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Lensätze zu grundsätzlicher Natur, die ihn schassen und später
auseinandertreiben sollen. Und trotzdem int eine wahre Klä¬
rung in der Wählerschaft doch nicht jetzt zu erlangen.
Gleichgültig, wie immer aber die Wahlen aus,allen:
Mit aller Bestimmtheit, die in einem politischen Gedanken¬
kreis aufgebracht werden kann, darf gesagt werden: die
endgültige revolutionäre Abrechnung und Abstimmung, ob
in Deutschland eine bürgerliche oder die sozialistische Wirt¬
schaftsweise Geltung haben soll, wird jetzt nicht vor sich
gehen! Ganz sicher nicht!
Es iffc absolut leine Gefahr, daß dieser Reichstag sich
für die proletarische Diktatur versassungsändernd und mit
Stimmenmehrheit aussprechen wird. Ja nicht einmal ein
solcher Antrag wird gestellt werden!
Was aber diese ziemlich undurchsichtigen Wahlen im
besten, vielmehr im schlechtesten, Sinne zeitigen werden, ist
ein starkes Anwachsen der Nationalsozialisten au; Kosten
der anderen bisher auch nationalen Parteien von rechts.
Und weiterhin wird wahrscheinlich ein Verlust einzelner Man-'
bäte des Zentrums und der ehemaligen Demokraten an
die radikalen Arbeiterparteien zu verzeichnen sein. Viel¬
leicht auch noch eine Zunahme der Kommunisten aus Kosten
der Sozialdemokraten. Im großen Ganzen wird aber keine
wesentliche Krästeverschiebung im Reichstage so vor sich gehen,
daß man vorher um etwas Grundsätzliches besorgt sein
muß.
Nur eine einzige Sache wird wahrscheinlich grundsätz¬
lich einer Aendecung unterliegen: Die Juoensrage.
Leider ist im heutigen Deutschland und bei den jetzigen
Wahlen die Judenftage nicht eine Nebensache, geschweige
eine Frage, über die sich besonders die Juden, politisch tühl,
hinwegsetzen können. Tie Judensrage ist, ohne daß ein wich¬
tiger Grund vorläge, und selbstverständlich unvernünftig
und gegen jede Wahrheit, zum wesentlichen Hauptbewegnngs-
punk't dieser Wahlen geworden. Tie gesamte Rechte, so¬
wohl in ihren bürgerlichen wie in den nationalsozialistischen
Gruppen, in in Graden abgeftust, antisemitisch eingestellt.
Und aus Wahldemagogie überschreien sie sich in diesem
Punkte. Und fast nur im Zeichen des Antisemitismus wird
die ganze Wahlpropaganoa geführt.
Ein Negieren oder Verschweigen gibt es da nicht! Zu¬
mal diese hemmungslose antifenritische Propaganda, vielfach
verquickt mit allen politischen Innen- und Außen-Problemen,
auch die im Grunde nicht antisemitischen Parteien zwingt,
im Judenpuntte sehr vorsichtig und zurückhaltend zu sein.
Nicht einmal eine Defensive mehr! Greift man zwar nicht
an, so will man aber nicht angegriffen werden!
Schon die „Demokratische Partei" ist. mit ein Opfer
dieser Tatsache geworden. Sie ist nicht antisemitisch. Sie
wurde aber von oen Volksnationalen um Mahraun, die
kein Interesse an den Juden — höchstens an jüdischen
Stimmen — hat, weggejührt, anders innerlich eingcZwängt
und zumindest in eine passive Stellung zur jüdischen Frage
hineimnanövriert.
Man kann das deutlich und sehr belehrend jetzt bei
den Kanoidatenausstellungen der „Staatspattei" beobachten.
Und man kann da sehen, wie cs später einmal, wo die
Wähler und Juden gar nichts mehr dreinzureden haben,
werden wirdr. In der Progression! — Um den Volr's-
nationalen... sie werden sehr labil sein, wenn sie im
Reichstage der Glühhitze oer Nationalsozialisten ausgcsetzt
werden wird. In der Progression! — Um den Volks-
zu schassen... (ist das nur zufällig?) werden in erster Linie
Juden geopfert. Z. B. in Potsdam der mannhafte Georg
Bernhard, der einem Führer der christlichen Gew-ertsch,as¬
ten (Jungdo) weichen soll. Höchstens noch, in Berlin, wo
Juden in Afrika
Von Edgar C a s p a r i n s.
