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TU EDISCHE RUNDSCHAU
Seite 425
Zur Frag« der Jewish Agency
Von William Schlesinger (Hamburg).
Wir bringen den folgenden Aufsatz, der vielleicht
.mell zu einen! ungeeigneten Zeitpunkt erscheint, in
Berücksichtigung de? I*rin/,ip«1 der freien Meinungs-
״iißcrimg. Wir sind durchaus anderer Meinung als
der Verfasser, Wenn 7 ״ B. darauf, •hingewiesen wird,
oati die Aguda bei den Aral>ern Sympathien genießt,
so ist das nicht einer der stichhaltigsten Gründe für,
sondern gegen die Beteiligung der Aguda an der
Agency. Diese Sympathien besitzt die Aguda n.irnlirh
nur wegen ihrer antizionistisclicn Politik. Im Uebrigeu
sollte unseres Erachtens doch kein Zweifel darüber
bestehen, daß weder eine zahlenmäßige nocli eine finan-
zielte nocli irgendeine andere ״Macht“ für die Aufnahme
in die Agency ausschlaggebend ist, sondern lediglich
der ernstliche Wille und die Fähigkeit, am Aufbau der
nalionalcn Heimstätte niit/uarbciten. 111 dem Augen-
blick, in dem die Aguda eine wirkliche Leistung in
l'al.istiiu aui/inu i:;cn hat, die der von ihr arro,gierten
führenden Stellung entspricht, würden wir, ungeachtet
ihrer Haltung der zionistischen Organisation gegenüber,
dafür cintretcn, daß der von ihr nicht mir empfundenen
und geäußerten, sondern auch realisierte u Ver-
püichtung für Erez Israel das gleiche Maß an Bcrccbti-
gung entspricht. Dann besteht auch die Hoffnung, daß
die Aguda in den Sorgen der praktischen Arbeit die
bedauerlichen Methoden des Kampfes, die jetzt von
Ihr angewendet werden und die eia Zusammenarbeiten
fast unmöglkli machen, verlassen wird. — Red,
ln den letzten Monaten ist das Problem der endgültigen
Bildung der Jewish Agency in den Vordergrund der öflent-
liehen Erörterung getreten. Manchem Zionisten und Nicht-
zionisten mag erst jetzt eine Vorstellung von der grundlegenden
Bedeutung dieser Frage gekommen sein. Setzen wir die
Kenntnis der Funktionen der Jewish Agency, die in Umrissen
im Palästina-Mandat fcstgclcgt sind, voraus, (Es wird schließ-
lieh von uns abhanden, wie groß der Aufgabenkreis der
Jewish Agency sich im Laufe der Zeit gestalten wird.)
ln der neuerdings wieder begonnenen Diskussion vermisse
Ich einen Gesichtspunkt, den ich als den ״außenpolitischen“
bezeichnen möchte. Wie cs nur natürlich ist, wird die Jewish
Agency bei uns zunächst vorwiegend im Hinblick auf ihre
einzige Aufgabe, nämlich die des Palästina-Aufbaus, beurteilt.
Haben wir uns aber genügend vor Augen geführt, daß die
Jewish Agencv vom nielitjüdischcn Standpunkt aus gesellen
(um nur ein Beispiel herauszugreifen) als die erste wirklich
umfassende Vertretung der jüdischen Gesamtheit angesehen
wird? Es kann darüber kein Zweifel bestehen, daß die Jewish
Agency zu ihrer vollen Wirksamkeit der größtmöglichen
Autorität im jüdischen Lager bedarf. Um diese zu er-
reichen, dürfen wir heute im entscheidenden Augenblick kein
Mitte! unversucht lassen.
