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TUEDISCHE RUNDSCHAU
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liehe Zustimmung seiner Partei zu dem antisemitischen
Vorstoß, verlangte aber die genaue Definition des Begriffes
״j ü d i s c 11 c R n s sc“. Der Fraktionsvorsitzende der bayc-
rischen Volkspartei, Wohl gern uth, übernahm diese letzte
Bedingung und machte aufmerksam, daß der völkische An-
trag eine Aenderung der Reichsverfassung bedinge. Die
Beschlußfassung wurde auf die nächste Sitzung verschoben.
Dir ׳■er Vorstoß der bayerischen Nationalsozialisten stellt I
einen Sieg der radikalen Gruppe innerhalb der Völkischen
dar. Der Gründer der Partei, Hitler, scheint mit dieser
• Taktik nicht ganz einverstanden zu sein. Im ״H a y e r 1 s c h e 11
Kurier״ macht einer der Mitbegründer der Völkischen
Partei interessante Mitteilungen, die Hitlers Rücktritt von
der Parteileitung und seine Stellung zur Judenfrage in einem
ganz neuen Lieht erscheinen lassen. Danach habe Hitler ein•
gesehen, daß die nationalsozialistische Aufziiumung der Juden-
frage eine Utopie ist, und daß cs ein Unrecht sei, der
I u d c 11 s c 11 a f t jedes Verdienst um Land und
Volk n bsprcche n zu wollen. Die J 11 d c nsc 11 a f t
sei vielmehr für siel! betrachtet! ein II o 11 •
werk ausgesprochen völkischer Prägung,
de ssen $ t o ßk r a! t in seinen Eigenschaften
1 i ege. Diese 11 a eh n 11 m c n s w c r 1 c n E i g c 11 s r 11 a f t e n
hätten jjerade manchem völkischen Unterführer gefehlt, die
heim Noveiidiei putsch als l'eiglingc versagten. Aus dieser
Einsicht sei Hitler in der Festungshaft der Judenfrage gegen-
über zu einer neuen Einstellung gekommen, die
seinen Rücktritt mit veranlaßt habe.
Häufiger als in frittieren Jahren kommt es in der jetzigen
Padrsaison in den Ost Seebädern zu unangenehmen
Zwischenfällen, die durch Hakenkrcuzler hervorgerufen
werden. 111 Kolbe rg wurden jüdische und jüdisch aus-
sehende Badegäste durch Hakenkreuz tragende Herren pro-
vo/iert. Es kam zu Zusammenstößen, wobei •die Hnkenkreuzler
den kürzeren zogen. Wie die ״Deutsche Zeitung" meldet,
hätte die Polizei das Ersuchen, gegen die ll.tkenkreuzler
cinziisclirciten, nhgclchnt.
An der zweiten jüdischen Wclthilfskonfcrcnz, die
vom 21. bis 26. August in Karls b ad tagen wird, werden
auch die Vertreter einer Reihe jüdischer Großgemrimlcu
Europas teitnehmen. Der Vorstand der Berliner Jüdischen
Gemeinde hat beschlossen, sich auf der Wclthilfskonfcrcnz
durch Eugen Caspary, Vorsitzenden des Wohlfahrtsamtes
der Jüdischen Gemeinde, und den stellvertretenden Vor-
sitzenden der Rcprascntantcnvcrsammlun״, Dr. Alfred Klee,
zu beteiligen. Auch die Gemeinden Wien und Amsterdam
haben bereits Vertreter nominiert.
Im Vertag Dr. Bapple-Miinchcn ist soeben die erste
Nummer der Zeitschrift ״Der Wettkampf" erschienen,
die den Untertitel ״Monatsschrift für die Judenfrage aller
1 ander״ führt. Die Zeitschrift hat sich zum Ziel gesetzt,
die Kräfte des internationalen Antisemitismus zu vereinigen
und die Jndenfrage vom Standpunkt einer Gefahr für alle
Völker zu behandeln.
pohn
Am 18. Juli fand eine Sitzung des polnischen jüdischen
Parlamcntsklubs statt, in welcher über die Taktik der j ü -
d i s c 11 c n Senatoren während der kommenden Budget-
dchatte im Senat beraten wurde. Bei Schluß der Sitzung
stellte der Präsident des Klubs, Dr. Leon Reich, fest, daß die
Einigkeit im jüdischen Pnrlamentsklub ungestört gcltücbcn
ist und daß der Klub seine Arbeit im Interesse der jüdischen
Bevölkerung ungeteilt {ortsetzen wird.
