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JÜDISCHE RUNDSCHAU
Nr. 1,
5. t» 1932
Der Friedens ~ Jugendta#
in Ben~$d 1 emen
Von Dr. Ernst Simon, Haifa.
Infolge der großen Raamknappheit konnte der Bericht von Erntt
Simon über das Jugendtreffen in Ben-Schemen bisher nicht veröffent-
licht werden. Obwohl inzwischen das Ereignis bereits ein Vierteljahr
zurückliegt, glauben wir doch, daß der Bericht noch heute bei vielen
fiesem Interesse finden wird, da sowohl die Schilderung des äußeren
Verlaufes eines so eigenartigen palästinensischen Festes als auch die
Darstellung der geistigen Auseinandersetzung in gewissem Sinn vom Datum
unabhängig sind. IMder können wir den Beitrag, der nach den eigenen
Erklärungen des Verfassers — wenigstens teilweise — als subjektive
Betrachtung zu werten ist, nur mit starken Kürzungen tum Abdruck
bringen. Red.
Der Verlauf
Dr. Siegfried Lehmann, der Begründer und Letter
des Jugenddorfes Ben-Schemen, hatte seit langem den Plan
erwogen, den Kundgebungen europäischer Jugend, die sich
alljährlich zum ״ Weltfriedenstag“, dem 4, August, zu ver-
sammeln pflegen, eine gleichgerichtete Manifestation der jüdi-
scheu Jugend Palästinas zur Seite zu stellen. Nach langen Ver-
handlungen mit den Jugendorganisationen der Arbeiterschaft
und der linksbürgerlkhen Mitte gelang es schließlich, sich auf
ein gemeinsames’ Programm zu einigen. So fand die Tagung
schließlich am Sabbath — Simchat Torah — dem 3. und 4. Ok-
tober, in Bcn-Schemen statt.
Viele Hunderte von jungen Menschen bevölkerten die
Landstraße nach Bai-Schemen in Automobilen und Wagen,
zu Rad und zu Fuß. Es sind über 1500 Gäste in Ben-Schemen
zusammengetroffen, so daß, mit den Bewohnern des Jugend-
dorfes selber und der benachbarten Kolonie, insgesamt etwa
2000 Festteilnehmer vorhanden waren. Es ist mehr als ein
Zeichen äußerer Ordnung und Disziplin, es ist ein Beweis
innerer Gesittung, daß die Verteilung, Unterbringung und
Verpflegung solcher Massen in hervorragender Weise und ohne
jede sientbare Schwierigkeit gelang; es ist aber vor allem ein
Beweis der bewunderungswürdigen Organisationsfähigkeit Ben-
Schemens und seiner Leitung.
Die Feier begann am Freitagabend mit einer gemeinsamen
Mahlzeit auf dem großen Platz vor dem Hauptgebäude des
Jugenddorfes. Der Platz war schön ausgeschmückt; Gir-
fanden, viele Lichter, eine Ausstellung der Ernteerzeugnisse
zum ״ Feste des Einsammelns“, dazu die beinahe unendlichen
Reihen weißgedeckter Tische boten in der herrlich linden
palästinensischen Nacht ein beinahe zauberhaftes Bild. Nach-
dem alles Platz genommen, ertönte Musik; zwei Lehrer der
Anstalt spielten mehrere Stücke von Bach, die in andächtigem
Schweigen aufgenonunen wurden. Dann begrüßte ein anderer
Lehrer und las einige Verse aus dem Buche Nechcmia vor,
in denen sowohl von der Rückkehr Israels nach Palästina wie
vom Hüttenfeste die Rede ist In seinen einleitenden Worten
betonte er die Notwendigkeit unsere neue Kultur auf den
Grundlagen der alten aufzubauen.
Nach dem Essen hielt Salman Rubaschow das erste
der vorgesehenen Referate ״ Der Sozialismus und die Friedens-
bewegung“. Hierauf begab sich die ganze Versammlung zur
Freilichtbühne, um dort bemerkenswert gut gespielte Szenen
aus Remarques ״ Im Westen nichts Neues“ und verschie-
denen Stücken Ernst Tollers zu hören, die geschickt zu
einem einheitlichen Ganzen verbunden waren. Der Gedanke
des Völkerfriedens und der über ihm hin ausreichende der Oe-
waltlosigkeit auch in den Klassenkämpfen wurde in diesen
Szenen zum Ausdruck gebracht, wob« vielleicht die paii-
fierende Wirkung der Darstellung von Kriegsgreueln und
Kriegsgefahren einem fugendpsycbologischen Zweifel unter•
legen kann.
