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Nummer 1.
Aahra. XVH.
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Ves«g»preiser
,-für Oesterreich-Nngarn, halbjährig . K«nen 6-20
ganzjährig.Kronen 12
Deutschland, ganzjährig Mark 12—
Rußland, ganzjährig.Rubel 16 —
Balkan, Frankreich Frank» 4—
^ 4 ^
Redaktion und Administration: Brünn, Adlergaffe S.
Buchhändlerische Vertretung: Ott» Klemm, Leipzig.
Inserate: die Sspaltige Petitzeile 80 K
Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht hono-
riert. — Manuskripten ist Rückporto deizufüge«..
Wien—Budapest.
7. Jänner 1916
«MH(«, 2 666 ן
Prag—Lemberg.
Der hemigen Nummer liegen Post׳
erlagscheine bei. Die P. T. Empfänger
werden um gefi. umgehende Bezahlung
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D!e Administration.
Kulturvölker und Barbaren.
Wenn MM ׳das Vorgehen der Diplomaten
der En tent Mächte näher ins Auge saßt, gewinnt
man die Ueberzeugmig, daß nicht blos Ehrgeiz,
Herrsch- und Habsucht, sondern vorzugsweise List
und Schlauheit, Lüge und Jntrigne, Rachgier,
Blutdurst und Zerstövrmgswrrt die Triebfedern
ihrer Handlungsweise bilden. In ihren unbe-
zähmbaren Leidenschaften haben sie» ihre Völker,
die Anfangs von einem Menschen-'und Länder-
verheerenden und zerstörenden Kriege nichts
wissen wollten, betört, verhetzt, verwildert, selbst
in den Herzen der ruhigsten vmb edelsten Men»-
scheu die Kriegswut, a-ngeblich aus Patriotismus,
wachgernfen, um die Barbaren — die Deutschen,
Oesterreicher und Ungarn, die friedliebendsten
Völker Europas — vernichten, deren Länder zer-
reißen, zerstückeln, sich selber bereichern, ihre Ge-
biete erweitern rmd ihre .Herrschaft ausdehnen
zu können. Und der Zweck, den sie hiedurch er-
reicht, besteht darin, daß sie in ihren Ländern den
allgenremen Menschenhaß gefördert, Millionen
ihrer Landeskmdcr zur Schlachtbank geführt,
.Pogromhelden und Fürstenmörder in Schutz ge-
uoinmen haben, so daß mau Ursache hat, der Be-
l fürchtung Raum geben zu müssen, daß die Sau-
!len, auf Welchen die sittliche Weltordnung seit
׳ Jahrtausenden beruht, gewaltig erschüttert
werden könnten.
Men so traurig sah es, nach der Schilderung
des Psal., vor der Offenbarung am Sinai m der
Welt aus. Die Menschen waren damals verroht
verwildert, vertiert, Menschenliebe, Menschen-
beglückrmg, Menschenverbrüderuug Ware!: ihnen
fremde unfaßbare Begriffe. Nemogim erez wecho'
poßchweho. Es bebte und zitterte, es wankte rmd
schwankte die Erde und alle ihre Bewohner, es
drohte ein Chaos hereinzubrechen und alles zu
vornichteo ■ r! ״׳׳־־׳■■•- ; ׳׳ ׳־ • • da offen-
!barte sich der Allgütige am Sinai, legte der mor-
scheu, verfallenen Welt Säulen, Trag- und Stutz-
Pfeiler unter, damit sie weiter bestehen konnte.
Und diese Säulen, die seit Jahrtausenden die
Stützen der Welt bilden, wollen jetzt die Diplo-
maten -der Ententemächten gewaltig erschüttern
Und diese Herren besitzen noch dabei den traun:
gen Mut die Russen, Engländer, Franzosen rntf
Italiener als Kulturvölker, die Deutschen,
Oesterrei'cher rmd Ungarn aber als Barbaren, zu
bezeichnen. Welch bittere Ironie! Sie glauben,
vielleicht, weil es ihnen bis jetzt gelungen ist
ihren Völkern durch unverschämte Lügen lauter
Siege vorzuspiegeln und die erschreckenden Ver-
luste, die sie auf den Schlachtfeldern erlitten, ?
verheimlichen, ohne zu bedenken, daß nach dem
Kriege die Wahrheit ans Licht kommen cuu' ;
meerez tizmoch, und die Eltern erfahren werden,
daß hnuderttausonde ihrer Kinder im kühlen
Grabe schlummern-, werde es ihnen auch ein
Leichtes sein der Welt Weiß zu machen, daß sie
frommen Engel, die Zentralmächte aber die
eigentlichen Stifter des Weltbrandes feien. O,
Ihr Betörten! Da täuscht Ihr Euch gewaltig.
