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10. Jahrgang
Nummer 53
MschMerale ZeUuug
Beilage
31. Dezember 1930
Umschau
CHtt Bericht über die diesjährigr Londoner Welttonseren;
des liberalen Judentums ist in der angesehenen katholischen
Zeitschrist „Stimmen der Zeit" (Verlag Herder & Co., Frei,
bürg i. B.) erschienen. Der Verfasser ist der Dortmunder
Gemeinderabbiner Dr. Ernst Appe l.
Antisemitische Propaganda gegen den Theosophen Krish-
namurti. Der indische Theosoph Krishnamurti ist in Bukarest
eingetrosfen. Da antisemitische Studenten Demonstrationen
vorbereitet hatten, entstieg Krishnamurti bereits eine Station
vor Bukarest dem Eisenbahnwagen, wo er von einer Polizei¬
wache und Vertretern verschiedener theosophischer Vereine er¬
wartet wurde. Krishnamurti fuhr in einem Wagen nach Bu¬
karest, wo er sich sofort in das Besuchsbuch des Königs eintrug.
Gegen Krishnamurti wurde seit einigen Tagen von an¬
tisemitischer Seite eine heftige Propaganda entfaltet. Das
antisemitische Blatt „Antijudäo-Mason^ schrieb, Krishnamurti
predige die geistige Internationale, die den Nationalismus
vernichten wolle. Ter Inhalt seiner Vorträge sei jüdischen
Geheimschriften entnommen. In Bukarest wurden Flugblät¬
ter verteilt, in denen zu Demonstrationen gegen Krishnamurti
und zur Störung seines Vortrages aufgefordert wird.
Die Königin-Witwe Maria und Prinzessin Jleana, die
aus Belgrad in Bukarest eingetrosfen sind, haben mitgeteilt,
daß sie dem Vortrag beiwohnen wollen.
Zwei jüdische Unterstaatssekretare im französischen Ka¬
binett. Trotz der lebhaften Kampagne, die die nationalistische
Presse Frankreichs gegen den Plan geführt hat, Jacques
Stern, der ein aus Deutschland gebürtiger Jude ist, in die
neugebildete französische Regierung aufzunehmen, ist dieser
definitiv zum Marineunterstaatssekretär ernannt worden. Un¬
terstaatssekretär Stern ist neben dem Handelsstaatssekretär
Leon Meyer das zweite jüdische Mitglied des Kabinetts ^teeg.
Die Ostjudcn in Deutschland. Ihre Alters-, berufliche
»nd soziale Gliederung. Auf Grund des soeben veröffent¬
lichten Werkes von Professor Silbergleit über die Ergebnisse
der Volkszählung von 1925 in Preußen bearbeitete die Sek¬
tion für Wirtschaft und Statistik des Jiddischen Wissenschaft¬
lichen Instituts (JWJ) das Material über die ausländischen
Juden.
In Preußen befanden sich 1925 über 76 009 jüdische
Ausländer auf eine jüdische Gesamtbevölkcrung von 404 000,
d. i. l8,9 Prozent. Es ist anzunehmen, daß im Deutschen
Reiche sich die Zaick der jüdischen Ausländer auf ca. 100 000
beläuft, d. i. 17 bis 18 Prozent der jüdischen Gesamtbevöl¬
kerung (564000) Deutschlands. Im Jahre 1900 waren in
Deutschland über 41000 jüdische Ausländer, was nur 7 Pro¬
zent ausmachte; im Jahre 1910 erreichte, wie anzunehmen,
die Zahl der jüdischen Ausländer in Deutschland ca. 60 000
Seelen beinahe 10 Prozent der gesamten jüdischen Bevöl¬
kerung in Deutschland. Tic Zahl der ausländischen Juden
war also im 20. Jahrhundert stets im Wachsen begriffen,
sie stieg prozentuell von 7 Prozent im Jahre 1900 auf fast
18 Prozent im Jahre 1925.
lieber 80 Prozent sämtlicher jüdischer Ausländer Preu¬
ßens im Jahre 1925 stammen aus osteuropäischen Ländern.
