Page
Seife flf
JÜDISCHE PRESSE
24. Lebensjahr vollendet haben, soweit sie nicht als Führer
oder Vorstandsmitglieder von den Jugendgmppen benötigt
werden, zur Ortsgruppe übertreten.
6. Die Jugendorganisationen mehrerer Länder können
sich mit Genehmigung des G. A. 7.11 einer Arbeitsgemein-
schaft unter einheitlicher Leitung zusammenschlteßen. Der
Leitung gehören drei vom G. A. zu ernennende Mitglieder
an. Die Satzung bedarf der Genehmigung der Rabbinischen
Landesräte der beteiligten Länder, die durch Vermittlung
des G. A. einzuholen ist.
7. Jugendorganisationen, die sich über mehr als drei
Länder erstrecken, entsenden drei Vertreter mit beratender
Stimme in den Zentralrat.
8. Beim G. A. in Wien wird ein Jugendreferat er-
richtet, dem drei Mitglieder des G. A. und vier ln Wien
wohnende Delegierte der Jugendorganisation angehören.
Das Referat hat die Führung der J. 0. untereinander und
mit den oberen Agudatnstauzen aufrecht zu erhalten..Es
entscheidet über '־etwaige Differenzen zwischen Jugend-
und Landesorganisation, vorbehaltlich des Aufsichtsrates
des G. A. tmd des Rabbinischen Rates.
Bnaus Agttdas Jisroel.
Der Zentralrat überweist das von der Bnaus Agudas
Jisrocl-Konfercnz in Lodz ausgesprochene Ersuchen um
Abhaltung von Führerinnenkurse für die Bnaus Agudas
Jisroel der Keren-Hathora-Zentralc in Wien zur möglichst
baldigen Ausführung.
Schechita.
Mit tiefem Schmerz und äußerstem Befremden nimmt
der Zentralrat von den in mehreren europäischen Ländern
in immer verstärkter Heftigkeit auftretenden Versuchen
Kenntnis, durch Eingreifen in die freie Ausübung der vom
jüdischen Religionsgesetz vorgeschriebenen Schlacht-
methode (Schechita) die religiöse Gewissensfreiheit der
orthodoxen Judenheft aufs schwerste zu gefährden. Er legt
gegen diese •meist aus Vorurteil geborenen Versuche im
Namen der religiösen und wissenschaftlichen Wahrheit
feierlich Verwahrung ein. Für den gläubigen Juden ist das
religiöse Scliächtverfahren nicht etwa eine unbedeutende
Formvorschrift, eine Aeußcrlichkeit. sondern Bestandteil
eines großangelegten geschlossenen Systems diätetischer
Vorschriften, das von dem göttlichen Gesetzgeber auf dem
Sinai offenbart und von der Gesamtheit der jüdischen
Religionsgemeinschaft bis auf den heutigen Tag als unbe-
dingt verbindliche, grundlegende religiöse Lebenslehre an-
erkannt wird. Der Zentralrat stellt fest, daß die moderne
physiologische Wissenschaft auf Grund experimenteller
Forschung die Gleichwertigkeit, ja zum Teil die Ueber-
legenheit des jüdischen Schlacht׳Verfahrens anerkannt iind
die Behauptung des ticrquälerischen Charakters der
Schechita widerlegt hat.
Der Zentralrat fordert die Gesamtheit der jüdischen
Religionsgenossen auf, mit umso treuerer Anhänglichkeit
an der göttlichen Ueberlieferung des Judentums festzu-
haften, je mehr Irrtum und Vorurteil dagegen anstürmen.
Er erwartet und hofft, daß in immer steigendem Umfange
hochdemkende und vorurteilslose Persönlichkeiten innerhalb
der christlichen Welt die Ungerechtigkeit der gegen das
Schächtverfahren erhobenen Vorwürfe anerkennen und
sich aus ethischen und verfassungsrechtlichen Gründen
gegen, jeden Versuch wenden werden, die Gewissens-
freiheit der ältesten jüdischen Religionsgemeinschaft inner-
halb der Kultur weit zu gefährden.
