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Element unseres Lebens, in die Triebfeder unseres
Daseins, und wenn sich dem Stemmen, dem Wallen
zugesellr, was ist wohl natürlicher, als daß das Herz
die Fesseln, die es bindet, zerreißt, die Schranken die
sich unseren Begriffen enrgeqenstellen, gewaltsam zu
nen üppigen Gefilden, dies Eden daheim in seiner ro¬
sigen Dlürhe anlächeln soll, wollte dem Vater danken,
daß er Gebote gegeben? Gebote? — Ein Wort, das
jedes andere. nur kein freisinniges, jugendliches Ge-
läßr; und religiöse Gebote zur Beschränkung weltlicher
«>enüsse, in einem Zeitalter, wo das praktische Leben,
d»S Leben in seiner vollsten Bedeutung zu genießen
erheischt? Aber wo bleibt die Erfahrung, die goldene
Wahrheit aus dem Buch des Lebens. ,,Nur durch
das Gesetz, nur mit dem Gesetz kann sich die Freiheit
gründen, kann sie uns zum Heile des Daseins wer¬
den, und bei dem Glauben, bei dem Beschützer unse¬
res Lebens, sollte schrankenlos das fallen, was unserem
Kerzen, was unserer Ansicht vom Leben nicht zusagt?
Siehst Du, mein Israel, hier hast Du den Deckman»
rel unserer Begierden, hier hast Du den Zeitgeist in
seiner nackten, kalten Größe, hier hast Du Bewegun¬
gen unseres Zudenrhums. Jahre sind wir schon ge¬
trennt, seit Monden konnten wir keine Ideen über diesen
Gegenstand ausrauschen, nur ich ahne es vielleicht nicht,
daß so wie meine, auch Deine Ansichten sich geändert,
daß ich Dich vielleicht verwunde — doch das Herz,
welches beseeligr in dem Schooße der Religion schlägt,
darf und kann in der jetzigen Zeit sich nicht begnü¬
gen mir der eigenen, iheuer erkämpften Ueberzeugung,
und selbst auf die Gefahr, zu verwunden, fordert der
Zeitgeist eine Sprache für die Empfindungen. Hier
hast Du sie, die großen gewaltigen Extreme, welche
die Parole unserer Tage in sein gewichtiges Ich ein,
schließt! Wie wunderbar? Während er auf der ei¬
nen Seite kalt, gefühllos, mit eiserner Energie das
niederreißt, waS ihm alü Schranke erscheint fordert
er auf der andern Seite warmes, lebendiges Gefühl
für Mensch und Menschheit, indem er ein Band der
langt er auf der andern Seite den Austausch derselben
Meinungen, die er doch selbst gebildet. Aber auch
hier hofft sie, die Gegenwart unseres Zudenrhums,
den Zeitgeist des ZudenthumS dem die höchsten Schran,
kcn zu niedrig, die heiligsten Begriffe zu weltlich, die
herrlichsten Lehren zu albern, die tiefsten Ideen zu
flach erscheinen, hier hast Du Begriffe vom Zeitgeist,
die bas Niederdrücken, das rücksichtslose Fallen, das
kalte Niederreißen und Wegwerfen der Gebote Reform
nennen. Hier hast Du die Früchte jener Begriffe
der Reformer, kalt, gefühllos, herzlos, wie ihr Schöp¬
fer. Hier hast Du sie, diese Vernunft- und Zeitgeister,
wie sie die Lehre vom Zeirgeiste predigen, wie sie sich
höhnend und doch schmeichelnd, spottend und doch
scheinbar liebend an den Busen unserer Religion,
gleich Vampyren setzen, und nachdem sie das geistige
Blut unserer Seele ausgesogen, nachdem selbst . kalt
und gefühllos wie sie geworden, uns zum Dank — in
ihre Mitte aufzunehmen! O, wenn ich zurückdenke
an jene Zeit, wo auch ich fast als ein Opfer jenes
Zeitgeistes gefallen war, so schrecke ich schaudernd zu¬
sammen, wie aus einem bösen, tiefen Traum erwachend,
und doch war es kein Traum! In dieser Zeit, in
diesem religiösen Vegetiren. wo fast alles höhere Ge¬
fühl in mir erstorben. mußte ich erkennen, daß ich
gefehlt, und — Dank dem Gotte, der mir die Kraft
zur Umkehr verliehen. Es würde vieles anders. vie¬
les besser sein, wenn wir uns nicht scheuten, unser
Unrecht zu bekennen, wenn wir Kraft genug besäßen,
dem Sport und dem Hohn unserer Gegner zu ertragen.
So scheut die Welt den Weg der Wahrheit, so sinkt der
Sünder immer tiefer im Pfuhl der Schande und
Sünde, ob auch die Sprache des Gewissens redet,
ob auch die unverderbte Menschheit ihn ermuntert zur
Rückkehr auf die Dahn der Tugend, er sinkt tiefer
und immer tiefer, blos weil er die höhnende Stimme
der Genossen furchtet!
Laß mich hier heute, mein Israel, schließen, denn
meine Betrachtungen führen Bilder vor meine Seele,
mit denen ich die Mittheilung meines Glückes an
Dich ungern trüben möchte! Also für heute Adieu!
Dein Zehudi.