Polnische Staatsangehörige unter ihnen waren über 46 Pro¬
zent, sowjetrussische und staatenlose fast 19 Prozent, österrei¬
chische über 12 Prozent, tschechoslowakische fast 5 Prozent.
Die jüdischen Ausländer sind in noch höheren! Maße als
die deutschen Inden in den Großstädten konzentriert. In
den zehn größten jüdischen Gemeinden Preußens leben 82
Prozent der jüdischen Ausländer. In Berlin selbst leben
fast 44000 jüdische Ausländer --- über 25 Prozent der jü¬
dischen Gesamtbevölkerung Berlins und über 57 Prozent der
Gesamtzahl jüdischer Ausländer Preußens.
Die Gliederung nach Geschlecht und Alter ist bei deut¬
schen und ausländischen Juden sehr verschieden. Unter den
deutschen Inden sind die Frauen (fast 53 Prozent) in der
Mehrheit, unter den ausländischen dagegen sind die Männer
(über 52 Prozent) in der Mehrheit. Die deutschen Juden
zählen wenig Kinder im Atter bis 5 Jahre (6,1 Prozent),
viele Erwachsene im Alter von 16 bis 65 Jahre (74,5 Pro¬
zent) und sehr viele Alte über 65 Jahre (9,2 Prozent); die
ausländischen Juden weisen 9,5 Prozent Kinder, 73,8 Pro¬
zent Erwachsene und nur 3,0 Prozent Alte auf. Somit ist
der Prozentsatz der Alten bei den deutschen dreimal so hoch
wie bei den ausländischen Juden; auch Personen im Alter
von 51 bis 65 Jahren sind bei den deutschen Juden stark
vertreten, zweimal soviel als bei den ausländischen Juden.
In der Berufsgliederung ist kein bedeutender Unterschied
zwischen jüdischen Inländern und Ausländern, wohl aber zwi¬
schen Juden und Nichtjuden, festzustellen. Ueber 26 Prozent
der gesamten erwerbstätigen Bevölkerung Deutschlands beschäf¬
tigen sich mit Landwirtschaft, während von den erwerbstätigen
Juden nur 1,5 Prozent Ackerbau treiben. In Industrie und
Handwerk sind beschäftigt: Gcsamtbevölkerung — 36,6 Pro¬
zent deutsche Juden — 20,6 Prozent ausländische Juden —
27,9 Prozent. Im Handel einschließlich Verkehr: 15,3 Pro¬
zent — 49,7 Prozent — 49,8 Prozent. Der Verkehr spielt
unter den erwerbstätigen Nichtjuden eine bedeutend größere
Nolle als bei den Juden; es ergibt sich, daß im .Handel selbst
(ohne Verkehr) die Gcsamtbevölkerung mit nur 10 Prozent
aller Erwerbstätigen, während die Juden mit 49 Prozent
vertreten .sind. Die ausländischen Juden weisen bedeutend
mehr Beschäftigte in Industrie und Handwerk auf (27,9 Pro¬
zent) als die deutschen Juden (20,6 Prozent). In einigen
Bernsen machen die ausländischen Juden einen bedeutenden
Prozentsatz der Gesamtzahl der in diesen Berufen beschäftigten
Juden aus, z. V.: im Schlosserhandwerk 29 Prozent, Schoko¬
laden- und Zuckerwaren 29 Prozent, Herstellung von Kleidern
und Wäsche 30 Prozent, Barbiergcwerbe 34 Prozent, Hausier-
und Straßenhandel 36 Prozent, Schuhmacherei und Schuh¬
industrie 44 Prozent, Herstellung von Zigaretten 47 Prozent,
Kürschnerei und Rauchwarenbearbeiiung 54 Prozent. Es be¬
stätigt sich also nicht die verbreitete Meinung, daß im nicht
beneidenswerten Berufe des Hausier- und Straßenhandels sehr
