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Geite Z.
zweite Heimat darbot, ohne Rücksicht auf das Ver-1
ächtliche ihres Han!de-ln.s zu llohmen.
Auch uns Juden fehlt es nicht <rn! Verrätern
ihres eigenen Volkes. Nicht von den Inden will
ich sprechen die a-la Siemens vorgega-ilgen sind,
Mit schlijmmere Verräter ihres Volkes kben sich
gefunden. Haben die evsteren! wenigstens durch
ihren Wohl sprach ubi bente, ibi« Potria ei,ge Ens-
schul'digimg, ist ׳es auch eine sehr motte, so hoben
doch die letzteren nichts vorzubringen, was ihr
Vovgehen in- ein ^1ni,lkres Licht rücken könnte.
Eieal heis-er K׳anlp!f ist allgebrochen, von ollen
Seiten wird der Versuch gemocht, ׳das Verhält-
nis zwischen Juden und Polen, beziehungswoisen
Dcntschen und Jllden ztl klären und 51t regeln.
Männer aller Richtungen lassen sich in diesem
Wortkoinpf vernehnlen, ׳der nicht immer, ohne
Haß und Vorurteil geführt wird.
Wir sind sicher ilichtersrellt, we1׳W ein Nicht-
jllde Worte spricht oder schreibt, die gegen unser
Volk gerichtet sind. Hier könneil wir aber !loch
verzeihen, denlil wir kennen die Quellell aus
denen dieses trübe Bächlein׳ qtlillt. Anders, lvenn
Jllden in ihrer Selhstverliongnllng so weit gehen
ihre Brüder zu befehden, wie es eilu Herr Doktor
Willy Cohn in seinem Artikel ״Zllkunst fragen
des kutschen Judelltlinls" tut. Also läßt sich Herr
Doktor Cohn dort vernehmen: ״In die altjüdische
Potri'Zierfoulilie koillint ein, Jüngling aus denl
Osten, der unr Geldjinansch ist, und indent er dos
arme, eher hochstehende Jettchen kiratet, zieht er
die Familie, zu sich herab. Hier heißt es einen
Ni>ege-l vorschiiebei׳. Zllm Segen des dent.scheil In-
dentnms-—-- Die ungeheueren
Meilschellreservoire des Ostens gießen, falls sic
nicht daran gehindert werden, Jahr für Jahr ihre
Massen ׳nach dem Westen aus. Wir wollen unsere
jüdischen Glaubensgenossen des Osteils — in
jeder Weise zu heben suchen — aber wir wollen
lind ulüsscn -allch zwischeil ihnen ltnd uns eine
Scheidelinie errichten wollen wir nicht das
deutsche J-udelltlnu ans das empfindlichste schä-
digen." Hwr Cohn möchte eine Scheidelinie Mi-
schell Ost- und Westjuden, ahntich wie Herr geh.
Regierlnvgsrat Fritz int. seitten Grenzschlnißfor-
deruugell. Abschließnng und Auss,chließllng,
Schlch dem Jdeolisullls der deutschen Juden vor
dem Materialismus der OstjNdcn, das sind -di!e
F׳orderll1׳lsgen des H׳errn Cohn. Aber cs wird noch
!besser, denn später findet sich lloch folgendes Be-
keiliutllis: ״Ueber sie ׳(die Grenzen des deutschen
Votevliowdes) wollen wir,nicht Hii1l,0l1sschiielen nach
den Juden der aildereu Länder. —-Mit
jenen verbindet uns fei 11 SBtonjb wehr und darf
uns nie. nlehOeiNs verbinden." Wahrlich ein
schönes, voll» Jkalismus getrogenes Progra!>rllll,
für seine Bekenner auch !bequem, denm! für sie ist
so die Judeilfrage einfach lind billig eiin« für alle-
mal gelöst. Eines vergißt ׳ober Herr Cohn. Die
Großväter vieler heute schon! idealistischer deut-
scher Judeil (ja vielleicht auch der Cohns) katnen
vor llicht zu vielen Jahreil malische lud mi׳t Schlä-
fenlöckchen lind Klaftani aus denl fernen SJfteii
nach Deutschland um hier zu verbleiibeil. Prächtig
-habell sich — trotz der Großväter schlechter Sitten
— die Eilkel entwickelt. Nichts von. ihren- Ahnen
ist an ihnen -haften geblieben, nicht eHuilial das
Bewllßtsein,, daß ihre Väter ailf ׳dein selben Wege
emrmal faimeit, den sie hellte ihren Brüdern ver-
rc!t!l׳»ul!e׳tll-. wollen. Herr Cohn! will alle Bande mit
kn i! Juden all derer Länder zerre ißen. Treibt ihtt
der Krieg -dgzn? Will er seinen Patriotismus da-
dlirch beweiseil, daß er ewigeil Bruch lilit den
Judeil, der un!s feitldlichen Staaten, schwört?
