzienrat
Kronenbcrger im Aufträge der israelitischen Rcligioitsgcmcmde Mainz
ttnd von Herrn Henry Meyer im Aufträge der Rhenusloge Mainz
begrüßt »vurdc. An dem Kursus beteiligten sich zahlreiche Rabbiner
der vser süddrutscheu Landesverbände Baden, Bayern, Hessen und
Württemberg, außerdem hatten sich Rabbiner aus benachbarten Ge
meinden des preußischen Gebietes, wie Frankfurt, Kreuznach und
Wiesbaden, cingefundcn. Am Montag, den 16. Dezember, hielt
zunächst .Herr Professor Dr. Schmicdtgcn, Direktor des Nalurhisto-
rischcn Museums Mainz, eine Vorlesung über das Thema „Vom
Werden des Bodens und des Menschett am Mittelrhein" und an
schließend hieran Herr Universitätsprofessor Tr. I. Horovih Frant-
fnrt a. M. über das Thema „Tic neuesten Ausgrabmtgen in Babylonien
und Palästina". Sowohl an den ersten, paläontologischen, tvie an
den zweiten, archäologischen, Vortrag knüpfte sich eine rege Aus
spräche. Ten Montag Nachmittag benutzte» zahlreiche Tcilitehmer
zur Besichtigung des jüdischen Teiikmalsricdhofs in Maiixz oder
der Altertümer der nahen Geineinde Worms. Am Dienstag, den
17. Dezember, früh, referierte Herr Rabbiner Tr. S. Levi-Mainz über
„Krisis in der Predigt". Auch dieses Referat gab zu einer regen
Aussprache Anlaß. Tie anschließende Vorlesung des Herrit Universi
lätSprofeisor Tr. phit. et med. Erich Stern, Vorsteher des Mainzer
Instituts für Psychologie und Jugendktttide, über „Tic neueren
Strömungen in der Psychologie der Seelsorge" fand so starke Be¬
achtung, daß der Beschluß gefaßt »vurdc, sie durch Drucklegung
weiteren Kreisen zugänglich zu machen. Ebenso soll der religions-
gesetzliche Vortrag des Herrn Tr. Bialoblotzki, Lektor an der hessi¬
schen Landesiniivcrsität Gießen, über „Die Beziehunge» des Juden
tnins zu Prosciyten und Proselytenrum", der daS einschlägige Ma¬
terial unifassend und gründlich behandelte, dem Truck übergeben
Uh’vbctt.
Tiefer ivissenichastliche K ursus wurde von verschiedeucn Seiten
als eine zeitgemäße Fortsetzung der im früheit Mittelalter wieder-
holl in Mainz zuiantmeiigelreieiiet, Rabbinersyiiodei, bewertet. Tie
Mainzer Gemeinde und Mainzer jüdischen Vereine übten, in berech¬
tigte»» Stolz aus diese Tagung, den rabbinischen (Kästen gegenüber ihre
oft bewährte Gastfreundschaft. Ter nächstjährige wissenschaftliche Kur
sns soll in einer würtlembergische» Gemeinde abgehalten iverden.
Mainz. (T a g u n g des Süd tu e st beut s ch c n Rabbi
n e r v e r b u n d e s.) Tie Mitglieder des Südwestdeulscheu Rabbiner -
Verbandes trafen sich am Sonntag, den 15. Dezember, zu ihrer
dritten Jahresversammlung in Mainz. Anstelle des erkrankten ersten
Vorsitzenden, Pinkus Heidelberg, begrüßten Rabbiner Dr. Seligmann--
Frantfurt a. M. und Lcvy-Mainz die Erschienenen.
