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Nr. 63, 9. VIII. 1932
JÜDISCHE RUNDSCHAU
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Die Tagung des Aktions-Comii^s
London, 4. August. (J. T. A.) Das Zionistische Aktbns-
Comite befaßte sieh in seiner Sitzung vom 4. August mit einer
Reihe organisatorischer Vorschläge. Die Debatte wurde vom
Leiter der Organisationsabteilung der Zionistischen Exekutive,
Ben Locker, mit einer längeren Rede eingeleitet, in der sich
Locker vor allem mit dem Antrag der Revisionisten,
als Sonderverband innerhalb der Zionistischen Welt-
Organisation anerkannt zu werden, und mit den Maßnahmen
für eine Stärkung der Jewish Agency befaßte. Hinsicht-
lieh des Verlangens der Revisionisten war die Meinung der
Mitglieder des A.-C. geteilt. Während die einen für die An-
nähme der revisionistischen Forderung eintraten, gleichzeitig
aber bedauerten, daß die Revisionisten eigene politische Aktio-
nen durchführen, verlangten die anderen die Ablehnung des
revisionistischen Vorschlags. Mit der Frage der erweiterten
Jewish Agency befaßten sich Dr. Nahum Ooldmann und Josef
Sprinzak. Sie bemängelten insbesondere, daß das Fifty-Fifty-
Prinzip wohl in der Zusammensetzung der Exekutive zum Aus-
druck komme, daß aber die nichtzionistischen Mitglieder der
Jewish Agency der Oesamtbewegung keineswegs 50 0/0 neues
Blut zugeführt haben, sondern eine kleine Gruppe geblieben
seien. Im Verlauf der Debatte wurde auch auf die Gefahr hin-
gewiesen, daß die zionistische Jugend, insbesondere
die Jugend der Allgemeinen Zionisten und des Haschomer
Hazair, die darüber enttäuscht ist, daß sich ihre Ideale bisher
innerhalb der zionistischen Bewegung nicht weit genug verwirk-
liehen ließen, der kommunistischen Propaganda erliegen könnte.
Es wurde über Wege und Mittel beraten, wie der Wirkung
dieser Propaganda auf die zionistische Jugend entgegengear-
beitet werden könnte.
ln seinem am 3. August vor dem Aktions-Comite erstatteten
Bericht über den Keren Hajessod
wies Dr. Arthur Hantke darauf hin, daß die Eingänge des
Fonds zwar unbefriedigend, aber noch immer beträchtlich höher
seien, als die Ergebnisse anderer jüdischer Sammlungen. Dieses
relativ gute Resultat sei insbesondere der Mitwirkung von
Männern wie Präsident Sokolow und Dr. Weizmann an der
Keren Hajessod-Kampagne zu danken. Der Keren Hajessod
erwartete für das Jahr 5692 (Oktober 1931 bis September 1932)
einen Nettoertrag von 250 000 Pfund. Es scheint, daß die tat-
sächlichen Eingänge bis zum Jahresende bloß 210 000 Pfund
betragen werden. Dieser Minderertrag ist hauptsächlich darauf
zurückzuführen, daß wir aus Amerika nicht, wie ursprünglich
angenommen, 100 000, sondern bloß 70 000 bis 75 000 Pfund
bekommen werden. Schon auf dem letzten Kongreß machte
uns die amerikanische Delegation darauf aufmerksam, daß sie
selbst bloß mit einem Ertrag von ungefähr 80 000 Pfund rechne.
Die Eingänge aus den übrigen Ländern sind etwa um 10 Prozent
unter der festgesetzten Quote geblieben.
Was die Aussichten für das nächste Jahr an-
betrifft, fuhr Dr. Hantke fort, so möchte ich mit äußerster
Vorsicht erklären, daß wir hoffen, im nächsten Jahre die
gleiche Gesamtsumme zu erzielen, wie in diesem.
Meiner Meinung nach ist der Keren Hajessod nicht in erster
Reihe von der Wirtschaftskrise abhängig. Es gibt in der zio-
liistischen Bewegung eine moralische Kraft, die die Auswirkung
der wirtschaftlichen Verhältnisse abschwächen kann. Hätte uns
die Lage der Zionistischen Organisation und die Organisation
der Jewish Agency andere Vorbedingungen für unsere Arbeit
geooten, so wäre diese besser vonstatten gegangen. Dr. Hantke
gab der Meinung Ausdruck, daß der Rückgang der Ein-
gänge aus Amerika bereits zu einem Tiefpunkt geführt
habe, so daß man hoffen könne, daß die künftigen Resultate
• besser sein würden: ln dtesem ־ Znsattnnenhatng erwähnte Dr;
Hantke, daß die Convention der Zionistischen Organisation
Amerikas Dr. Wei zmann eingeladen habe, im nächsten
Winter nach Amerika zu kommen. Wir hoffen, erklärte Dr.
