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Sonder-Ausgabe Preisr 020 Goldmark
JÜDISCHE RUNDSCHAU
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in Haifa, Jeraselem, Tel-Aviv.
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Zlonlwnu» erstrebt für da» jüdische Volk tue Schäftung einer öffentlich - rechtlich gescherten Heimst■«« ln Palästina. ״Baseler Programm.»■
Ine Lage in Palästina
In Anbetracht der außerordentlichen Vorgänge in Pa-
flstina werden Sonderausgaben der ״Jüdischen Rund-
schau“ bis auf weiteres nach Bedarf erscheinen. Wir
werden in der Sonderausgabe die neuesten Telegramme
und Nachrichten bringen. Nach der Lage der Dinge sind
wir auf Nachrichten aus verschiedenen Quellen angewie-
sen, die im einzelnen hier nicht genau nachprüfbar sind.
Wir müssen daher die Meldungen mit einem gewissen
Vorbehalt wiedergeben.
Offizielle Verlautbarung
der Zionistischen Exekutive
London, 27. August, 13 Uhr. (J.T.A.)
Ein offizielles Telegramm der Zionistischen Exekutive
faBt die Lage bis Dienstag mittag folgendermaßen zusammen:
Die ernten Zusammenstöße in vielen Tellen des Landes
bestätigen sich. Bei Jerusalem wurde derMeschekPoalot
(eine Arbeiterinnenfarm) elsgeäschert. Auch die teils als Vor•
Städte zu Jerusalem gehörigen, teils in der Nähe der Haupt-
stadt Hegenden Siedlungen Artuf, Kefir Urla, Emek
Arasira« Gedud Awoda, Chulda und TeSe von JA«•
kor ChaJIm sind durch Brandlegung zerstört warte. Die
Jgjgghe Bevölkerung von
Jute getötet י werte" waren». «rar׳ Tw*lwl«r ׳*nikmtt'
Behörden sind noch nicht Herren der Lage■ Zusammenstöße
fanden in ganz Judäa, Teilen des Emek und Galiläa
statt. Jerusalem war in der letzten Nacht ziemlich
ruhig, doch fielen heute morgen wieder vereinzelt Schüsse.
In Tel■ AwIw wurde gestern ein Angriff zurückgeschlagen,
die Stadt fühlt sich ziemlich sicher. In Half a werte dagegen
Unruhen erwartet.
Die hebräischen Zeitungen dürfen trotz unserer Proteste
bei den Regierungsstellen nicht erscheinen, hingegen erscheinen
arabische Zeitungen in Jaffa. Die Regierung gibt ihr tägliches
Bulletin weiter heraus. In diesem werden die Ereignisse baga.
tellisiert, es bleibt unerkannt, daß die Araber die Angreifer
sind, und so wird der Eindruck erweckt, daß die Juden die
Angreifer sein könnten, oder daß beide Teile gleich verant-
wörtlich seien.
Die Zionlsifsdie Exekutive und die Führer der
erweiterten Agency in London versammelt
London, 28. August. (J.T.A.) Gestern abend hielt die
Zionistische Exekutive, deren Mitglieder nach Be-
kanntwerden der Alarmnachrlchten aus Palästina sich sofort in
London versammelten, unter Vorsitz Dr. Weizmanns eine
Sitzung ab. Dr. Wehmaitn formulierte die Forderungen, die
an die Mandatsregierung zu richte sind. Die Exekutive billigte
Welzmanns Formulierungen, die in erster Reihe die Forderung
nach schnellen zuverlässigem Schutz indischen Lebens und
Eigentums in Palästina enthält■ Die Forderungen werden heute
(Mittwoch) nachmittag durch Dr. Weiztnann dem Britischen
Staatssekretär für die Kolonien, Lord Passfield, Übermittelt.