In» Mittelpunkt der Verhandlungen stand das Referat von
Rabbiner Dr. Lazarus-Frankfurt. Es >var betitelt: „Ist Religion
lehrbar?" Der Vortragende wies ans die vor kurzem erschienene
Schrift von Rabbiner Dr. Eini! Schorsch-Hannover über „Die Lehr¬
barkeit der Religion" hin, hob ihren hohen wissenschaftlichen Wert
und ihre große Bedeutung für den Religionsunterricht, zumal auf
der Oberstufc höherer Lehranstalten, hervor und machte einige zusätz¬
liche und kritische Bemerkuttgcn zu den von Schorsch gegebenen
wesentlich theoretischen Ausführungen. Des weiteren behandelte der
Vortragende eine Reihe von praktischen Fragen des Religionsunter¬
richtes. Er betonte, daß in den letzten Jahren auch in Preußen
nach dem Vorgang fast aller übrigen Bundesstaaten der jüdische
Religionsunterricht dem der christlichen Bekenntnisse gleichgestellt und
als Kernfach dem allgemeinen Unterrichtsplan eingegliedert worden ist.
Dieser äußeren Erleichterung stehen aber eine Fülle von inneren
Schwierigkeiten gegenüber, die sich auf die Eigenarten der Schüicr-
schaft und auf mangelnde Ausbildung der in Betracht kommenden
Lehrpersoneii beziehen, wie denn auch die jüdische religions-päda-
gogische Literatur nur wenige wertvolle Leistungen anfzuwcisen hat.
Dementsprechend sind auch, von Austtahmen abgesehen, die Erfolge
des jüdischen Religionsunterrtchlcs, zumal auf der so wichtigen Ober¬
stufe höherer Lehranstalten. Der Berichterstatter erklärt, daß cs Sache
des „Rabbinerverbandes in Deutschland" ist, sich um die Bessenmg
dieser Zustände dringlichst zu bemühen, und beantragt die Einsetzung
eines ständigen rcligions pädagogischen Ausschusses beim „Rabbiner
vervand in Deutschland" zu eibiiteu. Ter Antrag wird einstimmig
angeitommcn.
Att den Vortrag schloß sich eine lebhafte Aussprache an. Rab¬
biner Dr. Freudentha: Nürnberg überbrachte die Grüße der Bayrischen
Rabbinertonferenz, während Rabbiner Dr. Baeck telegraphisch die
Wünsche des Allgemeineii Rabbinervcrbandcs übermittelt hatte. Nach
dem Schlußwort des Referenten sowie einigen vertraulichen Mittei¬
lungen erfolgte die Neuwahl. Zun» 1. Vorsitzenden tvurbe Lcvü-
Mainz, zum 2. Vorsitzendeit Lazarus-Wiesbaden und zum Schrift¬
führer Bienheim-Darmstadt bestimmt.
Nach den Verhandlungen fand eine Führung durch das Gemeinde--
Haus (Museum, Bibliothek Salfetds, Synagoge) statt.
Am Abend waren die Mitglieder gemütlich beisammen mit den
Teilnehmer n der wissenschaftlichen Kurse sür die Rabbiner der Süd¬
deutschen Landesverbände, wobei die gastfreundliche Aufnahme durch
die Gemeinde Mainz besonders erwähnt zu werden verdient.
Obernkirchen. (T o d e s f a l l.) Der langjährige Vorsteher un¬
serer Gemeinde, Meyer Adler, ist nach kurzer Krankheit vo>» uns
geschieden. Fast ein Vierteljahrhundert stand er an dar Spitze der
Gemeinde, deren Interessen er mit Umsicht und regem Eifer ver¬
trat. Das große Trauergefolge, das ihm die letzte Ehre erwies,
zeugte von der allgemeinen Beliebtheit und Wertschätzung, die dem
Verstorbener! entgegengebracht wurde. Lehrer v. d. Walde entwarf
an seiner Bahre ein Lebensbild des Entschlafenen und hob sem<
Verdienste um das Gemeindetvoh! mit Worten bam'fcaveu Geben'.ms
Wvrins. (I ü bisch t G r a b st e i n e n ( s B a ti tu a t ? r i a l.)
In der ,,Wor:nser Zeitung" beschreibt ?ldo!s Tschiriier eine!, nute»
irdischen Gang in WorinS, der feinen Anfang unter dem ulte»
israelitischen Friedhose hat. Sei» Eingang ist von. der Alzeyec
Brücke aus sichtbar. Er ist !H Meter lang und gut erhalten. Der
Babe» ist geglättet und wie so vielfach in Worms find auch hier
sehr alte Grabsteine, und zivar jüdische, veriveudct worden.