ln den Auseinandersetzungen über die Bildung der Jewish
Agency ist auch nicht die leiseste Erwähnung einer Groppe
getan worden, die sieh sonst — in der Polemik — einer
ungewöhnlichen Aufmerksamkeit erfreut, feil spreche von der
Ag 11 doli. Mancher ruhig denkende Zionist mag sich in der
letzten Zeit wohl die Frage vorgclcgt haben, ob denn die
Agudoli ihre viclgeläslerten SomicrnKlroncu fortgesetzt nur
aus Opposition zum Zionismus unternommen habe, nur um
den zum Teil gemeinsamen Gegnern Wasser auf ihre Mühle
zu leiten. Das ist doch wohl nicht anz.uudimcu. Noch schwellt
die Angelegenheit der palästinensischen Gcmcindcgcsctzgcbuug,
in welcher, wie bekannt ist, die Agudoh .Vorstellungen beim
Londoner Golomäl Office erheben will. ' Glaubt man der
jüdischen und der zionistischen Sache einen Dienst damit
tu erweisen, indem nun sich auch nicht die geringste Mühe
gibt, diesem Vorgehen gerecht zu werden? Auch der Gegner
hat Motive, die gewürdigt werden sollen, auch wenn man
sie aufs Schärfste bekämpft.
Weil der Eindruck, der in London bei den Regierungsstellen
erweckt wird — um bei meinem letzten Beispiel zu bleiben —
ein, sagen wir, mindestens merkwürdiger sein wird, ist die
Aktion der Agudoli eben diesen heftigen Angriffen ausgesetzt.
Nun frage ich: Will der Zionismus die Schuld dafür tragen,
wenn nach der Konstituierung der Jewish Agency ohne Mit-
Wirkung der Agudoh eine Situation cintritt, die der erstaunten
Welt witder zwei jüdische Körperschaften im Kampf zeigt?
Muß nicht der verbissenste Radikale an eine schädigende
Wirkung solcher Lage auf das Aufbauwerk glauben? Sicher
wird es dunkle Mächte geben — vielleicht sind sie schon
am Werk —, die ein Interesse am inneren Zwiespalt der
Jiidenhcit haben wendet); wer aber wird diesen Dunkel-
männern in die Hände arbeiten \v׳ollen?
Ich möchte jenen Gesinnungsgenossen, bei denen sich im
Laufe der Zeit ein so großes Maß von Groll gegen die
Agudoli «!!gesammelt hat, daß sie einer objektiven Würdigung
nicht zugänglich sind, etwas cntgcgcnkommcn. Betrachten
g!: 1 ־.!■■ ' . . ..— . . . . .. . . . ... .■ B SL.MJ= Si
*chaft über die Sprachen, von denen er ein ganzes Dutzend
und mehr fließend las und einige geläufig sprach und literarisch
beherrschte, ließ ihn in seiner deutschen Muttersprache zu
einer ungeheuren Spracligewalt kommen. Aber sie wurde erst
zu etwas Wesenhaftem durch das sittliche Pathos, das ihn
zum neuzeitlichen Propheten des uralten Judentums werden
ließ.
Seine Kongreßreden liegen in seinen gesammelten ״Zio-
nistischen Schrifien" vor. Jede dieser Reden war ein Ereignis.
Er wußte das erschütternde Schicksal des jüdischen Volkes
in *o gewaltigen Farbentönen darzustcllcn, daß das Gewissen
Europas und Amerikas hätte erbeben müssen, wenn cs ein
solches überhaupt gäbe. Aber nicht stumpfe Verzweiflung
war cs, die in diesen Reden das blutgetänkte Gewand zeigte,
In das das geheizte jüdische Volk cingchüilt war, nicht nur
ein lauter Protest des aufschreienden jüdischen Volkes tönte
«ns diesen Reden, sondern der Zement, der dieses Bauwerk
zusammenhielt, war der feste Wille eines Aufbaues mit oder
gegen den Wißen der Völker. Nordau gehörte zu denen,
dfc die Grundlagen geschaffen haben, für den Aufbau des
Volkes und des Landes. Aber dieser Aufbau war kein äußerer
und äußerlicher, kein bloß materieller, sondern ein sittlicher.