viel ausländische Juden beschäftigt sind; es sind dies nur
3P Prozent sämtlicher im Handel beschäftigten jüdischen Aus¬
länder (unter den deutschen Juden treiben Hausier- und Stra-
ßenhandel 2 Prozent aller im Handel beschäftigten deutschen
Juden),, v
Sehr gering ist der Prozentsatz der Juden unter dem Be
amtentum und dem Militär, in den freien Bernsen sind
sie aber stark vertreten: die Gesamtbevvlkerung weist nur 3,7
Prozent Angehörige der freien Berufe unter den Erwerbstäti¬
gen auf, bei den deutschen Juden sind es 8,4 Prozent, bei
den ausländischen Juden 6,2 Prozent. Es ist interessant,
einige absolute Zahlen über den Anteil der jüdischen Aus¬
länder in manchen freien Berufen anzuführen. So sind unter
626 jüdischen Theaterunternehmern und Direktoren 174 Aus¬
länder (27,8 Prozent); unter 896 jüdischen Schauspielern und
Musikern 298 Ausländer (33,3 Prozent); unter 208 jüdischen
Kinobesitzern 63 Ausländer (30,3 Prozent); unter 379 jüdi¬
schen Filmschauspielern 128 Ausländer (33,8 Prozent); unter
330 jüdischen Sängern und Gesanglehrern 136 Ausländer
(41,2 Prozent); unter 66 Tänzern und Tänzerinnen 17 Aus¬
länder (25,8 Prozent); unter 192 Redakteuren 41 Ausländer
(21,3 Prozent); unter den jüdischen Geistlichen und Kirchen
beamten machen die Ausländer 21,5 Prozent aus.
Der Unterschied zwischen Juden und Nichtjuden in der
Berufsgliederung ist groß genug, noch tiefer aber ist die Kluft
in der sozialen Gliederung. Die beruflich selbständigen machen
aus: bei der Gesamtbevölkerung 16 Prozent, bei den deutschen
Juden 49 Prozent, bei den ausländischen Juden 46 Prozent.
Die Angestellten: 17 Prozent — 34 Prozent — 38 Prozent.
Die Arbeiter: 47 Prozent — 7 Prozent — 14 Prozent. Der
Prozentsatz der Selbständigen ist bei den Juden dreimal höher
als bei Nichtjuden, der Prozentsatz der Arbeiter ist bei den
ausländischen Juden zweimal so hoch als bei den deutschen
Juden, aber dreimal niedriger (bei den deutschen Juden fast
sechsmal niedriger) als bei den Nichtjuden. Im Handel,
einschließlich Verkehr, machen die Selbständigen aus: bei der
Gesamtbevölkerung 22 Prozent, bei den deutschen Juden 53
Prozent, bei den ausländischen Juden 54 Prozent. Angestellte
in .Handel und Verkehr: 42 Prozent — 35 Prozent - - 34 Pro
zent. Arbeiter in Handel und Verkehr: 29 Prozent —> 2 Pro¬
zent — 3 Prozent. Die entsprechenden Ziffern für In¬
dustrie und Handwerk sind: Selbständige 13 Prozent bei der
Gesmntbevölkecung, 42 Prozent bei den deutschen Juden, 40
Prozent bei den ausländischen Inden; Angestellte: 1l Pro¬
zent — 32 Prozent — 22 Prozent; Arbeiter: 74 Prozent
— 20 Prozent -- 34 Prozent. Rechnen wir Angestellte, Ar¬
beiter und häusliche Dienste Verrichtende zusammen und be
zeichnen sie als Lohnempfänger mit dem Worte „Proletarier",
so ergibt sich, daß die Gesamtbevölkerung 68,4 Prozent, die
deutschen Juden 43,4 Prozent, die ausländischen Juden 47,7
Prozent proletarische Elemente zählen. Die mitarbeitenden
Familienangehörigen sind bei den obigen Zahlen nicht be¬
rücksichtigt worden.
