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«JDISCHE
ORGAN
(„JÜDISCHE KORRESPONDENZ")
DIE INTERESSEN DES ORTHODOXEN JUDENTUMS.
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Nr. 1 | Wien-Bratislava, 6. Jänner 1922 ♦ri'snn reto 'i nnonps
- nn rry- | 8. Jahrg.
Und also geschab es. Seitdem Sokolow die Kühn¬
heit haben durfte, ohne Mandat, aber doch als Dank
für das Mandat dem englischen Staate das Bündnis
von 14 Millionen Juden anzubieten (der Vertreter
der englischen Regierung überging mit feinem Takt
diese Taktlosigkeit), ohne daß wirksanier Protest
dagegen von irgend einer nennenswerten jüdischen
Seite erhoben wurde, bewegt sich die verderbliche
Entwicklung in gerader Linie. Es war ein Fehler,
daß man glaubte, es läge nur eine Uebertreibung
Sokolows vor, eine Phrase, welche mit dem Ueber-
schwang eines feierlichen Augenblicks erklärt und
entschuldigt werden könnte; es war eine Feigheit
sondergleichen, daß all die Notablen und Organi¬
sationen Europas, obwohl sie die Bedenklichkeit
jener Entgleisung empfanden und erkannten, trotz¬
dem aus Furcht vor dem Kampf beharrlich schwiegen.
Für den kühlen Beobachter war es klar, daß weitere
Ueberraschungen folgen müßten, denn wer kann es
Sokolow und seinen Gesinnungsgenossen verargen,
wenn sie sich bemühen, die Einstellung der Juden
auf die Weltpolitik in einer Art Polypragmosyne
(Vielgeschäftigkeit) mit Energie zu betreiben. Viel¬
leicht ist objektiv auch Jabotinskys bedenkliche Ent¬
gleisung so zu erklären. Wir sind zwar überzeugt,
daß mehr als Papierprotest auch gegen dieses un¬
faßbare Spiel mit jüdischem Blut nicht erfolgen wird.
Bei jedem anderen Volk dürfte es auch eine legi¬
time Regierung nicht wagen, ihr Volk so einzu¬
setzen; man muß sich schon in das achtzehnte
Jahrhundert zurückversetzen, in jene Zeit, in der
Despoten ihre „Landeskinder" verkauften, um fremder
Länder Interessen mit ihrem Leben zu wehren. Das
Beispiel der Kurhessen, die auf Amerikas Boden
verbluteten, ist also doch nicht ohne Nachfolge in
der Geschichte geblieben. Doch Jabotinsky braucht
nichts zu fürchten, nicht er und nicht seine Hinter¬
männer; man wird der „Bewegimg" wegen auch
dieses Spiel dulden, womöglich noch beschönigen.
Es muß einer späteren Zeit vorbehalten bleiben,
• schweigend zu registrieren, wieviel jüdisches Glück
; durch Ehrgeiz und Größenwahn, durch Partei-
| fanatismus und Parteilüge zu Grabe getragen wurde,
j Unsere Aufgabe ist. es, den letzten Gründen dieser
I Entartung nachzuspüren, sie zu verstehen, um ihr
; künftig vorbeugen zu können. Da steht nicht mehr
' der Mensch zur Debatte und das um so lieber, als
\ wirklich die Zeiten zu ernst sind, um über Billigung
j oder Mißbilligung des einzelnen Menschen zu sprechen.
| Einer Krankheit gilt es zu begegnen, nicht einem
\ Kranken. Mußte es denn nicht so kommen, mit
■ zwingender Notwendigkeit? Eine Weltmacht hat
! jüdische Interessen ernstlich in ihr Kalkül gezogen,
i hat diese Interessengemeinschaft sichtbarer affichiert.
I Da muß man schon sehr stark die Pflicht gewissen-
I hafter Nüchternheit erfassen, um nicht in den Wahn
i zu verfallen, als wäre man nun plötzlich in den
Mittelpunkt des Weltgeschehens gerückt, als müßte
man allüberall das Zünglein an der Wage sein.
O, in den alten Fabeln kommt viel kleines, schwaches
Getier zu Worte, das größenwahnsinnig dem Löwen
unentbehrlich zu sein glaubt und vielgeschäftig sich
an denselben heranbiedert, froh ob des Knochens,
den ihm der Löwe in berechtigter Ungeduld zuwirft.
Mehr ist darüber nicht zu sagen, und weinen sollte
man, daß diese Materialisierung des jüdischen
Wollens uns das Letzte rauben könnte, das Diadem
der Schuldlosigkeit ob aller jüdischen Leiden. Das
ist unser kostbarstes Gut; wehe uns, wenn wir auch
das noch in den Strudel inhaltsloser Erfolghascherei
werfen lassen. Dann hätten wir gar nichts mehr in
die Wagschale zu werfen am Tage der Wahrheit,
und schuldbeladen müßte Judas Gemeinschaft den
Weg aller Völker gehen, die früher oder später dem
Untergang geweiht sind, weil sie im Größenwahn
ihr Ideal preisgeben.
