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Jahra. XV». Nummer 3
ftolhöftimmr.
Für Oesterreich-Ungarn, halbjährig . Kronen 6*20
ganzjährig.Kronen 12 —
Deutschland, ganzjährig.Mark 12 —
Rutzland, ganzjährig.Rubel 16 —
Balkan, Frankreich ........ Frank- 4׳—
4 ---L
Wien—Budapest. Brünn, \»■ ^ 9 6 16 \56"״ Prag—Lemberg.
N - -H
Redaktion und Administration: Brünn, Adlergaffe S.
Buchhändlerische Vertretung: Otto Klemm, Leipzig.
Inserate: die Sspaltige Petitzeile 30 h.
Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht hono-
riert. — Manuskripten ist Rückporto beizufügen.
Bezugspreise:
Ein Denkmal der Judenschast.
Bon Professor Dr. Adolf Kurrein.
Als!bfi'e Eroberung Kanaans so weilt ge-
lungen war, !daß die Verteilung des Landes vo,r-
gen!o»:men werden konnte, -entließ Josua diite
dritthalb Stämnw Nuben, Gad u-Ud Me!n!asche,
welche -ihren: Borsprechen getreu die Vorhut ge-
bildet hatteu, ili:׳ das ihnen von Moses zugedachte
Ost-Jovdia>ul>c 1 md, ׳iln idem sie »nunmehr frilodlich lc-
den und ihrer Beschäftigung niachgchen konnten.
J׳u den Besitz ihres Landes gelangt, bauten sie
sofort -ciinen hohen Altar, der weithin üm das jen-
seitige Land seinen Schatten warf und diie Auf-
:::erks!a:::ke!i!t aller lauf sich lenkte. Nach der Ber-
än!lassiu,n!g zu diesenn sonderbaren Werk gefragt,
gaben sie die Erklärung ab: ״Aus Besorgnis
taten Wir das, indem Wir dachten: Künftig wer-
den eure Künder zu unfern! Kinidew sprechen:
Was habt -ihr mit dom Herrin, dein Gotte Israels
schassen? Der Herr hat eine Grenze gesetzt
zwischen uns und euch, ihr Söhne Nuben und
Gad: den Jordan: ihr HM keinen Teil an dem
Herrn. Und so werden eure Kinder unsere K inder
stören, den Herrn -cmzubisten. Da sprachen wiir:
Wir wollen doch für uns sorgen, den Altar blauen,
dcH er ein Zeuge sei zwischen uns und den Ge-
schlechtern nach uns, daß nicht eure Kinder küns-
tig sprechen zu unseren Kindern: Ihr habt keinen
Teil an dem Herrn!"
Hätten die Juden mehr und sorgfältiger alle-
zeit aus un!serer Geschichte gelernt, hätten wir kt
den verschiedenen Jahrhunderten und Ländern
uijcht versäumt, solche Zeugnisse unserer Tätigkeit'
im Vereine mit dort Mitbürgern glaubhaft und,
unwiderleglich uns zu »errichten, so hätten wir
m,a! 1 : 1 che bittere Enttäuschung uns erspart und die
Verleumdungen nus/evev Feinde ad absurdum
führen können. Eine solche Aufgabe Wird der
künftige Friedensschluß der gesamten Judenheit
in allen Ländern» mit ׳geschichtlicher Notwendig-
keit stellen. Haben wir Juden doch überall, wo
immer wir leben, unsere patriotische Pflicht bot
und ganz mit echt jüdischem Herzen getan und
standen keiner Nationalität, keiner Konfession
auf irgendwelchen: Gebiete nach, und trotzalldem
machen sich schon jetzt noch dm Krisgslärm, der
alle Gegensätze im Innern schon aus Klugheits-
rücksichten zum Schweigen zwingen sollte — die
antisemitischen Schreier bemerkbar und verraten
ihre Absichten für die Zukunft nach dem Kriege.
Es wair daher ein goldenes Wort zur' rechten
Zeit, ein, von der gesäurten Judenheit nur allzu-
sehr zu beherzigendes Memento, das der k. u. k.
