Seite
82
zielten Thunlichkeit, die Theorie von der Praxis
zu unterscheiden haben, wie der beste Wille, das
regste Streben unfruchtbar und ohne Erfolg bleiben
muß, so lange ihm die Fähigkeit zum Sich-geltend-
machen, zur Ausführbarkeit fehlt, so müssen wir
gewiß, auf unfern Fall angewandt, wenn wir
wahrhaft nützen, wahrhaft wirken wollen, bei allen
Mitteln, die wir uns anzuwenden entschließen,
zuerst fragen, ob ihre Anwendbarkeit überhaupt
praktisch, ob sie in der Praxis noch das seien,
wofür die Theorie sie uns so gerne ausgiebt. Wir
haben unsere vollkommene Achtung und Bewun¬
derung für den hohen Ernst, für das tiefe Gefühl,
für die klare Ansicht, für den festen Willen jenes
Herrn Verfassers bereits ausgesprochen, ober was
wir noch nicht berührt, noch weniger untersucht, ist,
ob seine Vorschläge den Stempel der Ausführbarkeit
an sich tragen, ob sie sich demnach für das Leben,
für die Praxis eignen. Die Quintessenz der Vor¬
schläge jenes Herrn Verfassers beziehen sich aber
vorzüglich darauf, daß, wie bereits faktisch, so
auch l!e )ure, d. h. von Staatswegen, eine förm¬
liche, definitive Trennung zwischen orthodoxen und
reformirten Juden ausgesprochen werde, daß beide
allen Einflusses auf ihre gegenseitigen religiösen
Verhältnisse sich zu enthalten, jeder sein eigenes
Bckcnntniß aufstellen, und dem entsprechend seinen
Kultus, seine gottesdienstlichen Verrichtungen zu
ordnen hätte; daß die vom Staate, aus obrigkeit¬
licher Machtvollkommenheit, ausgesprochene förmliche
Trennung durch die frommen Rabbinen auf reli¬
giösem Wege bekräftigt werde, indem sie er¬
klären, jene seien freiwillig aus dem Verbände des
Judenthums ausgetreten, jede verwandtschaftliche
Verbindung mit ihnen sei gesetzlich untersagt; kurz,
wer unsere Dogmen nicht anerkenne, sei von uns
gänzlich auszuschlicßen. Lassen wir uns nun etwas
näher auf eine Prüfung dieser Maßregeln ein, so
sehen wir bald, so wahr und richtig sie an
und für sich selbst seien, so unausführbar sind sie in
der That. Sehen wir für diesmal ganz von. dem
Verhältnisse zum Staate — dem ersten und einzigen
Bedingnisse zur Realisirung jener Vorschläge —
ab ; obschon es auch hier für jeden, der nur in
Etwas den staatspolitischen Grundsätzen der hohen
Negierungen zu folgen vermag, nicht zweifelhaft
sein kann, daß der Staat eine solche Trennung
nie und nimmer zugeben wird, als^ indem solche
von uns auSgeht, sie nicht sowohl eine Tren¬
nung, als vielmehr ein förmliches Ausschließen,
Excommuniciren Jener sein, was, wie gesagt, nie
und nimmer gestattet werden würde. Nur wenn
beide so schroff entgegenstehenden Parteien in ge¬
meinschaftlichen Schritten sich in diesem Sinne an
den Staat wendeten, wäre von dieser Seite vielleicht
Gewährung möglich; daß dieses aber so leicht weder
geschehen kann, noch wird, ist nicht schwer einzu¬
sehen. Aber abgesehen von einer Möglichkeit zur
Realisirung jenes Planes durch die Autorität des
Staates, stellen sich außerdem der praktischen Aus¬
führbarkeit unübersteigliche Hindernisse entgegen.
Hätten wir im Judenthume zwei haarscharf und
genau von einander getrennte Parteien, ohne alle
Nüancirungen und Schattirungen, dann wäre es
allenfalls noch möglich, zu sagen: Du hierhin, ich
dorthin, willst Du zur Linken, will ich zur Rechten
u. s. w. Aber leider, das ist ja gerade der Fluch,
die Strafe jener unglückseligen Verirrung, die in
unserer Mitte herrscht, das die Folge jenes Abfalls,
jenes Schwankens, jener Lauheit, daß nicht zwei
entgegengesetzte, nein, daß es Hunderte von Par¬
teiungen giebt, die sich, die eine mehr, die andere
weniger, von einander unterscheiden, nichts desto
weniger aber mit einander im Widerspruch, im
Gegensatz zu einander dastehen. Und nun die Rab¬
binen selbst? Gänzliche Uebereinstimmung?
(Beschluß folgt.)
Stimme eines Orthodoxen
Von S—r, Rabbiner.
(Beschluß.)
Aber welche Erscheinungen bieten sich uns
dar! Immer wüthender wird das unsere mo¬
ralischen Kranken vergiftende Siechthum, immer
stärker die Wunde, welche die. Verderbtheit
der Zeit Israel geschlagen, immer größer die
Kluft, die uns in zwei Lager spaltet, unv
Opfer, unzählbare Opfer, die, von jenem Phan¬
tasma geschreckt, unversehens in's Garn lie¬
fen , werden am Altäre des neuen Götzen varge¬
bracht. Scheuend tritt der Genius der Menschheit