Er mußte, wie Herzl sagte, eine Erhöhung der menschlichen
Moral bedeuten.
Wenn in der Nachkriegszeit diese fiefsittiiehe Grundlage
In weitesten Kreisen als etwas Entbehrliches, Uebcrflüssigcs,
alt eine Redensart oder ein Luxus angesehen werden mag —
In jener großen Zeit, die die zionistische Idee gebar und dem
Aufbau die moralische Grundlage verschaffte, bedeutete die
aftttiche Persönlichkeit noch etwas. Ein Nachklang von ihr
Ist noch da. Wer die Zionistischen Schriften Max Nondaus
liest, empfängt den Eindruck der Heroenperiode der zionisti-
sehen ricwegung, fühlt und empfindet dh gewaltige, sittliche
Persönlichkeit, die neben Herzl bei der Oeburt und an der
Wiege der zionistischen Bewegung gestanden hat.
wir die Sache einmal vom taktischen Standpunkt aus —
meinetwegen demjenigen des Parteistrategen. Die Agudoh
hat in clcr vergleichsweise kurzen Zeit ihrer Aktivität immerhin
Energien entwickelt, die zwar leider noch nicht so stark in
Erscheinung getreten sind, wie etwa die zionistischen Sied*
hingen in P.al,i;;!i11;1. Es steht aller gerade einem Zionisten
nicht gut an, geistige Bewegungen 11ml Wirkungen zu unter-
schätzen, Uie Tätigkeit der Agudoh vollzieht sich zur Zeit
vorwiegend auf dem Gebiet der Erziehung, der Sammlung
der religiösen Kräfte, Pt cs klug, solche Manifestationen
wie die Knies ׳ ,!>|! gedauloh — die natürlich mit einem Zio-
nistenkengreß nicht in eine Reihe gestellt werden brauchen --
711 unterschätzen, auch ihre politischen Folgen zu unter-
schätzen? Sollte cs nicht bekannt sein, daß der Agudoli ln
weiten Kreisen der nielitjüdischcn Welt, auch der Araber,
lebhafte Sympathien cntgegengcbrncht werden, gerade ihrer
religiösen Einstellung wegen? ln diesem Zusammenhang
wollen wir die Gründe nicht untersuchen, Es handelt sich
nur darum, ob cs ratsam Ist, an all dem vorbeiz!!sehen, anstatt
diese Werte der jüdischen Gesamtheit in ihrem ohnehin
schweren Kampf nutzbar zu m,adieu. Obwold der religiöse
Zionist nur »len Misi'achi anerkennen kann, muß er doch
mit der Agudoli beziehungsweise der von ihr vertretenen
Strömung rechnen,
Nachdem cs in den letzten Jahren nicht gelungen ist.
die Agudoli zu ignorieren, ist nicht ciimisehen, warum bei
der überaus wichtigen Bildung der Jewish Agency aut diese
״ neue Großmacht" keine Rücksicht genommen werden soll.
