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JUEDISCHE RUNDSCHAU
Nr. 05, 2. XII. 1930
Seite 640
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Der ft'! ־׳)' ׳ der Liberalen ist m sehr in die Augen sprin-
gend, als daß mail, ihn verkleinert könnte. Allerdings ist er
zum größten Teile Umständen zu verdanken, die nur als wenig
erfreulich bezeichnet werden können. Unter der Parole ״ Sieg
über die Grenadierstraße“, ״ Galiriancr hinaus“ und ״ Die Zio*
nisten wollen uns ins Ghetto zurückführen“, zogen die Libe-
ralcn hi den Kampf und scheuchten weite Kreise der jü-
(lisch völlig uninteressierten Bevölkerung*-
teile in Groß-Berlin auf. Was in diesem Wahlkampfe nicht
nur von Vertretern dritter und letzter Garnitur der Liberalen,
sondern auch von führenden Männern dieser Partei an Ver-
dächfigungen geleistet wurde, erfüllt uns mit tiefer Scham.
Wenn von Mund zu Mund geflüstert wurde, die Zionisten
hatten in der Gemeinde eine schauderhafte ״ Mißwirt ־
schaft“ getrieben, wenn man sich nicht entblödete, eine un-
verantwortliche Ost j ud en he t ze zu inszenieren, wenn be-
hauptet wurde, daß Zionisten und Ostjuden an dem Ansteigen
der antisemitischen Welle in Deutschland die Schuld tragen,
so sind das Kampfmethoden, die man als Mensch und Jude
ablehnen muß. Natürlich lehnen die Führer der Liberalen
und ihre hochmögenden Förderer (Polizeivizepräsident Weiß
u. a.) in gutem Glauben die Verantwortung für diese Exzesse
ab. Aber man kann beim besten Willen diese Herren nicht von
der Schuld freisprechen, daß sie die intellektuellen Urheber
derartiger Entgleisungen und Ausschreitungen sind. Denn bis
sich der zarte Hinweis des Polizeivizepräsidenten Weiß auf den
Einfluß der Östjuden in der Gemeinde bis in die am tiefsten
stehenden Kreise der liberalen Anhänger und Wählerschaft
fortgesetzt hat, so lautet dieser zarte Hinweis bereits ״ Sieg
über die Grenadierstraße“ und ״ Galizianer hinaus“. Wir
werden auf all diese Erscheinungen im Wahlkampf bei Ge-
legenheit noch ausführlich zu sprechen kommen. Soziologisch
gesehen, ist der Erfolg der Liberalen die Abwehraktion auf-
gescheuchter, in ihrem Besitz angeblich bedrohter Schichten
der jüdischen Bevölkerung gegen sozial tieferstehende Schich-
ten der Berliner Judenheit Es ist auffallend, daß die Liberalen
ihre größte Stimmenzahl in den vornehmen Wohnquartieren
der Berliner Judenheit erhalten haben, während die Wähler-
schaft der, Volkspartei in den ärmeren Stadtteilen Berlins
ihren Wohnsitz hat. Dabei ist festzustellen, daß die Volks-
partei ihren großen Stimmenzuwachs gerade unter sogenannten
West Juden zu verzeichnen hatte. Diese west jüdischen
Wähler der Völkspartei gehören entweder den intellektuellen
Schichten oder den mit irdischen Glücksgütem weniger ge-
segneten Kreisen der Berliner Judenheit an.
Unvergessen wird in den Kreisen der Zionisten und der
Volkspartei das Eingreifen des Central-Vereins in den
Wahlkampf bleiben. Der C.-V. veröffentlichte in seinem
Organ zwei Tage vor der Wahl einen Aufruf, in dem er sich
die Parole, daß die Zionisten die Juden ״ ins Ghetto zu-
rück f ühren“ wollen, zu eigen macht. Ganz unverblümt
trat der C.-V. für die Liberalen ein, wenn er auch schrieb,
daß man ״ eine der religiösen Parteien“ wählen solle. Die Anti-
zionisten aller Schattierungen haben sich zusammengefunden.