Wir möchten diesen Gedankengang auch in das
Stammbuch all der jüdischen Nationalräte schreiben;
wir möchten vor allen Dingen, daß sich die pol¬
nischen Juden diesen Gedankengang überlegen, bevor
sie zu dem Grünbaumschen Projekte eines jüdischen
Nationalrat.es in Polen Stellung nahmen. Ehe es zu
spät ist! Daß für einen leeren Erfolg eines Augen¬
blickstaumels nicht preisgegeben werde der wahre
innere Wert unseres Judentums, nicht Rausch- und
Flittergold getauscht wird für unser einziges Diadem.
P. K.
Von 0. H. E.
Die bestehende Wahlverwandschafl zwischen den Söhnen
Israels und Albions war schon damals Gegenstand der Be¬
handlung, eh sie noch in den Räumen politischer Propaganda
liebevolle Pflegestätte gefunden halte. Es gibt seit Langem gar
eine society, die England als vom Reiche Israel abstammend
wissen will und das Königshaus als Nachfahren des Könjg
David. Zudem die gleichgeartete Mentalität, die im praktischen
Leben nach den letzten Errungenschaften des menschlichen
Qeist|is^^|(^,.:im, h'änsj>c, r .?n Lpl«n.. .aber-• BejEBä^fla^eist
alter Zeiten" Bewahrt; starres Festbalten an d^^itw^fen
kann sich neben der Geschmeidigkeit in -der^tipassungl an
die realen Gebote der Zeit bei Beiden ungehemmt fort erhalten.
Diese Eigenart ist, die Wirkung oder Ursache der zwiespältigen.
Wesensart beider Rassen, in denen eine vererbte, haKe Idep-j
logie in" stetem Widerstreit mit dem Versucher, dei' ange¬
borenen Selbstischkeit ringt Wie die'jüdische "Volksseele ; 'mit
sich selber hadert, wie listiger, realistischer Golüsgeist sich
mühselig zu Israelswesen emporarbeitet, das hat sich mit fast
greifbarer Plastik in dem Bilde zweier mit einander ringender
Phantome des Jezer low und Jezer hora verdichtet. Das tragische
Ringen zwischen dem Imperativ großer Pflichten und dem
unglückseligen Erbübel der leidenschaftlichen Erwerbsucht da¬
tiert sich gerne entschuldigend von dem Auszuge aus Aegypten,
wo sich in den reinen Stamm der Söhne Israels das volks¬
fremde Element des Erewraw gemischt hat. Das wäre die Ent¬
stehungsgeschichte der • beiden polaren. Kräfte der jüdjs^en'
Psyche, die sieh bald zu' , Engelshöhe"---ffrn'ebt, -um Ewiglceifs-'
gesetze des Rechtes nnd der Wahrheit zu künden, bald zur
Untiefe der „neunundfünfzigsten Pforte der Verdammung" ab¬
stürzt. Die ehrsame society, die den Glauben an die israelitische
Abkunft der Engländer zu pflegen hat, darf ihre Argumente
in der gleichen Erscheinung des tragischen Zweiseelentums
des ewigen Ineinanderfluten zweier sich befehdender, gegen,
sä,tzlicher Elemente, die beide Rassen von allen Anderen unter-
€in Test der Tftora.
Reine, volle Akkorde der Thora waren es, die
an diesem moralisch so unvergleichlich hochstehen¬
den Abend erklungen sind. „Die Tafel soll wie ein
Altar sein", fordern unsere Weisen. Eine solche
Tafel war die des Vereines „Tiferes Bacliurim",
dessen Aufgabe die Erhaltung Wiener Kinder in
den Jeschiwos ist. Frohgewidmete Opfer wurden
darauf dargebracht. Nicht so sehr die respektable
Summe von mehr als einer halben Million Kronen,
die das Renschen alleinbrachte; höher geschätzt sei
die edlere Opferfreudigkeit, das Gelöbnis der Hin¬
gabe des ganzen Selbst, das sich in schönen Thora-
Avorten kundgegeben hat. Der Gründer und Präses
des Vereines Herr Rosner eröffnet und begrüßt. Er
ist ein Jünger der Preßburger Jeschiba und hat
sich — inmitten realer Geschäftstätigkeit — gedrängt
gefühlt, von diesem Geiste soviel Avie möglich in das
Treiben der Weltstadt zu verpflanzen. Mit
den bescheidensten Mitteln ist es gelungen, so viel
Kraft und Begeisterung zu schaffen. Avie sie um
diese Tafel versammelt waren. Dieser Erfolg mag ihm
hohe Genugtuung für das jahrelange Streben im
schwierigen Werke geboten haben. Er begrüßt mit
Freuden die erschienenen Männer der Thora, die
ehrwürdigen Rabbiner Baumgarten, Benedikt, Fried¬
mann, Schenk und Weiß, die Vertreter der kultus¬
gemeinde Wolf Pappenheim, Kommerzienrat S. Bondi
und Jakob Pinkas und die Vertreter der Adas Jisroel
Fuchs und Stern, ferner Herrn Bettelheim; für die
Ghewra. kadischa Herrn Denes, die Delegierten des
Bes hamidrasch Herren Austerlitz und Braun, für
die »Einheit" Herr Max Hofbauer; für Tomech
Ewjonim Herren Braun, Figdor; für Marpe-lenefesch
Herren Gottfried, Fleischmann; für den Krankenhaus-
-----------—--------------:----•— ■ , " ; " • v .., "
verein Herrn Frommer; für die Jesode hatora perr^rr.
