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Nr. 101, 20. XII. 1932
JÜDISCHE RUNDSCHAU
Seite 495
Aus den Gemeinden
Der Dortmunder Skandal
Von Max Berl und Irvin Fisher, Dortmund.
Der jüdischen Öffentlichkeit des In- und Auslandes ist
der Dortmunder Skandal durch die Presse bekannt geworden
(s, ״J.R.“, Nr. 86), und immer größere Kreise rücken von
diesem unjüdischen Vorgehen entschieden ab. Nur die Dort-
munder Liberalen und ihre Repräsentanten fügen zu den alten
Verleumdungen noch neue hinzu. Da, vor allem der Vorstand
der Dortmunder Synagogengemeinde, die bekannt gewordene,
von ihm abgefaßte Eingabe an den Oberpräsidenten der Pro-
vinz Westfalen nicht mehr abstreiten ka״n, versucht er seine
Haltung durch eine völlige Entstellung der vorausgegangenen
Tatsachen zu rechtfertigen. Das zwingt uns, noch einmal in
aller Ocffentlichkeit, wenn auch kurz, auf die Vorgänge der
letzten drei Jahre einzugehen.
Die heute noch gültigen Satzungen der Synagogengemeinde
Dortmund enthalten das Mehrheitswahlrecht (unter Ausschluß
der Frau), Abhängigkeit des Wahlrechts von der Steuer-
leistung und dreijährige Karenzzeit für In- und Ausländer.
Unser Kampf ging dahin, diese veralteten Satzungen durch
demokratischere abzulösen, und wir traten daher für Proportio-
nalwahlrecht, unabhängig vom Zensus, aktives und passives
Frauenwahlrecht und Beseitigung der Karenzzeit ein. Da
uns in Verhandlungen vor der *Wahl des Jahres 192) keine
genügenden Zusicherungen gegeben wurden, lehnten wir da-
mals eine Wahlbeteiligung ab und erhoben gegen die Wahl
Einspruch, weil die Wahlliste Unrichtigkeiten aufwies. Auf
Grund der bestehenden Satzungen wurde jedoch dieser Protest
abgelehnt, aber die Behörden schlossen sich insofern unserem
Einspruch an, als sie die Gemeinde zur Abänderung ihrer
Satzungen aufforderten. Diesem sichtlich unangenehmen Er-
suchen kamen Vorstand und Repräsentantenkollegium nur sehr
zögernd nach, so daß die Regierung sogar feste Termine
zur Einreichung des neuen Satzungsentwurfes vorschrieb. Als
auch diese Maßnahme, trotz abgegebener Versprechen des
Vorstandes, zu keinem Erfolge führte, sah sich die Regierung
veranlaßt, die bereits angedrohte Nichtgenehmigung des Haus-
haltsplanes in Kraft zu setzen. Eine weitere Verschärfung
wurde vermieden, da in den kritischen Tagen der Regierung
endlich der neue Satzungsentwurf zur Genehmigung ein-
gereicht wurde. Auch dieser Entwurf enthält eine Reihe Un-
billigkeiten, wie Pluralwahlrecht für Vorstand, weitestgehendes
Vetorecht des Vorstandes, Ausschließung von Frauen aus dem
Vorstand, Ernennung von vor 3 Jahren gewählten Stellvertre-
tern zu Vollvertretern und ganz besonders die Verschlechterung
der Satzung durch Neueinführung einer Ausländerkarenz von
5 Jahren soll, und offensichtlich dazu dienen, die augenblick-
!ich bestehenden Machtverhältnisse, entgegen dem wirklichen
Kräfteverhältnis in der Gemeinde, für Tange Zeit zu stabili-
sieren. Wir legten daher auch gegen diesen Entwurf bei der
Regierung Protest ein, wobei wir wieder die Feststellung
machen konnten, daß die Regierung, besser als Vorstand und
Repräsentanz, sofort die Rechtlichkeit unserer Forderungen
erkannte und eine Abänderung der strittigen Punkte wünschte.
Als Antwort sandte der Vorstand die berüchtigte Eingabe.