Die zionistische Organisation niiifl von sich aus in groß-
zügiger Weise au die Agudoh lierantrcfen und Verhandlungen
mit ihr einleitcn. Wenn dagegen ehmewamlt wird, daß
ähnliche Versuche schon einmal fclilgcschlngcn sind, so halte
ich dieser Ansicht entgegen, daß eba Lage von heute eine
ranz andere ist, als die vor einem Jahr. Man erinnere sich
doch der scharfen Kämpfe imi die gemischte Jewish Agencv,
die vor dem letzten Kongreß in der zionistischen Ocffcntlich-
keif ausgcfrclitcit wurden und vergleiche sie mit den heutigen
sachlichen Auseinandersetzungen mit dein Partner, z. B. dein
amerikanischen nichtzi-onisfischen Judentum, Man ist schon
eine Strecke Weges miteinander gegangen, hat eine Zcltlang
zusammongenrheifet und nun setzt man sich unbefangen an
den Verhandlungstisch, um die endgültigen Bedingungen für
die Zusammenarbeit auf wirtschaftlichem Gebiet
fcs*msclz ״ n,
Fine solche Plattform muß auch in Verhandlungen mit der
Agudoli 711 erreichen sein. Natürlich werden sich Schwierig-
kcücn n ״ s der verschiedenen grundsätzlichen Einstellung er-
gelien. Das hohe Ziel der in der völkerrechtlich anerkannten
lustihdioii der Jewish Agency zmarnnicngcfaßtcn jüdischen
Gesamtheit sollte es jedoch bewirken, eine Font! zu fintlen,
die unter • allen Umständen eine, wenn auch noch so lockere,
organisatorische Vereinigung Zustandekommen läßt. Ich habe
oben dargelcet, ans welchen Gründen kdi eine solche Ver-
ri ui די׳ mg■ in der ] ״ wird! Agencv für ««gezeigt halte. Weil
wir Zionisten uns für das ganze iüdisehe Volk verantwortlich
halten, muß von uns aus die Initiative zu einem solchen
Schrift, wie ich Hin amleirtete. «iisgchcn. Wenn hier noch
von d11 ״ oft verhängten OcgcnIci!st1»n ״ en für das Angebot
des Eintritts in die Jewish Agency die Rede sein soll, so
würden diese dann in dem Mithrin ׳ ren der Beziehungen zur
Umwelt bestehen. Muß es nicht das Mißtrauen der nicht-
jüdischen Welt (t. B. des Vatikans!) erwecken, wenn eine
starke Gruppe, die sich ln erster Linie religiös nennt, außer-
halb der Jewish Agencv bleibt? Diese Dinge sind unter
Umstand ־׳ « eine wertvollere und realere Hilfe, als die von
anderer Seite schließ'ieh nur versprochenen Geldbeiträge.
׳ FH ״ kommenden Monate werden die Entscheidung bringen.
Es ist nicht zu verkennen, daß die Vergrößerung des Rahmens
der Jewish Agencv gleichzeitig das Problem der Verantwort-
lichkcit dieser Körperschaft auf den Plan ruft, d. 11 . die
Frage des jüdischen Weltkongresses. Die Agudoli stellt einer
solchen Versammlung feindlich gegenüber, weil sie fürehtet,
daß Wclfanscbmi'incsfragen auf dem Wege eines Mehrheit«-
bescblusscs entschieden werden könnten. Das wäre natürlich
ein unsinniges Vorgehen. Eine andere bekannte Forderung
der Agudoh ist die Klarstellung der Finanzierung des Schul-
wrsens im T ׳ miget des Aufbaus, Um solche ׳ , nd ähnliche
Klippen müßte doch herumzukonimen sein. Die Agudoh,
di ״ seit iehcr Fitz und Stimme tn der Jewish Agencv verlangt,
wird sicher Vorschläge machen. Allerdings — guter Wille
ist hei allen Parteien von Nöten, um 7.11 einem befriedigenden
Ergebnis 7 u kommen. Es ist doch kaum zu fürchten, daß die
Agudoh einen größeren Einfluß in der Jewish Agencv aus-
üben wird, als sie es durch ihre Leistungen rechtfertigen
kann. Zu einem Kampf um die Mach* ist übrigens die Jewish
Agencv der denkbar ungeeignetste Ort, —•
Sollte wider Frwarten der Versuch, alle großen jüdischen
Groppen zmti Aufbau Pa!äs<i ׳ !.as zuaammcnzufnxsen, scheitern,
daun müßten dkuenigert, welche die Einigung verhinderte!!,
die Verantwortung für das daraus entstehende Unheil tragen.
