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JÜDISCHE RUNDSCHAU
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in Haifa, Tarusalam, T«! -Aviv.
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Per Zionismus erstrebt I 0 r da» jadische Volk dl« Schäftung elnar Öffentlich - rechtlich gesicherten Helmalltle ln Pallntlna. ״Baseler Programm,“
Der Jenaer Delegiertentag
BlumenSeld wiedergewählt — Koalition zwischen Linkes
Zentrum, Hitachduth und Sozialist. Zionisten, Misrachi —
Mißtrauensvotum gegen die Redaktion mit 94:47 Stimmen
abgelehnt — Große politische Aussprache — Das außen•
politische Programm r Weizmanns Rede
Der Delegiertentag in Jena stand diesmal im Brenn-
punkt der Aufmerksamkeit der ganzen zionistischen Welt.
Durch die Anwesenheit Dr. Weizmanns bekam die Ta-
gung eine Bedeutung allgemein zionistischer Art, sie war
mehr als ein lokales zionistisches Ereignis. Und jeder
objektive Beobachter wird zugeben müssen, daß die
Tagung die Erwartungen, die in sie gesetzt wurden, ge-
rechtfertigt hat. Sie war erfüllt von tiefstem Ernst und
Verantwortungsgefühl, sie brachte eine grundsätzliche
Aussprache über die Fragen, die jetzt die zionistische
Welt aufwühlen, und die Auseinandersetzung der oft
scharf entgegengesetzten Anschauungen erfolgte auf
hohem sachlichen Niveau, aus leidenschaftlicher Ueber-
zeugung und doch mit Respekt vor dem Gegner, in aller
Offenheit und Rückhaltlosigkeit und doch ohne Indiskre-
tionen oder politische Unvorsichtigkeiten. Man darf wohl
sagen, daß diese Debatte eine Reinigung der Atmosphäre
und eine gewisse Erleichterung gebracht hat, obwohl
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stehfctfi *Aber Wenh wir als die Aufgabe einer politischen
Organisation ansehen, Problemen nicht auszuweichen,
sondern sie zu bewältigen, so war dieser Delegiertentag
sicherlich eine Etappe auf dem Wege zu diesem Ziele
und daher eine außerordentliche Stärkung des zionisti-
sehen Bewußtseins und der zionistischen Kraft. Obwohl
mehrere Abstimmungen scharf geschiedene zwei Lager
gegeneinander abgrenzten, so kann man doch wohl sagen,
daß in einem Sinne es weder Sieger noch Besiegte gab:
in der Bejahung dieses zionistischen Lebensgefühls, in
der Empfindung des belebenden Wertes dieser Tagung
waren alle einig. Und daß es möglich war, trotz der
tiefen Erregung eine solche Tagung ohne jeden Zwi-
schenfaü und sogar ohne parlamentarische Mißtönc
in aller Würde durchzuführen, wird dem deutschen Zio-
nisraus in seiner Gesamtheit stets als Ehre angerechnet
werden. »
Der Delegiertentag ist ein Ausläufer der Erregungs-
welle, die die zionistische Welt nach den Palästina-
Unruhen in Erschütterung versetzt hat. Es waren Mei-
nungsverschiedenheiten darüber entstanden, wie diese
Ereignisse politisch zu deuten sind und welche Konse-
quenzen daraus zu ziehen sind. Dabei ging es weniger
um die Unruhen selbst, auf die wohl alle gefühlsmäßig
in gleicher Weise reagierten, als vielmehr um die da-
hinterliegenden tieferen Fragen, die durch die schreck-
liehen Ereignisse nicht neu entstanden waren, sondern
nur eine grellere Beleuchtung erfahren hatten. Die
Grundfragen der zionistischen Politik im Lande, die seit
vielleicht zehn Jahren im Zionismus erörtert werden,
sind dadurch in aller Aktualität in den Vordergrund des
zionistischen Interesses gerückt worden. Bei einer sol-
eben Erörterung gibt es Meinungsverschiedenheiten nicht
nur zwischen parteimäßig abgezirkelten Gruppen, son-
dem auch innerhalb der Gruppen, und darüber hinaus
individuelle Nuancierungen. Bei politischer Handlung je-
doch ist es selbstverständlich, daß nicht jede Schattie-
rung zu besonderem organisatorischen Ausdruck kommen
kann, und daß in bestimmter Situation manche einander
sonst nahestehende Gruppen oder Personen nur einen
Teil des Weges Zusammengehen. Das Wichtige aber
scheint uns die zionistische Grundkonzeption, von der
man sich bestimmen läßt Dies kam zweifellos auch auf
dem Delegiertentag zum Ausdruck
Eine volle Bewertung der Tagung soll heute nicht
gegeben werden, Ihre praktischen Resultate lassen sich
in zwei Tatsachen zusammenfassen: 4fr Mißtrauens-
antrag gegen die Redaktion der ״Jüdischen Rundschau“
wurde mit 94 zu 47 Stimmen (also genau % Mehrheit)
abgelehnt und eine neue Leitung unter Führung von
Blumenfeld wurde gewählt, die eine Koalition zwischen
Allgemeinen Zionisten (Linkes Zentrum), Hitachduth und
Sozialistische Zionisten, und Misrachi darstellt Damit
Ist der unerwünschte Zustand beseitigt, daß eine so
wichtige Gruppe wie der Misrachi in der Leitung nicht
vertreten war. Was die Führung von Blumenfeld be-
trifft, so kann man wohl sagen, daß diese auf dem Dele-
giertentag fast allgemein anerkannt wurde. Denn über
die neue Koalition hinaus bis weit in die Kreise der
jetzigen Opposition wurde seine Leistung und die zioni-
stische Ueberlegenheit die er auch auf diesem Dele-
giertentag bewies, gewürdigt. Es ist noch zu erwähnen,
daß die angenommene Resolution, die Richtlinien für die
Haltung der Z. V. f. D. in außenpolitischen Fragen ent-
Die neue Leitung
Vorsitzender der Z. V. f. D.s Kurt Blumenfeld.