In Nordafrika fand ein sehr bedeutender Teil jener Ju¬
den Aufnahme, die durch die Ereignisse der Jahre 1391 und
fast hundert Jahre später 1192 sich veranlaßt sahen, ihre
spanische und portugiesische Heimat zu verlassen. Zur Zeit
der Entdeckung Amerikas, zu einer Zeit also, als sich der
geistige Horizont Spaniens durch Eroberung eines neuen Erd¬
teiles, eines neuen Reiches ungeheuerlich erweiterte, gab es
in Spanien und etwas später auch in Portugal kaum noch
Juden. Sie wandten sich größtenteils nach Algerien und
Tunesien und den Spanien nahen Küsten Afrikas, wo sie
von den dort bereits jahrelang bestehenden, ansässigen jüdi¬
schen Gemeinden bereitwillig ausgenommen wurden und bald
mit ihnen verschmolzen. So wuchsen sie zugleich mit den
gastlichen ansässigen Gemeinden im Lause der Jahrhunderte
zu einer beträchtlichen Bevölkerungsmenge an. Für einen
Fremden, der zum ersten Male heute Algerien bereist, ist es
recht schwer, anfangs die jüdische von der arabischen, mo-
zabitischen oder kabylischen Bevölkerung zu unterscheiden. Die¬
selbe Kleidung, dieselben Gesten und Bewegungen, dasselbe
Aeußere. Es bedarf schon eines sehr scharfen Blickes oder
längeren Aufenthaltes, um feinere Unterschiede machen zu
können.
Schon bei der Landung in Algier weicht der leichten
Enttäuschung, die die aus dem Meere emporgewachsenen euro¬
päischen Paläste, die Häuserreihen, das Unafrikanische der
Quaistraßen verursachte, dem Entzücken, als man die Ge¬
stalten, die die Quais bevölkerten, genauer wahrnehmen konnte.
Das ganze alte Testament, alle Märchen aus 1001 Nacht
hatte ihre Figuren an den Hafen geschickt, um uns zu be->
grüßen. Ta standen würdige, sezbedeckte Greise, balgten sich
halbwüchsige Bengels, die ihre braune Haut als nahezu einzige
Bekleidung trugen, Neger boten ihre Dienste an und bettelten
mit den Araberbengels zugleich um die Koffer. — In den
Straßen sieht man oft deutsche Namen, und das sind nicht
immer, wie es sich der romantische Reisende denkt, ehemalige
Fremdenlegionäre, die sich zur Ruhe setzten, sondern meist
Nachkommen jener Elsässer, die nach 1871 das Elsaß ver¬
ließen, und denen die Franzosen bereitwilligst ihre Kolonien
und Schutzgebiete zur Verfügung stellten. Unter ihnen ist
ein sicher nicht unbeträchtlicher Teil Inden, die sich hier
bereits außerordentlich gut akklimatisiert haben. Algier ist
allerdings auch eine sehr schöne Stadt, groß und für afri¬
kanische Verhältnisse nicht eigentlich schmutzig. Ein wun¬
derbar süßer Tust liegt über der ganzen Stadt (selbst —
wenn auch vermindert — über dem Eingeborenenviertel); er
die jüdischen Stimmen ziemlich viel bedeuten, da gestattet
man sich einen Paradejuden!
Diese Tatsachen sind durchaus maßgebend. Und es ist
ungemein wichtig für Juden zu erforschen, wo oie Juden
nur als politisches Objekt und nicht als Subjekt wirken
Das heißt, wo sie ohne Rücksicht ob sie Juden sind, als
Kandidaten ausgestellt werden.
Schlimmer steht es aber in dieser Beziehung nock, nach
teil Wahlen, wenn ba die Juden nicht politisch denken
wollen. Vor dem offenen und gemeinen Antisemitismus
— etwa Hitler-Nuance — braucht man sich nickt einmal
zu fürchten. Am schlimmsten ist das Scl.Leichenüe des
Asemitismus in oer Personallritit der Regierungen und
Parteien! Da muß. man besorgt sein vor seinen Frunden!
Auch oie „Staatspartei", trotz aller tönenden Abschwö-
rungen um Mahraun herum, wird in eine Regierungs-
lcalition mit Rochtssärbung hereinglitschen und bei ihrer
inneren Mischung den 'Asemitismus nicht mehr hemmen wol¬
len oder gar können. Und Minister wollen sie ja stellen!
Und das lostet Rückgrat. — Und so ist vom jüdischen
Standpunkte oer Verteidigung der Juden, heute keine bür-
geijr'che Partei, aus dem Wahlschlachtfelde zu erblicken Trotz
aller Versicherungen vor oen Wahlen. Es ist nicht anders'!