Die Annda In Polen
Der Krakauer ״Nowy Dziennik“ veröffentlicht unter
dem Titel ״Eine offene Wunde“ einen Leitartikel, In
dem er sich mit dem agressivcn Verhalten der von der
Aguda 11 geführten jüdischen Orthodoxie in
Polen befaßt. Es beißt im Artikel: ״Wir haben uns immer
gerühmt, daß es innerhalb des ludcntmm keinen Kicrikallsmus
gibt. Tatsachen beweisen, daß dieser Klerikalem 11 s
existiert und es wäre unaufrichtig, seine Evlstcnz zu
leugnen. Fs besteht ein Klerikalisnius als eine Bewegung,
die die Religion und ihre Gebote zur Er-
r c I c 1111 !1 g einer politischen Hegemonie miß•
braucht. In den kleinen polnischen Städten geschehen
Dinge, die man nicht verschweige« kann. Vorträge, Kon-
zerte. Theatervorstellungen. Oartenfeste werden von den ver-
blendeten Fanatikern als Gotteslästerungen angesehen. Die
indischen Fanatiker hetzen die orthodoxe Jugend auf und
treiben sie zu gewalttätigen Demonstrationen. Mittelalter-
liehe Bnnnsprtichc, die berüchtigten ״Chcrems“ werden
wiederum ausgesprochen, ln Gor 11 ec verboten diese toll-
wütigen Fanatiker den Ffeisehem und Bäckern den Verkauf
von Waren für ein jüdisches Gartenfest. Der Leitartikel
schließt mit den Worten: ״Der Kicrikallsmus und die
Reaktion sind eine offene Wunde auf unserem Körner. Man
muß diese Wunde heilen, um eine Gesundung des Judentums
Iicrbeizufiihrcn.“
Das in Lemberg erscheinende Watt der Httaehduth
in Polen ״Volk und Land“ veröffentlicht einen von den
Orthodoxen in Kam ton ka erlassenen ״C herein“
gegen die in dieser Stadt errichtete he-
bräischc Schule. Allen Eltern, die ihre Kinder in die
hebräische Schule schicken, wird angedroht, daß man sie
boykottieren werde.
Der ״N a j e H a f n t" bringt eine Zusammenstellung von
Falschmeldungen des ngudisfischen Zentralorgana ln
Polen, ״Der Jud", über angebliche agudistischc
Erfolge bei Kebilla -Wahlen ln Polen. In den
meisten Fällen, in denen die Agmlah Wahlsiege meldet, haben
die Kcliiil.vWnhlen in den betreffenden Orten überhaupt noch
nicht stattgefunden. Der ״Haint“ führt achtzehn der*
artige Falschmeldungen als Beitrag zu den Kampf-
methoden der Ajjudah in Polen an.
Weitere PresseäuBerüngen zur Ermordung de Haans
Der Londoner ״ Ncar East", ein objcktiv-cnglisciics.
durchaus nicht ziomsteiifreiind liebes Blatt, läßt sich über den
Mord an i>r, de Haan , ׳ ms Jerusalem berichten: ״ Die eng-
Iischc I re‘•sc scheint dem Morde in Pnl.istin.i an einem
gewissen Dr. Jacob de Ihn« ziemlich viel Raum zu ge-
währen. Wahrscheinlich, weil sein Tod .als politisches vir.
brechen betrachtet und weil zionistische Enthusiasten als die
nileiu wahrscheinlichen .Schuldigen in Frage kamen. Diese
Schlüsse mögen wahr oder falsch sein; die lokale Polizei ist
gegenwärtig in Verlegenheit, das Motiv oder den Schuldigen
auf/tidcckcn, und niemand, mit Ausnahme von
de Haan« winziger Partei, der ,überortho-
doxen Die Imrds ׳ , ist geneigt, die Möglichkeit, daß dieser
Mord einen Fall von ausschließlich privater
Rache darstellt, von sich zu weisen.
Dr. de Haan war ein .außerordentlich begabter
Mensch; aber er war kein normales Geschöpf,
das in veriiiiiiftiger Wehe, mit einem vernünftigen politischen
oder religiösen Ziel im Auge, gewirkt hat; er schien eine
N c i g 11 n g f (i • U 11 n o p 11 1 « r i t a t 1111 1 ־ Berüchtigt.