S. Rothschild schreibt der „Frankfurter Zeitung", daß vor
tmgefähr 20 Jahren in Hochheini, einem Vorort von Worms,
im Hose eines dortigen Bürgers ein großer jüdischer Grabstein
mit gnterhariener großer Inschrift bei der Umpslastcrung des Stalles
gesunden ivurde. Im Jahre 1911 wurde der neue jüdische Friedhof
in Main; geweiht. Die Stadt hatte sich zu einem grvsteit Brihrage
verpsiichlei unter der Bedingung, daß das nttausehnliche Wärterhaus
des Litten Friedhofes verschwinde. Beim Abbruch d-es .Häusck>ens
fand matt nicht weniger als 18 Grabsteine aus dem 13. und 14.
. Jahrhundert, die in dem Hause Verivendung gefuitden hatten und die
jetzt am Eingang des Friedhofs eingemaueri sind.
*
Aus der Bewegung
*
Berlin. (Eröffnunasgottesbicnst bet liberalen
Synagoge „O fte n".) Der Eröffn" ;ssgottesdimst der liberalerr
Synagoge „Osten" gestaltete fich zu einer machtvollen Kundgebung
für den liberalen Gedanken im Schoße der' Berliner J-HetGest
'f fer.
Huiidertc von Glaubensgenossen füllten den geräuntigen Festsaal
der Mädchenschule der Jüdischen Gemeinde säst bis auf beu letzten
Platz. Die in den vier in der „Liberalen Synagoge" zu¬
sammengeschlossenen Gemeinden durchg-eführte Aufhebung der Ge-
schlechtertrennuug wirkte sich auch in dieser neuen Andachtsstätte
aufs vorteilhafteste aus; auch andere liberale Forderungen — ein¬
maliger Kaddisch nach vorangehendem freien Borspruch des Rab¬
biners; Beschränkung des „Sch'ma" auf den ersten Abschnitt, ebenso
der Psalmen auf „Mismaur schir"; „Kiddusch" der Gemeinde zu
gewendet — finden hier ihre allseitig freudig begrüßte Erfüllung.
Alles Schablonenmäßige wird vermieden; der Individualität des
Rabbiners wird voller Spielraum gelassen. Demzufolge herrscht bei
diesen »oeihevollen Gottesdiensten eine herzerfrenende Andacht: hier
wird wahrhaft gebet e^ , weil das formelhafte Lip¬
pe n w e r k zum inneren E r l e b n i s >v i r d! Kein Wunder,
daß die Auda-chtsstätten dieser vier Gemeinden zum Teil von solchen
Juden regelmäßig besucht werden, die der erstarrte Ritus der Ortho¬
doxie abstieß und die nun eine »vahrhaste Heimat des Herzens ge
funden haben. Wenn irgendwo, dann hat hier der liberale Gedanke
Leben gewonnen.
Der Festgottesdienst begann mil dem feierlichen Eiitzuge der
Thorarollen, während der wohlgeschulte Chor unter her trefflichen
Leitung des Dirigenten Martin Epstein die .Hymne „Sf'u
fcheorim rofchechcm" von Lelvandowski saug. Tie übrige Liturgie
lag in bett bewährten .Händen des Oberkantors Wilhelm Fried
mann. Rabbiner Tr. Salomonsti hielt eine nach Inhalt
und Form vollendete Festpredigt unter Anlehnung an das Wort des
Wochcnabschnitts „Ich entlasse Dich nicht, Du segnest mich denn".
Er tvies auf'die schwere Aufgabe hin, welche den Mitgliedern diese»
neuen Gctneinde obliegt: zu ringen um Gott und mit Gott: danti aber
werde ihr Lohn die Erkenntnis des persönlichen Gottes sein. Hierzu
sei die Kenntnis der voit Gott geoffenbarten Thora unerläßlich.