Es ist bezeichnend, daß die Verantwortlichen der Dort-
munder Gemeinde nach Bekanntwerden ihrer Eingabe es nicht
für nötig befunden haben, Ton oder Sinn abzuschwächen und
keiner, auch der nicht direkt Beteiligten, ein Wort des Be-
dauerns für angebracht hielt. Das Wichtigste war ihnen die
Abwehrtaktik, die sich auf zwei Punkte erstreckte: 1. Herab-
Setzung des Gegners, der solch eine Eingabe zu entdecken
und dann auch noch zu veröffentlichen wagte, und 2. Dar-
Stellung der eigenen Haltung als gerechte Entrüstung über
die dauernde Provokation. Beide Punkte spielten die Haupt-
rolle, als die ostjiidischen Vertreter die Behandlung der ganzen
Frage in öffentlicher Sitzung forderten. In einer geheimen
Sitzung wurde gegen höhere zionistische Beamte der mutmaß-
liehe Verdacht einer unbefugten Einmischung bei den zustän-
digen Regierungsstellen ausgesprochen. Und in öffentlicher
Sitzung _ wurden geheimnisvoll, in eindeutiger Charalcterisie-
rung, die Unterzeichneten verdächtigt, sich auf betrügerische
Weise bei der Stadtverwaltung Einsicht in die Gemeindeakten
verschafft zu haben. Da beide Beschuldigungen den Stempel
der Verzweiflungslüge auf der Stirn tragen, dürfte selbst den
liberalen Freunden des Vorstandes der Glaube daran sehr
schwer geworden sein. Auch beim zweiten Punkt ihrer Ab-
wehr passierte den liberalen Herren das Mißgeschick einer
Fehlspekulation. Sie wollten aus unseren Eingaben und miind-
liehen Besprechungen bei den Behörden die Berechtigung
ihrer Eingabe nachweisen. Wie man sich allerdings dasjenige
vorstcllt, was die Ungeheuerlichkeiten des Vorstandes ent-
schuldigen könnte, ist uns noch bis heute schleierhaft. Jeden-
falls waren wir guten Gewissens und damit einverstanden, daß
unsere Eingaben öffentlich verlesen werden, worauf man
dann bemerkenswerterweise verzichtete. In der öffentlichen
Repräsentantenversammlung, die nach langem Zögern gewährt
wurde, betonte der Vorstand, daß nach all den Jahren der
vornehmen Zurückhaltung, die er auf unsere unerhörten An-
griffe bei der Regierung geübt hatte, die Eingabe als berech-
tigte Entrüstung aufzufassen wäre. Es würde zu weit führen,
jede in dieser Sitzung geäußerte Entstellung der Tatsachen
hier aufzuzeigen. Die ,,vornehme Zurückhaltung“ bestand
aber darin, daß bereits im März 1931 gegen drei Stimmen
bei einer Enthaltung Vorstand und Repräsentanz den Beschluß
faßten, der Staatsregierung die zionistischen Kreise als Stören-
friede hinzustellen, und weiter darin, daß am 24. März 1931
der Vorstand an die Regierung ein Schriftstück sandte, in
dem er von den ״völkisch eingestellten Zionisten spricht, die
ihr Deutschtum verleugnen, während der überwiegende Teil
der Gemeinde sich treu mit ihrem Deutschtum verbunden
fühle“, worauf in diesem Blatt schon hingewiesen wurde, usw.
Das Bedauerlichste bleibt, daß unter den liberalen Mit-
gliedern unserer Gemeinde und auch bei den liberalen Reprä-
sentanten das Gefühl vorherrscht, daß jedes Wort der Ein-
abe zu Recht bestehe, und daß ihnen selbst nach so langer
edenkzeit, wo ihnen der Zorn der ersten Erregung nicht
mehr als urteilstrübend zugebilligt werden kann, das ein-
fachste Verständnis für jüdisches Gemeinschaftsbewußtsein ab-
geht. Die Repräsentantenversammlung sprach mit einer Stimm-
enthaltung gegen die Stimmen der ostjüdischen Vertreter daher
dem Vorstand für diese Eingabe ihr Vertrauen aus und
z'vang damit die ostjüdischen Vertreter, von einer weiteren
Mitarbeit abzusehen. Eine besondere Verschärfung wurde
durch die Erklärung der ״Liberalen Vereinigung״ hervor-
gerufen, die sich dazu verstieg, die Eingabe ihres Gemeinde-
Vorstandes mit all ihren Folgen als bewußte Wahlpropaganda
unsererseits auszulegen.