Hantke, daß Dr. Weizmann diese Einladung annehmen wird.
Das GefühlfürPalästina, führte Dr .Hantke weiter
aus, hat sich unter den jüdischen Massen zwar in außerordent-
lichem Maße verbreitet, doch sind wir nicht genügend vor-
bereitet, unsere Kräfte auf Palästina zu konzentrieren, um so
diesem Gefühl Rechnung zu tragen und es in Aktivität umsetzen
zu lassen. Wir übertreiben in! Gegenteil die unter uns bestehen-
den Differenzen und bieten keine geschlossene Front, obwohl
der Feind vor unseren Toren, die Assimilation, jetzt der Kom-
munismus, heute stärker ist als in unseren jungen Jahren.
Es wurde hier über Privatinitiative gesprochen, fuhr
Dr. Hantke fort; ich möchte nachdrücklichst betonen, daß der
Keren Hajessod an der Entwicklung der Privatinitiative ein
besonderes Interesse hat. Eine stärkere Einwande-
rungsbewegung von Mittelstandselementen nach Palästina hält
das Interesse für Palästina, eine der wichtigsten Grundlagen für
die Arbeit unserer zentralen Fonds, wach.
Andererseits haben wir die Konkurrenz seitens
der kleinen Sammlungen für Palästina zu beklagen.
Diese Konkurrenz besteht nicht so sehr in dem Entgang der
kleinen Beträge, die diese Fonds erhalten, sondern darin, daß
viele Sammelkräfte der Arbeit für die zentralen Fonds entzogen
werden. Wir glauben, daß Palästina ein größeres Interesse
daran hat, daß die Arbeit dieser Kräfte für den Keren Hajessod
und den Jüdischen Nationalfonds zur Verfügung stehe, als daß
sie durch andere Fonds gebunden sei, die, wie hoch immer auch
ihre Bedeutung sein möge, keine großen Summen erhalten
können. Das Ergebnis der Sammlungen in diesem Krisenjahr,
erklärte Dr. Hantke zum Schluß, hat unsere Zuversicht ge-
stärkt. Wenn wir die Beträge in Gold umrechnen, so hatten wir
einen Rückgang von 45 0 ״ , was annähernd der Aenderung des
Geldwerts entspricht. Die Vergrößerung der wirtschaftlichen
Kapazität in Palästina schafft nun neue Möglichkeiten, linan-
ziclle Hilfsquellen für Palästina zu erschließen. Die Direktoren
des Keren Hajessod besitzen genug Optimismus, um zu glauben,
daß es noch schlummernde Kräfte im jüdischen Volke gibt.
Wenn die Zionistische Organisation fähig sein wird, Vorbedin-
gungen für gute Arbeit dadurch zu schaffen, daß aktive Zio-
nisten für die unmittelbare Palästina-Arbeit zur Verfügung ge-
stellt werden und daß die Jewish Agency zu einem wirksamen
Instrument für die Finanzierung des Palästina-Aufbauwerks ge-
macht wird, dann ist unsere optimistische Haltung berechtigt.
In der siebenten Sitzung des Aktions-Comites erstattete
Dr. Maurice B. Hext er den
Bericht des Landwirtschafts- und Kolonisation!-
Departements.
Er wies auf die bedeutenden Schwierigkeiten hin, mit denen
diese Abteilung infolge der Unmöglichkeit der Aufbringung der
im Budget vorgesehenen Mittel zu kämpfen hatte. Infolgedessen
konnte kein wesentlicher Fortschritt in der Konsolidierung der
Kolonien erzielt werden. Seit 1926 haben mehrere Kolonien
einen Betrag von ungefähr 200000 Pfund in Form von Sub-
ventionen erhalten. Es war notwendig ,die Rückzahlung der den
Kolonien zur Verfügung gestellten Mittel dadurch zu sichern,
daß an Stelle von Subventionen Anleihen gegeben werden. Dr.
