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Nr. 5 4 / Jahrgang 43
Preis 25 Rpf.
JÜDISCHE RUNDSCHAU
BERLIN
ט״ז תמוז תרצ״ח
FREITAG, 15, JULI 1938
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Nr. 5 vom 1. April 1936. Di« nwölfgespaltcn« mm-Zrilc 20 Rpf, für Familien■
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Heute Schluß in Evian
Der Resolutionsentwurf — Ständiges Büro in London
Fortsetzung am 3. August
Von unserem zur Konferenz en tsandte n׳ So nd er b e rieht e r s t a 11 e r
Evian ]es Bai ns, 13. Juli
Während diese Zeilen geschrieben werden, zeigt sich
das Resultat von Evian schon in seinen großen Umrissen an.
Ais wichtigstes Ergebnis kann festgcstcllt werden, daß das
Problem der ״u !1 f r e i w i 11 i g c n Auswandcrun g“
(wie man cs hier nennt) von den Vertretern der v c r-
sammelten 32 Staaten als ein internationales
Problem, das nur mit Regierungshilfe zu m c i -
s t e r 11 ist, anerkannt wurde. Man ist sich darüber
einig, daß eine permanente, aus Vertretern der Regierungen
bestehende Körperschaft sich ständig mit dieser Sache be-
fassen muß. Ebenso einig ist man sich darüber, daß es
sich um ein überaus schwieriges und delikates Pro-
blem handelt, dessen Einzelheiten sehr kompliziert sind und
daher bei der ersten Zusammenkunft, die diesem Thema ge-
widmet war, nicht behandelt werden können. Aber nach Ab-
lauf der ersten Woche hat man doch den Eindruck, daß das
Gefühl für die Dringlichkeit der Sache sich verstärkt
hat und daß ein fester W i i I e vorhanden ist, etwas
Konkretes zu tun. Dieser Wille ging vor allem von der
Delegation der Vereinigten Staaten aus, und die anderen Teil-
nchmer der Konferenz konnten sich der Einsicht nicht ent-
ziehen. Die Einrichtungen, die in Evian getroffen werden,
sind dazu bestimmt, die Auswanderung zu erleichtern und
damit — wie es in Roosevelts Telegramm hieß — ״einer
großen Zahl unglücklicher Menschen" wieder eine Hoffnung
zu geben. Diese Hoffnung, die vor allem in allen jüdischen
Herzen schlägt, darf am Ende der Konferenz sich wieder
zuversichtlicher erheben. Evian hat zwar manche Er-
Wartungen unerfüllt gelassen, aber war doch kein Fehl-
schlag.
Der weitere Fortgang
Die Konferenz, wie sie fälschlich genannt wird, ist in
Wahrheit gar keine ״Konferen z“. ihre Teilnehmer wen-
den sich gegen diese von der Presse gebrauchte Bezeich-
nung und betonen, daß es sich nicht um eine Konferenz
handle, sondern um ein ״Komitee von Regierungen" (״Co-
mite intergouvernemental“). Damit ist auch der allem Demon-
strativen abholde A r b e i t s Charakter der Veranstaltung ge-
kennzeichnet, ferner ist schon.in diesem Namen angcdcutet,
daß es sich um eine ständige Einrichtung handeln soll.
Diese Feststellung ist der Kernpunkt der Resolution, die
für Freitag vorbereitet wird und deren von den Delegierten
von USA., England und Frankreich ausgearbeiteter Ent-
wurf bereits bekannt wurde. Dieser Entwurf wird jetzt von
den einzelnen Delegationen beraten. Wie man hört, sind
einige Acnderungsvorschlägc gemacht worden; die siid-
amerikanischen Staaten haben sich telegraphisch oder telepho-
nisch mit ihren Regierungen in Verbindung gesetzt. Der
endgültige Text, der Freitag angenommen werden wird,
stellt also noch nicht fest. Man kann auch annehmen, daß
gewisse bei solchen Gelegenheiten auftauchende Gefühls-
momente eine Rolle spielen, so z. B. die Abneigung der
kleineren Staaten, das, was die drei großen untereinander ver-
einbaren, einfach unverändert hinzunehmen. Donnerstag ist
französischer Nationalfeiertag; er wird zu einer internen Aus-
spräche über die etwaigen Abänderungsvorschläge benutzt
werden, und es besteht kein Zweifel, daß am Freitag in der
öffentlichen Sitzung die Resolution in solenner Form ange-
nommen werden wird.