Die Zionistische Exekutive und das Administrativ Com-
mittee des Jewish Agency haben telegraphisch eine Botschaft
an die Judenheit Palästinas gesandt, in der versprochen wird,
daß die Jüdischen Führer außerhalb Palästinas unablässig mit
allen Kräften dahin wirken werden, daß das jüdische Leben
und Eigentum I« Palästina im Augenblick beschützt und für
die Zukunft gesichert werden. Die Botschaft ist von Lord
Melchett, dem Vizepräsidenten des Councils der Jewish Agency
Felix M. War bürg, dem Vorsitzenden des Administrative
Committee der Jewish Agency, und Dr. Chaim Weizmann,
dem Präsidenten der Zionistischen Weltorganisation und Präsi-
deuten der Jewish Agency-Exekutive, unterzeichnet. Der Prä-
sident des Councils der Jewish Agency, Louis Marehail (New
York), kam» an den Londoner Beratungen nicht teilnehmen,
da er in Zürich krank darniederüegt. Die Zionistische Exe-
kutive tagt in London in Permanenz. Die Sitzungen des heu*
tigen Ta״/« sollen entscheidende Beschlüsse bringen.
■ .. ■ י f
Welzmann bei Passfield
London, 28. August, nachmittags. (J.T.A.) In Aus*
führung des Beschlusses der Sitzung der Zionistischen Exe-
kutive von Dienstag nacht trug Dr. Wei z mann dem Stets-
sekretär für die Kolonien, Lord Passfield, die formulierten For-
derungen vor, durch deren Erfüllung die Sicherung jüdischen
Lebens und Eigentums in Palästina jetzt und für die Zukunft
gewährleistet werden soll. Nach Schluß der Unterredung er-
klärte Dr. Weizmann, daß die Zusagen, die ihm Lord Pass-
field gemacht habe, für den Augenblick zwar befriedigend,
aber nicht weitgehend genug seien. Die Verhandlungen wer-
den fortgesetzt.
Auch Lord Melchett und Marquis Reading stehen im dau-
ernden Kontakt mit den britischen Regierungskreisen.
Die Zahl der Toten
Jerusalem, 28. August, nachmittags. (J.T.A.) Nach
Feststellungen des Waad Leumi sind in Palästina bisher 120 jü-
dische Todesopfer zu beklagen.
Die Aktion zur Entwaffnung der Zivilbevölkerung dauert
an. in Haifa wurden 30 Juden verhaftet, 25 Gewehre bei
Juden beschlagnahmt. Dilb wehrte heute vormittag mit Hilfe
von Truppen einen erneute Angriff ab, ebenso Mizpah, das
zweimal angegriffen wurde. Eine Farm nimärtischer Juden so•
wie eine Mädchenfarin ln der Nähe von Haifa wurden von
Arabern niedergebrannt, ln Haifa haben sich heute die Un-
ruhen erneut. Jüdische tiSuser wurden niedergebramtt und
geplündert.
־ London, 28. August, 12 ׳ :Uhr• Dfe ׳ J,T*A. erfährt te
Inhalt eines telephonischen Getejh&V
**• יי 'liTder ׳ Nacit 'vonTE»IÄI% zu Utlttwacb
im ׳ ganzen Lande keine neuen Angriffe. Die Evakuierung ver-
schledener jüdischer Siedlungen wird fortgesetzt Auch
Schfeja, eine Kindersiedlung, die von ostjüdischen Pogrom-
waisen bewohnt wird, sollte evakuiert werden. Die Kolonie
Sicbron Jakob, die das Kinderdorf mitverwaltet lehnte die
Evakuierung von Schfeja ab und hat es übernommen, das
Kinderdorf bis zum Eintreffen der Truppen zu schützen. Auch
Ekron und Bajit Wegan bei Jaffa wurden evakuiert. Die Eva-
kuierung wird von den Juden für gefährlich angesehen, da
dann die Siedlungen der Vernichtung anheimfalien. Die Be-
hörden unterscheiden nicht zwischen bewaffneten Briganten und
Mitgliedern des jüdischen Selbstschutzes, die ihr Leben ris-
kieren müssen, weil die Regierung sich als ohnmächtig erwies,
den Schutz zu übernehmen. Trotzdem die Zahl der Regie-
rungstruppen sich im Lande jetzt vermehrt hat sind die Un-
ruhen noch nicht zum Stillstand gekommen.