Hexter berichtete über den Fortschritt der Kolonien Kfar Gun,
Ramath David und Nahalal. Aus der Tschechoslowakei war
der Vorschlag gekommen, eine Anleihe für die Schaffung einer
neuen Kolonie aufzunehmen, die Exekutive hat jedoch diesen
Vorschlag aus prinzipiellen Gründen abgelehnt. Was die Mit-
telstandskolonisation betrifft, so wurde in Palästina
ein eigenes Komitee eingesetzt, um die Organisation dieser
Siedlung zu unterstützen. Da jedoch die Exekutive die Verant-
wortung für die Sicdlungsarheit trägt, mußte sie darauf he-
stehen, den entsprechenden Einfluß aiiszuüben, und so wurde
das Komitee wegen Meinungsverschiedenheiten mit der Exe-
kutive wieder aufgelöst. Dr. Hexter befaßte sich sodann
mit der wichtigen Frage der Verwertung und Kontrolle der
Wasserbestände unter besonderer Bezugnahme auf die
Chaluz-Siedlungen und Wadi Hawarith. Schließlich wies er
darauf hin, daß es wünschenswert wäre, eine Zentralstelle für
die Begebung von landwirtschaftlichen Krediten zu schaffen.
Zwei Tage Verhandlungspanse
Lon d on , 5. August. (J. T. A.) Am 5. August wurde keine
Plenarsitzung des Aktions-Comites abgehalten, um den Kom-
missionen Gelegenheit zu geben, die dem Plenum vorzulegenden
Resolutionen auszuarbeiten. Das Präsidium des Aktions-
Comitcs hat beschlossen, die Tagung Dienstag, den 9., oder
Mittwoch, den 10. August, zu schließen. Während der beiden
Tage, an denen die Beratungen des Administrative
Committee der Agency stattfinden, wird das Aktions-
Comite eine Verhandlungspause eintreten lassen.
Unter dem Vorsitz von Direktor Oscar Wassermann
(Berlin) wurde am Sonntag, dem 7. August, die Sitzung des
Administrative Committee der Jewish Agency er-
öffnet.
Die Kolonfsatfonidebatte
Auf Grund der offiziellen Communiques ist über den Ver-
lauf der Beratungen des A.-C. folgendes nachzutragen:
In der achten Sitzung des Aktions-Comites ergriff Dr.
Ruppin das Wort, um das Kolonisationsreferat Dr, Hexters
in einigen Punkten zu ergänzen. Dr. Ruppin wies auf die kriif-
tige Entwicklung der Emeksiedlungen hin und besprach ins-
besondere die Neueinführung des Grape Fruit- und Kartoffel-
baus. Man habe, erklärte Dr. Ruppin, in manchen Kreisen die
Bedeutung des Emek für die jüdische Kolonisation herabsetzen
wollen. Diese Haltung sei tief zu bedauern; der Emek bleibe
eine Quelle des Stolzes für den Jischuw. Dr. Ruppin
zog einen Vergleich zwischen dem Prozentsatz dubios ge war-
dener Forderungen aus Verträgen mit Siedlern in Palästina und
in anderen Ländern und zeigte, daß dieser Prozentsatz in Pa-
lästina niedriger sei, als in irgendeinem anderen Lande. Er
begrüßte auch die Tatsache, daß die Opposition gegen die
Siedlungsform der Kwuzoth in letzter Zeit geringer ge-
worden ist.
Dr. Soskin führte aus, der Fortschritt der jüdischen Ko-
Ionisation in Palästina sei verhältnismäßig klein. Die Vor-
schlage Dr. Ruppins könnten die Kolonisation der Erreichung
ihres Zieles nicht näherbringen. Es gebe nur eine einzige Lö-
sung, und zwar die Kolonisation von Staats wegen. Be-
dauerlichcrweise habe die Exekutive keinerlei Bemühung nach
dieser Richtung hin gemacht. Die Revisionisten besäßen einen
ausgearbeiteten Plan und ein konkretes Programm für kon-
struktive Wirtschaftspolitik, doch werde diesen Plänen keine
Aufmerksamkeit geschenkt. Der Redner begrüßte es, daß man
nunmehr auf städtische Kolonisation Nachdruck lege.