gnqUiid
Sir Elfis Griffith hat auf sein Mandat im Unter-,
haus verzichtet und Sir Alfred Mond wird als liberaler
Kandidat im Wahlbezirk Carmart he n auftreten. Sein Ge-
genkandidat wird der Arbeiterpartciler Rcv. E. T. Owen in
Carmarlhen sein. Bei der letzten Wahl erhielt die Arbeiter-
partei 7123 Stimmen gegen 8(>77 Stimmen der Konservativen
und 12 088 der Liberalen. Die ״Evening Standard" sagt
über Sir Alfred Mond: ״Keiner hat bisher einen so bemer-
ke ns werten Erfolg im Unterhaus davongetragen, wie
Sir Alfred Mond als Minister. Er hatte viele Hindernisse zu
überwinden, aber die hinreichend unwiderstehliche
Kraft, mit der er für seine Sache cintrat, überwand alle
Schwierigkeiten. Er ist eine der intellektuell hervorragendsten
Kräfte.“
Der Solin des verstorbenen Rabbiners Dr. S. A. Hirsch,
des Schriftführers der englischen ״Chowewe Zion", Rcv.
David Hirsch, hat der Zionistischen Organisation aus dem
Nachlaß seines Vaters die Dokumente der nunmehr
aufgelösten Chowewe Zion •Organisation
zwecks Wciterlcitmig an die Jerusalemer National•
b i b 1 i 0 1 h c k übergeben.
Der hei der Internationalen Konferenz für Emigration und
Immigration in Rom anwesende Herr Lucicn Wolf sagte
einem J. T. A.-Verireter u. a: Mit der Lage der Juden in
den osteuropäischen Ländern beschäftige sich das Foreign
i.ommittcc, besonders was den Numerus clausus an
den Universitäten anbclangt. Man wird darüber ein Ge-
such an den permanenten i 11 1 c r 11 a t i o 11 a I e 11 Ge•
rieht sh of richten, Sobald die Dokumente vollständig bei-
rammen sind, werden wir 1 ms an den Völkerbund
wenden, daß er den Gerichtshof um einen konsultativen Be-
scheid bezüglich der G c s e 1 z 11 c h k c i t des Numerus
clausus ersucht. Nach Rücksprache mit Rechtssnclivcrsiäii-
digen in Wien habe ich den Eindruck, daß wir die Sy in•
atliie des Völkerbundes auf unserer Seite
a b c 11 . Es ist klar, daß, wenn wir eine Entscheidung des
permanenten Gerichtshofes darüber erhalten, daß der Numerus
clausus ein Verstoß gegen die Minoritäten rechte
bedeutet, «lies «las Ende des Numerus clausus 11c-
deuten wird. Die Bestimmungen der Miiioritätcnvcrträgc haben
eine große Macht. In Wien wurde mir z. B. versichert, daß
die Regierung nicht nur entschlossen ist, die Agitation
für den Numerus clausus zu untersagen, r. 011 -
dem auch die Propaganda für <iic Einschränkung der
verfassungsmäßigen Rechte der Juden. Mit «!er
rumänischen Regierung stehe ich wegen der Flüclit-
I i n g s f r a g c in Verbindung. Wir können fnit der Haltung
der rumänischen Regierung mellt unzufrieden sein. Die jetzige
prekäre Lage hängt mit den auf der Wiener russisch-nimäni-
sehen Konferenz entstandenen Schwierigkeiten zusammen. Es
ergeben sich auch daraus die Schwierigkeiten betreffs der
Repatriierung der Juden. Sobald die Lage sieh gebessert
haben wird, werden wir versuchen, mit der russischen
Regierung wegen der Repatriierung der Juden in Ver-
bindiing zu treten. Die Ica wird im gegebenen Augenblick
Vorschläge cinbringrn, und sie ist auch auf materielle Opfer
vorbereitet. — Ueber die Kolonisation der K r i in durch
die Ju«icn seien die letzten Berichte nicht ziifric-
denstcllcnd gewesen. Autonome jüdische Kolo-
nien sind ein Traum. *Die Juden könne« sich wohl
in der Krim ansicdcln, jedoch ohne politische Vor•
rechte. Die Ica stehe dem Projekt sympathisch gegenüber.