Was steht In der Resolution?
Der E n t w u r f, der, wie gesagt, noch nicht end-
gültig ist, charakterisiert in einer Präambel die durch die
Auswanderungswelle erzeugten Probleme, vor allem die Gc-
fahren einer Störung der Wirtschaft; eine chaotische Emi-
gration, die nicht geordnet und finanziell fundiert ist, könne
für die aufnehmenden Länder schwere Spannungen mit sich
bringen. Es ist dann die Rede davon, daß ein Programm
auf lauge Sicht ins Auge gefaßt werden muß, und zwar
sowohl für die bereits vor sich gegangene als auch für die
noch zu erwartende Wanderung, und daß hei dem Bestreben,
eine Lösung hierfür zu finden, alle daran interessierten L.äit*
der Zusammenarbeiten sollen. Nach dieser Präambel,
in der auch eine dankbare Anerkennung der Initiative des
Präsidenten Roosevelt enthalten ist, kommen eine Reihe von
Empfehlungen. Zunächst wird gesagt, daß in den Be-
reicli der Tätigkeit des Komitees die Personen fallen, die ihr
Ursprungsland bereits verlassen haben und die in Zukunft
aus zwingenden Gründen auszuwandern wünschen, wohin-
gegen die teilnehmenden Regierungen das Komitee ständig
zu informieren haben über die Details ihrer Immigrations-
gesetze sowie über die Zahl und den Typ der Einwanderer,
die jedes einzelne Land aufnehmen kann. Die Einwanderungs-
!ander mußten — so heißt es weiter — die Möglichkeiten Öko-
nomischer und sozialer Eingliederung berücksichtigen; und
cs wird nochmals betont, daß die Regierungen der Eimvandc-
rungsländer keine finanziellen Lasten für die wirtschaftliche
Eingliederung der Einwanderer übernehmen können. Eine
Versammlung von Vertretern aller in Evian anwesenden Re-
gierungen wird zu einer Fortsetzung des Werkes von
Evian in London zusammentreten. Diese Körperschaft wird
einen Präsidenten und vier Vizepräsidenten haben; der Präsi¬
den! wird ein Engländer sein, die Stelle der Vizepräsidenten
wird besetzt von USA., Frankreich, einem Sudamcrikaner
und einem Skandinavier (möglicherweise :11.1111 ־ an dessen
Stelle ein zweiter Sudamcrikaner, mit Rücksicht aut die große
praktische Bedeutung der sinlamerikanischen Funder als Ein-
wanderungs/entren), Ob die in den C.oui :!1 w :nitgetauchte
.<; 011 , richtig ist,^ lalit^ sich schwer beurteilen; von manchen
dein mit den vier Vizepräsidenten werden ^ cim ׳ Art ..Ixe-
der im Einvernehmen mit Präsident Roosevelt ernannt wird.
Wie schon in der vorigen Nummer berichtet, denkt man an
einen Mann ersten Ranges. Die Beiniihungeii, Taylor
zur Uebcrnahmc dieses ,Amtes zu bewegen, hatten bisher
keinen Erfolg; man hört nun au erster Stelle den Namen des
früheren amerikanischen Außenministers S t i m s o 11 nennen,
doch mahnen Erfahrungen bei früheren Anlassen zur Vorsicht
in bezug auf solche Gerüchte, die häufig ohne Wissen des
Betroffenen entstehen. Der Direktor wird die Aufgabe haben,
die Bedingungen, unter denen die Wanderung vor sich geht,
zu verbessern und alle hierfür notwendigen Verhandlungen
zu führen. Zum Schluß wird -- um die noch vorhandenen
Anhänger der Völkerhundsmaschinerie zu befriedigen noch
erwähnt, daß der Direktor eine Methode der Zusammenarbeit
mit der Refugic-Abtcilung des Völkerbundes, des unter Lei-
tung von Sir Neill Malcolm stehenden Amtes, finden soll.
