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den Menschen^ baß nackte abstrakte Begriffe einer
Macht die Gewohnheit die Stirne bieten könnten.
Das ist Täuschung! Wie viel oder wie wenig
Wahrheit in den Grundsätzen des Pester Reform¬
vereins auch liegen mag — nie können wir nnH
von ihnen jene Wirksamkeit versprechen, so lange
auch nur zum Scheine der Verdacht daran haftet,
als wollte er seelendiebisch und seelenkäuferisch die
bedrängte Lage der Juden in mittelalterlicher Ma¬
nier für seine Zwecke ausbeuten, um dem nagel¬
neuen Gotte in aller Geschwindigkeit zum Throne
zu verhelfen und auf eine der echten Religion un¬
würdige Weise den tumultuarischen Zustand be¬
nutzen. Wahrend ihre Brüder geplündert und ge¬
schlachtet werden, während kreischende Mutter hände¬
ringend ihre bedrohten Kinder suchen, rief man den
armen bedrängten Leuten in Torquemada'S Manier
zu: Bekehrt euch, Juden! Nefvrmirt euch, Juden!
Das war burschikos — um einen gelinden Aus¬
druck zu wählen. Ich muß noch ferner hinzusugeu,
daß die Männer die an der Spitze der Rcform-
partei stehen, weder durch Wott noch durch Schrift
und Werk, noch endlich durch ihre Berufssphare
unS Garantien bieten können, daß sie für die Ge¬
fahren, die eine religiöse Reform allerdings mit sich
fuhrt, Gewähr leisten könnten.
Äcrzte nnd Kaufleute sind in der Regel schlechte
Theolvgen! Endlich handelt eS sich bei den Bestre¬
bungen deS Pester Reformvereins nicht um einige
lirhurgische Verbesserungen, sondern um den Umsturz
eincS ganzen Systems, daS auf historischen Boden
basirt. Man ziehet gegen den ganzen Bestand und
die nothwendige Eutwicklnng des MosaiSmuS zu
Felde. '.ES wird in Voltaire'S Manier dem Götzen
deS oberflächlichen Rationalismus, d. i. dem Ni¬
hilismus und der Negative gehuldigt — daß ist
unseres Wissens keine Belebung der Andacht Wahre
volksthümliche religiöse Entwicklung und Verbes¬
serung knüpft an Gegebenes an, und macht das
Vorhandene genießbar, ohne eS zn verschleudern.
Auch die Religion hat ihre Oekonomie. Sie muß
fein Haushalten mit dem, waS sie hat — sonst läuft
sicZiefahr, ihre Würde zn verlieren — ihres Ein¬
druckes auf'S Gcmüth zu verfehlen. WäS aber die
Klage über den Verfall der Religion in Großka-
nischa speciell betrifft, so wundern wir unö hierüber
gar nicht. Eine Gemeinde, die Synagoge und
Schule nüv xro kormn hak, die industriell die Kosten
eines Rabbiners und Schulmeisters, nicht das Heil
ejnes geistlichen Vorstehers bemißt, eine Gemeinde,
die reformier thut, und sich in kleinstädtischer Affec-
tation geberdet; eine Gemeinde, die ihr Seelenheil,
daS Wohl ihrer Jugend, das einende Band, daS
ihr ein religiöses Oberhaupt verleiht, für Nebensache,
für eine kaum leidliche Dareingabe hält — eine
solche Gemeinde hat sich selbst gerichtet. Ihr klagt
über Mangel an Anvachtserregung in eurer Sv-
nagoge und vergesset, daß ihr nichts dazu thut, sie
zn beleben. Ihr seid gegen die alte Religion kalt
und gleichgiltig und habt noch gar nicht bewiesen,
daß eS euch um eine bessere zu khun ist. Ihr seid
blasirt, wie die Großstädter und kleinlich wie die
Krähwinkler. Nehmt Euch ein geistlich Oberhaupt
und zeiget, daß eS Euch darum zu thun ist, Juden,
Menschen und Staatsbürger zu sein; dann wollen
wir glauben, daß die Reform reuie Phrase in Eurem
Nt undc ist.
M p L) o r L s m e.
Zwischen dem Staat nnd dem Hause sieben die
Städte,, die kleineren Kommunen, die sich nnmitte!-
dar anS den Familien zusammcnsetzen nnd tue,
zusammengenommett wieder den Körper des Staates
anSmachen. An diese habe ich mich in Gedanken
gewendet. Ungefähr wie in einer Kommune die
Aerzre leben, Lae man in Häuser ruft, weil man
die Noch kennt, der sie Hülfe verheißen, so würden
in den Städten auch Erzieher gesunden werden,
die man ebenfalls in die Häuser zn kommen ein-
lüde, wofern man die Noch einer falschgcrichteleu
jugendlichen Fortbildung besser zn beurtbeiien was;re.
Nur nicht so dcsnltorisch wurde das Geschäft dieser
Erziehersein, wie daS der Arzte; etwas regelmäs¬
siger und siltiger, — oder etwa so, wie bei lang¬
wierigen, wenn nicht schon plötzlicher Gefahr ver¬
bundenen Krankheiten, der Besuch deä ArzteS zu
sein pflegt, so wurde -in solcher Erzieher Laä Hans
besuchen worin er Arbeit fände. Wie der Arzr
Recepte verschreibt, so würde der Erzieher Beschäf¬
tigungen und Studien anordncn; wie der Arzt das
AuSgchen verbietet oder verlangt, wie er Reisen m
ein anderes Klima vorschreibt, so wurde der Er¬
zieher den Umgang mit solchen und solchen Ge¬
spielen bestimmen, nnd die engeren oder weiteren
Grenzen der Notlügen Aufsicht an geben.
Mehrere Familien könnten sich vereinigen,
einem solchen Erzieher den größten Thcil seiner
Einnahme zn sichern, ohne ihn darum ganz an sich