In der Debatte über Kolonisationsfragen ergriffen die
A.-C.-Mitglieder Goldbloom, Schkolnik, Schapiro, Stricker und
Ada Fishmann das Wort. Schapiro (Misrachi) verlangte, daß
eine Aenderung in der Haltung gegenüber den religiösen
Chaluzim Platz greife und protestierte gegen die Einstellung
der Unterstützung für die Misrachi-Kolonien. Von Einsparungen
seien immer in erster Reihe die Institutionen des religiösen Teils
des Jischuw betroffen. Auch gegen die Art der Verteilung der
Einwanderungszertifikate erhob der Redner Einspruch.
84*4 ck er verlangte -die -Einsetzung eines- •Budgetpostens für
die Mittelstandskolonisation. Ada Fisch mann führte Klage
wegen Zurücksetzung der Frauen auf gewissen Arbeitsgebieten.
Im Hinblick darauf, daß die Frauenbewegung im Zionismus und
im Jischuw eine bedeutende Kraft darstelle, dürfe nirgendwo
eine Zurücksetzung der Frauen stattfinden.
Der French-Bericht abgelehnt
Den Vorschlägen der mit der Behandlung des French-Be-
richtes betrauten Subkommission entsprechend, hat das Aktions-
Comitfi in einer am 7. August abgehaltenen Plenarsitzung be-
schlossen, den French-Bericht abzulehnen, da er
den Bestimmungen des Palästina-Mandates und dem Inhalt des
MacDonald-Briefes widerspreche. Der Exekutive erteilte das
Aktions-Comite den Auftrag, als Antwort auf den French-Be-
rieht der Regierung Einwände gegen dessen Einzelheiten Im
Sinne einer Ablehnung des Gesamtberichtes zu unterbreiten.
Eine matte Sliznng
Der Londoner ״Jewish C 11 r o n i c 1 e“ beschreibt die
in der A.-C.-Sitzung herrschende Stimmung folgendermaßen:
Sitzungen des A.-C. sind immer vertraulich, aber niemals
zuvor hat diese Körperschaft hinter so fest verschlossenen
Türen getagt wie diesmal. Was ist der Grund für diesen
dichten Schleier des Geheimnisses? Denn die Exekutive ist
so besorgt um die Vermeidung eines Durchsickerns von In-
formationen, daß sie die Mitglieder einen Revers * unter-
schreiben ließ, daß sie keine Silbe über die Verhandlungen
veröffentlichen werden. (Hier irrt der ״Jew. dir.“: das
Unterschreiben dieses Reverses ist seit Jahren hei allen
A.-C.-Sitzungen üblich, um die häufigen Indiskretionen seitens
derjenigen A.-C.-Mitglieder, die selbst Journalisten sind, zu
verhüten, durch die oft gerade ,,politische Sensationen“ in
ungeeigneter Weise in die Presse kamen. Es ist begreiflich,
daß durch die diesmal besonders unzulängliche Berichferstat-
tung die Presse verärgert ist, aber an sich ist das Prinzip
der Vertraulichkeit bei solchen Sitzungen eine Notwendigkeit
und Selbstverständlichkeit. — A. d. Red. ״Ji'id. Rundschau“.)
Es ist richtig, fährt ״Jew. Chr.“ fort, daß von der Zion.
Organisation offizielle Bulletins ausgegeben und den Presse-
Vertretern zugesandt worden sind. Aber auch diese sind erst
mehrere Tage nach den Verhandlungen ausgegeben worden.
Was würde der Redakteur eines englischen Blattes machen,
wenn er über eine wichtige Sitzung ein Bulletin mit einem
Bericht über Verhandlungen, die fünf Tage zurtickliegen,
erhielte?
Man könnte glauben, daß diese strengen Vorkehrungen
zur Verhütung von Information darin begründet sind, daß die
Beratungen von so delikater Natur sind, daß man sie im
Interesse der Bewegung geheimhalten muß. Weit gefehlt!
Denn alles, was bis zur Niederschrift dieser Zeilen geschehen
ist, ist, daß Berichte der Leiter der einzelnen Departments
erstattet wurden und auf sie die üblichen Diskussionen folgten.
In manchen Fällen waren die Reden einfach Wieder•
ho I u n ge n der auf dem letzten Kongreß ge-
haltenen Reden, und wer mit der Gedankenwelt der
einzelnen Parteien eng vertraut ist, könnte diese Reden bei-
nahe im voraus niederschreiben.