Glva and Tel Josef abgebrannt
London, 27. August, 19,36 Uhr. (J.T. A.)
Arabische Führer, unter ihnen der Mufti und der Bürger-
meister von Jerusalem, erlassen einen Aufruf, in dem sie die
Bevölkerung zur Ruhe ermahnen. G i v a und Tel Josef
sind abgebrannt. Tiberias ist ruhig, dagegen erwartet man
Angriffe auf Safed und Ness Ziona. In Haifa ist d<jr Kriegs-
zustand proklamiert. Beunruhigende Nachrichten treffen aus
dem Gelände der Haifa-Bay, aus Nahalal, Akko und der
chassidischen Siedlung Nachlath Jakob ein. Die Nachricht von
der Zerstörung der Kolonie Kastinie und Ge der ah hat
sich bisher nicht bestätigt.
London, 27. August 22,05 Uhr. (J.T.A.)
in der Altstadt von Jerusalem brannten drei Häuser, in Haifa
zwei Baracken. Bis Mittag waren die Brände gelöscht. Mo-
zah steht in Flammen. Das Erholungsheim in Mozah und
die Kolonie Kirjath Anawim sind bisher in Sicherheit.
Englische Soldaten sind in Meir Schfeja eingetroffen, in Tel-
Awiw herrscht Nahrungsmangel.
Im Leitartikel der ״Times“ wird erklärt, daß das eng-
lische Militär In Palästina bleiben würde, um die Aufrührer
streng zu bestrafen. Das britische Prestige im Nahen Osten
müßte durch diese Tatsachen wieder gestärkt werden, da die
Bevölkerung dieser Länder Konzessionen für Angst und
Schwäche hält.
London, 27. August, 23,05 Uhr. (J.T.A.)
Das Kolonialamt erklärt, daß die Lage ln Tel-Awiw,
Jaffa und Jerusalem ruhig sei, bestätigt aber die JTA.-
Nachricht, daß eine Bombe in Jerusalem explodiert Ist Die
Lage ln Transjordanien ist beunruhigend, bisher halten sich
aber die arabischen Stämme noch von jeder Aktion zurück.
Das Kommunique bestätigt auch die bisherigen Meldungen der
JTA. über die Unruhen In Tel-Awlw und in verschiedenen
Kolonien und erklärt, daß die Lage in Haifa noch bedrohlich
sei. Als Zahl der Taten wird von der Regierung angegeben
93 Juden, 46 Araber. Es wird dabei betont, daß die Ereignisse
in Hebron besonders blatig waren.
Auszug aus einem Rundstiireiben
der Z.V. t D. an die Ortsgruppen
Berlin, 27. August 1928.
Wir haben In diesen für unsere Bewegung so schweren
Stunden das Bedürfnis, unseren Freunden im ganzen Reiche
über die Vorgänge in Palästina und über .die Haltung, die wir
einzunehmen haben, Informationen zu geben. Es liegt in der
Natur der Sache, daß unsere Mitteilungen, die an sie gelangen,
mit den Mitteilungen der Tagespresse nicht Schritt halten wer-
den. Dagegen haben unsere Mitteilungen den Vorzug, daß sie
absolut nachgeprüft sind und Sie über den wahren Umfang
der Ereignisse in Pallstina unterrichten.