In Berlin ist der Abgrund in der Berufsgliederung
vvn Juden und Nichtjuden nicht so tief. Die Gesamtbevölke¬
rung weist aus: Beschäftigte in der Industrie 45 Prozent,
im Handel 26 Prozent; die deutschen Juden 25 Prozent in
der Industrie. 44 Prozent im Handel: die ansländischen Ju¬
den 32 Prozent in der Industrie, 45 Prozent im Handel.
In der Großstadt Berlin merken wir eine Annäherung in
der Berufsgliederung zwischen der jüdischen und der nichtjüdi¬
schen Bevölkerung, bei Juden erhöht sich der Prozentsatz der
in der Industrie Beschäftigten, bei Nichtjudcn der der im .Han¬
del Beschäftigten.
Sprechsaal
Für diese Rubrik übernimmt die ScrMlcUmrg ledi-ztich die preß,
geldliche Beramwonnag.
Nicht Hiob ... Makkabi!
Aufruf der Jugend.
Bon Max Samte r.
Die nüchterne und unerbittliche Not des Tages, der wir
alle uns nicht entziehen können, hat Toris Wittner ver¬
anlaßt, sich in ein fernes und unwirkliches Ewigteits'deal
der Demut hineinzurettcn, das sie in dieser Zeitung unter
dem Titels „Jedermann sein eigener Hiob" znsammengefastt
hat. Tie Flucht in dieses Buch, dessen Schönheit nnd dessen
Eigenart unantastbar bleibt, wird aber aus doppeltem Grunde
zu einer Flucht in das Wesenlose. Tenn einmal erscheint die
Anwendung des Buches Hiob als Grundlage allgemeinen
Lebensprinzips bedenklich und unzulänglich, denn es'ist zwei¬
fellos als Buch des Trostes für Leidende und Unglückliche,
nicht aber für Menschen geschrieben, die noch,Mut und
Kraft haben, .sich gegen das Unheil zur Wehr zu setzen,
dann aber hat auch das Buch Hiob nur dann Sinn, wenn
, man tzugibt, was Toris Wittner gerade bestreitet: Daß der
Glaube an die Unsterblichkeit, an einen Ausgleich im Jenseits
auch dem späteren Judentum wie allen anderen Konfessionen
innewohnte. Tenn sonst wäre das Buch Hiob wirklich nichts
weiter als eine Aufforderung zu blindestem, untätigstem Fata¬
lismus. Und der Preis für die Erkenntnis unserer Unwesentlich-
keir, der Unwesentlichleit des Individuums in der gewal¬
tigen Unendlichkeit des Weltraums, in der mit Lichtjahren und
mit Billionen von Kilometern gerechnet wird, dieser Preis
wäre'trotz allem zu hoch. Denn wenn wir selbst mit dieser
Erkenntnis den großen, unirdischen Maßstab gewinnen, wür¬
den, wir hätten ihn dann mit unserem Menschenstolz bezahlt.
Mir fällt eben, aus den vergangenen Chanukah-Tagen,
ein Abschnitt aus dem zweiten Buch der Makkabäer ein. Da
wird erzählt, daß der König Antiochus sieben Brüder und
ihre Mutter zwingen wollte, vom verbotenen Schweinefleisch
zu essen: „Als nun der Zweite in den letzten Zügen lag,
sprach er: Du verruchter Mensch, du nimmst uns zwar jetzt das
zeitliche Leben, aber der König der Welt wird uns, die wir
um seines Gesetzes willen sterben, zu ewigem Wiedererstehen
wahren Lebens auserwecken."
Wir leben m einer Makkabaerzeit. Tie Situation der
deutschen Juden ist ganz eindeutig. Mit Jungen sind aus¬
gewachsen in einer Zeit, in der es nichts gab als dies: Liebe
zu Tieutschland. Denn es tvar eine Zeit, in der ein einziges
großes Erleben, ein einziges großes Ideal alle deutschen
Menschen zusammenschweißte. Wir lieben die deutsche Kultur,
weil wir von ihr durchdrungen, unlöslich mit ihr verbunden
sind. Wir lieben die deutsche Erde, die Berge und das
Meer und die Wälder, die wir sonnensrvh durchwandert
haben. Wir lieben den deutschen Menschen, wie er wirk¬
lich ist.