Kein Hellblickender kann diese Tatsachen leugnen. In
dieser Beziehung ist die ,„Staatspartei" zusammengebrochen.
Wie sie erst nachträglich da> nicht mehr Farbe bekennen kann.
Und jetzt müssen wir untersuchen, wo denn eigentlich Inden
widerspruchslos noch als Subjekt, als Kandidaten ansge¬
stellt werden... ohne daß man etwas fragt. Und da sehen
wir nur noch zwei Parteien: Die radikalen Arbeiterparteien:
die Sozialdemokraten und die Kommunisten. Wenn das
gar nicht traurig ist. so ist B doch wahr!
Und jetzt beginnt, immer nach Herrn Simon, die Tragik
des jüdischen Bürgers.
Wir wollen also noch einmal seststellen: Es gibt leine
bürgerliche Partei mehr, die ohne „Judensrage" ist. Tie
„Staatspartei",als die illegitime Erbin der demokratischen
Partei, hätte es sein rönnen. Aber sie kann es eben nrcht
sein. Ihre politische Situation erlaubt es nicht anders.
Jede bestehende politische Situation rann zu einer dau¬
ernden werden, kann zur Erstarrung gelangen und weiter-
großen Schaden bringen, wenn man ihr nicht durch un-
verbrüchliche Taten entgcgenwirit. Es ist ein halber Verrat
an den Juden, der begangen wurve, indem die Staatspattei
sich mit den Volrsnationalen liierte. Nicht weniger, wenn,
sic mit der „Deutschen Volk spart ei" geht. Nie wäre es
Juden eingefallen, diese Parteien für sich zu wählen. Warum
jetzt?
Wiro es gelingen, aus Kosten der Juden und sogar mit
Hiise der Juoen, ohne jegliche Einbuße an Mandaten, die
Spekulation durchzuführen, das heißt, den größten Teil der
Juden auszuschissen mit Hilft der jüdischen Stimmen, so ist
unausweichlich, daß der Prozeß der Abstoßung der jüdi¬
schen Kandidaten und der jüdischen Belange dort immer mehr
vor sich gehen muß. bis diese Partei für die Juden ganz
und gar wertlos, ja Leiämpsenswert geworden ist.
Ist es aber möglich, diese Aufopferung der jüdischen
Stimmen nicht zu apportieren, also die Wahlrechnung zu
durchkreuzen... ich habe ausgerechnet, daß die Juden 6—8
Mandate erhalten können... mit klaren dürren Worten,
verliert dieses Gemisch „Staatspartei" die 6—8 Mandate,
dann wird nach den Wahlen Einkehr gehalten werden.
Dann wird grunosätzlich für jede nächste 'Wahl wieder ein
organisch reineres Gebilde bestehen, ein bürgerliches Ge¬
bilde, dem wieder der „bürgerliche" Jude anhänglich sein
darf und dem er wieder mit seinen Stimmen zur Macht
verhilft.
Man hat die Juden preisgegeben Die Juden müssen
diese Partei auch preisgeben... zur Warnung! Das wird
wirten und gründlich! Aber unter keiner Bedingung unter
das antisemitisch-asemitisch-tauoinische Joch unterkriechen.
Und jetzt komme ich zu der Tragik im Herzen des Herrn
Simon. Die Tragik des bürgerlichen Juden! Ter nicht
weiß was er zu wählen Hat. „Hört ihr Bürger und laßt
Euch sagen, die Srunde der proletarischen Diktatur hat rrochi
nicht schlagen!" Auch wenn ihr allesamt radikal wählet,
weil kein anderer ehrenhafter Ausweg übrig ist.
Herr^Simon bemerkt sehr richtig, daß Wahlenthaltung
diesmal Selbstausgabe ist. Sicherlich! Gegenüber der mu
gehemmten und gefährlichen antisemitischen Agitation und
der asemitischen Reaktion bis in die Reihen der Verläßliche
von ehemals.
Herr Simon konstruiert einen bürgerlichen Juden, der
einmal ein Jude nach 'Belieben, und das anderemal wieder
nur ein kapitalistischer „Bürger", nacheinander fein kann!
Zwei Seelen wohnen ach in der Brust! dieses Monstrums. Es
kann bei Wahlen in zwei Hälften auseinandersallen, wo
die eine von der anderen nichts weiß. Seltsam! Diesmal
soll der „Bürger" über den Juden dominieren.
Der Jude soll sich beruhigen und schlafen gehen!
Aber oer Rat des Herrn Simon ist außerdem fälsch
und unrichtig. Das Negieren der Judensrage ist unmöglich!
