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Mit Jahob Wassermann ist eine der repräsentativen Figuren der vergangenen Epoche deutsch-jüdischen Lehern dahingegangen. Seine
Bücher wurden von Hunderttausenden, vielleicht von Millionen Menschen gelesen, sein Name war auch im Ausland einer der bekann¬
testen Namen eines deutschen Juden. Die Figur Wassermanns aber ragt über den Rahmen des nin Lilerarisclicn und der Literatur-
Geschichte hinaus. Er war ein ringender, unablässig an sich salbst arbeitender Künstler, aber er war auch ein ringender Mensch,
und er wußte, daß die tiefe Problematik seines Wesens in seinem Judentum liegt. Wassermann war es, der schon 1912 den „Lite¬
raten", den er als seinen Gegenspieler und seine immanente Bedrohung empfand, als den vom Mythos losgelösten Menschen charak¬
terisierte. Dieser Jude verwarf das, was man später abfällig „jüdisch" genannt hat; und setzte hinzu: „Der Jude dagegen, den ich
den Orientalen nenne, ist seiner selbst sicher. Er kann sich nicht verlieren, da ihn ein edles Bewußtsein, Bluthewußlsein, an die
Vergangenheit knüpft und eine tiefe moralische Selbstverantwortung der Zukunft verpflichtet". Wassermann selbst vermochte nicht,
diese Entscheidung zum Judentum in sich zu vollziehen. Wir klagen nicht an; wir sind nicht so engherzig, den inneren Kampf eines
geistigen Menschen nicht zu achten, auch wenn das Ergebnis ihn von uns wegführt. Das Ergebnis war das zehn Jahre später ge¬
schriebene Buch „Mein Weg als Deutscher und Jude", ein menschlich tief ergreifendes Dokument des Nichtbcwälligcn-Könncns des
Problems. Es ist ein ehrlicher Kampf, den Wassermann in späteren Aufsätzen noch fortgesetzt hat; wir mußten zuweilen seine
Haltung kritisieren. Aber die Judenfrage hat ihn niemals verlassen. Nicht um der Auswege willen, die er zeigte, — denn er zeigte
keine — empfinden wir Jakob Wassermann als einen großen Juden, aber wegen der Fragen, die er stellte, wegen der Problematik
seines Wesens und Denkens, wegen des ihn verzehrenden tragischen Konfliktes wird er eine bedeutsame Gestalt der Geistes¬
geschichte des deutschen Judentums bleiben. Der Weg des deutschen Juden freilich führt — um mit Wassermanns Worten zu reden —
zu den „großen Zusammenhängen", den „ewigen Symbolen"; zu einer Inneren Freiheit, die Wassermann nicht zu erringen vermochte.
Der Weg eines deutschen Juden
Im einer der kleinen Erzählungen Jakob Wasser¬
manns, die in Zukunft vielleicht zu seinen vollkommen¬
sten Gebilden gerechnet werden mögen, findet sich diese
seltsame Stelle:
„Zwischen ihr und dem Tod besteht eine wunder¬
liche Beziehung ... Sie glaubt nicht an seine Furchtbar¬
keit; sie weiß, daß sie sich friedlich mit ihm einigen und
daß er genau zu der Stunde bei ihr erscheinen wird,
zu der jedes von ihnen beiden den andern braucht."
Nirhts scheint zunächst fornpr m liefen, als daß mnn
bei der erschütternden Nachricht von Jakob Wasser¬
manns Tode an dies Wort denkt, das in der Erzählung
von einer sehr alten Frau berichtet wird. Hier starb ein
Mann in der Vollkraft des Schaffens; eben erst hatte
sein sechzigster Geburtstag gezeigt, wie weit über die
Grenzen de* deutschen Sprache hinaus sich sein Leser¬
kreis erweitert hatte; und schon hatte man wieder im
„Morgen", einer deutsch-jüdischen Monatsschrift, ein
Kapitel aus einem neuen Roman des Dichters, dessen Er¬
scheinen für das Frühjahr 1934 angekündigt wurde, den
dritten Akt seines großen Maurizius-Andergast-Dramas,
gelesen. Sicher häuften sich wie stets noch Arbeitspläne
in Massen um den unermüdlich Ringenden, immer zu
neuem Anlauf sich Bereitenden.