Wenn man alle belanglosen Details ausschaltet, kann die
Situation bei der A.-C.-Sitzung in politischer Hinsicht etwa
folgendermaßen zusammengefaßt werden: Es herrscht eine
merkliche Atmosphäre von Stumpfheit und Langeweile. Jede
Partei scheint auf ihren Moment zu warten. Nichts, was die
neue Exekutive getan hat, fordert eine scharfe Kritik heraus,
noch ist auf der anderen Seite irgendein Grund für ungebühr-
liehe Schmeichelei oder Jubel, Kurz gesagt, die Situation
ist momentan stationär. Alle, die von dem French-
Bericht sprachen, waren einig in der Ablehnung dieses un-
zweifelhaft antizionistischen Dokuments, während manche,
insbesondere die Revisionisten, dies in ganz unzweideutiger
Weise taten. Einigkeit besteht auch in der Beurteilung der
allgemeinen Atmosphäre in Palästina im letzten Jahr. Manche
A.-C.-Mitglieder, die bestrebt sind, den kleinsten Brocken
einer Erleichterung zu erhaschen, haben diese erfreuliche
Verbesserung stärker betont als die Tatsachen recht-
fertigen, während die vorsichtigeren, weitsichtigeren Kritiker
sich nur mit großer Zurückhaltung darüber aussprachen.
Nichtsdestoweniger ist die Genugtuung darüber, daß während
der Amtszeit der neuen Exekutive nichts geschehen ist, was
die Ruhe und das Gleichgewicht im Heiligen Lande gestört
hätte, offenkundig. Dem neuen High Commissioner
wurden in diesem Zusammenhang die meisten Blumensträuße
dargebracht. Gemäß den Darstellungen der aus Palästina
Kommenden und der für die Beurteilung Zuständigen führt er
sein Amt in überaus zufriedenstellender Weise
und im wahren Geiste des Mandats.
Trotzdem ist ein schleichendes Gefühl der Ent-
täuschu ng und Unzufriedenheit vorhanden, das heute noch
sanft ist, aber in nicht allzu ferner Zeit heftigere Formen
annehmen kann. Diese Opposition gegen die jetzige Exe-
kutive beruht vor allem darauf, daß sie sich zwar eines
Friedenszustandes in Palästina rühmen kann (der wohl auch
ohne diese Exekutive eingetreten wäre), daß sie aber selbst
nichts Konkretes und Bestimmtes getan hat,. Die Lage seit
dem Amtsbeginn der Exekutive im vorigen Sommer weist
keinen Fortschritt auf. Auf der anderen Seite geben selbst
die Gegner der Exekutive zu, daß in der jetzigen Weltkrise
nicht viel zu erwarten ist und daß man in elf Monaten auch
nichts Bedeutendes ausführen kann. Demnach waren die
Reden der ״großen Kanonen“ der Revisionisten aus-
gezeichnet durch das Fehlen jener Wildheit, mit der sie das
Weizmann-Regime anzugreifen pflegten. Man kann sagen,
daß die Opposition der Revisionisten jetzt eine freund-
liehe ist; so sehr die Revisionisten die jetzige Exekutive
ablehnen, sie ziehen sie doch weit einer Weizmann-Exekutive
vor, und ich hörte auch von kompetentester Seite Aeuße-
rungen der Befriedigung, daß die Sokolow-Exekutive den
Zielen und Wünschen der Revisionisten näher kommt als
irgendeine frühere Exekutive. All dies kennzeichnet die
Atmosphäre, die die Sitzung des A.-C. beherrscht. Der Ge-
währsmann des ,,Jew. Chr,“ meint schließlich, daß diese
Pause im Sturm nicht lange dauern und noch vor Ablauf des
nächsten Jahres irgendeine überraschende Entwicklung ein*
treten dürfte.
*
Auch der Chefredakteur der in London erscheinenden jid«
dischen Tageszeitung ״Die Zeit“, Morris Meyer, schreibt
in seinem Blatt einen großen Artikel über ״Die merk-
würdige Ruhe des Aktions-Comite s“, die durch
die tatsächliche Lage in Palästina nicht gerechtfertigt sei. Es
sei keine tiefgreifende Aenderung der Lage bezüglich Palästinas
erfolgt, die es erklären könnte, daß man plötzlich 11 m soviel
optimistischer ist, als man es bei früheren Tagungen war. Der
Verfasser wundert sich auch über die gemäßigte Haltung der
Revisionisten. Man dürfe doch nicht übersehen, daß das eng-
lische Kolonialamt seine alte Politik bezüglich Palästinas fort-
setzt.