Ein starker antisemitischer Einfluß in der Regierung — und
das Dulden einer Partei ist direkte Unterstützung —, kann
für die Gesamtheit der Juden und so zurückgesührt außden
Einzelnen, schwere Einbußen mit sich bringen.
Dabei ist der bürgerliche Jude nicht mehr geschützt als
der andere. Es nützt dem Juden oder jüdischen Bürger wenig,
wenn sein Klasteninteresse geschützt ist, wenn er aber anderer¬
seits als Staatsbürger, menschlich und ökonomisch eine separate
und feindliche Behandlung erfährt.
Wenn er zurückgesetzt wird! Wenn für' seine Kinder
kein Platz mehr in der Beamtenschaft des Staates oder eine
Oessentlichkeit mehr ist! Wenn er von Lieferungen ausge-
schloften ist und so weiter...
Tie so wichtigen und in Wirtschaft umxchlagenden „Ju-
denbelange" sind keine politische, und ganz gewiß keine wirt¬
schaftliche Nebensache.
Tie Interessen des „Bürgers" als Wirft chaftspcrson wer¬
den ja auch automatisch von den bürgerlichen Parteien um
ihrer selber wahrgenommen. Tie speziellen Jndenintereisen
oder die Abwehr des Antisemitismus, wirtschaftlich oder ethstch
. . nur von P a r t e i e n, die leider heute nicht mehr
unter den bürgerlichen Parteien zu finden
sind.
Viel politisch klüger sind die antisemitischen Parteien.
Tie Judenfrage ist ihnen die höchste und wichtigste ökono¬
mische Frage. Ja fast die einzige! Man spürt, von wo der
Wind pfeift!... Und da kommt man mit einem solchen Rat¬
schlag in ernster Stunde:... der jüdische Bürger habe sich
politisch um die Judensrage nicht zu kümmern und jene Partei
zu wählen, die er ohne Judensrage wählen wollte??? Das
ist doch wahrlich etwas, was sich selbst Goebbels und Hitler
nicht träumen ließen!
Es gibt keine andere Einstellung für den jüdischen Men¬
schen, gleich ob er sich als Bürger oder als Proletarier fühlt,
als die wahlwerbende Partei bis aus Herz und Nieren in
ihrer Stellung zur Judensrage zu prüfen und sein Votum
ausschließlich 'jetzt davon allein abhängig zu ma¬
chen !
Ich habe schon den Weg angedeutet, wie das in die po¬
litische Praxis umzusetzen ist ... auch wenn das kapitalistische
bürgerliche Herz darob in Verzweiflung und Problematik gerät.
rührt von den in Bündeln angebotenen Jasminketten her.
Wenn auch der größte Teil der jüdischen Bevölkerung in
der Kasbah — dem Eingeborenenviertel — wohnt, so hat sich
doch ein Teil auch die europäische Stadt Algier erobert und
in den beiden Hauptverkehrsadern der modernen Stadt, der
Rue d'Jsly und der Rue Michelet sind sicher manche Inhaber
der Filialen aller größerer Pariser Firmen Juden. Auch
für geistige europäische Tätigkeit ist gesorgt, und außer ver¬
schiedenen Kinos, die während meines Aufenthaltes fast sämt¬
lich deutsche Filme spielten, bieten Theater, Oper und Kon¬
zerte Anregung genug, und an der Universität von Algier-
Werden jetzt dank der Bemühungen Alma Johanna Königs,
der Gattin des österreichischen Konsuls, Vorlesungen über
Thomas Mann gehalten. Algerien besitzt einen Reichtum,
dessen ungefähre Ausmaße man erfassen kann, wenn man sich
vorstellt, daß der bei einer der letzten Wahlen durchgefallene
Kandidat Turoux, der sich um den Senatorposten bewarb, als
Colon (Großgrundbesitzer) ein angebliches Einkommen von
Frs. 330000 täglich hat, was einer Summe von ungefähr
55 000 RM. gleichkäme. Ter Vater dieses Besitzers dieses
an amerikanische Verhältnisse grenzenden Vermögens soll Post¬
beamter oder Gendarm gewesen sein. Eine der Hauptpro¬
duktionen Algeriens, der Wein, hatte unter den Streikunruhen
der letzten Jahre beträchtlich zu leiden. Was doppelt empfind¬
lich sich bemerkbar machte, da das Jahr 1928 z. B. eins
der besten Weinjahre überhaupt war, in dem Algerien eine
Produktion von 13 Millionen aufzuweisen halte, während
1927 die Gesamtproduktion Frankreichs nur 10 Millionen
betrug.