Zur Charakteristik der Kampfmethoden kann eine Vergfei-
chung der liberalen Wahlzeitung mit der Wahlzeitung der Jüdi-
sehen Volkspartei dienen. Die Liberalen zitierten Rathenau,
der für jüdische Dinge fast kein Interesse hatte und prononziert
nur in dem berüchtigten Aufsatz ״ Höre Israel“ in Hardens ״ Zu-
kauft“ zur Judenfrage Stellung nahm. Ferner außer Jacob
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Völkische zu bezeichnen und hinzuzufügen, daß die zionistischen
Forderungen eine Rechtfertigung der Nationalsozialisten sind,
fehlte natürlich im liberalen nugblatt nicht.
Die Wahlbewcgung war für die Volkspartei und für
die Zionisten, wie wir schon mehrmals ausgeführt haben,
eine gute Gelegenheit, die Grundsätze des bewußten Juden-
tums, die Lehren des Zionismus in die jüdische Bevölkerung
7.u tragen. Für den Abend des 29. November hatte die Volks-
partei eine Versammlung in die Stadthalle ein-
berufen. Aus der einen Versammlung wurden vier. Darunter
eine tausendköpfige Versammlung unter freiem
Himmel vor der Stadthalle. Alle Versammlungen verliefen
ohne die geringste Störung. Man kann die Zahl der zu diesen
Versammlungen herbeigeströmten Menschen (Wähler und
Nichtwähler) auf viele Tausende schätzen. Der Polizei-
Vizepräsident Weiß möge sich bei seinen ihm unterstehenden
Organen erkundigen, wie musterhaft diszipliniert sich die
vielen tausende Östjuden in der Versammlung unter freiem
Himmel benommen haben. Vielleicht wird er alsdann seine im
Wahlkampfe ausgesprochene nicht allzu günstige Meinung
über seine ostjüdischen Glaubensgenossen revidieren.
Der Wahltag verlief überall in vollständiger Ruhe. Die
Auszählung nahm sehr viel Zeit in Anspruch (wegen
der Doppelwahl), so daß die ersten endgültigen Resultate erst
5 Stunden nach der Wahl allerdings zuerst im Parteibüro der
Völkspartei in der Meinekestraße bekannt wurden. Die im
vorstehenden mitgeteilten Ergebnisse können noch nach er-
folgter Prüfung der als ungültig erklärten »161 Stimmen
kleine Aenderungen erfahren, die jedoch das Gesamtergebnis
in keiner Weise tangieren können. Es ist nicht anzunehmen,
daß von irgendeiner Seite ein begründeter Wahlprotest ein-
gebracht werden könnte. Man kann somit rechnen, daß in
ungefähr zwei Wochen nach erfolgter Bestätigung durch die
Aufsichtsbehörde, das Polizeipräsidium, die neue Repräsen-
tantenversammlung ihr Amt antreten wird.
Der zukünftige Vorstand der Jüdischen Gemeinde dürfte
sich, da nach altem Brauche die Vorstandssitze proportional
zur Besetzung der Repräsenfantenversammlung aufgestellt wer-
den, aus 6 Liberalen, 4 Volksparteilern und einem Mitglied
der Mittel- oder Ueberpartei zusammensetzen. Vorstand und
Repräsentantenversammlung haben nach Lage der Dinge
keine liberale Zweidrittel-Mehrheit für Statutenänderungen und
für Besetzung von Rabbinerposten und anderer wichtiger
stellen mit besonderer Befugnis in der Gemeindeverwaltung.
Es dürfte sich also zunächst in der Berliner Jüdischen Ge-
meinde nur sehr wenig ändern. In der vorigen Session der
Gemeindeverwaltung hatten die Volksparteiler auch nur eine
Minorität, die sie allerdings durch das Bündnis mit Mittel-
partei pnd Konservativen entscheidend in die Wagschale
warfen. Diesmal haben die kleineren Parteien derartig starke
Einbußen erlitten, daß die Volkspartei, wiewohl sie in gleicher
Stärke in die Repräsentantenversammlung zurückkehrt, aus
der entscheidenden Regierungspartei die stärkste Oppo-
üitionspartei geworden ist. s. n.
Wie die JTA von informierter Seite erfährt, wird der
KVil. Zionistenkongreß wahrscheinlich in Karlsbad
stattfinden. Da־ Leiter des Kongreßbüros, Dr. Franz Kalui, hat
bereits die Vorarbeiten in Angriff genommen.