Revisionistische Sitzung 10 London
Wie der ״Hajnt“ aus London meldet, ist Jabotinsky,
der bekanntlich nicht Mitglied des Aktions-Comites ist, m
London eingetroffen. Es findet in London eine Sitzung der
Revisionistischen Exekutive statt, die sich in der
Hauptsache mit dem sogenannten Lichtheimschen
Ultimatum zu befassen haben wird. Lichtheim hat (wie wir
auch in der ״Jüdischen Rundschau“ Nr. 56 berichteten), gefor-
dert, die Beschlüsse von Calais aufzuheben und
die Revisionistische Union wieder in den Rahmen der Zio-
nistischen Organisation einzufügen. Lichtheim soll sogar für
eine Teilnahme der Revisionisten an der Verantwortung für
die Leitung der Zionistischen Organisation eingetreten sein. Die
Vorschläge sollen, wie ״Hajnt“ bemerkt, im revisionistischen
Lager erregte Diskussionen hervorgerufen haben, und
man erwartet, daß die jetzige revisionistische^ Sitzung in London
die Frage endgültig klärt, wodurch dann ’auch die Stellung
des Aktions-Comites zu dem organisatorischen Problem der
Einordnung der Revisionisten erleichtert würde. Wie wir er-
fahren, besteht innerhalb des Aktions-Comites auf keiner Seite
eine besondere Neigung, den Revisionisten Schwierigkeiten zu
machen, doch läßt sich bei der heutigen Sachlage und im
Falle der Aufrechterhaltung der revisionistischen Beschlüsse von
Calais sehr schwer ein Weg finden, um den Problemen beizn-
kommen.
Die neue Leitung der amerikanischen Zionisten
Der neugewählte Präsident der Zionistischen Organisation
Amerikas, Morris Rothenberg, hat die ihm von der
Convention in Philadelphia übertragene Aufgabe, ein leitendes
Komitee von sieben Personen einzusetzen, nunmehr erfüllt
und folgende Persönlichkeiten ais Mitglieder der Exekutive
der amerikanischen Zionisten ernannt: Judith Epstein,
Jacob de Haas, Abraham G o I d b e r g, Louis Lipsky,
Samuel M a r g o s c h e s, Nelson Ruttcnberg, Stephen S.
Wise. Zum Sekretär der Zionistischen Organisation
Amerikas wurde Morris M a r g u l i e s ernannt, der in den
letzten zwei Jahren Redakteur der New-Yorker monistischen
Zeitschrift ״The Zionist“ gewesen ist. Da die Zeitschrift ״The
Zionist“, das Organ Lipskys, in scharfer Opposition gegen die
frühere, von der ״Brandeis-Gruppe“ beherrschte amerikanisch-
zionistische Leitung stand, so ist auch aus dieser Wahl ZU
schließen, daß ein weitgehender Kurswechsel im ame-
rikanischen Zionismus beabsichtigt ist, eine Annahme, der
wir auch schon früher Ausdruck gegeben haben. Die Stephen
Wise nahestehende Zeitschrift ״Öpinion“, die in heftiger
Fehde mit Lipsky steht, bezeichnet freilich den angeblichen
Versuch der Lipsky-Gruppe, bei der Convention in Phil-
adelphia die Macht wieder zu gewinnen, als gescheitert, den«
es sei nicht gelungen, Lipsky als Präsidenten durchzusetzen.
Aber auch dieses Blatt gibt zu, daß die Lipsky-Richtung (die
auf dem Basler Kongreß 1931 bekanntlich für Weizmann ein•
trat) in der Convention die Mehrheit hatte. Die amerikani*
sehen Zionisten werden im September in ganz Amerika eine
große Propagandakampagne für die Gewinnung neuer Mit-
glieder durchführen.
Der bisherige amerikanische Konsul in Jerusalem,
Knabenshue, wurde im Zusammenhang mit dem für September
in Aussicht genommenen Eintritt des Irak in den Völkerbund
zuin bevollmächtigten Minister Amerikas in Bagdad er«
nannt.
Abg. Dr. Mayer Ebner hat im Namen des Jüdischen
Parlamentsklubs an den rumänischen Innenminister eine Inter•
peliation betreffend den Fall des poale-zionistischen Führen
Simon Braunstein, der Anfang Mai unter der Beschuldigung
kommunistischer Propaganda in Jedinetz (Bessarabien) von de!
Gendarmerie unmenschlich gefoltert wurde, gerichtet.