Die nächste Sitzung in London ist f u r 11 e n
3. August in Aussicht genommen. Diese Sitzung
soll auch, wie cs in der Resolution heißt, die Verteilung der
Kosten des Ständigen Sekretariats beschließen.
Optimismus greift Platz
Nachdem man einmal verstanden hat, daß es unmög•
lieh ist, in Evian einen endgültigen Plan der Aus-
Wanderung und Wiedereinwamlerung auf/tMellen oder von
den Regierungen etwaiger Einwanderung;!,wider öffentliche
Erklärungen über ihre Bereitwilligkeit zur Zulassung einer
ziffernmäßig bestimmten ziis;i1/|iehen Anzahl von Immigranten
zu erhalten, darf man das Resultat von Evian zunächst als
befriedigend bezeichnen. In der Tat ha! auch nach der
ersten Welle der Entt;msclm! 1 g eine optii!n;tis c h e r e
Stimmung Platz gegriffen. Alles wird nun davon ahhatigen,
was der mit großen Vollmachten «ungestaltete Direktor, der
mit dem ganzen Prestige seiner Persönlichkeit und der hinter
der Sache stehenden 32 Regierungen auftreteu kann, erreichen
kann. Bisher gißt es, wie gesagt, keine Zusicherungen. Auch
die von Lord Wintert 011 am er ,-den Tag in seiner Rede
die noch ^ kein endgültiges A 11 f e n 11 ן a 11 s r c c 11 t und Ar-
nicht atiigegriffen. Auch dies bleibt also mm Aufgabe für
den Direktor, nachdem der nuel 1 tlmgsko 11 ״ ni;mir des Völker-
blindes in dieser Hinsicht nicht viel erreichen konnte (ge-
wisse Erleichterungen sieht die diesbezügliche Genfer Conven*
iion vom 10. Febr. 1938 vor). Die Regelung dieser Sache ist für
Tausende von Menschen eine Grundbedingung ihrer Exi-
stenz im buchstäblichen Sinne. Einige Länder betonten frei-
lieh, daß sie sich nur als D 11 r c 11 g a n g s 1 ä n d e r für die
Wanderung betrachten, d. h. also keine Erlaubnis für stän-
digen Aufenthalt zu geben gedenken (z. B. die Schweiz);
andere wieder erklärten sich bereit, als: Asyl zur Unischich-
tung und Ausbildung zu dienen, nicht aber für endgültige
Funwanderung. Alle diese Fragen hangen zusammen, da ja
eine ״ D u r c h Wanderung■‘ in irgendeiner Form nur mög-
lieh ist ־ , wenn ein Land vorhanden ist, das als endgültiges
Ziel in Betracht kommt. Die Konferenz betrachtet als drin-
gendste Aufgabe die Fürsorge für die Juden aus Deutsch-
land (einschließlich Oesterreichs); sie wurde aber von den
Ue&ei&Uek
Der Terror in Palästina hielt auch in den letzten Tagen
an. Bei verschiedenen Uehcrfällcn in den Städten und
auf dem ^ Land wurden elf Juden getötet und
ei”(’ große Zahl von Leicht■ und Selnvcrvevlcizlen ge•
Drei zum Tode verurteilte Araber ivurden hinge•
r i c h lei.
Benjamin Car dazu, Mitglied des Obersten Gerichtshofs
der Vereinigten Staaten, ist gestorben.
Die Haupt-Delegierten der drei Großmächte int Garten des Holet von links nach rechts: Henri Börcngcr (Frank -
reich), der Präsident der Konferenz Myron Taylor (fjSA.), Lord WinteHah (England)