Am Schluß betete der Rabbiner (deutsch) deit 40. Psalnt, der sich
gedanklich in Sidra und Predigt eingliederte.
Die Feier, ö. h. der erweiterte Freitagabendgottesdienst, »nachte
einen tiefen Eindruck auf die Lluwesenden, unter denen wir beu
Präsidenten des Landesverbaitdes, Kammergerichtsrat Leo Wotsf,
die Repräseittanten Moritz R o s e n t h a l, Dr. G u t t m a n tt,
E in i i Pinr u s , Tr. London, E h r e n r e i ch , den verdienst -
vollen Begründer der vier Gemeindet», Sentinaroberlchrcr Faiken-
berg, seine (tzallin, die Repräsentantin Frau Martha Falken-
bcrg, Oberstudicnrat Prof. Dr. Schäfer, vvi» den Schwester-
getneinden Tr. G a ch und Tr. Earo bemerkten. E. W.
Berlin. (Liberaler Verein für d i e A n g e l e g e n h e i -
ten der Jüdischen G c m e i n d e zu B e r l i n E. B., B e -
z i r k s g r u p p e N e u t ö l l tt.) Am Tienstag, den 17. Dezember
1929, veranstaltete die Bezirksgruppe Neukölln des Liberalen Vereins
im Vereinszimmer des Cafe Llschingcr, .Hasenhcidc 61 62, einen
Ausspracheabend über die sozialen Einrichtungeit der Jüdischen
mcitibc. .Herr und Frau R»ß, deren Wirket» im Neuköllner Bezirk
in sozialer Beziehung vorbildlich ist, hatten liebenswürdigerweise die
Eingeladenen als ihre Gäste betrachtet.
Herr Tr. med. Fteifchec, Repräsentant der Jüdischen Gemeinde
zu Berlin, erössnete die Aussprache mit einem sehr intcressanlen
Referat, das den Anwesenden einen Einblick in die Arbeit der
Jüdischen Gemeinde in sozialer Beziehung gab. Ter Referent hob
hervor, daß es ein besonderes Verdienst des Leiters des Wohl-
fahrtsamtes, Herrn Easpary, wäre, daß daS Wohlfahrtsamt der
Jüdischen Gemeinoe als eine Hilsstvohlsahrt anzusehen ist. Als
solche teilt man sie in zwei Gruppen. Die eine befaßt sich mit der
Zurückführung der Hilfsbedürftigen in Berufe, die andere brittgt
Notleidenden Unterstützung und Hilfe je nach der Art des vorliegendett
Falles. Die Arbeit der Wohlfahrt erstreckt sich aber auch noch
auf andere Gebiete. So ivird ;. B- ein ganz besonderes AugenmerS
auf Mischehen gerichtet. Man will die Kinder aus solchen Eh-
unbedingt dem Judentum erhalten. Lluch für die jüdischeit Student
hat das Wohlfahrtsamt insofern gesorgt, als man eine mcnsa aeadem
eingerichtet hat.
So sehr das Wohlfahrtsamt bemüht ist, allen gerecht zu werden
und überall zu helfen, wo .Hilfe not tut, fo bleibt auf verschiedenen
Gebieten viel zu tvügschen übrig. Es gibt z. B. nur vier Gcmeittoen
schwestern. Hier müßte in erster Linie Abhilfe geschaffen tverden.
Dann loill man ein früheres Mädchcnherm in Pankow als Asyl
sür Obdachlose umbauen. Daß die Lage Pankows nicht gerade für ein
Obdachlosenasyl geeignet ist, ist klar. Der Jüdische Arbeitsnachweis
hat keinen leichten Stand. Im Jahre 1928 tvaren 4600 Arbeitslose
aus dein Nachweis.
So zählte der Referent noch eine Reihe von Wohlfahrtseinrich-
tungen auf, die mehr oder minder noch der Verbesserung bedürfen,
die aber alle ihr möglichstes lun, um den Anforderungen, die an
sie gestellt werben, nachzukommen.