Der Widerhall, den bisher die Dortmunder Angelegenheit
in der jüdischen Welt gefunden hat, beweist die Bedeutung,
die über den Rahmen eines Lokalstreites hinausgeht. Als ein-
ziger Lichtblick in der Trostlosigkeit der unjüdischen Haltung
bei den deutschen Liberalen erscheinen uns heute die Ansätze,
die in liberalen Kreisen anderer Länder vorhanden sind. So
wurde uns mitgeteilt, daß man bei den Liberalen Hollands
die Haltung des hiesigen Vorstands scharf verurteilt und diese
Art von jüdischer Gemeindepolitik als rückständig und den
allgemeinen jüdischen Interessen abträglich empfindet, ja sogar
als Gefährdung der begonnenen holländischen liberalen Arbeit
ansieht. Vielleicht irren wir uns, und selbst die liberalen
Juden in Deutschland verschließen sich nicht der Erkenntnis
ihrer ausländischen, diesmal westlichen Gesinnungsgenossen,
und lernen, daß die Verwaltung einer jüdischen Gemeinde auch
jüdische Pflichten und jüdisches Verantwortungsbewußtsein
nach sich zieht.
BerlinerRepräsentanten-Versammlung
(Sitzung vom 15. d. M. — S. auch erste Seite.)
Bei Beginn der Sitzung begründet Vorstandsmitglied
Adolf Schoyer den Steuer-Entwurf: Dieser zerfällt iti zwei
Teile. Im ersten Teil wird eine Aenderung des Statuts dahin
beantragt, daß als Maßstab für die Besteuerung neben der
Reichseinkommen- auch die Vermögenssteuer herangezogen,
jedoch nur eine der beiden Steuern dem einzelnen Pflichtigen
— und zwar die der Gemeinde günstigere — auferlegt werden
kann. Im zweiten Teil wird Festsetzung der Steuerquote aut
13 »/o (bisher 11 0 / 0 ) der Reichseinkommensteuer 1931 (unter
Freistellung von Einkommensteuern bis 75 RM.) bzw. 30 «ö
der' Reichsvermögenss*euer voTgcschlagen. Die Steuereingänge
1932 werden etwa 4,3 Mill. RM. betragen und sind für 1933
aut 3,6 Mill. RM. zu schätzen. Alle tragbaren Einsparungen
sind vollzogen, doch sind zahlreiche Ausgaben zwangsläufig,
aut sozialem Gebiete sogar gestiegen. Das Defizit für
1932 beträgt eine Million RM. und muß noch vor Jah-
resschluß und Beginn des neuen Etatjahres gedeckt sein. Trotz
der Not muß, soll die Gemeinde sich nicht selbst aufgeben,
die Steuerquote erhöht werden, zumal selbst 13 0/0 noch hinter
dem Steuersatz aller anderen jüdischen Gemeinden in Deutsch-
land Zurückbleiben. In der Vermögenssteuer ist eine neue, die
breiten Massen kaum belastende Steuerquelle zu erschließen, die
vor allem einkommenloses Vermögen treffen soll. Die Mehrein-
gange auf Grund der Vorlage schätzt Schoyer auf 800 000 RM.
für die Einkommen- und auf 200 000 RM. für die Vermögens-
Steuer. Abschließend bittet Schoyer die Repräsentanten, der
Verwaltung im Kampfe gegen Austritt aus Steuer-
scheu zu helfen, und erwähnt, daß unter dem Eindruck der
jüdischen Not auch manche den Weg zurück schon wieder ge-
runden haben.
Landgerichtsrat Rau (Volkspartei) hält eine unbegrenzte
Festlegung aut die Vermögenssteuer im Statut für bedenklich
und beantragt die vorläufige Beschränkung auf
1932, zumal der Etat für das Steuerjahr längst verabschiedet sei.
Verwaltungsdirektor Dr. Breslauer begründet die weit-
gehende Fassung der Vorlage. Dr. Fleischer (Liberal) will
zwecks schleuniger Regelung dem Zusatzantrage Rau nicht
widersprechen. Der erste Teil wird mit dem Zusatzanfrage
einstimmig angenommen.
Zu Teil 2 kündigt Alfred B e rg e r als Sprecher der Volks-
partei Stimmenthaltung an. Die Volkspartei verkenne
nicht die Notwendigkeit großer Opfer für die Gemeinde, be-
grüße auch den Mut des Vorstandes, den Etat im Interesse
der Aermsten und der Sozialeinrichtungen zu überschreiten,
sie mache aber ihre Zustimmung zu Teil 2 der Deckungsvar-
Jage von der Sicher ung einiger Gr un d f 0 r de ru n-
gen abhängig, die keineswegs Parteiforderungen seien: Er-
richtung der nötigen Volksschulklassen zu Ostern; angesichts
der Schulnot der Staatenlosen und der hierdurch bedingten
kulturellen Gefahren; ausreichende Fürsorge für ostjüdische
Einrichtungen und die Schule des Jüdischen Schulvcreins; Sub-
vention für den Bedeutsames leistenden ״Bar Kochba“ u. ä. m.