Wir sind uns darüber klar, daß die Juden einen Zu•
fluchtsort brauchen, wo sie ruhig leben kftn-
neu. Es Ist an ihnen, diese» zu finde». Wir
können einen solchen nicht Vorschlägen.
Wie die J. T, A. erfährt, wurde in dem letzten Meeting
des War •Victims Fund für die Kriegsopfer Osteuropas die
Frage der weiteren Tätigkeit «los Fonds behandelt. Man bc-
schloß, in «Icr nächsten Zeit keine weiteren Sammlungen
zu veranstalten. Diese Hntsdiehhmg bedeutet eine Stillegung
der Tätigkeit des Fonds, Nacli dem Bericht des Schatz-
meisfers verfügt der Fonds noch über 11,800 Pfund. Es
wurde beschlossen, 5000 Pfund für «!ringende Fälle zu re-
servieren und die restlichen Beträge lolgeiulermalkii zu •ver•
wenden: 2.500 PfU, für tlie (). S. E,, 1.000 Pkl, für die Ica,
2,000 Pkl. für «len O, R. T. Die Föderation tikralui•
scher Inden hat ihre Verbindung mit dein War Victim»
Fund gelöst und arbeitet unabhängig weiter.
Der Cltief Rabbi von England, Dr. Hertz, richtete ein
Schreiben an de» Vorsitzenden der Völkerbund-
Kommission für Kalen«ier-Reform, in dem es
11 . n, heißt: ״Der wichtigste Punkt, der die l.chensintcressen
der Juden berührt, ist der: «laß in keiner Welse «lie jetzige
D a 11 c r «I e r Woche beiülirl wird. Die reguläre L In'ic
der siebentägigen Woche darf iiicm.ih und In keiner
Weise durch die Einführung «Icr sogenannten ״blanken
Tage" unterbrechen werden. Eine «olclie Aemlcruii״ würde
in unserem religiösen Leben eine Verwüstung
auriditen, weit mehr als die nntijütlischen Geseire der letzten
Epoche». Obwohl ich offiziell nur im Namen der grollen
Majorität «Irr Juden des britischen Imperiums sprechen kann,
ist leicht fest/ustellen, daß sich meine Erktlrung im Einklang
mit den Beschlüssen der französischen und holiän-
di sehen religiöse» Führer befindet. Die Frage der abso-
luten Versetzung der siebentägigen Woche ist
von so einschneidender religiöser Wichtigkeit für das Juden•
(um der ganzen Welt, daß ich den Vorschlag zu machen wage,
«laß ein von den jüdischen religiösen Autoritäten
bestimmter Vertreter an den Sitzungen des Bein-
limgskoniitees für Kalendcrreform tcilncluncn soll. Der jüdische
Vertreter s«U in einem gewissen Sinne nach dein gleichen
Grundsatz wie «lie Vertreter anderer großen religiösen Körpe-
schatten bestimmt werden.“ (Durch «lie Einführung söge-
naunter ״blanker Tage" soll erzielt werden, «L׳li ein Wochen-
tag stets auf ein bestimmtes Monatsdntum fällt. — Red.)
Der zum britischen Botschafter in Moskau bestimmte
Unter!],uis-Abgeordnetc Dr. Hydenast ist ein jüdischer
Ncophyt. Wegen seiner Heirat mit der Tochter des jüdischen
Golrmel Goldsmid (des bekannten Clioivewc-Zion) ist
Hydenast zum Judentum iibergetreten.
Am 14. Juli stattete der englische Kronprinz dem Palästina-
Pavillon in Wembley einen Besuch ab. Er wurde von Her-
bert Samuel und General Storrs empfangen und äußerte
sich über alles Gesehene in äußerst lobender Welse.
•Frantirrich
In der l.dircsvcrs.-mitiihing der französischen Rabbiner
wurde 11 . a. beschlossen, den Aufbau Palästinas durch
Unterstützung «Icr von Baron Edmoiid Rothschild gcgri'm•
deten ״Pica" (Palcstinc Jewish Colonisation Association) zu
propagieren.