Die ganze Welt — die Enerige ausgenommen
weiß,ganz genau. Wer die eigentlichen Brandstif-
ter waren. Ihr verdienet es daher durchaus nicht
Kultuvölker, sondern. Kulturverderber genannt
zu werden. — Uuwillkührlich wird man an einen
Anspruch des berühmten Maggid — Wunder-
preoiger — R. Hirsch Woedeslaw erinnert.
Als vor hundert Jahren die Morgenröte der
Freiheit zu dämmern begann, haben viele israel.
Gemeinden es für angernessen gefunden, radikale
Reformen einzuführen, zu diesen gehörte auch
)die altehrwürdige Gemeinde £., in der bis dahin
das Studium der rel. Wissenschaften eifrigst ge-
fördert Md die religiösen Vorschriften, SatzM-
igen und Bräuche streng beobachtet wurden.
Auf seinen Wanderungen kam R. Hirsch
Woedrslaw auch nach X. Wie tiefbetroffen aber
war >er, als er von einer sehr würdigen Persön-
lichkeit über die traurige Zustände, die in dieser
einst so berühmt gewesenen Gemeinde obwalteten,
i)nformiert wurde. Seine Predigt begann er daher
mit folgenden einleitenden Worten: ״Es steht in
dev Mischna: Auf drei Dingen besteht die Welt:
Auf der Gotteslehre, Gottsdienst und Mildtätig-
kei-t." Worauf ׳aber steht die Xet Judengomeinde?
Das Thora sind! um ist mit den Schwinden der
Jeschiba vollständig vernachlässigt. Das Vovbeter-
Md Schächteramt wird von einem Menschen ver-
.schetz, ׳der -am allerwenigsten l.i.zu berechtigt ist,
schauerlich sind die Enthüllungen, die mir hieru-
ber von höchstglarrbwürdiger Seite gmacht wur-
den, die Wohltätigkeit ist auch nicht die richtige,
denn sülndenbelastete Subjekte werden kräftigst
geschützt und gestützt, verschämte rvüvdige Per-
!önlichkeiten aber m den Hintergrund gedräugt,
wo sie ihrem Schicksale preisgegeben sind. Worauf
also um des Himmelswillen stehet die Ser Ju-
dengemeinde? Das Wrrvdo mir heute Nacht klar.
Meine Köchin hatte nämlich eiin Reinel (Tiegel),
das auf drei Füßen -stand, gekauft, da brach ein-
Feuilleton.
Die Judenverfolgung zu
Gaunersdors.
Eine Krinünalgeschfchte aus alter ZD.)
Im Frühjahr 1573 zogen zwei Juden, Adam
Leser ״der Jüdl" und David Jüdl ״dev Jüd",
beide ivohnhaft und hausgesessen zu Nikolsburg,
mit Tuch gen Wien. Es waren Kaufleute. Adam
Jüdl, Jud zu Mattersdorf, stellte Roß und
Wagen bei rmd war ihr Fuhrmann. Gegen eine
״ErgetzlichVeit" oder im modernen Sprachge-
brauch gegen ein Trinkgeld durften die Nikols-
burgev Juden auf dem Wagen des Mattersdorfer
Juden sitzen rmd fahren, sonst hätten sie sollen
״zu Schirm und Wehr" neben Rotz und Wagen
gehen. Die Israeliten zagen friedlich ihres We-
ges, tarnen eines Mends nach Gaunersdorf und
suchten Herberge. In Gaunersdors anr-trerte da-
mals der Pfarrherr Johann Oberdörfer; in dem
Schottenprälaten zu Wien verehrte er seinen
Lehnsherrn. Kaunr wurden die Juden erblickt
rmd die Ware erkannt, als Pfarrer und Richter
herbeiliefen, fluchend und scheltend den mit einer
Decke überzogenen Wagen aufschnitten Md das
Trrch sich aneigßreten. Die Juden schrieen und
lärmten, setzten sich aber nicht zur Wehr, denn ein
Bursche mit einer scharfen Hacke hielt sie in
Respekt. Oft und vielmals suchten die Juden
durch Bitten und gute Worte ihr Tuch zurückzube-
kommen. Es war umsonst. Nun schritten sie zur
' Klage. Die Juden aus Nikolsburg bestätigten
den: von Mattersdorf und der von Mattersdorf
denen von NikolWurg -den Verlust. Hatten Pfar-
rer rmd Richter das Tuch an sich gezogen, sö hat-
ten die übrigen Bauern Roß und Wagen sich an-
geeignet.