Die Volkspartei will zugleich ihre Mißstimmung gegen den
olitischen und personellen Kurs der Mehrheit 1 m Vorstande
undtun, zumal die Vorlage erst gestern eingegangen und ihre
Durchpeitschung doch mit den früheren Vorwürfen der Libe-
raten gegen das Finanzregime Kareski unvereinbar sei. Die
Liberalen hätten jetzt sogar interfraktionelle Besprechungen
abgelehnt.
Der Finanzdezernent Wilhelm Graetz bedauert diese
Haltung der Volkspartei. Um Beunruhigung der Gemeinde und
jeden Ansatz zum Steuerfluchtaustritt zu verhüten, sei ein ein-
mittiges Votum geboten. Hans Goslar wünscht eine große
Aktion zur Rückgewinnung fernstehender und aus häufig nich-
tigern Anlaß ausgetretener Juden für die Gemeinde. Der Ge-
meindevorsitzende K 1 e e m a n n kündigt Vorschläge im Sinne
Goslars an. W o y tl a (Üb.) stimmt dem zu und appelliert an
die Volkspartei, daraus die Folgerungen durch Annahme der
Steuervorlage zu ziehen, zumal Etat und neue Ausgaben ein-
stimmig beschlossen seien. Dr. Oskar Cohn (Poale Zion)
stimmt der Vorlage zu, betont aber, daß hierin keine Zustim-
mung zum allgemeinen Kurse des Vorstandes liege, den er nach
wie vor bekämpfe. Berger verteidigt seine Stellungnahme
nochmals mit der Sorge um die. jüdische Schule als
Fundament jüdischer Zukunft.
ln der Abstimmung wird Teil 2 der Vorlage mit den Stirn-
men von Liberalen, Dr. Wiener (Mittelpariei) und Dr. Cohn
(Poale Zion) bei Stimmenthaltung der Volks-
partei angenommen.
Eine lange erregte Debatte knüpft sich an die
Vorlage des Vorstandes, nach der das unter Führung des übe-
ralen Kultusausschusses im Preußischen Landesverband ge-
schaffene ״Liberale Einheitsgebetbuch“ in der Synagoge ״F r i e-
denstempel“ (Halensee) eingeführt werden soll. Die Vor-
läge wird schließlich gegen Volks- und Mittelpartei bei Stimm-
enthaltung von Dr. Cohn angenommen.
Eine Vorlage auf Bevorschussung der nächst-
jährigen Subvention für die Akademie für die
Wissenschaft des Judentums wird einstimmig ange-
nommen. Hierbei teilt der Gemeindevorstand durch Dr. Sand-
ler mit, daß die akute Not aller jüdisch-wissenschaftlichen in-
stitute, vor allem der Rabbinerbildungsanstalten, den Vorstand
zu einer Sonderaktion veranlaßt habe, die in diesen Tagen die
größten Existenzsorgen für die nächste Zukunft lindern werde.
Dr. Wiener (Mittelp.) interpelliert ausführlich über die bei
den Festgottesdiensten gemachten Erfahrungen und wünscht
Abtragung äußeren Prunks, Verinnerlichung, Demokratisierung
der Synagogenehren und Einstellung auf die Bedürfnisse der
Jugend und auf die soziologische Umschichtung der Juden in
Berlin zwecks Heranziehung wertvoller Kräfte. Wiener for-
dert Vertiefung jüdischen Wissens und hebräischer Sprach-
kenntnisse. Dr .Mayer (Üb.) schließt sich 1 m wesentlichen Wie-
ners Wünschen an.
Professor Brodetsky trat am 14. Dezember eine Propa-
gandareise an, die ihn durch eine Anzahl mittel- und osteuro-
päischer Länder führen wird. Er wird in Warschau, Czernowitz,
Kischinew, Bukarest, Budapest, Wien in öffentlichen Kund-
gebungen sprechen und Beratungen abhalten, dann auf seiner
Rückreise Berlin, Brüssel und Antwerpen besuchen,
Eine Spinoza «Ausstellung
der Jüdischen Gemeinde
Am 15, Dezember fand die Eröffnung der Spinoza-
Ausstellung der Bibliothek der Jüdischen Gemeinde statt.