Die Nacht, von den meisten Teilnehmern in ihren Zetten
und Lagern wohl nicht allzu ruhig verbracht, war kaum vor-
über, als der neue Tag schon wieder mit neuen Darbietungen
ein setzte. Um 7 Uhr Wettschwimmen in Ben-Schemens
eigenem Bassin. soSter spef*teir? Wettkämpfe und em regd-
rechtes ״ Fitlliikv ..-......jiw .... ׳-־ ׳; •■״־ ,־־ »-»- J ׳ ■'
Besucher, von denen andere wieder sich zu theoretischen Be-
sprechungen im Rahmen ihrer Verbände versammelten. Um
9 Uhr nahmen dann die Hauptverhandlungen ihren Fortgang,
die durch zwei Referate eingeleitet wurden: Michael Assaf
behandelte das Thema ״ Der Zionismus und die Friedensbewe-
gung“; dann hielt ich mein Referat über ״ Die Friedensidee im
Judentum“. Eine lebhafte Diskussion, an der sich Vertreter
der meisten Jugendorganisationen sowie eingeladene Einzel-
Personen, unter ihnen Nathan Chofschi, Moses Calvary
und Abraham Schwadron beteiligten, wurde von einem
Jugendlichen ausgezeichnet geleitet und in einer Disziplin ge-
führt, die den politischen Auseinandersetzungen der Parteien
mir zu wünschen wäre.
Um die Mittagszeit trafen zahlreiche arabische Gäste
aus der Umgebung in Ben-Schemen ein — es mögen 150 bis
200 gewesen sein — Scheichs, Lehrer, Beamte, aber auch ein-
fache Fellachen. Alle wurden auf das freundlichste auf-
genommen und bewirtet. Außerdem wurde die Mittagspause
zur Besichtigung einer recht umfangreichen ״ Anti-Kriegs-Aus-
Stellung“ benutzt, die in Statistiken und Diagrammen sowie in
Photographien die Schrecken des Krieges zeigt. Vielleicht
noch wirksamer mag der positive Teil der Ausstellung ge-
wesen sein, der in einem nicht sofort, aber dann um so tiefer
einleuchtenden Zusammenhang mit dem Hauptthema wunder-
volle Bilder des menschlichen Antlitzes, dieses ewig unzerstör-
baren Heiligtums, geben ließ.
Gegen 3 Uhr nachmittags versammelte sich die Fest-
gemeinde, die nun allmählich wirklich immer mehr zur Oe-
meinde zusammenwuchs, wieder auf dem großen Platze, und
nun folgte wohl der schönste Teil des Ganzen. Es wurden
Tänze gezeigt, Tänze von allen Völkern der Welt, in den
ihnen eigenartigen Kostümen und Ausdrucksbewegungen. Der
einleitende Sprecher hob den Gedanken hervor, daß in der Be-
wegung des Körpers, die bei jedem Volke national gestaltet ist,
doch ein Mittel übernational«• Verständigung gegeben sei, einer
Verständigung, die nicht erst der Erlernung fremder Sprachen
bedarf. Dann folgten die Tänze, von Frau Gert Kaufmann
mit vollendetem Üeberblick einstudiert und von den zahlreichen
jugendlichen Mitwirkenden mit voller Hingabe und großem
Temperament aufgeführt. Sie begannen mit Darbietungen der
״ Stämme Israels“: eine künstlerisch getanzte Horra, ein Jeme-
nitentanz, ein bucharischer Bräutigam mit seiner Braut Daum
erschienen fünf junge arabische Fellachen, von der Jugend
gleich mit Beifall begrüßt, um ihnen zu zeigen, daß man ihre
aktive Mitwirkung an diesem Feste des jüdischen Palästinas
zu würdigen weiß. Auch sie zeigten die ganze edle Elastizität
einer alten Kulturrasse. Zum Westen übergehend kamen eigen-
artige Tänze fast aller europäischer Kultornationen zu ihrem
Recht, bis man sich zum Schluß über die Randstaaten, Polen,
Rußland und Kaukasien wieder Palästina näherte und durch
eine zweite Horra, in anderem Stil, das Ende mit dem Anfang
verknüpfte. Noch stundenlang später wurden die Tänze ״ prf-
vatim“ fortgesetzt, wobei vielfach arabische und jüdische
Jugend gemeinsame Gruppen bildeten.