Die französische ״Acadcmledcs Inscriptlons et
ßellcs-Lcttrcs“ hat Herrn Theodore Rclnach ln das
College de France berufen,
Kmtslamt
Das Kommissariat für Landwirtschaft (Narkom»cm) in
der Ukraine 11,11 beschlossen, einen Dodcnlondt zu er-
richten, der «las Kapital für die neuen jüdischen Land-
w i r t s c h a f t s a n s i c d Hingen in der Gegend der früheren
jüdischen Kolonien beschaffen soll. Aus Simferopol wird
berichtet, daß das Zcntral-Komitec der kommunistischen Partei
auf der Krim beschlossen hat, über die Frage der jüdischen
Ausicdlung in dieser Provinz eine Entjtiete abzuhnltim. Eine
Spezial-Kommission ist zu diesem Zweck ernannt worden, um
die Nüt/iiehkeit und Möglichkeit der jüdischen 1 'andwi: tschaft-
liehen Ansirdhmg auf den iiubebniitcn Gebieten der Krim zu
erwägen. Es ist überdies beschlossen woril« n, in Verbin•
düng mit dem Komitee für die ״Ansicdlniig jüdischer Arbeiter
auf dem L.amie" die Ausdehnung des zu Gebote stellenden
Landes zu erforschen und festziisfcllcn, welche Teile davon
den jüdischen Arbeitern zur Verfügung gestellt werden können.
(Oh das Projekt jemals aus dem ״Stadium de» Studiums" her-
austreten wird? — Red.)
Die jüdischen Kommunisten im Volkskommissariat für
Bildung haben in Abwesenheit Lunataclinrskis, der
sich zur Kur nach dem Kaukasus begeben hat, eine Sander•
koitimission gebildet, die nachprüfen soll, ob das Me skalier
hebräische Theater ״Ha bi mäh“ das Recht hat, eleu Titel
״Staatliches Akademisches Theater" zu Itilircu.
Sollte der ״I labimah" dieses Recht entzogen werden, so würde
dieser Bühne die Existenz sehr erschwert sein, weil sie
dann von dem Wohlwollen oder der Laune der muergeord-
iictui Behörden abhängig sein würde. Kritisch wird die An•
gelegaiheit dadurch, daß dieser Angrilf in den Theater•
ferien unternommen worden ist, wo die Mitglieder der ״Ila•
bi in ah" gar nicht in Moskau weilen und also keine Gegen•
aktion unternehmen können.
Unter «len von der Tseheka auf der Solowctzky-Insel
vor einiger Zeit erschossenen sec 11 s Soz. ial-RevoIutlo-
11 ii r c 11 befinden sieh auch drei Juden, Margolin, Paste r*
11 ה k und Frl. Z e i 11 i 11 .
Das Vol I z u g s ko m 11 ce des Oäessacr Gou•
v c r 11 e m e 11 1 s hat eine Verordnung erlassen, in <hr cs heißt,
es müssen die schnellsten und energischsten Mittel ergriffen
werden, um die zu landwirtschaftlicher BetHti-
g 1111 g s t'r e b c 11 d c 11 j ö «I i s c 11 c n Massen ml׳ dem nöti•
gen Sicdiuiigsbuid zu verseilen. Es wurden j:u diesem Zwecke
große I amlkomplexe im Umfange von zusammen 23—30 000
Desjatinen in den Kreisen von Tiraspol und Wosnossetwk,
lianptsäclilich im D n j c p r • R a y o 11 , bestimmt. Es handelt
sich um guten Boden, der auch vorzüglich bewäsaert Ist und
sich besonders für Kulturen,iten und Getreide eignet. Die
jüdischen Sieiiler sollen sowohl in kollektiven Gruppen, als
auch in imlivklueücn Wirtschaften angcsicdclt wcr«Ien, Jeder
Siedler muß eine Summe von 100 bis 150 Tschciwonez oder
Inventar im gleichen Werte haben.
Das Revolutions-Tribunal In Petersburg , 1 at neun Mitglieder
der Wcißriissisdie» Räuberbanden Boris Sr,winhoff8 zum
Tode mul 22 andere zu verschiedenen Gefängnisstrafen ver-
urteilt. Die Anklage lautete teils auf Mord, teils auf Plüntlc•
rimg. Die meisten der Opfer der Banden waren Juden.
RumanUn
Das Vereinigte Komitee der jüdischen Parieiei,' In Czerno-
witz. Hat den Bukarestcr Ocncralinspcktor Ol am 8 u davon
verständigt, daß die rumänischen Studenten sich neuerdings
mit Waffen versorgt und einen neuen Pogromaufruf gegen
die luden erlassen Imheu.
Die in Czernowitz erscheinende katholische ״Heimat“
veröffentlicht einen Artikel über das antisemitische Problem.