Cohil. weiß wahrscheint ich .llicht, daß erstens nichl
die Juden diesell Krieg, verschlllkt haben uild
z.weiten׳/s, daß jgder einsichtsvolle Mansch über-
geillgt ist, daß alles geschehen lllüsse, nm nach dem
Kriege das gute Einvernehmen unter dell Völ-
kern wieder herzustellen. Männer, deren Potrie-
ti-smus nicht zu bezweifeln ist, haben dies ösfent-
lich erklärt, Cohn- aber, der Uebc-rpatriot, brich!
lnit den Jndeil der anderen Länder.
Ein nicht welliger annmtiges Geständuis
verkündet Ludwig Geiger im seiner ״Allgemeinen
Leitung des Judentums": ״Jnlinjer war unser
Beistrebetl darauf gerichtet ltnd soll es ferner sein,
die zionistischen Znklmstsplün'e! ztl bekämpfen
lmd llnellitwegt unser altes Kredo zu verkünden,
das; der Ztonis<1i׳«ns der schlimlnste Feind des
Delltschtll'Ms war und ist lind ׳daß er von jekill
wahr- lind k-utschgesinnten Judell aufs entschie-
denste bekämpft Werk." Das alte Mährchen, kr
Zianislnns der Feind des Delltschtutns, die Uil-
telschiedlmg vatorlandsfeindlicher Tendenzen, das
nicht einnnal unsere Gegner ans nichtjildi schein
| Lager zu erzählen wagen, ist zu neuein Leben er-
!wacht» Auf diese Anschuldigung wäre schade näher
eillizugehell, bmm gerade der Krieg hat es bewie-
sen, dos; die Zionisten mit Milt und Todesverach-
tnng gegen die Feinde Deutschlands gekämpft
haben. Angesichts solche.r nnleligbarer Tatsachen
sind Aelißerlingeil solcher Art, wie die Geigers
voll weit größerer Niederträchtigkeit, als die ähil-
licheu Jiilmlts ans vergongenell Tagen. Das
sollten Mer mich unsere Gegner nicht vergessen׳,
daß Ulan im Kampfe »iTjiir ehrliche Waffen be-
nützen soll, ilicht -aber durch Verleumdling und
Anschwärzerci das Glück korrigiereil darf!
Wien, im Jäune 1 n.
Felix Ungar.
Wetterleuchten.
Eine Besprechung von Leopold Schwarz, Brünn.
״Politisch! Lited — eiin garD!g Lied." Aber
ui-cht u!nr Politische Ka-ntpflieder, sondern! allch
reiiu relilgi-öse und gar erst politisch-voligiösc
Strentgedichk״ könnlen sehr leicht garstig lind- ganz
ungenießbar werdcil, !insbesondere, lvenn kr Ton
durch,allzustarke tl-oberspannling leidet und o'beil-
dre-i,u die Zahl der GedWe Uns Uferlose wächst.-
Diese große Gefahr zll mngehen, ist nur eiinenl
Wirklich bekntellden Dichter gegeben, lind vi!n
solcher konn sogar -denl entschiedenen Gegner
seiner Lebells- nnjd Schasfe1lsr׳icht1׳mg volle Ach-
tn,״g lind selbst Bewlvnkrll'ng abringeil. Ei׳n
schärfster Tendeilzdichter dieser -A rt, als e-itii-er der
stärksteil Nlifer im kntschell Dichterhainl- kr
rö m isch- katholischen CH ristellhe it lvoh lbeka,1ln!t
und vielgelesen, außerhalb der streng-katholischen
Deutschkrei-se jedoch iiilfolge se!i!1ler Abs0׳ll>krllng
nur Wonnigen vertraut, ist der 1857 i!u Deutsch-
f׳(Hinten gebo,Wille, i|n; Wien lebende Franz Cichert,
ksseil Zeit- und Streitliieder ״Wettorlolichteil",
Oktavseitell stank, schoil 1912 bei׳ Friedrich
Alber -in Ravensburg, Württonlberg, das vier-
z-ehil'te Tauseild Eremplore erreichten, also etite
vor kul Kriege für Gedichte gewiß ungewöhnilich
hoho Berbveiülllg. Aber auch E-iichevt selbst zeich-
net sich durch eiine beträchtliche Ungelvohiltichkeit
aus: ein scharfes Flamnieuschlvert rmd e!ine llläch-
tige Doilnersti'lmnle int B-lllilde niit echter Bega-
bung sind ihnl eigen.