Als die Nacht herniedersank, versammelte man sich noch
einmal, um dem Sprechchor des Tel-Awiwer ״ Hapoel“ zu
lauschen. Zum Schluß sprach Moses Calvary in wenigen,
würdigen Worten die Quintessenz des Festes und auch den
von allen Teilnehmern sehr aufrichtig empfundenen Dank für
Ben-Schemen und Dr. Lehmann aus, worauf die Propheten-
«orte aus Jesaia und Micha erklangen, die von jener Zcü
künden, in der die Schwerter zu Sicheln umgeschmiedet werden.
Dann tragen die Autos die Gäste wieder an die Stätten ihrer
täglichen Arbeit.
Der geitilge Erfrag
Abgesehen von dem stimmungsmäßigen Anstoß, den der
Tag wohl zweifellos allen Teilnehmern gebracht hat, muß
nun auch von dem eigentlichen Inhalt der gehörten Referate
und Diskussionsreden gesprochen werden. Es sei zunächst
der Versuch gemacht, deren Hauptgedanken unter Zurück-
Stellung der Kritik möglichst objektiv wiederzugeben.
Rubaschow führte uns zurück ins Jahr 1912, zu jener
Friedenstagung der sozialistischen Internationale im Baseler
Münster, die damals, kaum zwei Jahre vor Ausbruch des
Weltkrieges, über Mittel und Wege beriet, um das Völker-
morden zu verhindern, und in ein grandioses Treue- und
Solidaritäts-Gelöbnis des geeinigten und zum Widerstand gegen
jeden imperialistischen Krieg entschlossenen Proletariats aus-
klang. Wie war es angesichts solcher Vorbereitungen möglich,
daß die Internationale trotzdem kaum einen ernsthaften Ver-
such gemacht hat, die Ereignisse vom Juli und August 1914
wirksam im Sinne ihrer Beschlüsse zu beeinflussen ? Es lag
an der allzu illusionären Orientierung der damaligen Sozial-
demokratie zum Gegenwartsstaate. Die bittere Lehre aus
diesem Versagen muß der unbeugsame Entschluß sein, schon
jetzt, noch vor dem vollendeten Umbau der heutigen Gesell-
Schaftsordnung, auf ihre Leitung in dem Sinne Einfluß zu
nehmen, daß sowohl Kriege zwischen Staaten wie die sie erst
ermöglichende zwangsweise Wehrpflicht abgeschafft werden.
Der ausgeprägte Internationalismus der jüdischen Sozialisten
und Revolutionäre der Neuzeit, von Heinrich Heine bis
Trotzki, hatte in den Augen der anderen etwas Unglaub-
würdiges, weil er als ein ״ideologischer Ueberbau“ der Zer-
Streuung Israels erschien. Erst die Sammlung des jüdischen
Volkes im Lande wird den echten jüdischen Internationalismus
ermöglichen.
Assaf charakterisierte zunächst den bürgerlichen ״uto-
pischen“ Pazifismus, der an einen rein politischen Frieden
ohne Umbildung der Gesellschaft durch die Herrschaft der Ar-
beitcrklasse glaubt; ein solcher Frieden könne nicht von
Dauer sein. Auf der anderen Seite sei das internationale Pro-
letariat mit seinen Interessen auf die Erhaltung des Welt-
friedens angewiesen. Für den Zionismus bedeutet dies, daß nur
seine organisierte Arbeiterbewegung die Trägerin wirksamer
Friedenstendenzen sein könne, und weiterhin, daß er eine
doppelte Front zu halten habe: einmal gegen die ungerecht-
fertigten Ansprüche des arabischen Imperialismus, der die
legitimsten Lebensnotwendigkeiten des jüdischen Volkes ver-
neintj und - zweitens gegen die chauvinistischen Strömungen
im eigenen Lager. Selbst wenn aber die heutige Leitung der
arabischen Nationalbewegung imperialistisch ist und also eine
momentane Verständigung erschwert oder gar unmöglich
macht, muß unsere prinzipielle Friedensbereitschaft bestehen
bleiben, um im geeigneten Augenblick aktuell werden zu
können.