Whitechapel
Die Nachwahl in Whitechapel, dem jüdischen Viertel
Londons, findet am 3. Dezember statt. Es ist wohl keine
Uebertreibung, wenn man sagt, daß noch niemals eine Par-
lamentswahl in Westeuropa in diesem Maße den Charakter
eines Kampfes um jüdische Politik gehabt hat wie
diese. Es Ist ein eigentümliches Zusammentreffen, daß gerade
in dieser Zeit des erbitterten Kampfes um die englische
Palästinapolitik der Abgeordnete gerade dieses Wahlkreises
gestorben ist, so daß die Regierung an einem für sie sehr
empfindlichen Punkte dem Votum der jüdischen Wählerschaft
ausgesetzt ist. Die jüdische Bevölkerung Whitechapels, zum
großen Teil aus Proletariern und kleinem Mittelstand be-
stehend, hat zweifellos in ihrer großen Mehrheit bei früheren
Wahlen für die Arbeiterpartei gestimmt. Eines der erfreu-
lichsten und bedeutungsvollsten Ereignisse der jetzigen Nach-
wähl besteht darin, daß diese Juden Whitechapels ein heit-
lieh und solidarisch für die jüdische Palästi-
na Sache und gegen die neue Palästinapolitik der Arbeiter-
regierung eintreten. Wir haben hier einen neuen Beweis für
die Durchsetzung des Palästinagedankens im jüdischen Volk.
Palästina ist, wie sich immer mehr zeigt, längst keine zio-
nistische Parteisache mehr, das ganze Volk nimmt mit ganzer
Seele an dieser Sache teil. Abgesehen aber von diesem
großen innerjüdischen Wert der Erfahrungen von Whitechapel
hat diese Nachwahl zweifellos eine ganz große außen-
politische Bedeutung. Ohne Whitechapel wäre die Arbei-
terpartei vielleicht nicht so sehr gezwungen gewesen, in
aller Schnelligkeit ihre Palästinapolitik schönzufärben und zum
Teil zu modifizieren. Die Antwort der englischen
Regierung auf das Memorandum der Jewish
Agency ist der Oeffentljchkeit noch nicht bekannt, aber ein
so ergebener Freund wie der Abgeordnete Marcus versicherte
öffentlich, daß die Antwort der Regierung weitgehende Kon-
Zessionen an den jüdischen Standpunkt enthält.
Viele Parteiführer der Labour Party sind durch den Sturm in
Whitechapel zum Nachdenken veranlaßt worden und es ist an-
zunehmen, daß die Regierung, die wahrscheinlich heute selbst
bereits von der Unhaltbarkeit, Ungerechtigkeit und Unklugheit
ihres Palästina-Weißbuches überzeugt ist, einem Druck aus
den Reihen ihrer eigenen Partei altsgesetzt ist, die Politik
zu modifizieren.
*
Wir geben nachstehend noch einige Meldungen aus den
letzten Tagen des Wahlkampfes in Whitechapel wieder.
Der Primeministcr Mr. MacDonald hat — wie es in
England bei Wahlen üblich ist — an den Kandidaten der Ar-
beiterpartei, James Hall einen Brief gerichtet, worin die
wichtigsten Fragen des Wahlkampfes behandelt werden. Etwa
die HäKte des Briefes beschäftigt sich mit der Palästina-
frage. MacDonald schreibt darüber: ״Zweifellos wird man sich
bemühen, den Wählern die Absichten der Regierung mit Bezug
auf die Durchführung des Mandates in Palästina und die Er-
richtung eines Jüdischen Nationalheims daselbst falsch darzu-
stellen. Die Debatte im Unterhaus hat gezeigt, wie grund-
lös die von den Liberalen und Konservativen gegen die Pa-
lästinapolitik der Regierung gerichteten Angriffe sind. Wir sind
entschlossen, das Mandat, in welchem die Bai f our-
Deklaration enthalten ist, in der gewissen-
härtesten W,efse d u Vchzuf fi hrett, in toll«• Geher-
einStlmihtHig niif Her im Wfelßbuch von 1922 gegebeiieh ! Wter-
pretation, an die sich alle aufeinander folgenden Regierungen
gehalten haben. Wir sind weit entfernt von dem Ziel, die jü-
dische Einwanderung einzustellen oder zu verhindern, vielmehr
sorgen wir für Fortführung der kolonisatorischen Tätigkeiten
ohne Unterbrechung, und wir bereiten jetzt ein großes Pro-
jekt der Landesentwicklung und Bewässe-
rung vor mit dem Zweck, Boden für jüdische und
arabische Siedlung freizumachen ;wir schlagen vor, für
diesen Zweck eine Anleihe von 2(4 Millionen Pfund zu garan-
deren. Hat irgendeine Regierung jemals so viel für die Sache
getan? Gegenwärtig stehen wir in Beratungen mit den
Vertretern der Jewish Agency; ich kann Sie ver-
sichern,daßdieLabourParty niemandem nachsteht
in ihren Sympathien für das Ideal des Jüdischen Nationalheims
und in ihrem Wunsch, die Ausdehnung dieses Nationalheims
zu erleichtern, soweit dies sich in Uebereinstimmung mit den
Bestimmungen des Mandates durchführbar erweist.“
Der konservative Kandidat Mr. G u i n ת e s, zu dessen Gun-
sten Amery in einer großen jüdischen Wählerversammlung an!