Verzweiflung uno Ratlosigkeit haben Teutschland m
fine Welle des Judenhasses getrieben, wie sie stürmischer und
sinnloser bisher noch in keinem Lande der Welt aufgetreten
ist. Schon häufen sich die Fälle, in denen deutsche Juden
von Andersgläubigen körperlich bedroht werden. Tie deut¬
schen Juden stehen vor schweren Entscheidungen. Wir müssen
für Teutschland gegen deutsche Menschen kämpfen, gegen arme,
leidende deutsche Menschen. Tenn wir müssen für ein Deutsch¬
land kämpfen, das stark, frei und gerecht iD In dem nur
die Persönlichkeit gilt, der Wille, das Letzte für das Vater¬
land hcrzugeben, und in dem der Mensch nicht nach Glaube,
Rasse, Abstammung gewertet wird.
Wir kämpfen für Deutschland, wenn wir für die Freiheit
unseres Glaubens kämpfen. Tie Schlacht, die wir schlagen
müssen, kann Tote und Verwundete kosten. Aber wir haben
keine Furcht. Denn unsere Maßstäbe sind andere-als die
des Buches Hiob. Wir glauben, daß das Individuum nnr
dorr und- immer dort unwesentlich wird, wo es um große
und heilige Ideen geht, ob das nun die Idee der Gerechtig¬
keit. die Idee des Menschenrechts, die Idee des Friedens ist.
Tenn wir wissen, daß das Menschliche- am Menschen nicht
allein ein Negatives ist, nicht Erkenntnis, die zur Entsagung
führt. Es ist ein sehr Positives: Es iü letzte Erkenntnis,
letztes Wissen nur die Tinge: um unser Kommen und um
unser Gehen, unsere Kleinheit und unsere Größe, unsere
Demut nnd unseren Stolz, unsere Unzulänglichkeit und un¬
tere Vollkommenheit, um Die Schönheit und um die Traurig-
Tc:t des Lebens, um die Vergänglichkeit der Körper und die
Unvergänglichkeit des Lebendigen und aus dieser Erkenntnis
das stolze Bewußtsein, daß es der Gent ist, der dies alles, in
seinen weitesten, uns noch ganz fernen und dem Wesen nach
unverständlichen Ausmaßen begreift. Dieses Wissen gibt uns
die Kraft und den Mut, trotz der zeitlichen Begrenztheit
unseres irdischen Seins in einer freien nnd glücklichen Un¬
bedingtheit zu leben.
Das ist nicht nur ein Lebensprinzip für glückliche Men¬
schen. Ich greife das Beispiel aus, das auch Doris Wittner
anführt: Wenn wir vier Millionen Arbeitslose haben, so nützt
cs diesen vier Millionen gar nichts, wenn wir den Kopf in
den Sand stecken uub ihnen Demut und Geduld predigen, weil
diese Arbeitslosigkeit nun einmal ein von höheren Mächten
verhängtes, unabänderliches Geschick ist. Das Einzige, was
ihnen Helsen kann, ist gemeinsame Arbeit der besten Köpfe
der Nation, die jenseits vom Haß und vom Gezänk der Par¬
teien im Vertrauen aus ihre Kraft der Not zu Leibe gehen
müssen.
Das ist die praktische Nutzanwendung, und auch ihr Er--
folg kann Monate, Jahre aus sich warten lassen. Dic Straße,
die wir alle, nichtjüdische und jüdische Deutsche gehen müssen,
ist sehr steil. Wir werden sie nur durch Selbstvertrauen
zwingen, nicht durch Selbstbescheidung. Denn unter den tau¬
send Triebfedern des menschlichen Daseins ist die Demut eine
der schwächsten und haltlosesten. Wir wissen nicht, wie die
Zukunft aussieht, aber wir wissen, daß deutsches Schicksal
und jüdisches Schicksal unlösbar miteinander verknüpft sind.