Darin heißt cs:
״Das Asslmllatlonsjudcntum schafft eine Gattung von
Menschen, die weder Juden noch Christen sind: eine Halb•
heit, die überall Anstoß erregt und erregen muß, Es ikt
aber noch viel schlimmer, denn cs erzeugt zwischen Juden
und Nichtjuden Reibungsiliiehen. die dann zum Antisemit)«•
nitis führen. Die antisemitische Bewegung ist
daher ausschließlich aut das Schuldkonto
des Assimilationsjudentums und ת icht des
Zionismus und auch nicht des orthodoxen
Judentums zu setzen. Daß wir Recht haben, das bc-
weist die Geschichte des Antisemitismus der letzten Jahr-
zehnte, der überall dort mächtig aufgcflattcrt ist, wo
sieh das Assiiitihtionsjudcntum, verächtlicher Weise auch
Sc 11 w c i n c f I c 1 s c h j ud c 11 1 ti m genannt, breit gemacht
und die GaMvölkcr aus ihrem Geltungsgebiete verdrängt
hat. Unsere Ansicht ist cs, daß die jaden nicht nur
eine Konfession, sondern auch ein Volk sind und c«
bleiben stillen, Von dieser Guimlanschnuung geht auch
«Icr Zionismus ans, und cs wäre datier leichter, sich mit
ihm zu verständigen als mit dem ,,Rumänen mosaischer
Konfession“.
Ohne daß man sich alle Bemerkungen des katholisch•
deutschen Blattes zueigen machen könnte, muH man doch
zugeben, daß «Ic unser Interesse verdienen.
Lettland
Us•lischkitr wurde bei seinem Eintreffen in Riga
am 8. Juli von jüdischen Deputierten, Abordnungen, sowie
von Vertretern der jüdischen Gemeinde-Organisationen aus
Riga und der Provinz begrüßt. Ein Orchester spielt? die
lettländischcn Natkmnlgcsängc und die ״tiatikwah". Ungefähr
5 (XX) Personen waren auf dem Bahnhof versammelt. Am
Abend fand eine Nationalfonds-Konfcrenz statt, ln der vorigen
Woche hat er sich dann wieder in Berlin aufgchalten.
BalhanlXnder
Der jetzt in Wien weilende Außen minister Jugoslawien!
Dr. Ni n eie empfing am 17. Juli Vertreter der Wiener
Presse und berührte im Gespräch mit ihnen auch die (. a g e
der Juden in Jugoslawien.• Er sagte u. 0 .: ״Schon in
Alt-Serbien waren die Juden ein Staat »erhaltendes Element.
In den neuen jugoslawischen Provinzen arbeiten die Juden
fleißig au der Entwicklung des Staates. Unsere Regierung
verfolgt die zionistische Bewegung mit Sym*
pathie und Inte ress c"
Gngaew
Wie die J.T. A. erfährt, bereitet das Joint Foreign
Committee des Board of Dcptifies der britischer» Judefl,
sowie die *Anglo Jewish Association ein Memorandum vor,
das dem ständigen Ocriciitshof im H a a g unter•
breitet werden soll. Das Memorandum betrifft die Frage
des von der ungarischen Regierung offiziell
cingcfilhrttn Numerus clausus. Die Anmeldung
beim Gerichtshof ist mit Genehmigung des Völker-
bundsrates geschehen. An den Gerichtshof wird die
Frage gestellt, ob die Anwendung des Numerus clausus nicht
einen Verstoß gegen die Bestimmungen des Triaitonver-
träges betreffend den Schutz der Minderheiten
bedeutet.
Cflrfcet
Die ungünstigen Wirtschnftsvcrhältimse in der Türkei
Im Zusammenhang mit dem ständigen Wechsel der politischen
Lage haben dort unter den Juden weithin den Wunsch nacli
Auswanderung geweckt mul der Einwanderung nach Palästina
einen neuen Anstoß gegeben. Hunderte jüdischer Kautleute
und Hnutlwerkcr sind unter den vielen Bewerbern, die jeden
Tag um Zulassung nach Palästina bitten. Viele
andere bemühen sich, Informationen über die wirtschaftlichen
Möglichkeiten Palästinas zu erlangen. Das Palästina-
Amt Konstantinopcl hat daher beschlossen, zu Sukkoth
für eine große Zahl von Touristen, durchweg in der Türkei
wohnhafte Juden, *eine P a 1 ii s t i 11 a f a h r t zu veranstalten.