Vorabend der Wahl reden wird, versendet ein Flugblatt, worin
er die Juden darauf hinweist, daß er die Partei Lord Balfours
vertritt, ferner die Partei Baldwins, Chamberlains, Amerys und
Lord Melchetts, die sämtlich das letzte Weißbuch scharf kri-
tisiert haben. Der liberale Kandidat, heißt es in dem konser-
vativen Flugblatt weiter, gehört zu einer Partei, welche nicht
die Macht hat, die Palästinapolitik zu ändern, vielmehr ist
es die liberale Partei, die die sozialistische Regierung am
Ruder hält.
Der liberale Kandidat, Mr. Jänner, selbst Jude und Zio-
nist, weist daraut hin, daß der liberale Führer Lloyd George
Ministerpräsident des Kriegskabinetts war, das die Balfour-
Deklaration gab. Der Arbeiterkandidat Hall sucht den Ein-
druck des Weißbuches nach Möglichkeit zu verwischen und
betont, daß die Labour Party stets an dem Mandat festgehalten
hat. Die ״Times“ stellt fest, daß die drei Kandidaten mit groß-
tem Eifer darin wetteifern, ihre Anhänglichkeit an das Ideal
eines Jüdischen Nationalheims den Wählern darzustellen.
Die Redner der Labour-Party ausgepfiffen
London, 28. November. (J. T. A.) Das von der Labour
Party in Whitechapel einberufene Massenmeeting, aut dem
Redner der Poale Zio n und der Histadruth für
die Wahlkandidatur des Labour-Abgeordiretert eintreten sollten,
gestaltete sich zu einer der stürmischsten und tumultuösesten
Kundgebungen, die Whitechapel jemals erlebt hat. Obwohl die
Partei Poale Zion zum Besuch der Versammlung aufgefordert
hatte und in Zeitungen und Plakaten die jüdischen Arbeiter-
führer Arlosoroff, Sprinzak und Kaplansky als
Redner angekündigt worden waren, nahmen die jüdischen Ar-
beiterführer im Hinblick auf die ungeklärte Situation bei den
Verhandlungen zwischen Regierung und Jewish Agency an der
Versammlung nicht teil.
Lange vor Beginn der Versammlung war die riesige Moni-
cendam Hall überfüllt. Tausende, die keinen Einlaß finden konn-
ten״ drängten sich vor den Eingängen. Schon bei der Er-
Öffnung der Versammlung setzte ungeheurer Tumult ein, viele
Hunderte Zuhörer riefen ununterbrochen: ״Wir wollen keine
Reden für den Labour-Kandidaten hören! Whitechapel wird nie-
!nals einen Labour-Kandidaten wählen! Die Labour-Regierung
hat uns verraten!“ Der Lärm dauerte über eine Stunde an,
ohne daß es irgendeinem Redner gelang, sich verständlich zü
machen. Jede Bemühung, zur Versammlung zu sprechen, wurde
sofort durch Rufe wie ״Abtreten 1 )Vir glauben der Arbeiter-
partei nichts mehr!“ vereitelt. Schließlich gelang es dem Ab-
geordneten Harry S n e 11, der als erster auf der Redner-
liste stand, sich Gehör zu verschaffen, Snell bat die Versamm-
lung, ihn. der stets ein Judenfreund gewesen sei, anzuhören.