Und doch kam dieser Tod zur rechten Zeit ... wenn
auch „zur trostbedürftig rechten Zeit", um ein Wort der
Rahel Levin zu gebrauchen. Denn die Zeit war ge¬
storben, der Wassermanns große Werke galten; eine
Zeit, deren Grenzen und Schuld keiner besser kannte als
er selbst, mit der er aber doch — wie ein Ringer mit
seinem Gegner — in schwer lösbarer Verflechtung ver¬
bunden war. Hier starb ein Kämpfer, der schon bei Leb¬
zeiten in schwerster Enttäuschung und Trostlosigkeit
durch das Tal der Todesschrecken geschritten war;
keiner wie er hatte so sehr jene „Wahre Ruhe unter den
Flügeln der Schechinah" verdient, von der unsere Alten
künden.
Jakob Wassermanns Weg führte durch finstere Ju-
gend, wo er sich durch seelische und leibliche Qualen,
durch Hunger und Not und Verlassenheit die Bahn zum
dichterischen Schaffen erkämpfen mußte, zu frühem Er-
Mg, Seiner leidenschaftlich durchbrechenden Fabulier-
Lust, ja beinahe: rabulier-Wut, setzte die gut bürger-
»'•che Kaufmannsfamilie in Fürth, aus der er stammte,
etwas von jenem verständnislosen Widerstand entgegen,
der sich etwa in den Worten dcs ( Oheims Salomon Heine
über seinen Neffen Heinrich Heine ausspricht: „Wenn
er etwas Tüchtiges in seiner Jugend gelern. 1 hätte,
dann brauchte er heute keine Bücher zu schreiben!" —
Und dennoch hängt der junge Mensch, wie er in einem
späteren Bekenntnis erzählt, „mit einer wahren Fasern-
Lebe" an allem, was ihn mit der Vergangenheit seines
Geschlechts und seines Stammes verband. Das düstere
Fürth, die Stadt, wo er geboren und Kind gewesen
ist, war ja der Sitz einer der ältesten deutschen Juden¬
gemeinden mit weit zurückreichenden Traditionen; ge¬
heimnisvoll in ihm schlummerndes Wissen um die Ver¬
gangenheit seines Volkes hier auf fränkischem Boden er¬
wachte in fast mystischer Entrücktheit in ihm, als er
mit zweiundzwanzig Jahren die tragische Gestalt des
Sabbatai Zewi zu gestalten versuchte. „Wie unter einem
inneren Diktat" schrieb er damals die Szenen dei Vor-
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triuQdlich tfbtilaucn vom 'S. rUchar-Varlaf, Bulla
Spiels zu seinem ersten großen Roman „Die Juden von
Zirndorf". — Es sind diese Szenen allein, die heut noch
leben, während der Roman selbst völlig verblaßt ist.
Noch spricht zu »:ns der Erlösungsdrang der Juden um
Sabbatai Zcwi; während der Zeitgenosse Wassermanns,
Agathon Geyer, verstummt ist.