Kritzler und Lederer; für das Bethaus ;(St^m'per-,
gasse) Herrn Benau; für die Jugendgrupjpe' Hje^ia:
Baiungarten und Steiner; für den DelBgie^ii'f :
verband Herrn Josef Brodyu. A. und heißt ^ :tvj|I-
kommen. Es folgt die ungemein stimmungsv.Öllö urid
und gedankenreiche Rede des Herrn Salomon
Schreiber. Der Avundersehöne Vers des heiligen
Schir-haschirim Ha-dudoim nosnu reach usav., wurde
da zum Schwungbrett für eine tiefbeAvegende Ver¬
herrlichung der thoratreuen Jugend, der Freude an
dem Triumph des Thorageistes und die Lobpreisung
aller Unterstützer der Thora, die in dem Wunsche
ausklang schelo jeAvosch hamaayon, „daß die Quelle
nicht versiege und die Anpflanzungen nicht zerstört
Avürden", Avobei Redner den Segen seines Ahnen
des'Ghassam Sofer s. j. o. zitierte, daß auch die
materielle Quelle Sebuluns nicht versiege. Der außer¬
ordentliche Eindruck der Rede löste große Begeiste¬
rung aus. Nun folgte die mit achtungsvoller Spannung
angehörte Rede des allverehrten Rabbiners Josef
Baumgarten n. j. Die Akklamation, die ihn begrüßte,
klang da schon, wie ein Naase wenischmo. Redner
Aveist darauf hin, daß die Ghanuka-Feier erst „la-
schono hoacheres", im zweiten Jahre beschlossen
Avurde. Thorabegeisterung sei kein Strohfeuer, das
im ersten Momente des Aufflammens gilt. In be-
Avegenden Akzenten schildert Redner das Durch¬
halten der Thora und schließt mit dem Wunsche,
daß es die Generation erleben möge, die große
Menora in ihrem Avahren Glänze erstrahlen zu sehen.
Herzliche Zurufe bekundeten die Wirkung der tief¬
gefühlten Ansprache. Der Waummangel gestattet uns
nicht näher auf die einzelnen Reden einzugehen.
Herr Schick bemerkt mit gutem Humor, daß, Avenn
auch die Tafel schmal Avie Kriegsmenü sei, die ge¬
flossene Thora von Friedensqualität sei — nicht alt,
sondern so gut. Er bittet um Opfer, da selbst das
Pas bemelach tochal Aveal hoorez tischon schwere
Geldopfer für den Bachur bedeute. Herr Dr. Reininger
spricht in beifällig aufgenommener distinguierter
Rede über den Heroismus inmitten fremder Unnvelt
die Thora zu erhalten. Herr Jakob Pinkas spricht
unter großer Aufmerksamkeit diwre. thora über den
Verein, Ghanuka und die Thora. Er hat den Jün¬
geren den Platz in der Leitung überlassen und freut
sich, daß er damit, die EntAvicklung gefördert hat.
Die Rede machte einen sehr günstigen Eindruck.
Zum Schlüsse sprach Herr Wolf Pappenheim, der
die Jugend ermahnte, nicht auf den Lorbeeren zu
ruhen. Nun richteten noch auf allgemeines Ver¬
langen die ehrwürdigen Herren Rabbiner Schenk
und Weiß dankbar begrüßle Thoraworte andieAn-
Avesenden, ebenso an die Vertreter der Jugendgruppe.
Nun folgte quasi der ZAveite Seder. Herr Wesel
übernahm das verantAvortungsvolleÄmtdesBenschen-
Auktionars, Avorin er eine Avahre Meisterschaft ent-
Avickelte. Die erkleckliche Höhe von K 530.000, die
er erzielte, ist teilweise seiner Kunst zu verdanken.
Herr Schlachet Avar der Ausdauerndste derBietenden
und errang den teuer erkauften Sieg. Die Verst, des
Herrn Steiner soAvie die zwerchfellerschütternden
Knüttelreime des unA r erwüstlichen Herrn Dukes
fanden stimmungsvollen Abschluß in der glänzenden
gesanglichen Darbietung des Oberkantors Kunstadt.
Das Menü Avar eine Spende der Gönner des Vereines
und die überaus treffliche Küche Avard zugunsten
des guten Zweckes kostenlos vom Ehepaar Ignatz
Brody geführt. So blieben die an K 800.000 hinan-,
reichenden Einnahmen ReingeAAdnn. Den Spendern
der schönen ThoraAvorte sei aber versichert: toAV
Ii toras picho mealfe sohoAV wo-chessef.
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