Nach einigen Zwischenrufen konnte Snell einige Worte an die
Versammelten richten. Als er aber auf die Palästi n a -
poütik der Regierung zu sprechen kam, brach der Sturm von
neuem los, Stühle flogen durch die Luft, die Polizei griff ein
und verhaftete drei Versammlungsteilnehmer, lfariy Snell
konnte seine Rede nicht weiter fortsetzen und verließ den Saal.
Nach einiger Zeit gelang es dem jüdischen A b g e -
ordneten Marcus, der Mitglied der Arbeiterpartei und
aktiver Zionist ist, die Versammlung zu beruhigen. Er rief
laut, daß er das Weißbuch verurteile, worauf sich der Lärm
etwas legte, so daß er mit seiner Ansprache beginnen konnte.
Au* der Mitte der Versammlung wurde an Marcus die
Frage gerichtet, warum die Regierung die Verhandlungen mit
der Jewish Agency hinausziehe. Ob dies nicht deshalb ge-
schehe, um ober die Nachwahl ln Whitechapel
hinauszukommen und dann zu erklären, daß England
an der Politik des Weißbuches festhalte. Marcus erwiderte, die
Vertagung der Konferenz sei auf den ausdrücklichen Wunsch
Weizmanns erfolgt, der die Ankunft der jüdischen Füh-
rer aus A m e rl k a, die an der Konferenz teilnehmen sollen,
abwarten wolle. Marcus teilte der Versammlung mit, er habe
selbst in di* Dokument Einblick getan, das die britische
Regierung Welzmann übermittelt hat. Dieses
Dokument werde zweifellos beruhigend auf die jü-
dische Oef fentlfchkeit wirken.
Nach Marcus sprach noch der Generalsekretär der Arbeiter-
partei M. Be von, welcher erklärte, seiner Meinung nach sei
die Veröffentlichung des Weißbuches ein Mißgriff ge-
wesen.
Parallel mit der Versammlung wurde ein improvisiertes
Meeting unter freiem Himmel abgehalten, auf dem Gegner des
Weißbuches und der Arbeiterpartei die Haltung der britischen
Regierung verurteilten und die Wähler aufforderten, gegen
die Labour Party zu stimmen oder sich der Stimme
zu enthalten.
Auf einem in der St. Georg-Stadthalle abgehaltenen so-
zialistischen Massenmeeting wurde der Kandidat der Labour
Party, James Hall, ausgepfiffen und uiedergeschrien, so oft er
auf die Palästinäpolitik zu sprechen kam. Es gelang ihm nur mit
großer Mühe, drei aus der Mitte der Versammlung an ihn ge-
stellte Fragen zu beantworten, worauf er gezwungen war, unter
Abzugsrufen die Versammlung zu verlassen.
Poale Zion für die Labour •Party
London, 26. November. (J. T. A.) \ Das Exekutivkomitee
der jüdisch-sozialistischen Arbeiterpartei Poale Zion bat in Lon-
don unter Beteiligung von Vertretern aller Londoner Sektionen,
der Poale Zion-Jugend-Organisation und der poäle-zionistischen
Frauensektion eine Beratung über die Haltung der Poale Zion
bei den Wahlen in Whitechapel abgehalten. Es wurde folgende
Entschließung gefaßt: Unter nochmaliger Bekräftigung seines
Standpunktes, daß das Weißbuch über Palästina eine grobe Ver-
letzung des Wortlauts und Geistes des Mandats darstellt und im
Widerspruch steht zu den Deklarationen, Resolutionen und Ver-
lautbarungen der Labour-Party, sowie unter erneuter Kund-
gebung der Entschlossenheit der Poale Zion, Innerhalb der Ar-
beiterbewegung den Kampf um den Widerruf des Weißbuches
fortzuführen, bringt das Exekutivkomitee der jüdisch-sozialisti-
sehen Arbeiterpartei Poale Zion in Erinnerung, daß die Labour-
Party die einzige politische Partei Großbritanniens ist, die sich
offiziell für eine Politik zur Förderung der Ziele ihrer Bewegung
ausgesprochen hat. Dem Parlamentsklub der Labour-Party ge-
hört eine große Anzahl von Freunden der noale-zionistischen
Bewegung an. Da der Labour-Kandidat für Whitechapel, James
Hai L in seinem Wahlaufruf und in seinen Reden, sowie in ei ge-
nen Erklärungen über seine Einstellung zum Palästinaproblem das
: WdßbuehÄ A Dctoment k#ltWört1iat, ääsVielfach m i t d er
Palästinapolitik der Labour-Party nicht in
Einklang zu bringen Ist, und da er seine Bereitschaft
zu erkennen gegeben hat, gegen diese und jede andere Re-
gierung zu stimmen, wenn sie eine Politik betreiben sollte, die
den Rechten des jüdischen Volkes in Palästina, wie sie in den
von verschiedenen Konferenzen der Labour-Party angenommc-
nen Resolutionen zum Ausdruck gebracht sind, nicht voll Rech-
nung trägt, scheint dieWahl James Halls die beste
Politik zur Wahrnehmung d er Interessen der
jüdischen Massen und der Rechte des jüdischen Volkes
In Palästina zu sein. Durch die Wahl James Halls wird d i e
Gruppe unserer Freunde in den Reihen der Labour-
abgeordneten um einen entschlossenen Vorkämpfer vermehrt
werden, der ebenso wie der frühere Vertreter des Wahlkreises
Whitechapel Interessen und Ansprüche des jüdischen Volkes
in der bestmöglichen Weise im Unterhause vertreten wird.