1^)| Nachrichten! 1^)
Festakademie der Agudas Isroel-Mädchengruppe Wien
Die am verflossenen Diienstag stattgefuiidene Fest-
akademie der Agudas Jisroel-Mädchengruippe nahm einen
glänzenden Verlauf. Den rührigen, umsichtigen Arran-
geur innen, Fräulein Iilona Feld heim, Stella R'ic׳htpr,
Heidi Schreiber und Anny Herzog, sei auch an
dieser Steile für die schönen, frohen Stunden, die sie einem
zahlreich erschienenen Publikum bereitet haben, herzlichst
gedankt. Sie ׳haben ein auserlesendes Programm zusammen-
gestellt und aMes aufgeboten, um diesen von Frauen
für Frauen veranstalteten Abend erfolgreich zu ge-
stalten.
Ein ausgezeichneter Kiavlervortrag von Fräulein
Mimi Schiff leitete die Veranstaltung ein. Als nächste
Nummer erschien Fräulein Grete Bach, deren meisterhafte
Rezitation nachhaltigen Eindruck auf die andächtig lau-
sehende Zuhörerschaft übte, und der immer wieder neue
Zugaben äfogerungen werden mußten. Dann kommt Fräulein
Liane Pappen •heim als dummer August auf die Bühne
and kündigt diie Attraktionen eines Wanderzirkus an. Was
August in seinem entzückenden, pathetischen englischen
Kauderwelsch mit so viel Verve und Temperament ver-
spricht, sein Ensemble hält es. EÜ Löwinger als Miß
Spindy produziert Zirkusattraktionen, Elise Kritzler als
alkoholsüchtiger Russe Wladimir tanzt ausgezeichnet, Anny
Löwinger als Straßensängerin leiert ihren Schlager
vorzüglich ab, und allerliebst und anmutig wirkt Helene
Pappen ■heim als Kind der Straßensängerin. Den Clou
des Wanderzirkus aber bildete der virtuose Tanz der drei
in originelle Kostüme gekleideten Niggergirls Gerti Rel-
n •Inger,'Ilse Horowitz und Ba'bbi Sternfeld, der
das laute Entzücken des Publikums hervorrief.
Ein Tanzspiel, in welchem Fräulein Elise Kritzler
als altjüngferliche Gouvernante auftritt, Fräulein Blanka
Löwinger als ״Et“ graziös tanzt und Anni Löwinger,
Grete P r 0 ß n i t z, Wally Wosncr und Liane Pappen-
h e i m Backfischchen vorstelilen, d!ie sich auch zu schicken
American Girls verwandeln können, wurde ׳besonders bc-
jubelt.
Die verständnisvolle Klavierbegleitung zu den Tanz-
spielen besorgte *in dankenswerter Weise Fräulein Ma-
rianne Kohn.
Als Sängerinnen, die viel zum Gelingen des schönen
Bestes beitrugen, haben sich Frau Stelle Schiff und Frau
Rosa Wosner besonders hervorgetan-
Das reichste Lob aber muß dem Fräulein Mina
Schiff ausgesprochen werden, die sich als vielseitiges
Genie einen Namen gemacht •hat. Sie hat die entzückenden
Kostüme entworfen und die Tänze einstudiert, und ein
nicht enden wollender Beifall dankte ihr mehrmals auf
offener Szene für ähre großartige Leistung.
Fräulein Jenny P e r e 1 s als geistvolle Conförenoiere,
deren ■heitere, von stetem Beifall unterbrochene Stegreif-
dichtungen die einzelnen Nummern ankündigten und die
Feier beschlossen, gebührt großer Anteil ati dem voll-
korranenen Gelingen des Abends.
Das von Jahr zu Jahr steigende Niveau• der gesell-
schaftlichen Veranstaltungen der Mädchensruppe gibt zu
den schönsten Hoffnungen auch in dieser Richtung Anlaß.
N. S. ,
Nr. 2
Frauenhilfe der Adas Isroef.
Dar Verein ״F raue nh Ille“ ladet hiermit seine
geehrten Mitglieder zu einer gemütlichen Zusammen-
kunft für Dienstag, den 17. Jänner im Caf6 Deutsch,
II., Herminengasse 10. Es spricht Frau Herrn ine
Po Hak. Beginn präzise 5 Uhr. Gäste herzlichst
willkommen.