Die Ausstellung, die vom Bibliotheksdirektor Dr. Josef Meisl
und dem Bibliothekar Dr. Rabinowicz arrangiert wurde,
gibt ein Bild vom Leben und Denken Baruch Spinozas. Zur Er-
offtiung hatten sich der gesamte Vorstand und fast alle Re-
präsentanten der Gemeinde eingefunden. Die staatlichen Museen
waren durch Prof. Kurth, die Universität durch Professor
Hoecker, die jüdischen Vereinigungen und Institute durch
ihre führenden Mitglieder vertreten.
Vorstandsmitglied Dr. Aron Sandler begrüßte die Er-
schienenen und führte dann u. a. aus: ״Es handelt sich um einen
Versuch, das Leben und das Schaffen des jüdischen Philosophen
Spinoza durch Vorführung von Buch- und Bildmaterial und von
Urkunden dem Publikum lebendig vor Augen zu stellen. Die
Ausstellung ist die einzige Spinoza-Ausstellung in
Deutschland, die gelegentlich der Wiederkehr des 300. Geburts-
tages des Philosophen veranstaltet wird.“ Dr. Sandler gab einen
Umriß der Ausstellung und fuhr dann fort: ״Da das Material
in einer Art zusammengestellt ist, wie dies unseres Wissens bis-
her noch nicht geschehen ist, so liegt ein wissenschaftliches In-
tcresse vor. die "Zusammenstellung als solche literarisch festzu-
halten. Von der Herstellung eines Katalogs haben wir aus Er-
sparnisgründen abgesehen, jedoch wird alsbald für Interessen-
ten, insbesondere für Bibliotheken, eine kurze Zusammenfassung
des gezeigten Materials publiziert werden. Die Materialien für
die Ausstellung sind in sorgfältiger und mühevoller Arbeit von
dem Leiter der Gemeindebibliothek, Dr. Meist, und dem
Bibliothekar, Dr. Rawidowicz, beschafft und bearbeitet
worden. Ich spreche im Namen des Gemeindevorstandes und
der Bibliothekskommission den genannten Herren hierfür unse-
ren Dank und unsere Anerkennung aus. Die Materialien stammen
zu einem Teil aus dem Eigen bestände der Gemeinde-
bibliothek und des Jüdischen Museums der Gemeinde. Die
schwere ■Aufgabe, die seltenen Stücke herbeizuschaffen, wurde
uns durch das Entgegenkommen und die freundliche Unter-
Stützung von seiten der Besitzer der Dokumente erleichtert.
Hierfür spreche ich namens des Gemeindevorstandes und der
Bibliothekskonimission den Bibliotheken des In- und Auslandes,
die uns unterstützt haben, in Berlin vor allem der Preußischen.
Staatsbibliothek, der Universitätsbibliothek und dem Kupfer-
stichkabinctt, sowie mehreren Privatpersonen, denen wir wert-
volle Leihgaben verdanken, unseren Dank aus. Mit fach-
männischer Beratung hat uns vor allem der Spinozaforscher und
-Sammler Herr Dr. Carl Gebhardt in Frankfurt a. M., dem
wir außerdem wertvolle Leihgaben verdanken, unterstützt.“
Nach Dr. Sandlers Ansprache fand eine Führung du־׳ch die
Ausstellungsräume statt. Eine außerordentlich große Reihe von
Bibliotheken, wissenschaftlichen Instituten und Museen des In-
und Auslands — alphabetisch geordnet, von Amsterdam bis
Weimar — durch Leihgaben haben an dieser Ausstellung Anteil,
ln der Ausstellung sind zahlreiche Urkunden, zum Teil im Ori-
ginal, zum Teil in der Photographie, zu sehen, so u. a. die Uf-
künde des gegen Spinoza gesprochenen Banns (aus dem Archiv
der portugiesisch-jüdischen Gemeinde Amsterdams), die Urkunde
über das Verbot des Philosonliisch-Politischen Traktats, Doku-
mente über wirtschaftliche Transaktionen Spinozas, der eine
Zeitlang zusammen mit seinem Bruder ein Wechselgeschäft be-
trieben hat, das berühmte Siegel Spinozas, Dokumente über
seinen Nachlaß, Spinoza-Briefe in Originalhandschrift und fak-
similiert, Originalhandschriften von Werken Spinozas, Bilder aus
Spinozas Amsterdamer Zeit, darunter Spinozas Elternhaus, sehr
viele Spinoza-Bildnisse (unter ihnen auch die falschen), Bilder
von Spinozas Freunden und Zeitgenossen, Spinoza-Ausgaben in
allen Sprachen, darunter die mit falschem Autor- und Verleger«
namen veranstaltete Erstausgabe des Traktats; Goethes, Scho-
penhauers, Leibniz’ Handexemplare von Spinozabikhern mit
Randbemerkungen der Besitzer, eine umfassende Sammlung
Spinoza-Biographien, Spinoza-Romane, eine große Sammlung
von Literatur über Spinoza in allen Sprachen, angefangen vom
17. Jahrhundert, eine Handschrift von Charlotte v. Stein nach
dem Diktat Goethes: ״Studien nach Spinoza“, eine Sammlung
״Spinoza und das Judentum“, eine Sammlung ״Spinoza in
Deutschland“, Spinoza-Ausgaben in Hebräisch und Jiddk־׳h,
schließlich die auf Grund des Nachlaß-Verzeichnisses von Fk.