Rein zu haben — und sicherlich hat er beides in reichlichem
Maße erworben Von der L a n d c s v e r w a 11 11 n g , von
der lokalen Zionistischen Organisation und auch allgemein
vo ״ de ״ Juden wurde er als ein aufreizender
Schädling betrachtet, dessen Anstrengungen mißliebig
waren; aber letzten Endes wurde er nicht ernst ge*
nommen und auch nicht als ein gefährlicher politischer
Führer betrachtet, der mit legalen oder illegalen Mitteln
und unter jeder Bedingung vermeldet werden müßte. Wenige
Menschen haben sieh r. 0 mißliebig ״ .■macht wie Dr.
de Haan. Seine 11 a ß e r f ii II t e Tätigkeit — als Korrc-
spondent des ,Daily Expreß ׳ , als Führer der Gruppe der
orthodoxen Scpcratistcn, als unentwegter Antizionist —
war so grotesk, so unwahrscheinlich pervers
und schlecht beraten, daß sic auf gehört hatte, ge*
f ähr lieh zu sein, außer in ihrer möglichen Wirkling
auf vollständige Nichtkenner der gegebenen Ver-
hältnissc. Lin solcher Mann ist gewöhnlich nicht die Ziel-
scheibe eines politischen Verbrechens, trotzdem er manche*
von empörten journalistischen K oli cg c n aus*
zusfehen hatte. Die Polizei hat, glaube ich, zwei bc*
kannte lokale Journalisten verhaftet, die
kürzlich ein V i t r i ol a 11 0 n t a t auf de ilaan verübt hatten.
Aber die beiden wurden bald frcigelasscn. In den ersten Tagen
seines Aufenthaltes in Palästina betätigte sich de Haan nicht
in den später so unpopulären Rollen, Er schrieb anziehend
über das Land, tat sein Bestes, um journalistisch zu wirken,
und unterhielt Beziehungen zu den Arabern und den britischen
Beamten. Der Besuch Lord Northeliffes in Jerusalem
vor zwei Jahren war der erste Anlauf zur Unpopularilät,
da er Führer einer Abordnung u ׳ ar, die den Lord Northcliffe
informierte, daß sic im Namen der orthodoxen Judenheit
gegen die Zionisten protestiere. Lord Northcliffe wurde da-
durch stark beeinflußt. Vielleicht hat er schließlich ein-
gesehen, daß diese Deputation tatsächlich nicht die
,orthodoxe Judenheit‘, sondern etwas ganz
davon Verschiedenes repräsentierte, bpüter
wurde de Hann als Korrespondent des ,Daily F. xnreß',
in dessen Spalten er eine ers tau 11 lichcSchait Stellung
von Verdrehungen ziim Bisten gal!, schrittweise immer
unversöhnlicher, !imi mand!es lokale Ereignis wurde dem
unschuldigen Publikum so dargostcllt, als ob Palästina
ein Herd von Unzufriedenheit, Anarchie und
Unterdrückung sei. AB das kann schließlich den Mord
nicht entsd1tiklig< ־ n, und aus allen jü ׳ iis ׳ 'hcn Lagern käme«
mir ■ Ausdrücke schärfster Verurteilung dieser Tat, die voi»
allen als völlig unjüdisch bezeichnet wird.“
*
Der Leitartikel derselben Nummer des ״Near East“,
״Frieden in Palästina“ überschriebrn, beschäftigt sich ebenfalls
mit der Ermordung de Haans. Er vertritt die Auffassung,
daß der Mord, so beklagenswert und unentschuldbar er ist,
.,jetzt nicht mehr Palästina in die Finsternis zuriieFstoßeu
kann, die dort herrschte, ah es von England besetzt wurde,
wenn er auch die Kurse der Zionisten in den Augen der
Welt zu drücken vermag. Solche unglücklichen Zwisc'.vnf ille
wie dieser sind eine chronische Erscheinung in östlichen
Ländern und es Ist auch an der Zeit, wenn man derarti״!