Nun aber war ein anderes Ziel ihm aufgestellt. Wies
ihn die Ahnungskraft uralten Blutes zu seiner jüdischen
Herkunft — noch lebte ja der Großvater, der Seiler-
meister, das Urbild des alten Oedaljah, in Zirndorf —
so lockte ihn die fränkische Umwelt, in welcher der
Knabe aufwuchs, mit nie versagender Kraft: nicht nur
die Kornfelder und Blumenwiesen fränkischer Land¬
schaft, nein, auch die Burg von Nürnberg und die Zau¬
berkraft des Sebaldusgrabes ... „Jeremias und Veit
Stoß" seien sich in ihm begegnet, pflegte wohl ein
Freund später zu sagen. Und von nun an weiht sich
Wassermanns Lebenswerk— offen oder verhüllt — im
Grunde immer dem einen Problem: der Vereinigung
seines Deutschtums mit seinem Judentum. ,
Kaum eines seiner Werke, in dem diese Saite nicht
klingt. Zeigen die frühen Romane Momenthildcr aus dem k
Leben heutiger Oroßrtadtjuden, von denen sich der
Dichter selbst innerlich scheidet, so tauchen mit reifen¬
den Kräften immer häufiger mitten in ganz anders, ge¬
richteter Umgebung jüdische Gestalten auf, denen ein
geheimnisvoller Zauber anhaftet, als seien es Boten aus
andrer \v"< h Da j-.i die t;ipfer-uhscl:ulaige Gestalt der
kleinen Ruth in „Christian Wahnschalfe": Opfer und
Botin zugleich — fast als habe etwas vom Schicksal
ihres Volkes in ihrem rührenden Einzclschicksal Gestalt
gewonnen. Da ist die unheimliche Gestalt des Waremme
im „Fall Maurizius", des Ahtriinnigcn, der zum Mahner
der Gerechtigkeit wird. Noch im letzten Fragment des
neuen Romans „Marie" erscheint ein Ostjudenkind, der
kleine Chaim, den die Beschimpfungen seiner Alters¬
genossen so zur Verzweiflung brachten, daß er seiner
Mutter einfach weggelaufen ist. Neben dem Judcnschick-
sal, das ihn nicht losläßt, kommt ihm immer deut¬
licher die Eigentümlichkeit jüdischen Weyens in dieser
Zeit — oder in allen Zeiten? — zürn Bewußtsein. Martin
Bttber nannte es die „Polarität". — „Der Jude ist ent¬
weder der gottloseste oder der gotterfalltcste aller Men¬
schen; er ist entweder wahrhaft sozial ... oder er wi'l
in anarchischer Einsamkeit nur sich selber suchen. Ent¬
weder ist er ein Fanatiker oder ein Gleichgültiger, ent¬
weder ein Söldner oder ein Prophet ... Wo sich hin¬
gegen der Einzelne wieder des großen Zusammenhanges
bewußt wird, wo er im Schöße der Geschichte, der
Ueberlieferung ruht, wo urewige Svmbole ihn tragen,
urewige Blutsströme ihm Aclclsbewußtscin verleihen und
zugleich alles Errungene und Erworbene organisch da¬
mit verschmilzt, da mag v wohl den Weg zu Göttlichem
leichter als andere finden."
Von diesem Juden als „Orientalen, nicht im ethno¬
graphischen, sondern im mythischen Sinne", dem
schöpferischen Juden, aber trennt er unerbittlich
den Juden als Europäer und Kosmopoliten, den Schick¬
sal und Abwehr zum „Literaten" gemacht haben.
Auch seine eigene Aufgabe zeigt ihm sein Juderi-
schicksal in anderm Licht. Es ist der Kampf für die Ge¬
rechtigkeit, „die Lichtfrage", wie er sie nennt. „Daß die
A«S dem Inhalt: CarMelchior-MinisterFrick über
-....... ..... ............- die Rassengesetze — Juden auf der
Bühne —Polemik um Major Burg—Der „Cxortlcower"
(Feuilleton) — Englische Ziouistenkonfereni — Ab¬
gesagte» Kindei fett in Palästina
Belltet*. Von jüdischer Kunst — Sport — Berliner
, IIugCn ' Rundschau - Jüdisches Leben im Reich
Hebräischer Fer nuutcrriclit
Gerechtigkeit, nicht bloß als Idee, sondern als sittliche
Forderung von höchster, ungestümster Dringlichkeit das
moralische und legislative, politische und religiöse Fun¬
dament des Judentums bildet, kinn nicht bestritten
werden. Sollten sechzig Generationen imstande sein,
dieses Jief eingebrannte Geistes- und Seelenzeichen zu