Oie Araber akzeptieren das Weißbuch
Eine Verständigung mit den Zionisten sei unmöglich
Jerusalem, 26. November. (J.T.A.) Anfang De-
z ember wird die palästinensisch-arabische Exekutive in einer
offiziellen Erklärung ihre Stellung zu der im neuen Weißbuch
nicdergelegten Palästina-Politik der englischen Regierung präzi-
sieren. Die JTA. erfährt über diese Erklärung folgendes: In
der Erklärung, einem Dokument von ungefähr 25 Seiten, wird
die Annahme des Weißbuches und der Konklusionen
Sir John Hope Simpsons ausgesprochen. Gleichzeitig aber wird
festgestellt, daß die Araber dessen ungeachtet nicht auf ihr
Recht verzichten, gegen jene Telle der neuen Politik, denen sie
nicht zustimmen können, Protest zu erheben. Ungefähr ein
Drittel des Dokuments wird einem Ueberblick über die
politische Entwicklung in Palästina im Laufe der
letzten zehn Jahre gewidmet sein. Es wird der Nachweis ver-
sucht werden, daß die Rechte der arabischen Bevölkerung
bisher beständig mit Füßen getreten wurden, und daß die Be-
Stimmungen des Mandats bezüglich der Errichtung lokaler
Selbstverwaltungsinstitutionen für Palästina außer acht gelassen
wurden. Die Erklärung wird es wahrscheinlich vermeiden, in
klaren Worten Annahme oder Zurückweisung des Angebots
eines Legislative Council für Palästina auszusprechen,
um die Möglichkeit offen zu lassen, die arabische Stellung-
nähme den jeweiligen Verhältnissen anzupassen. Gegen die vor-
geschlagene Bodengesetzgebung, die den High Com-
missioner ermächtigt, bei Entscheidungen über Boaentrans-
aktionen eigenes Ermessen walten zu lassen, dürfte Einspruch
erhoben werden. An Stelle der vorgeschlagenen Bestimmungen
werden die Araber eine von politischen Erwägungen oder
Aenderungen der Politik in London unabhängige Regelung ver-
langen. In der Erklärung wird ferner Sir John Hope Simp-
sorts Vorschlag, daß die Regierung die Huleh-Tefrl-
t o r i e n in eigener Reserve halten soll, begrüßt und gegen die
jüngst erteilte Bewilligung von 1500 neuen Einwanderungszer-
tifikaten füt jüdische Arbeiter protestiert werden.
Hinsichtlich der Frage der Kooperation zwischen
Arabern und Juden geht die offizielle arabische Meinung
dahin, daß ein solches Zusammenwirken im Hinblick darauf,
daß die Zionisten entweder nach Erlangung der Ma-
jorität in Palästina trachten oder sich in Palästina auf jene
Stellung beschränken müssen, die die Juden in anderen
Ländern einnehmen, unmöglich erscheint. Die Auf-
rechterhaltung der Hoffnung auf Bildung einer jüdischen Ma-
jorität in Palästina kollidiere notwendigerweise
mit dem verständlichen Wunsche der Araber nach Erhaltung
der Vorherrschaft im Lande.