Verbrechen verurteilt, daran zu erinnern, daß politische Morde
— wenn es sich um einen solchen handelt — auch in! Westen
durchaus nicht unbekannt sind.“ Der Artikel verweist feiner
aut die gemeinsame arabisch-jüdische Delegation aus Jaffa-
Tel-Awiw in Angelegenheit des Hafenbau־' als ein besonder*
erfreuliches Symptom und sagt: ״Tatsächlich können in ganz
Palästina Araber und Juden in Frieden leben, wenn oho-
nomisclie Interessen zusamm״nfallcn.“
Das berüchtigte Kampfblatt der ungarischen AssimUanten.
der Budapeitor ״E g y c 11 1 ö sc g“, schreibt in einem Artikel
״Ein Mord auf den Stufen des (!) Jerusalemer Tempels“
(Nr. 27 ) 11, a. folgendes:
״Dr. Haans Tod ruft lebhafte Teilnahme des gesamten
Judentums wach. Die ungarischen Juden, die den
Zionismus aus ihren Gemeinden entfernt
haben und dieser B e w e g u n g vollkommen fern
stehen, beweinen aufrichtig diesen edlen Mann, Kämpfer
des Glaubens, Opfer des Zclotismus. Wir sahen diesen
Arm auch hei uns, als er sich während der Karolyi Revolution
erhob, denselben, der jetzt Dr. Haan tötete. Wir sahen
diesen Arm in Preßburg und Klausenburg, wie er an dem
Ruin und Verrat der ungarischen Juden arbeitete.“
״Der »Daily Expreß.(, dessen Berichterstatter der ermordet«
Dr. Ilaan ebenfalls war, schreibt, daß er ermordet wurde,
weil er am nächsten Tage nach London ■ reisen wollte,
um die Orthodoxie vor der neuen Aufsicht zu retten, unter
die die zionistischen Behörden die orthodoxen Gemeinden
stellen wollten. Das mörderische Attentat hat den Märtyrer
demnach für seine im Dienste der palästinensischen Orthodoxie
entfaltete Arbeit getroffen. Das beispiellose terroristische
Verb!cdien hat, so scheint cs, auch Sir Herbert
S « rn 11 c 1 , dem sonst w׳ohlw׳ollendc11 Gouverneur von f’alä•
stina, d i c Ln st zu weiterem Wirken genommen.
Bevor er nach London fuhr, bat der Gouverneur die
Abordnung der jüdischen Organisationen 7«
sich und erklärte ihnen, daß er höchstens noch ein Jahr auf
seinem Posten zu bleiben gedenke. Im nächsten Jahr werde
er aber unter allen Umständen nach England zurück-
kehren und seine Stellung aufgeben. Wir verstehen den
Gouverneur von Palästina.“
Er, der ״Egycnlöseg“, versteht. Zu diesem Zwecke ver-
dreht und schwindelt er nämlich. Am 24 . Juni ist Herbert
Samuel nach England nbgcrcist und hat ״der Abordnung der
jüdischen Organisationen“ vorher erklärt, der wohl damals
schon für den 1 . Juli angesagte Mord an de Haan ״nehme
ihm die Lust zu weiterem Wirken.“ Wenn aber der
״Egyenlöscg“ obendrein noch den traurigen Mut aufbringt,
zu behaupten, ״die ungarischen Juden'', deren korrupter
magyarisener Chauvinismus »ic nicht vor den scheußlichsten
Verfolgungen geschützt hat und denen noch jetzt der Anti*
semitismus des einzigen Landes mit offiziellem ״numerus
clausus“ $0 nahe steht, wie ■ie dem Zionismus fern, hätten
diesen aus ihren Gemeinden entfernt, — so ist das wider-
wärtig und abstoßend, daß einem auch der Humor vergeht