Plenarversammlung der Agudas Jisroel-Mädchen-
gruppe Wien. Die Frankfurter Tagungen, der Bundestag
der Jugendgruppe sowie der Arbeitsgemeinschaft der west-
europäischen Jugendverbände haben auch der W-iener
Mädchengruppe neue Impulse gegeben. In der Plenarver-
Sammlung vom 5. Jänner gab Fräulein Annie Herzog ein
klares Bild dessen, was sie in Frankfurt gehört und ge-
sehen, und hob -besonders hervor, was für unsere Mädchen-
gruppe von Wichtigkeit wäre. Das Programm der neuen
Arbeit entwickelte Fräulein Jeanette Bon di. Es teilt sich
in vier Teile, Belehrung, Geselligkeit, sportliche Hebungen
und Gemillas Ghesed. Für die Belehrt mg speziell ist vor-
gesehen:
Montag:
7 Uhr: Ein Jesaja-Kurs für Fortgeschrittene, geleitet
von Dr. Deutschländer.
Dienstag:
7 Uhr: Ein Geschichtskurs, geleitet von D. P. Kohn.
Anschließend daran eine Arbeitsgemeinschaft, die ׳in einem
gemütlichen Abend auslaufen soll. In der Arbeitsgemein-
schaft sollen Werke der deutschen und jüdischen Literatur
gelesen und !besprochen werden.
Mittwoch:
7 Uhr: Thilimkurs des Herrn Dr. Deutsohländer, um
halb 9 Uhr ein Gbumischkurs für Anfänger, geleitet von
Frau Herrnine Pollak.
Donnerstag:
7 Uhr: Französisch-Kurs, geleitet von Fräulein Annie
Herzog:
Sabbat:
II Uhr vormittags: Sidrahvortrag des Herrn ׳Dr. Kohn.
S aibfoa t au sg a n g:
Rhythmischer Turnknrs.
Sonntag:
Je nach der Witterung kleinere oder größere Aus-
flüge.
Alle Kurse finden vorläufig •in den Räumlicihlkeiten der
Agudas J1 s r o e l, Leopoldgasse 26 a, statt. Der
Sidrahvortrag findet im E1 ■i s a b e t 11 ׳ h c i m statt.
Clmm es oh und französischer Kurs sind für die Ä- und
B-Gruppe.
Außer dem Turnkurs beginnen alle Veranstaltungen
schon diese Woche.
Die Liste für die Vorstands wähl wurde einstimmig
angenommen. Wir alle ■hoffen, daß cs dem neuen Vorstand
gelingen wird, die Begeisterung des Augenblickes wach
zu halten -und die Betätigung der Mädohcngruppe •in all
ihren Verzweigungen z:u •beleben. Zu besonderen Er-
Wartungen berechtigt die Tätigkeit der jüngsten Agu-
distinnen der B-Gruppe. Für den früheren Vorstand er-
stattete Fräulein Ilona Feldheim den Tätigkeitsbericht. Aus
ihm ging hervor, daß auch auf dem Gebiete des Gmillas
C •h ä s ä d s e h r viel geleistet wurde.
Frauensektion des Bethausvereines Emunas Aves.
Sonntag, den 8. Jänner fand in den neurenovierten Lokali-
täten des orthodoxen Bethausvereines Emunas Aves,
XIV., Storchgasse 21, die Gründungsfe ■i e r der
Frauensektion des Bethausvereines satt. Das große Inter-
esse, welches dieser neugegründeten Sektion entgegen-
gebracht wird, gab sich durch zahlreichen Besuch kund.