Das Buch .Hiob aber weist nicht in die Zukunft. Es beharrt
still und ohne Hoffnung in der Gegenwart.
Wir leben in einer Makkabäcrzeit. Nicht weil wir in
einer geschichtlich ähnlichen Zeit leben. Nein, aber weil der
gleiche Opfermut, das gleiche Aufgehen in der Idee, das gleiche
Vertrauen in die eigene Kraft von uns gefordert wird. Mak¬
kabäer, das waren Menschen, die heiß und glühend am Leben
hingen, und die nicht einen Augenblick zögerten, es für ihr
Volk und für die Idee des Rechts willig in die Schanze zu
schlagen. Das ist das Buch für die Gläubigen und für die
Ungläubigen, das Hohelied der Hingabe, des Opfermuts, des
Einsetzens der Persönlichkeit. Wir müssen stolz und stark
sein, wenn wir siegen wollen, nicht demütig.... Auch dann
nicht, wenn eine sonst so gescheite und geschickte Schriftstel¬
lerin wie Doris Wittner sich dafür einsetzt, mit ein klein
wenig mangelhafter Kenntnis geistiger Strömungen des frühen
Judentums....
Aus den Gemeinden
Altenstädt. (Todesfall.) Tie langjährig« Vorsitzende des
Israelitischen Frauenvereins, Frau Minna Wassermann, ist
im Alter von 86 Jahren verschieden. Dic Verstorbene war die älteste
Einwohnerin des Ortes und erfreute sich bei alten Bürgern hohen
Ansehens.
Berlin. (6 0. Geburtstag.) Sanitätsrat Dr. Alfred
Peyser, der bekannte Berliner Hals-, Nasen- und Ohrenspczialist,
Mitglied der Acrztekammer und Leiter des Seminars silr soziale
Medizin, vollendete am 23. Dezember sein 60. Lebensjahr. Die be¬
deutende Stellung, die der Jubilar in Fachkreisen einnimmt, ist bereits
aus den soeben genannten Aemtcrn ersichtlich; auch in den interkonfes¬
sionellen Logen spielt Peyser eine führende Rolle und ist in den
letzten Jahren durch die Gründung des Anti-Lärm-Vereins hervor-
getretcn. Im jüdischen Leben nimmt Dr. Peyser eine markante
Stellung durch seine Mitbogründerschaft im Verband nationaldcutscher
Juden ein, aber auch auf jüdisch-religiösem Gebiete tritt er hervor.
Selbst eine tief religiöse Natur, gehört er als Repräsentant der Jüdi¬
schen Reformgemeinde an und war während der letzten Legislatur¬
periode Mitglied der Liberalen Fraktion des Preußischen Landes¬
verbandes jüdischer Gemeinden. Wenn sich Dr. Peyser auch leider
bei den letzten Wahlen dazu entschlossen hat, eine eigene Liste, die so¬
genannte „Deutsche Liste", aufzustellen, so möchten wir doch einem
langjährigen und bewährten Freunde, mit dem uns vieles Gemein¬
same verbindet, hier unsere herzlichsten Glückwünsche ausspvcchen.
Berlin. (Persönliches.) Am 2. Januar feiert Rechtsanwalt
Wilhelm Wolfs seinen 50. Geburtstag. Der Jubilar ist seit
etwa 20 Jahren an der Jüdischen Gemeinde in der Oranienburger
Straße als juristischer Beirat tätig; nach dem Ausscheiden deS
früheren Gemeindesyndikus Justizrat Lilienthal erhielt er den. Titel
eines Justitiars. In dieser Eigenschaft gehört er dem Gemeindevor¬
stand mit beratender Stimme an und bearbeitet hauptsächlich die
Notariats- und Prozeßangelegenheiten der Gemeinde. Nei Wahl«»
war er wiederholt, so auch bei der letzten Wohl, stellvertretender
Wahlkommissar. Rechtsanwalt Wolfs bekennt sich aufrichtig «nd tätig
. v.i,