״Des freiiiell Wortes blanse Wleh-r
Hab' ich von Gott erhalten,
Und inlnter will zu Gottes Ehr'
Ich dieser Gabe ׳lvatteil."
Ja-, etil׳ -heißer Go-ttesstreiiter ist dieser Dich-
ter, aber nicht bloß ei!11 ailisgesprochen christlickpr,
srnderil überdies ein -ilnr-katholischer Gottes-
kämpser, für den es keinen aildereu Weg zti Gott
gibt, als nur׳ durch ben gekreuzigten Christus,
Maria lind die röllltsch-katholisch? Kirche.
״Und wimmelt anch die Welt von Krenzzer-
- trctern, -
Wir fürchten nichts mit Kreuz und Rosenkranz!
Wir Hab eil freii-ich nur ein- Heer von׳ Beteril,
Ihr habt die Macht, die Zahl, das Goldes Glanz!
Nur E-itnes habt Ihr ilicht: -in Eurer Mitte
Wohnt Christlls nicht, !vo-hnt nicht die Jllngfrml
vom — --
Und w'.'Niiii mit -Euch die gailze Hölld stritte —
Wer ist wiie Gott! — Der Sieg wird Gottes sein!"
״Wer ist wie׳ Gott! -- Der Sieg wird Got-
tes sei,ll!" Um dieses Rufes wUten verdient F-ranlz
Eichert, von allen Gotteskinldern- gehört zu iver-
-den. Wer Ohren hat zum Hören und Augeil zu nt
Scherl, kr tvird faum im Zlveisal sein«, das; aus
kill größtell lmd fürchterlichsten aller bitzh-eri!qell
Kriege, ben mit zu erleben Mid mit ztl erleiden
lins beschieden lvaaid, ei,׳׳e überirdische Stinlme
dröhnt Mld -ei.il. großes Wetterleuchten zuckt, um
die übermütig und blichstäblich ״gottlos" .Moor-
detlell Mellschenkillder wieder zu Gott, dein Einten
Vater Aller, in Demut und Gerechtigkei׳tsliebe
zurück ztl führen.
״Zerrissen jedes gottgewollte Baud,
Volk feHilidlich lvi-kr Volk, Stand wider Stand,
Und Br!ll!kr wsder Bnider wiild tut Krieg;
Ein- K,.׳,nlpf, xt, km nur Einenl winkt der Stdg,
Dem Härtesten, dem Goldesgier und Lust
Anstilgte nleilschllch' Fühlelt in der Brust.
Nach falschen( Ziel ein furchtbar wildes Renneil!
״ Au ihren Früchten sollt Ihr sie erkotlniell!"
Diese kleiu-e, aber gen!ügelld kemlzeichlletlk
Probe zeigt n/nv? des Dichters zweite Seite oder
auch Saite: die starke Stinnn-e des Ntisers imch
sozialer Gerechtigkeit, des christtich-sozialen Dich-
ters im besten Snrne des weUmild Maiuger Bi-
schoss von Ke-tteler und des Wiener Schriststet-
l-ers Freiherr von- Vogel sang, nicht im eng bc-
greilztetl Parteipoliti.scheil Siiln-e. Ter gleichfalls
sehr la'llte ntub vielleicht eint wenig oder sogar sehr
grelle Ton -anch dieser Gedichte erklärt sich ans
der!tun zum Teile, schon! über dreißig Jahre
"7;itvi'uf reichenden Eutslehnngszeit dieser Dich-
tllngen, die der Verfasser ansdrücklich -als Zeit-
und Streit-Lieder bezeichnet. J-tt seinem Vor-
lvorte ztl der inn Jahre 1898 erschienenen ersten
Alst läge kr ״ W et te r l e l 1 chtr! l," - S-ai l l 1 l l l tin g schrieb
Franz Eichert: ״ daß unsere Zeit einte solche Zeit
ist, in derenl! dtlnklen Tiefen eine gewaltilge Zu-
kllnft km Lichte eiltgegellreift, wagt Wohl llie-
mand zn bestreitell. Noch weniiger, daß sie eine
solche ist, deren Elends- und Jamnlerfülle jedem
fühlendcil Herzen Trän-eit des Mitleids erpreßt.