Rawidowicz rekonstruierte Bibliothek Soi-
nozas in denselben Ausgaben, wie sie im Spinoza-Haus׳* zu
Rijnsburg aufbewahrt werden. Die Ausstellung enthält Schriften
und Urkunden von großem Wert, darunter mehrere Unika.
Der Sinn der Makkabi-Bewegung
Von Lord Melchett.
Der zweite Lord Mehhett, Sohn von Sir Alfred Mond, wird
dieser Torfe in Berlin Gast des Makkabi-Wrltverbnndes and der
Z.V.f.D. sein. Der Mnhhnbi-Weltverhnnd stellt uns aus diesem An•
laß einen Aufsatz Lord Mrlchetts zur V erjüqnng, dem die nach -
stehenden Abs! hnitte entnommen, sind. Der llauptteil des Artikels,
der eine he (feister te Schildernng der Mnkknbiah in Tel-Awitu ffibt,
wurde weqrjehmen, da wir srtion mehrmals ausführliche Beschreihan•
rjen dieses Sportfestes veriitfentlieht haben. Red.
Der Ideengehalt der M a k k a b i b e w e g u n g ist
sehr alt, und es scheint mir, daß er vor allem drei Dinge enthält:
natürlicher Widerstand gegen Unterdrückung, physische und
moralische Disziplin, Entwicklung von Mut zur Verwirklichung
unserer Ideale.
Kein Volk, das so wie die Juden gelitten hat, kann ohne
Schaden für seinen Charakter bleiben, auch wenn es zur glei h n
Zeit eine geistige Reinigung erfahren hat. Eine der gewöhnlich«
sten und oftmals begründetsten Beschuldigungen unserer Feinde
ist, daß es den Juden an Mut fehlt. Daß ein kleines Volk, die
kleinste Rasse der Erde, in zweitausend Jahren der Verbannung
und der Verfolgung die Kraft verloren hat, zurückzuschlagen,
ist kein Wunder. Auf dem Makkabi, und auf dem Makkabi
allein ruht die Verantwortung, diese Seite des jüdischen a-
rakters zu ändern. Physische und seelische Bereitschaft geben
einem Menschen die Macht, seinem Widersacher entgegenzu-
treten. Sie geben ihm das Vertrauen zu sich selbst und die
Geistesgegenwart, seine Erregung zu meistern und seine Kalt-
blütigkcit zu erproben.
Das geistige, seelische und physische Gleichgewicht ist von
vitaler Bedeutung für ein Volk. Es ist die Arbeit der Makkabi-
bewegung, der jüdischen Jugend diese Eigenschaften eindring-
lieh und immer wieder anzuerziehen. Der Makkabi hat zur Auf-
gäbe, jungen jüdischen Männern und Mädchen das Ideal eines
vollkommenen Körpers nicht nur der Aestheiik wegen aufzu-
zeigen, sondern vor allem die klassische Selbstbeherrschung
durch Einsicht und Moral anzuerziehen, was allein durch sport-
liehen Wettkampf und edle Leibesübungen erreicht werden kenn.
So gesehen treten wir in eine neue Aera jüdischen Lebens
ein. Die Makkabim haben in diesem Jahre zum erstenmal in
der Geschichte, soweit mir bekannt ist, ein Weltsportfest in Tel-
Awiw abgehalten. Ich war am ersten Tage anwesend, und es
bot sich mir das anregendste und wunderbarste Schauspiel
seiner Art dar, das ich je sah.
Lasset uns unsere Energien zusammenfassen, den errun-
genen Erfolg zu sichern und auszubauen, wurzelnd in den drei
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