Tie lebhafte Diskussion, die sich daran auknüpste, zeigte, »velches
Interesse dieses Thema bei den Zuhörern gefunden hatte. An der
Aussprache beteiligten sich die Herren Heinrich Roß, Louis Wolfs,
Dr. Reinsberg. Hermann MÄter, Rabbiner Tr. Kantorotvsky mtb
Heiser.
Breslau. (Jet L i b e r a l i s m u s in» Gemeindet e b c tt.)
Am Montag, den 16. Dezember, fand in der Lcfsingloge die erste
Abettdvcrsammlung des Liberalen Vereins der Synagogengemeindc
statt. Referent war R»v. Erich Spitz; das Thema lautete: „Der
Liberalismus im Ge me inbe le be tt", Trotz denkbar un¬
günstigen Wetters >var der Besuch ein sehr zahlreicher; viele Gäste,
die unserer Bcivegung tticht parteiofsiziell angehörcn, waren, er¬
schienen. Die Bersammlmlg nahm einen vorbildlichen Verlauf. Das
lag in erster Linie an dem Redner und feiner 2lrt zu !sprechen.
Das den meisten durch ihre Parteizugehörigkeit gewohnte Thema
getvann durch seine Behandlung für alle so viel nettes Interesse,
daß die ganze Zuhörerschaft bis zum Schluß des Vortrags mit
voller Spannung bei der Sache >oar. Rw. S p i tz zeigte die heutigen
H'auptaufgaben des Liberalismus in 3 Abschnitte».
1. Gottesdienste an >v e r k f r e i e n Tagen.. Tic sozio¬
logische Umstellung der jüdischen Menge von der früheren Selb¬
ständigkeit zur Angestelltenschaft schreite immer weiter fort. Gerade
diese Kreise hättet» öas Rech!, hin und iviedcr cintna! einen mo-
bertten Gottesdienst besuchen zu können, »veil ihnen am Sabbat
dazu die tvirtschaftliche Freiheit selile. Daß die in Breslau geschafscnq
Einrichtuttg eine Notwendigkeit sei, bewiese deren sehr zahlreicher
Besuch. Eine Abschaffung des Sabbats bczw. dessen Verlegung auf
den Sonntag sei aus keilten Fall beabsichtigt und auch völlig un¬
möglich.
2. Sozia'.? Wohlfahrtspflege. Lluch auf diese lönne
Breslau trotz der gerade hier großen Ansprüche -mit einem gewissen
Stolz blicken.
I. F ü r s o r g c für die I u g e n d. Breslau zeigt mit dem
Anfang 1930 zu eröffuendcn Jugendheim ein nachahmenswertes
Beispiel.
Die jüdische P c o f a n - Sch u l e lehne der Liberalismus ab
U!w betvillige nur die Mittel zum Religionsunterricht an ihr, so¬
lange nicht durch eit» staatliches Schulgesetz ein Zwang vorliege.
Die jüdische Schule sondere die jüdische Jugend von der Umwelt
ob und bedeute daher kein Glück. Der Breslauer Gemeindeliberalis»--
mus dürfe wohl sagen, daß unter seiner Majorität nichts versäumt
sei, was jüdisches Leben fördern könne. — Dem Redner dankte
für feine Ausführungen lauter und tvirklich von Herzen kommender
Beifall. Es folgte eine sehr anregende Diskussion: in dieser erhob
sich leine eiitzige Stimme gegen die Sountagsgottesdienste
Nur ein Diskussionsredner trat aus Gründen des Schutzes der
Jugend vor autisemitischm Hetzereien für die jüdische Schule ein.
Hervorztthebett sind noch die Darlegungett des Herrn Halb stein,
welcher bervtes, wie die liberale Majorität die Forderungen der
orthodoxen Minorität erfülle und dadurch tvahre Toleranz zeige.
In seinem Schlußwort richtete daun R:o. Spitz an die Anwesenden
die Aufforderung, bei den Ende 1930 stattfindenden Wahlen für
die Erhaltung des Liberalismus in Breslau kräftig mitzuarbeiten.