Ich selbst begann mit der Frage, ob eine jüdische Ver-
Sammlung, ״in der die Thora am Tag ihrer Freude nicht einmal
ein halbes Minjan fand“, überhaupt für das Thema ״Die
Friedensidee 1 m Judentum“ Interesse haben könne, da ihr
zweifellos ״Sozialismus“ und ״Zionismus“ viel lebenswich-
tigere Fragen sind als gerade ״Judentum“. Die Frage winde
bejaht unter Hinweis darauf, daß diese Jugend sich für Pa-
listina statt für die Krim, für Hebräisch statt für Jiddisch ent-
schieden hat und somit zwei große Komplexe der Tradition
m ihr Leben auf nimmt In einem schnellen Üeberblick über
Thora, Propheten, haggadisches und halachisches Schrifttum
(Maimonides) sowie teuere R cligtons phfla sophk, (He rma
Stellungnahme des Judentums gegen den Krieg wahrheits-
gemäß licht die Rede sein könne. Wenn demnach das
Judentum kein einheitlich dogmatisches System, sondern ein
lebendiger Prozeß ist, so obliegt es jeder Generation, und
vielleicht besonders unserer heutigen in Palästina, diesen
Prozeß mit zu entscheiden. Das kann in positivem Sinne nur
in einer Gesinnung geschehen, die den Kampf gegen den jüdi-
sehen Chauvinismus für wichtiger hält als den gegen den
arabischen und die insbesondere die konkrete Frage klärt,
welchen Preis man für den Frieden anzulegen gesonnen ist.
Ke Diskussion brachte nur verhältnismäßig wenig
Zustimmung zu den Gedanken der Referate und besonders viel
Kritik am Inhalt des letzten. Zum Teil wurde erklärt, daß
überhaupt die Wahl dieses Themas für die erste Tagung jüdi-
scher Jugend in Palästina verfehlt gewesen sei: man hätte
vielmehr den Aufbau des Landes in den Mittelpunkt stellen
und in sein m Rahmen dann auch die Friedensfrage behan-
dein sollen. Den größten Eindruck aut die Versammlung
machten wohl zwei in sich sehr verschiedenartige Reden, nicht
allein wegen ihres Inhalts, sondern auch wegen der sie tragen-
den Persönlichkeiten: die Ansprachen Nathan Chofscnis
und Moses C a 1 v a r y s. Chofschi, Bauer in Nahalal, ein
Mann der zweiten Aliiah, radikaler Vegetarianer und ״Natura-
list", der sogar die Bestellung seines Ackers mit Kühen und
Pferden verschmäht, richtete einen stillen, ganz unpathetischen,
aber mindestens für den Augenblick sehr wirksamen Appell
an die Versammlung, jeder Gewaltanwendung abzusagen und,
im Sinne der ״Internationale der Kriegsdienstgegner“, sich an
keinem Kriege, auch an dem gerechtest scheinenden, zu be-
teiligen. Calvary, der Pestalozzityp unter den palästinensi-
sehen Lehrern, ging, im Gegensatz zu Chofschi, von der Bös-
heit der Natur, auch der Natur des Menschen, aus. Gerade
sie, gerade der in der Natur Vorgefundene Daseinskampf und
die uim im Menschen entsprechenden Mordtriebe aller Art,
machen die Tragik unseres Kampfes für den Frieden aus, aber
sie begründen auch seine Notwendigkeit. Der Wirklichkeit
gegenüber haben wir eine doppelte Aufgabe: wir dürfen
uns ihr nicht entziehen und wir dürfen uns mit ihr nicht zu-
frieden geben, sondern wir müssen sie aus ihrer vollen
Kenntnis her zu verändern suchen.
In den Schlußworten der Referenten — Assaf verzieh-
tete — erläuterte ich in sehr begrenzter Redezeit nur meinen
f Taktischen Vorschlag zur Schäftung einer Organisation von
ugendführern, während Rubaschow noch einmal in län-
f erer Rede seine Grundgedanken zusammenfassen konnte.
r prägte sie in vier ״Miscbnajoth“: Jeder Nationalismus, der
nicht international ist; jeder Parifismus, der nicht sozialistisch
ist; jeder Zionismus, der die Rechte der Araber verkürzen
will, und jeder Pazifismus in Palästina, der auf die volle Ver-
wirklichung des Zionismus verrichtet, sind ״passul“, illegitim,
ln positiver Wendung stellte Rubaschow zum Schluß den unge-
brochenen Glauben an die einstmalige Sammlung der Diaspora“
gewissermaßen visionär dar und erwartete für diesen Augen-
blick auch eine nachträgliche historische Rechtfertigung der
— insbesondere von mir — abgelehnten ״pseudomessianischen“
Bewegungen vor und im Zionismus. Keses einzige Mai
folgte — sonst in Palästinas Jugendkreisen nicht üblicher —
spontaner Beifall den Worten des Redners.