Man gönlne lltin ׳ atlch delll Dichter die Freiheit,
ein! Wort von km, was «o,hn!ll>ngsvoll durch! seine
Seele ranscht, m den Streit des Tages ztl werfen
n. ?mit den! Enterbten der Zeit zu weinen n. in ז t
ihren Peinigern zu grollen!" — In den Abtei-
ln-ngcn 2 lind t kr beiden Teile kr vierten Alis-
lag? -atis km Jahre 1912 findet sich aber eine
größere Anzahl 8 ״ tlihepim-kt"-Gedichte, die das
ewige, ans die Dauer ermüdende Kanlpf- nnd
Schwertaeklirr mit sanfteren Tönen unterbrechen.
Daß Eichert, lli'.Oeschadet des kräftigen Grutld-
tones dieser soililer ״ als Dokument eines jngend-
licheil Werdeganges" zll wertenden GedichtsalilNl-
lnng. tatsächlich anch sau!fter Töne und fvenn-d-
iichster L-ieder fähig ist, zeigt z. B. das allerliebste,
echt volkstünll-iche Liedchell ״ K-i ׳ nldor llnd Früh-
sing", dessen erste Strophe H1M als Probe diene:
״ Nliu Kinder, macht euch ans geschwind,
Dem Frühiilg zieht ontgegeil,
Der Frühling )st ja auch ein Kind
Un«d bringt den Kindern Segen.
Nun ist die Stlibenhockerei
Uild Kälte, Eis nind Schno? vorlboi,
Di? Olletteil -all' sich regelt."
Kleine Schönheitsfehler, vere-in!zelte- älißere nnd
innere Mängel entschn-ldigt -der Dichter mit ans-
reichender Begriimdlmg durch den hantelt Zwang
drücketlder Abeitsverhältilisse. ״ Meiitl poetisches
Schasfeil", heißt es im Volvorte ztir -l.Alifl-age,
״ ist eigentlich cir.v steter Kamps des dichte-rischeil
Dranges mit kr ilNe-rbittlichell Pflicht, die milch
ans ei!1l-e1l Posteil stellt, kr so zienllich alle »leine
geistigen nnd körperlichell Kräfte iil Anspruch
iliiilmt. Die Gll!n!st des ruhigen lmbesorgten
Schaffells, die als linerläßliche Vorbedingnn-g ׳ kr
vollen Entfaltllli'lg Poetischer Anlagen gelten kann,
war mir nur se-lken gegönnt, llnd in j-ahrzehllte-
lange nt Streite zwischen inirlereill Drange nnb
all frei beil kr Ve-vlisstätigkeit ha!be ich das Wort
Platens ans seiile WUhrheit prüfen gelernt:
״ Keiner gehe, wenin er einen Lorbeer tragen will
davoll-,
Morgens zn-r Kan-zlei «mit Akten, abends aus kn
Helikon."
Eichert mußte bis zum Jahre 1891 als Eisen-
bahllbganlter in Wien, zur Kanzlei gehen, nm
diese daun« daselbst mit der noch anfreibenderell
Tätigkeit als politischer 8tedaktell!r zli vertanschen,
deren h-eiilmender Cii'islnß ans die edle Dichtknnst
in -einem sehr hübschen, bitterlalnriaen Klaaelied
ztl kräftigenl Allsdrnck gelangt. ״ Das arnle Lied"
lKla-ge eines Dichters, -kr ungleich Zeitlmgs-
Itedaktetlr ist) beginnt rührend tnit dell Versen:
״ Meine Mtlse liegt in! Fesseln, teilt des Götter-
sohnl's (beschick -
Wie. e ׳ 'u> brennend' Hemd ans N'c-sseln» peinigt sie
die Politik"
lmd schließt mit kn bitteren Verzichllvovielt:
״ Armes Kindchen! Blas; und trattrig — all
sein S ingeu ist vorstn-'nnlt —
Unter ZeitnngMättern slhallriig liegt's zur
Mllinie venliunullt."