Eine Delegation der Juden aus Adrianopel wandte sich
kürzlich an das Palästina-Amt, um die Bewilligung für die
sofortige Einreise von 30 Familien nach Palästina zu er-
laugen. Es handelt sicli meist um Handwerker und
K ! e i n k a 11 f I cu t c. Die meisten Bewerber stellen natürlich
die JiKtcn Konstantinopcls selbst. Die ganze jüdische
Bevölkerung von Sitivria, einige Dutzend Familien,
verlangten vom Palästina-Amt solche Bewilligungen. Ein g!ci-
dies Ansuchen kam von der Judensdmft in Tsc hör In, die
erklärte, bei der ersten Gelegenheit nach Palästina gehen zu
wollen. Diese Strömung ist nicht nur dun kräftigen zionistischen
Impulsen, die unter den Sefardim wirksam sind, zuzuschreiben,
sondern, wie schon gesagt, auch den wirtschaftlichen Ver•
hältnisscu und «lern politischen Druck, den die Jaden von den
Behörden zu fühlen bekommen. Es ergehen allerlei lästige
Verordnungen und Verbote, wie z. B. die Vorschrift, am
Freitag, al3 dein mohammedanischen Ruhetag, die Läden zu
schließen.
Der OherraEhiucr von Konstantinopcl, Rabbi Chain»
Bedjarano Effciidi, sprach sich in seinem Interview
mit dem Konstnntiiionelcr J. T, A.•Vertreter über die l a״e
der Juden im Lande aus. Im alten türkischen Reich,
sagte er, gab es über eine halbe Million luden.
In der jetzigen Türkei leben nur BHMXJO Juden.
70 000 von Ihnen leben in Konstantinopcl, 30000
in Smyrna und 8000 in Adrianopcl. Der Rest ist
in kleinen Gruppen über das Land zerstreut. Außer in Adria-
nopcl und bestimmten Teilen von Thrazien sind d.c türkischen
Juden Geschäfts- lind Fiiian/lcute. Abgesehen von etwa 10 000
Aschkenasi'ii sind alle Juden in Konstantinopcl Spaniolen.
Vor dem Kriege war der Oberrabbiner das offizielle Haupt
der jüdischen Bevölkerung und als solcher auch von der Re-
eicrung anerkannt. Er stand im gleichen Rang wie die Christ•
liehen Patriarchen. Damals wußte man von keinem Anti-
semitismus in der Türkei. Seit einiger Zeit jedoch haben siel!
die Dinge geändert. Die Trennung von Kirche und Staat, die
in der Verbannung des Kalifen gipfelte, hat cs mit siel»
gebracht, daß das Oberrabbinat nicht mehr die öffentliche
Behörde ist, die das türkische Judentum repräsentiert. So
ist es aber nur de jure. De facto ist die Situation Ändert.
Es kann keine Rede von einer antisemitischen Hai-
tung der türkischen Regierung sein; cs gäbe aber
gewisse Individuen, weiche die gegenwärtige gesetzlich ungc-
klärte Lage der Juden dazu mislK'iiten, einen antisemitischen
Feldzug zu führen. Vor wenigen Tagen z. B. wurden von
einem 1 Teil der Provinzpresse Angriffe gegen die Juden ge-
richtet, so in den Tageszeitungen ״Pasch Hi“ und ״Eski
Schir". So etwas kannte man früher in der Türkei nicht.
Als Kaufleute leiden die Juden mehr als der übrige
Teil der Bevölkern»״ unter der wirtschaftlichen Krisis de*
Landes. Die jfidischcn Schulen wurden vorher von der
Alliance Israclitc unterhalten. Jetzt, da fremde Schulen
in der Türkei nicht erlaubt sind, hat die Koitstantinopelcr
jüdische Gemeinde 23 jüdische Elementarschulen übernommen,
ln den Provinzstädtcu (Adrianopcl, Smyrna u. a.) wurden
ungefähr 75 jüdische Schulen von der jüdischen Gemeinde
übernommen. Die Unterrichtssprache in diesen Schulen bleibt
Französisch, aber es wird auch Unterricht in He•
britisch, Englisch, Türkisch und Italienisch erteilt. Die
Bnel Brith>Logc in Konstantinopel unterhält eine Mittel•
schule mit 500 Schülern, ebenso eine Mittelschule in Sin vrn a,
Es gibt zwei spauiivlische Zeitungen: ״El Tempo", der
zweimal wöchentlich und ״Ei Telegrafo", der dreimal
wöchentlich erscheint, Beide sind unpolitisch. Es gibt in der