Um die Gründung haben sich die Herren Emanuel Weiß,
Obmann des Bethausvereines, Ernauel Schulz als Vize-
Präses und Artur Kr einer als Schriftführer große Ver-
dienste erworben. Von dem Ausschuß haben die Damen
Frau Präsidentin Schulz und Frau Gisela Winkler
als Schriftführerin es verstanden, einen Stab von sehr
tüchtigen Damen um sich zu sammeln. Die Gründungs-
feier verlief programmäßig. Um halb 5 Uhr nachmittags
begann das Fest mit einer Ansprache des Obmannes, der
die Frauensektion im eigenen Heim begrüßte. Hierauf er-
folgte die Begrüßung der Festgästc durch die Frau Präsi-
dentin. Sie begrüßte vor allem die Ehrengäste, Sr. Ehr-
würden Herrn Rabbiner Weiß, die Ehrenpräsidentin Frau
Rabbiner Weiß, Frau Olga Krupnik, den Gesamt-
Vorstand des Bethausvereines, den Obmann der Bezirks-
kommission Herrn A Ibers, die Vertreter der Chewra
Kadischa, ferner Herrn Medizinalrat Dr. Neu m a n n und
sämtliche Vertreter der benachbarten Vereine. In einer an
Inhalt und Form gleich vollendeten Ansprache besprach
die Frau Präsidentin Ziel und Zweck dos Vereines. Ihre
Rede übte einen tiefen und nachhaltigen Eindruck auf samt-
liehe Zuhörer aus. Hierauf ergriff Se. Ehrwiirden Herr
Rabbiner Weiß das Wort. Er schilderte die Bedeutung der
jüdischen Frau für das Judentum und hob hervor, wie
wichtig es sei, daß die Frau nicht nur im Haushalt, sondern
auch im öffentlichen Leben an allen jüdischen Interessen
Anteil nehme. In treffender Weise brachte er Beispiele von
berühmten jüdischen Frauen, die durch ihren Mut das
jüdische Volk oft aus seiner bedrängten Lage gerettet
haben. Nachdem Oberkantor Einhorn mit einem gut-
elnstndierten Chor Gesänge vorgetragen hatte, ergriff Frau
Winkler das Wort. Ihre mit gesundem Humor ge-
würzte Rede fand viel Gefallen bei sämtlichen Zuhörern.
Die Rednerin forderte die Anwesenden auf, ihre Herzen
und Brieftaschen zu öffnen und sich in das herrlich aus-
gestattete ״Goldene Buch“ (ein Meisterwerk des Herrn
,Emanuel Schulz), dessen Motto die Worte ״Hochmas
Noschim bonso beso“ sind, einzutragen. Herr Albers
brachte alsdann die Glückwünsche der Kultusgemeinde und
der Bezirkssektion zum Ausdruck. Es sprachen noch Herr
Medizinalrat Dr. Neumaan und Herr Eduard K reine r.
Jeder Besucher des. Festes ging sicherlich mit dein Ein-
druck nach Hause, daß erhebliche Arbeit geleistet wird.
Chanukka-Feier in Mattersburg. Wie alljährlich,
'wurde auch heuer vom Isr. Frauenverein eine Chanukka-
Feier zu wohltätigen Zwecken veranstaltet. Frl. Grete
Deutsch begrüßte die zahlreich anwesenden Gäste, die
in der Folge dem hübschen Chanukka-Festspiel ״Jüdisch
erzogen“ voller Spannung lauschten. Die darstellenden
Mädchen Frl. Adele Weiß. Sera S'tern, Hanrii Sobel-
mann, Valeria Hirsch und Blanka Schön waren ent-
' zückend. Frl. Margit Kerpel erntete durch ihre Dekla-
mation reichen Applaus. Nach zwei humoristischen Vor-
trägen, und zwar ״Die lange Nos“ und ״Die große Mizwoh“,
welche Frl. Tilda Kerpel und Hilda S t e i n h 0 f vor-
trugen, folgte ein Lustspiel: ״Schrrml, der Schnorrer,“ von
Frl. Lani L i n d e n f e 1 d, Erna Scho n, Rozsi Kerpel
und Lentschi Schot teu dargesteilt. Die Einstudierung
aller Vorträge lag in der bewährten Regie Frl. Margit
Kerpels. Ihr und den anderen Darstellerinnen, die sich
alle um das Gelingen des Festabends bemühten, sei hiemii
Anerkennung und Dank ausgesprochen.