Heute !st es uns zum ersten Male gelungen, eine direkte
authentische Mitteilung über Palästina von der Londoner Exe-
kutive zu erhalten. Wir haben darüber hinaus versucht, uns
telegraphisch direkt an zuverlässige Zionisten in Pallstina zu
wenden und hoffen, auch von dieser Stelle noch authentische
Informationen zu erhalten. Nach den Mitteilungen, die wir
heute über Palästina erhielten, scheint es, daß die Meldungen
der Tagespresse, was den Umfang des Unglücks angeht, leider
nicht übertrieben sind. Wir haben bis jetzt schon weit über
hundert Todesopfer za beklagen und mehrere hundert von Ver-
letzten. Der Sachschaden, der bisher durch Plünderung, Brand-
Stiftung und Zerstörung angerichtet wurde, scheint auch be-
trächtlich zu sein. Die Opfer verteilen sich nach den am
Dienstag mittag hier vorliegenden Nachrichten auf folgende
Orte: ln Hebron sind durch das furchtbare Massaker unter den
Bachurim der Jesehiwah zirka 60 Tote zu beklage» te ritt#
verteilen sich fast »ul das ganze Land mit
Emek, wo zwar Ueberfllle und Plünderungen stattgefunden
bedien, aber bisher noch keine Mensehenopfer zu beklag»»
sind.
Wir halten es für notwendig, gerade ln diesen ersten
Tagen, wo wir noch alle unter dem furchtbaren Eindruck der
Mitteilungen aus Palästina stehen, uns zur Ruhe zu zwingen,
um nicht im Affekt uns zu unbesonnenen Handlungen und
Aeußerungen hinreißen zu lassen, die irreparablen Schaden
anrichten können. Heute abend tagt in London die Zionistische
Exekutive, die inzwischen dort vollzählig eingetroffen Ist und
wird über alle Maßnahmen, die wir zu ergreifen haben, be¬
raten.
Wir werden, sobald die Entscheidungen der Exekutive vor-
liegen, die zionistische Bewegung In Deutschland zu Protest-
kandgebangen aufrufen und werden eine strenge Untersuchung
verlangen, die die schweren Anschuldlghngen gegen das Ver-
halten der englischen Verwaltung in Palästina nachprülen muß.
Dagegen wird uns mitgeteilt, daß die britische Regierung in
London alle Maßnahmen ergriffen hat, die sie in diesem
Augenblick ergreifen kann. MacDonald hat selbst die Ueber-
wachung sämtlicher Maßnahmen übernommen. Man hat Sir
Herbert Samuel nach London berufen, um mit ihm za beraten.
Die Mitteilungen, daß er an Stelle von Chancellor High Com-
missioner werden soll, scheinen unbewiesene Behauptungen zu
sein.
Das Eine ist jedenfalls heute schon klar, daß es sieh um
einen von langer Hand vorbereiteten Anschlag der arabischen
nationalistischen Bewegung gegen die Grundlagen der gegen-
wärtigen jüdischen and englischen Politik in Palästina handelt
Die Rückwirkungen der Ereignisse stad heute noch gar
nicht abzusehen. Wir dürfen keine Panikstimmung aulkommen
lassen und müssen uns für die Weiterführung unseres Werkes
jetzt besonders bereit halten. Wir haben durch die Erweiterung
der Agency einen außerordentlichen Machtzuwacbs erhalten,
der sich auch ta dieser schweren Stunde schon auswirkt und
weiter auswirken wird. Wir werden uns und der gesamten
Welt klar machen, daß die Grundlagen unserer Idee und unseres
Werkes durch diese Ereignisse nicht erschüttert stad. Wir
werden weiter unseren friedlichen Aufbauwillen betonen
müssen, keine nationale Revanchestimmung in uns nähren dür-
fen. Wir werden unter allen Umständen einen Ausgleich mit
der arabischen Welt suchen und finden müssen, ohne eines
von unseren Rechten und Ansprüchen, die wir zur Entfaltung
unserer Existenz brauchen, auizugeben. Auch ta diesem furcht-
baren Augenblick dürfen wir uns zu keinen Schritte und
Aeußerungen hinreißen lassen, die den Weg zu diesem Aus-
gleich verbauen. Unsere aktuellen Forderungen: die Beilegung
des Klagemauerkonffiktes, die Sicherung der jüdischen Rechte,
ferner die Bestrafung aller Schuldigen an diesem Unglück und
Ergreifung von Schutzmaßnahmen für die Zukunft, werte wir
natürlich mit aller Energie durchhämpfen müssen.