Konckradmival Geza dell' Admni» v. Darczal in
einen: offenen Schreiben iin der ״Neuen Freien
Presse", Nr. 18442, am 26. Dezember 1916, aus-
sprach. Es lautete: Euer Hochwohlgeboren! Mit
diesen Zeilen !möchte ich die Anregung geben zur
Herausgabe eines Werkes, betitelt: ״Die Juden
Oesterreich-Ungarns im jetzigen Weltkriege."
Die Jude:: haben heldenmütig ijn dev Front ge-
kämpft, als Aerzte Außerö-rdsnMichss geleistet,
in Galizien hat die jüdische Bevölkerung einen
nicht genug hochzuschätzenden Patriotismus be-
wiesen, wofür nur, mn einen Beweis desselben
anznführen, die Hilfe erwähnt sei, welche sie ver-
sprengten Offizieren unserer Armee -angedeihen
ließen, igidem sie denselben in! ihren! Heimstätten
eine Unterkunft gewährten, ihnen. Zivitkleider
gaben -rmd denselben zur Flucht halfen.
Schon Montecuccoli sagte, z»mn Kriegfi'chren
brauche man Geld, Geld, und i!n welchem Aus-
inaße sich die Juden durch große Zeichnungen an
den bisherigen Kriegsanleihen beteiligt, wäre
leicht nachweisbar. Durch Anführung der Taten
und Leistunge:: einzelner, welche für ihre Vor--
dienste von Sr. Majestät ausgezeichnet wurden
und die i.m Wege eines Aufrufes zur Bekanntgabe
an die Redaktion des Werkes von! den in Betracht
kommenden Personen selbst ei nz uh ölen wären,
kön׳n.te retches Material zur Verfügung gestellt
werden.
Die Beteiligung der Inden an den Kriegs-
fürsorgezwecken und all den andemit zahlreichen
Wohltätigkeitsan stalten hätte ein weiteres Kapi-
tel des Werkes zu bilden.
Das Werk selbst würde nacht nur ein hiisto-
risches Denkmal und für die kommenden Genera-
tionen diin Ansporn sein, ein gleiches zu Um, son-
der:: auch für die Stellung und das Ansehen der
gesamten Judenschaft der Monarchie von! großer
Tragweite.
Mit dem Ausdrucke vorzüglicher Hochachtung
Ihr ergebenster
Geza dell' Adami v. Tarczal,
k. u. k. Konteradmiral.
Rudolfswert, 18. Dezember 1916.
Auf dieses höchstbedents-apne Schreiben er-
folgte nach einigen Tagen eine Erklärung -iin« dem-
selben Blatte, daß in Wien sich bereits unter der
Redaktion» des Herrn N. Birnbaum oin-e solche
Arbeit als jüdisches Kriegsarchiv gebildet habe
und 3 Heftchen bereits -erschienen sinh. Darajus
schließe ich aber, daß das nicht den: groß alnge-
legten Plan eines systematisch ausgefühvten Wer-
kes in: Sinne des k. u. k. Konteradmirals fein
werde, weil das nicht von einem Kon:!ite geleistet
werden könne. Ein solches Werk verlangt die Mit-
arbeiterschafl aller jüdischen Kultusgememdein.
Feuilleton
Die Wacht am Rhein.
Zwei Skizzen von Hanns Fischl.
1.
Gegenüber dräng,ten sich die Anderen-. Sla-
ven, Italiener, Sozialdonwtraten und eine statt-
-liche Schar der »nationalen Juden. Dorthin bahnte
sich Bovis langsam den Weg. Ein blonder Bursch
mit zerschmissentem Gesicht, den nur sein David-
stern in:- Knopfloch als Stammesgsnossen erken״
tuen ließ, klärte ihn! gefällig über die Vorgänge
auf. Die deutsche Studentenschaft wolle den an-
devn Nationen verschiedene Rechte strittig ma*
Es War in den, ersten Jahren des neuen »chen. Mcm dulde die Ni-chtdeutschen nicht mehr i!n>
Jahvhu'nderts. Boris Golde!:berg aus Cholm in der Mensa, man! verweigere ihnen das Farben
Polen hatte die Wiener Universität bezogen, um' recht, den Juden ziuden: die Satisfaktion.
— Boris glühte, da gab es wieder Kampf un:
die Freiheit wie!daheim in Polen.