Geschäftsführender Ausschuß: Alexander Adler,-
: - Alfred Borger,. Dr. -Sperfri«4 JCaijowitr, ßr, öeo» ׳
giirfto jf t s f V'y ;M *Ösfcär ס#י i fsh fr g.
Politische Resolution
(Recolutfon Blumenfeld)
Die angenommene Resolution zur zionistischen Außen-
Politik lautet: יי
Der Delegiertentag ermächtigt die Leitung der Z. V. f. D.,
zu den außenpolitischen Fragen nach den folgenden Grund-
iinlen Stellung zu nehmen:
I. Das Fundament jeder zionistischen Politik ist der un-
zerstörbare Lebenswille des jüdischen Volkes, ihr notwendiges
Ziel die Errichtung der nationalen Im Palästina-Mandat aner-
kannten öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte.
II. Zur Durchführung dieser Politik verlangen wir nicht
nur, daß in Zukunft unter allen Umständen Schädigungen des
Aufbaus der Heimstätte durch die Regierung vermieden werden,
wie sie in der Vergangenheit aus Gleichgültigkeit oder Nach-
lässigkeit oder aus verständnisloser Abneigung gegen unsere
Sache entstanden sind, sondern wir fordern die aktive Unter-
Stützung der Mandatarmacht, za deren Gewährung sie durch
das Mandat verpflichtet ist und die sie uns bisher in hohem
Maße vorenthalten hat.
III. Der Erfolg unserer Politik beruht entscheidend auf der
eigenen Leistung des jüdischen Volkes. Daher bietet der Zu-
sammenschluß des Gesamtjudentums in der Jewish Agency
für unser Werk eine neue bedeutende Chance, die durch die.
Kraft und das Wachsen der Zionistischen Organisation zu einer
Verbreiterung unserer politischen und wirtschaftlichen Basis ge-
führt werden muß.
Schon heute Ist, unsere Position in Palästina und die Stärke
des Jischuw eine zuverlässige Stütze für die, Durchführung
unserer nationalen Politik.
Unser Recht, in vollkommener Freiheit in das Land elnzu-
wandern, darf nicht angetastet werden. Die volle Verwirk-
Hebung unserer Hoffnungen auf eine Wiedergeburt des jü-
dischen Volkes in Erez-lsrael erfordert das ständige sichtbare
Wachsen unseres Aufbauwerkes. Aut die Förderung und Unter-
Stützung der Chaluzbewegung ist besonderer Wert zu legen.
IV. Die zionistische Bewegung wünscht mit dem arabischen
Volk in Eintracht und in gegenseitiger Achtung zu leben und
zusammen mit ihm die gemeinsame Heimat ln ein blühendes
Gemeinwesen umzuwandeln, dessen Aufbau allen seinen Bevöl-
kerungsteilen ungestörte nationale Entwicklung •ichgrt. (Re-
solution des XII. Zionistenkongresses.) In diesem Geiste soll
die Zionistische Organisation eine aktive planmäßige, die Er-
rungenschaften des Mandates dem Wortlaut und dem Geiste nach
sichernde Politik der Verständigung mit dem arabischen ,Volke
aufnehmen, durch welche die der Schaffung der Nationalen
Heimstätte entgegenstehenden Hindernisse auf friedlichem
Wege beseitigt werden sollen. Politische Verhandlungen liegen
ausschließlich in den Händen der Exekutive.