Antwerpen. Am 4. Tag Chanukka fand das Chanukka-
Fest der Agudas Jisrocl-Mädchengruppe in Antwerpen
statt. Der Abend wurde mit einer sinnvollen Ansprache
von Frl. Sophie Sp-ira eröffnet. Die Festrede hielt Fräu-
1 ein Mirel Pesachowitz; sie sprach über das Thema
״Jüdische Frauen •in der Geschichte“. Hernach wurde das
Theaterstück ״Das Kriiglein Oel“ von den Mitgliedern der
Mädchengruppe musterhaft aufgeführt. Großen Beifall fand
das Violinspiel von Frl. Regi Beck, am Klavier begleitet
von Frl. Rosa Liebermann, wie auch die Lieder von
Frl. Rosa EU 0 witz. Stürmische Begeisterung erweckte
die Aufführung eines von der Präsidentin der Preßburger
Mädchengruppe, ^ Frl. Juliska Grünsfeld, verfaßten
Stuckes ״Der Traum im Atelier“. Ein wunderschönes
Ballett, das, von Frl. Eva Langer geleitet, deu acht
Chanukka-Lichtlein entsprechend, von acht Mädchen auf-
geführt wurde, beschloß deu gelungenen Abend.
Eine Reise der ‘Wiener Aguda-Jugeadgruppen vom Frank-
furter Bundestag nach Wiesbaden uud Worms.
Wer den^ Bundestag der Agu-das-Jisroei-Jugend-
Organisation in Frankfurt a. M. miterlebt bat, dem wird so
manches aus .dem Programm noch lauge in angenehmer
Erinnerung bleiben. Wie wohlorganisicrt war doch schon
der Empfang der Gruppen aus den verschiedenen Städten
Deutschlands und des Auslandes, dank der verdienstvollen
Vorarbeit des ״Agudoh-Verkehrsministers". Dieser ״jüdi-
sehe Eisenbahnfachmann" hat sich aber auch nach der
Tagung sehr? bewährt. Alle Bekanntmachungen über An-
kunft und Abfahrt der Gruppen usw. am schwarzen Brett
wurden rechtzeitig ausgehängt. So konnte man unter
anderem auch lesen: Gemeinsame Fahrt nach Worms am
27., Treffpunkt 8,15 Uhr am Haupt-bahnhof, Rückkehr gegen
21 Uhr. Und eine stattliche Zahl von Teilnehmern, fast
durchwegs Wiener,. Budapester und Preßburger hat an
diesem Ausfluge teilgenomcn.
Noch in vorgerückter Abendstunde des Montags
hatte der 0״. V.-Eisenba׳hner“, -Führer für Wiesbaden und
Worms bestimmt und war selbst am Dienstag morgens
am Bahnhof, um allen 40 Teilnehmern ermäßigte Fahr-
karten zu besorgen und dem Wiesbadener ״Cook" die
ganze Gnippe .anzuvertrauen. Dieser hatte zunächst nichts
Eiligeres zu tun, als •genügend Plätze für die Fahrt
schnell vor Abgang des Zuges beim Stationsvorsteher zu
bestellen. Man war freudig überrascht, als man gewahrte,
daß der freundliche diensttuende Beamte Wagen 2. Klasse
anwies. Der Reiseführer, der während der Fahrt den Dienst
eines ״Kondukteurs“ versah, indem er von Abteil zu Ab-
teil lief, um das Fahrgeld zu erheben, konnte feststetllen,
, daß er es nicht nur mit einer Reisegesellschaft 2. Klasse,
sondern mit echt jüdischen jungen Leuten ״erster Klasse“
zu tun hatte.
In Wiesbaden angekommen, machte sich die Gruppe
junger Damen und Herren auf, um die Stadt zu besichtigen,
soweit es die Zeit ׳bis Mittag erlaubte. An den Stufen des
neuen Museums wurden dann gemeinsame photographische
Aufnahmen gemacht und so die Teilnehmer dieser
interessanten Fahrt im # Bilde festgehalten. Als man das
weltberühmte Wiesbadener Kurhaus ansehen wollte, er-
lebte man die zweite freudige Ueberraschung. Dank der
Freundlichkeit des Kurdirektors durften alle Teilnehmer
die prachtvollen Räume des Kurhauses unentgeltlich be-
sichtigen. Ja sogar noch mehr! Als eine Abordnung der
Wiener Agudoh mit dem Wiesbadener Führer sich nach-
her zum Kurdirektor führen ließ, um sich für seine Zuvor-
kommenheit zu bedanken, ordnete dieser an, daß die Gäste
auch ■den Kochbrunnen bei freiem Eintritt besichtigen
könnten. Man freute sich am Genuß des zwar heißen, aber
salzigen Kochbrunnens nur insofern, als mau seit dem
frühen Morgen zum ersten Male wieder etwas Warmes in
den Magen bekam. Die Kurkapelle, die ,gerade in den
Wandelhallen ihre Weisen hören ließ, schien ganz alleine
für die lieben Wiener zu spielen.
Um den Zug nach Worms zu erreichen, trennte man
sich, wenn auch ungern, vom schönen Kurvierte] und ging
langsam durch die Stadt zum Bahnhof. Der jüdische
Wiesbadener ״Cook“ richtete es noch so ein, daß man an
dem ״Backhause“ vorbeikam, wo es auch koschere
Brötchen gab und rasch war der Laden mit den jungen
Leuten angcfüllt, die ״frische Semmeln“ für den Weg mit-
nehmen wollten. Am Bahnhof wurde die JOköpfige Ge-
sellsohaft von einem in Wiesbaden lebenden Landsmann
herzlichst begrüßt und dann dem Wormser Führer über-
geben. Der ״Wiesbadener Führer“ verabschiedete sich am
Bahnsteig von den ihm liebgewordenen Freunden, über-
zeugte sich davon, daß die bestellten Abteile auch resev-
viert waren und konnte bei Abfahrt des Zuges mit Be-
fredigung feststellen, daß die Wiener in guter Stimmung
den selbsteingeriohteteu ״streng koscheren Speisewagen“
eifrig benützten.
Nach einstiindiger Fahrt kam die ganze Gesellschait
vergnügt ;und munter in Worms an. Die Stadt machte einen
etwas dusteren Eindruck, der schon auf die ehriurchts-
volle Stimmung hinwies, den unsere Freunde beim Be-
treten des ältesten deutschen Beth Hachajim empfanden.
Es war ein bewegter Anblick, wie manche der
Teilnehmer Tfifloth sagten und einige unter dem Eindruck
des Ortes sogar Tränen vergossen. Nach ausführlichen
Erklärungen des soviel • hebräische Kenntnis zeigenden
nichtjüdischen Friedhofswächters trat die Schar unter
Führung ihres ״Biebricher jüdischen Cook“ für Worms,
der seine Sache ausgezeichnet machte, den Weg nach der
alten ״Raschistub“ an. Schade, daß die Stimmung unwiil-
kürlieh gedrückt wird, wenn •man sieht, wie die modernen
Einflüsse sich auch schon hier bemerkbar machen. Die
Stube selbst ist pietätlos geworden durch einen neuen
Farbenanstrich und in der alten Synagoge ist die moderne
Orgel nicht zu übersehen. Der Schammes brachte das
״Rothenburger“ Sefer vor die Schul, wo cs von den
Wienern eingehend studiert wurde. Nachdem sich die
ganze Gesellschaft in da׳s aufliegende Gedenkbuch eilige-
zeichnet und die interessante M-ikweh besichtigt
hatte, trennte man sich ungern von der Stätte, die allen
Teilnehmern durch ihre jüdischen Denkmäler uiivergeß-
lieh bleibe« wird.
Spenden für das Badener Waisenhaus. In der Pension
Hirsch am Semmering wurden für das jüdische Waisenhaus
in Baden Somata«, den 24. Dezember 1927 folgende
Spenden gewidmet von den Herren: Dr. Ungar, Budapest
S 10, Alex. Löwinger, Budapest S 5, Bernfeld, Budapest
S 5, Max Glückselig, Wien S 5, Leon Glückselig, Wien
S 2, Julius Krupnik, Wien S 50, Eduard Deutsch S 20,
N. Welker S 2, Isidor Bänder S 5; zusammen S 104.