Ei:: deutscher Student hatte dgu Sockel ׳einer
Säule erklo::::nen und hielt eine zündende An!-
a!n der altbewährten Hohen Schule die Heilkunde
zu studieren-. Eines Tages kan: er zu den: Rena-
issancopalast mn Frm:ze::sri!n«g, den er von «einer
aufgeregten Monge umgeben fand. Die Rau! , ^ t ^ r
war vor: Strrdieuten besetzt, in der Aula drängte spräche. Heil- -und Pereatrufe uinterbraichn d:-e
׳sich Leib air Leib, auf der Ringstraße ko::!nten sich Stille, die seine Siede bGleiiete, dann sanken
die Tramwaylvagen kau::: den Weg durch das
Volksgewühl bal)«l:jen.
Boris Goldenberg ׳hatte mancherlei gehö
von den i-mveren Kän:pfen dieses Staates, der ihn
gastlich aufgenonVuen, wo er die Freiheit fand-,
die er ׳daheim in: Reiche des Moskowiters ent-
bohrte. Er drängte sich hinauf und suchte eine::
der weniigerr Kollege!: zu fi«l:den, an die er sich an-
geschlossen. An«fa:rgs sah er nur Menschen und
Menschen. Allmählichst erst konnte er. die Par-
׳teien ausnehmen.
Stuf einer Seite -standen Manu an! Mann
die -deutschen Farbenstudenten mit ihren: zahlvei-
chen AichaaD aus der Finkenschaft. Entschlossene
Burschen mit K«appen und Lodenhüten, kräftige, gveifer herabreißen wollte, mit der freien Faust
Stöcke in der Faust. 1 schlug er zu, dann- fühlte er sich gepackt, er wehrte
Kappen und Hüte von den Häuptern׳ und die ehr-
würdige Halle erbrauste von den Klängen eines
,begeisternden Liedes.
Boris Gokdonberg stand zitternd da, den
Hut fest auf den Kopf gestülpt, die Fällte ge-
ballt.
״Lieb Vaterland, ::ragst ruhig sei«::,
Fest steht und treu die Wacht — die Wacht
am Rhein."
Kann: war!dev letzte Ton. verklungen, da er-
hob sich ein Johlen und Schreien; ״Hüte ab, Ju-
denbande, haut's ihnen runiter, Pfui, Peveat!"
Boris griff ׳an seinen Hut, de!: ihm ein» Au
sich, :::an riß ihn von den Freunden weg -und
!nach wenig Augenblicken fand er sich barhaupt
ans dev Rainpo, wo -gerade die Polizeihelme sicht-
ba r wurden.
Und von driintn-en klang die eherne Hymne:
״Lieb Vaterland, :nagst ruhig sei!::,
Wir alle wolle!::- Hüter sein!"
2 .
Es War im Sturmjahr fünfzehn׳. Dr. Boris
Goldenjberg Pflegte die Blessierten in: Feldspital
der dritten russischen Aru:ee zu Cholm in Polen.
In den Sonnnevtagen gab es dort viel U!n»ruhe.
Da begannen die Truppen und endlose Wagen-
reihen weiterznzi-ehen nach dejm! Osten Und der
Geschützdonner von: Westen׳ kann immer,n«äher.
Schwere Tage kainen für die Juden in Polen.
M!a,n schleppte sie fort nach dem heiligen Ruß-
land, beraubte sie ihrer Habe und zerstörte ihre
Häuser. Die Mädchen und Frauen ächzten -unter
der Schande, die ihnen von den Wildau Kosaken
tvavd, und die Greife jammerten ob des Straf-
geeichtes, das Gott wieder über sein, Volk -ver-
hängt. Jnnner größer wurden Lärm und Haß,
bis jener Schreckenstag kam, an dem die Geschosse
eiufielen jmtte:: an: Rynek und die letzten Kosa-
ken plmrdevlch Und nwvdend durch die Juden-
gMen jagten^
Aber hinter ihnen kamen graue Reiter mit
funkelnden gelben Stieselir und eisernen Gesich
tern, genau wie sie Boris vor vielen Jahren in
der Wiener Aula geschen, und kräftige Burschen
in! griinen: Loden, wie sie damals ihn: gegenüber
gestanden. ..