Kritik und Ausblick
Ke folgenden, naturgemäß ganz subjektiven Schlußaus-
führungen sollen die Frage behandeln: was hat diese Tagung
erreicht?
Ke Gefahr derartiger Zusammenkünfte mit einer demon-
strativen Losung besteht darin, daß eine Jugend, die in Wahr*
heit gar nicht zum Frieden oder nicht zur Bezahlung seines
konkreten Präses entschlossen ist, rieh bereits für ״pari¬
fistisch“ hält, weil sie an einer Kundgebung teilgenommen
hat. Kese Gefahr ist meines Erachtens in Ben-Schemen nli c h t
eingetreten. Das liegt zum Teil an der hier erstmalig ge-
schaffenen Möglichkeit, daß Vertreter radikaler und fkanse-
quenter Anschauungen persönlich zu einem ganz großen Jugend-
kreise, ja man darf sagen: zum repräsentativsten Teijle der
arbeitenden Jugend Palästinas, sprechen durften, und in Ruhe
und Würde, wenn auch unter starkem Widerspruch in der
Kskussion, angehört wurden. Ke Vertreter der Jugend selbst
aber haben das Hauptverdienst daran, daß jene Schlagwort-
Beruhigung nicht eintrat. Gerade ihr Widerspruch, gerade
die ehrliche Vorsicht, mit der man sich vor dem Namen Pazi-
fismus scheute, ergab zwar eine in der Tat keineswegs pazi-
fistische Gesinnung, ließ aber, der Ausgesprochenheit dieser
Kfferenz wegen, die Möglichkeit ernsteren geistigen Ringens
durchaus offen. Keser Judentyp, der schon durch seine Ver-
knüpfung mit der Arbeit und das von ihm gelöste Berufs-
Problem viel sachlicher und unschwärmerischer, aber freilich
auch viel früher parteigebunden und viel dogmengläubiger
ist als etwa die frühere deutsche Jugendbewegung, an die
er in manchem Aeußerlichen erinnert, dieser Jugendtyp kann
gerade, weil er so ganz der Wirklichkeit zugewandt ist, sie
auch einmal sehen lernen, wenn sie ihm auch jetzt noch durch
so offen pseudomessianische Illusionen wie die der letzten
Worte Rubaschows verschleiert ist. Seine innere Kraft könnte
versprechen, daß er auch dann seinen verhaltenen Schwung
und sein inneres Feuer nicht verlieren wird, wenn ihm klar
f "
.
Auf der Heimreise, am Sonntagmorgen mit dem Milch-
auto zur Bahn, fragte ich eine junge Mutter nach dem Namen
des kleinen Sohnes, den sie aut dem Arm trug: ״Jechiam“ —
das Volk wird leben, war die Antwort. Früher hat man unsere
Kinder ״Jechiel“ genannt: Gott wird leben, es lebe Gott!, und
in dieser Gewißheit war als selbstverständlich auch jene erste
E *
.
liehen Einzelerscheinungen und ebenso in dieser Namens-
gebung zeigte und die an und für sich unwiderruflich scheint,
möge sie nicht die Fähigkeit vernichten, im aktuellen ״Das
Volk wird leben“ jenes ewige ״Gott wird leben“ mitzu-
denken. Das würde auch für die Frage des jüdischen Parifis-
mus und des palästinensischen Friedens nicht die schlechteste
Sicherung sein. _
Hinrichtung eines jüdisch-persischen Führers
Aus Teheran kommt die kaum zu bezweifelnde Nachricht,
daß dort der ehemalige jüdische Vertreter im Parlament Per-
siens (auf Grund der persischen Verfassung wählen die 60 000
persischen Juden in einer besonderen Kurie einen Parlaments-
Vertreter), Schmuei Jecheskel Chaim, hingerichtet wurde. Er
war wegen einer angeblichen Verschwörung gegen das Leben
des Schah zum Tode verurteilt worden. Im Mal 1926 wurde
Chaim verhaftet, kurz darauf aus der Haft entlassen, dann im
Oktober 1926 neuerdings verhaftet und ungeachtet der von der
ZionistischenExekutivein London zu seinen Gunsten
unternommenen Interventionen bis zu sein« Hinrichtung in
Haft gehalten worden. Chaim war im Mai . 'י auf Vorschlag
der Zionisten Teherans zum Vertreter der E ative in Ange-
legenheit der Auswanderung persischer Jude« nach Palästina
bestellt worden. Im Verlaufe der Bemühungen, Chaim frei-
zubekommen, stellte sich heraus, daß der wirkliche Grund
seiner Verhaftung die Absendung eines Briefes an den
Völkerbund gewesen ist, in welchem sich Chaim Über d|e
icMepbte Betowpaa der,•Men. I*t ..Perei«
»ufge11!«Ät wSt®*
Völkerbund in einem zweiten Schreib« mitzuteilen, daß die
persische Regierung nunmehr alles veranlaßt habe, um die jü-
dischen Beschwerden gegenstandslos zu machen. Chaim we|-
gerte sich, eine derartige Erklärung abzuschicken, es sei denn,
man würde vorher die an der Verfolgung der Juden schuldigen
Polizeifunktionäre maßregeln. Daraufhin wurde Chaim ver :
haftet und wegen ״Verschwörung gegen den Schah“ zum Tode
verurteilt.