Der größte Anziehungspunkt Algiers aber ist für den
Fremden selbstverständlich die Kasbah, das Eingeborenen¬
viertel. In den engen Gassen, die sich hinter dem Platz hin¬
ziehen, auf dem das Denkmal des Herzogs v. Orleans
eine Spur von einem Schatten wirft, in den übereinander¬
geschachtelten Straßen, die sich bis zum Fort Kasbah hinauf¬
ziehen, spielt sich das Leben des afrikanischen und jüdischen
Algiers ab. Hier in den engen, schattigen, oft übelriechenden
Löchern und Durchgängen, auf den Treppen, bei halbosfenen
Türen und Vorhängen spielen die Kinder, hocken die Er¬
wachsenen bei ihren verschiedenen Beschäftigungen, hier wim¬
meln die verschiedenartigen Einwohner Algiers durcheinander.
Araber, Juden, Franzosen, Mozabiten, Kabylen, Mohame-
daner. Alle europäischen Nationen sind vertreten, vorwie¬
gend allerdings Malteser-, Schach- und Dominospieler hocken
da, Krfseetrinker, Kuchenbäcker, Schuster, Zeitungshändler,
Teppichverkäuser, Tablettschnitzer, Korbflechter und Babou-
chenverkäuser. Nicht zuletzt Schuhputzer, eins der wichtigsten
Gewerbe Afrikas, denn ein guter nordafrikanischer Schuh¬
putzer verdient bis zu 30—10 Frs., was bei den geringen
Lebensansprüchen der Leute sehr viel Geld ist. (In Tunis
verdiente ein allerdings sehr routinierter 'Mann bis zu
Frs. 100.)
In oer Teuselsstraße Nummer 1, hoch oben am Fort
Kasbah haust ein Kollege, Monsieur Hadji Abdallah. Ecri-
vain public, der Mann, in dessen schmutziger Hand die Ge¬
schicke und Fäoen der Erngeborenenstadt Algiers zusammeir-
hausen, sich entwirren und hoffentlich zum Guten führen.
Hadji Abdallah schreibt alles. Gebnctstagsbriese, Steuerer¬
klärungen, Beleidigungsklagen und Liebesbriefe, was nach
dem Aeußern seines Lädchens zu urteilen lein schlechtes
Geschäft ist. Das Völlergemisch macht es einem recht schwer,
Glaubensgenossen heraus zu finden aus dieser eigenartigen
und interessanten Zusammensetzung des Publikums, das z.
B. eine Elektrische füllt. Wildausschauende Araber. wech¬
seln mit kleinen französischen Schulmädchen ab, z-pahis mit
Senegalnegern und verschleierte Frauen. All' die verschie¬
denen Strömungen, die unter und zwischen den Eingeborenen
herrschen, kann' man aus dieser Elektrischen verfolgen. Die
großen, blonden, geizigen und arbeitsamen Kabylen, die
Erhalter und Vermehrer ihres Eigentums, die aber bösartig
sein können und leicht gereizt, der träge Mohammedaner,
der das Bestehende hinnimmt, wie es ist und womöglich gar
noch verfallen läßt, und endlich die Juden, die sich der
eingeborenen Bevölkerung oerart anpassen, bafc man sie kaum
von jener auseinanderhalten kann, obwohl sie im Gegen¬
satz zu den Arabern schon seit zirka 100 Jahren französische
Bürger sind.
Ich suchte eines Nachmittags die große Synagoge an
der Place du Grand Rabbin Bloch, ohne sie in der Kasbah
zu finden. Vor einer oer großen Moscheen hatte s^ch ern
anscheinend Heulenoer Terwisch oder was er sonst war, hin-
gehockt. Er sang, blies die Flöte und segnete die Um¬
stehenden, die ich sämtlich für Araber hielt, des öfteren.
Ich bat dann einen dieser vermeintlichen Araber, mir den
Weg zur Großen Synagoge zu zeigen. Er grinste und zeigte
mir, daß die Moschee, vor der ich gestanden, die Synagoge
sei und erklärte mir in jüdischem Französisch, daß alle
Umstehenden Juden seien, er auch und daß, ich am Abend
sie alle beim Abendgottesdienst Wiedersehen würde, was auch
zutraf. Nach dem Abendgottesdienst zeigte mir Monsieur
Stora, der Vorbeter, mit Recht stolz auf das, was ec
Zeigte, die schöne große Synagoge. Die Thorarollen stammen
ans Spanien und sind im 14. Jahrhundert herübergelmn-
men. Ein prächtiger holzgeschnitzter Alememnor und sehe
hübsches Gestühl. Uno die Ausnahme, die ich fand, war