Die Juden von Nikolsburg bezeugten den
Raub wie folgt: ״Ich Adanr Leser, Jud, David
Jud, wohnhaft und hausges essen seiend m der
löblichen Stadt Nikolsburg, bekennen für Man-
niglich, daß wir der: Adam IM, Jud von Mat-
tersdorf, gebeten haben, daß ׳er uns soll führen
auf seinem Wäger: rms obbemerkte Ji'iden gen
Wien mit seinem Roß mrd Wagen. Da sein wir
dahingefahren bis gen Gaunersdorf. Nachdem
die Notz müd sein gewesen und auch übles Wetter
vorhanden-war, da haben wir zwei obgedachte
Jüden srrchen wollen um eine berumbte Herberg.
Wir haben gesucht, da ist gekommen der Matthes
Kriegler und der Herr Pfarrer zu Garmersdorf,
zu uns ist gekommen mit fluchen rmd schölte!:,
und des Matthes Kriegler Sohn mit einer Hacken
hat sie lassen stehen wieder und als sie verneint
haben, wir wollten uns gegen ihirerr zur Wehr
stellen, haben sie von -rms Jüden abgelasserr, sind
geloffen zu unfern Wagen, darauf wir gefahren
ein, haben aufgerissen und ausgeschnitten, und
')lese Ware, die sie genommen haben,die auf ׳dem
Wagen gewssen ist, die! haben sie genommen Wider
Gott, Ehr Md Recht, und auch Wider Kaiserliche
Freiheit zuwider gehandelt haben, deß wir Jüden
doch gegen ihnen in keinerlei Weg verwirkt haben.
Solches wir obgedachte zwei Jüden oft ersucht
habe::, dieser Gewalt und Unbild, der uns so
geschehen ist zrr Garmersdorf von dem Herrn
Pfarrer rurd Mathes Kriggler, so ist ׳es Gott er-
barnrs große Krankheit und auch große Teuerung
urrd viel Ungewitters mit Wasser und mit Schnee
vorhanden gewesen, das wirs bisher bleiben ha-
ben müssen lassen.
So kommt aber setzt unser Fuhrmann Md
bitt uns Jüden um Gotteswillen der Adanr Jüdl
Jud von Mattsrsdorf, als die zwei Män-ner M.
Kriegler und der Herr Pfarrer zrr Gaunersdorf
vermeinten, sie hätte:: den: Ada!::׳ IM Jrrd vor:
Mattorsdorf nichts genommen, hätten ihn nie ge-
sehen. So gaben wir zwei: Jüden Adam Leser
Jud rurd David Jud von wegen der Giltigkeit
und Wahrheit auf sein Anrufen, daß Roß und
Wagen rmd auch die War von Tuch und Lemwarrö
sein ist gewesen. Wo!:׳!: aber die ztvei Männer M.
Kriegler rmd der Herr Pfarrer vernreilnten, daß
diese. War sei unser gewesen als der zwee Jüden
als des Adanr Leser Jrrd und auch David Jud
so gelben wir ihm aber als dem Main IM, Jud
vor: Mattersdorf, Allen vollmächtige Gewalt was
er handelt rmd thet, das soll auch bei uns ge-
handelt sein als ob wir selbst in eigner Person
selbst gegenwärtig stuuderr.
Zur Urkrrnd Haber: wir unsir eigen Petschier
bei der hochlöbliche!: Stadt Nikolsbrrrg hierfür