Leider fehlen bisher authentische Darlegungen
der persischen Behörden. Bevor diese nicht vor-
liegen, muß man die über diesen Fall verbreiteten Meldungen
als wahr unterstellen. Die persische Regierung sollte sich be-
müßigt fühlen, über diese Sache, die im ganzen jüdischen Volk
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land, infolge der‘Forderung, ihr unbequeme persische Jour-
nalisten auszuweisen, Schaden gelitten. Wir behalten uns vor,
nach Feststellung des genauen Tatbestandes auf diese Ange-
legenheit zurückzukommen.
Nicht sparen bei der Polizei!
Mahatma des palästinensischen Polizeikommandanfen
In einem interessanten Vortrag in Jerusalem wandte
sich der gegenwärtige Polizeikommandant Palästinas, Mr.
Spicer, gegen die Vorschläge der O’Donnel-Kommission,
die bekanntlich aus Sparsamkeitsgründen eine starke Verkleine-
rung der Polizei verlange. U. a. wies der Redner darauf hin,
daß die Auflösung der Palästina-Gendarmerie im Jahre 1926
und der britisch« Gendarmerie 1928 sowie die Verkleinerung
der Zahl der britischen Polizist« eine der Hauptur-
Sachen der Unruhen von 1929 gewesen sind. Unter
den gegenwärtigen Umstand«, bei der klein« Zahl der pa-
lästinensischen Polizisten müsse jedermann 14 Stunden und
noch mehr arbeit«. In Palästina sei das Verhältnis von
Polizei zur Bevölkerung 1:467, in Senegal 1:279, in anderen
Orten 1:335, obwohl die palästinensische Kriminalität viel
größer ist als beispielsweise die von Kenya. Der Redner er-
Bärte daher, daß er entschieden gegen die weiteren Spar-
Vorschläge auf dem Gebiete des Pohzeiwesens sei.
Bei den bisher bereits durchgeführt« Abbaumaßnahmen
im palästinensisch« Polizeiwes« ist auch ein großer Teil 4er
Polizei-Musikkapelle aufgelöst worden. Entlassen
wurde u. a. auch der Leiter der Musikkapelle, Mr. S i 1 v e r,
einer der wenig« jüdischen Polizeioffiziere im Lande.
Auch unter d« ander« entlassen« Polizeimusikanten ist
der Großteil jüdisch.
Aktion tflr das hebräische Bach
Anläßlich der Anwesenheit von Bialik in Deutschland.
Der Aufenthalt Bialiks in Deutschland soll zu einer Aktion,
die der Verbreitung der hebräischen Literatur dient, ausge-
nutzt werden. Die beiden Verlage ״Dwir“ und ״Stybel“ haben
sich zu einer gemeinsamen Propaganda vereinigt und schreiben
Bücher-Subskriptionen gegen feste Jahres-Abonnements aus.
Der Jahres-Abonnemenfspreis beträgt a) 42,— M., b) 105,— M.,
c) 210,— M. und mehr. Alle Kenner, Freunde und Lem«de
der hebräischen Sprache werden aufgefordert, sich durch eigene
Subskription und durch die Aufbringung von Abonnements
an der Aktion zu beteiligen. Meldung« und Bestellungen
können ergehen an: Brit Iwrit Olamit, Berlin W 15, Kurfürsten-
dämm 61, sowie an: Zionistische Vereinigung für Deutschland,
Berlin W. 15* Meinekestr, JO.