hält, beweist, daß die eine Zeitlang beobachteten Be-
Strebungen, die Z. V. f. D. außenpolitisch zu ״neutral!-
sieren“ und sie dadurch der Form eines Dachverbandes
anzunähern, überwunden sind. Die Z. V. f. D. hat sich
in Jena als ein lebendiger zionistischer Organismus er-
wiesen, der nunmehr, nach Austragung der bisherigen
Unklarheiten, neu gestärkt an die Arbeit herangeht
*
Wir können in der heutigen Nummer nur eitlen Teil
des Berichtes veröffentlichen. Der Delegiertentag wurde Sonn-
tag, 10»/3 Uhr vormittags, eröffnet. Nach der Eröffnungsrede
von Blumenfeld hielt Dr. W eizmann sein Referat über die
politische Lage im Zionismus. Sodann sprach Berl Kaz«
nelson (Palästina), der die Anschauungen der palästinen-
stechen Arbeiterschaft darlegte. Nach ihm wurde dem aus
Palästina als Gast anwesenden deutschen Zionisten Dr. Felix
Dan ziger das Wort erteilt, der bereits in die politische
Debatte ein griff. Die politische Debatte selbst wurde von dem
Redner der stärksten Gruppe (Linkes Zentrum) Dr, B i I e s k I
eröffnet. In der Nachmittagssitzung wurde die Debatte fort-
gesetzt. Es sprachen Dr. Barth (Misrachi), Landauer
(Hitachduth), Kollenscher (Unabhängige Zionisten),
Lichtheim (Revisionisten), Gold mann (Radikale). In
der Ahendsitzung, die um IQ Uhr begann, sprachen dann
Weltsch, Blume nfeld und schließlich Dr. Weiz-
manu, der sich in seinem Schlußwort gleichzeitig von dem
Delegiertentag verabschiedete, da er Montag früh Je» verließ.
M J[0;f
Ver-
such, die Sitzung tim 12 Uhr zu eröffnen,^scheiterte daran,
daß die politischen Resolutionen noch nicht-zur Abstimmung
reif waren und Blumenfeld es ablehnte, das Referat über die
künftige Arbeit der Z. V. f. D. zu halten, solange man nicht
wußte, ob nicht als Konsequenz der politischen Abstimmung
eine andere Führung gewählt werden müsse. Um 2 י/י Uhr
erfolgten dann im Plenum die Abstimmungen über
die politischen Anträge. Wir veröffentlichen heute
nur den Text der Resolutionen und werden den
Verlauf der Sitzung nachtragen.
Die Abstimmung über die außenpolitische Debatte wurde
durchgeführt in der Form der namentlichen Abstim-
mung über drei Resolutionen.
Die erste Resolution, eingebracht von
Radikalen und Revisionisten
lautete:
״Der Deieeiertentag mißbilligt die Haltung der ״J. R. ״ ,
die die eindeutige Betonung der politischen Grundauffassun-
gen des Zionismus vermissen läßt und den Erfordernissen
der gegenwärtigen Politik widerspricht.“
Abgelehnt mit 47:94 Stimmen bei 4 Enthaltungen.
Die zweite Resolution, eingebracht von Misrachi und
״Unabhängigen Allgem. Zionisten“, lautet:
״Der XXIII. Delegiertentag fordert nachdrücklich Wab-
rung unseres völkerrechtlich gewährleisteten Rechtes auf
Schaffung einer Nationalen Heimstätte in Palästina. Er lehnt
jede Zielsetzung ab. An dieser Grundeinstellung ist insbe-
sondere festzuhalten bei den zur rechten Zeit einzuleitenden
Verhandlungen, die die Schaffun״ eines friedlichen Zusam-
menlebens mit den Arabern in Palästina zum Gegenstand
haben. Der Delegiertentag verlangt, daß die Haltung der
״Jüdischen Rundschau“, des offiziellen Organs der Z. V. f. D.,
mit diesen Grundsätzen in Einklang gebracht wird.“
Zu diesem Aftag erklärt Herr Blumenfeld, daß er
mit der Ablehnung des Antrages die Vertrauensfrage verbindet.
Der Antrag wird sodann mit 84 : 54 bei 4 Enthaltungen ab-
gelehnt.
Sodann folgt die Abstimmung über die nebenan abgedruckte
Resolution Blumenfeld, die mit 82 : 53 Stimmen bei
8 Enthaltungen angenommen wird, nach Ablehnung eines
Amendements Dr. Halpern.
Hierauf hielt Herr Blumenfeld sein Referat wegen
der vorgeschrittenen Zeit in abgekürzter Form. Die De-
batte, die auch Fragen der Geineindepoü'.ik berührte, nahm
den Rest des Nachmittags sowie die Abendsitzung in An-
sprach. Inzwischen arbeitete der Permanenz-Ausschuß fieber-
haft Es wurde der Versuch gemacht, eine Koalition auf
breiter Basis zustande zu brfhgen und erst in später
Nachtstunde zeigte es sich, daß dies nicht gelang.
Die letzte Sitzung, in der die Wahlen vorgenommen
wurden, nahm folgenden Verlauf:
Unter dem Vorsitz von Benzion Fett erstattete der
Vorsitzende des Permanenzausschusses, Herr Feuerring, zu-
nänächst den Bericht über die vorliegenden Resolutions-
anträge. Die Resolutionen wurden abgestimmt und ange-
nommen. (Veröffentlichung in der nächsten Nummer.) Sodann
schlug Herr Feuerring, während Dr. Rab in den Vor-
sitz übernommen hatte, die Kandidaten des Permanenz-Aus-
Schusses für die Aemter der Z. V. f. D. vor, und zwar zunächst
Finanzausschuß und Ehrengericht, die einstimmig
gewählt wurden, sodann die Liste der Leitung der
Z. V. f. D. Zu diesem Punkt wurden folgende Erklärungen ab-
gegeben: