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JÜDISCHE RUNDSCHAU
Nr. 1, 3.1. 1933
Hierbei muß man sich noch vor Augen halten, daß mit der
Gruße des Vermögens seine Feststellung Wiel schwerer wird,
und daß dadurch gerade die Reichen — im Gegensatz zu dem
Mittelstände — die Möglichkeit haben, die Zahlung der vollen
Steuer zu umgehen.
2. Die Finanzlage der Regierung.
Es ist nicht einzusehen, weshalb die Regierung gerade den
jetzigen Zeitpunkt zur Einführung der Einkommensteuer für
richtig hält. Die Finanzlage der Palästina-Regierung ist glän-
zend. Sie hat in den letzten fünf Jahren beträchtliche Lieber-
schüsse der Einnahmen über die Ausgaben erzielt (ungefähr
1 Million Pfund) und steht damit einzig in der Weit da ln
anderen Ländern ist die Einkommensteuer eingeführt worden,
weil die Regierung kein anderes Mittel hatte, lim ein Defizit
in ihren Einnahmen zu decken. In Palästina besteht kein solches
Bedürfnis.
3. Die Steuerbelastung der Fellachen.
Als Hauptgrund für die Einführung der Einkommensteuer
wird angegeben, daß die jetzt auf den Fellachen liegende Steuer-
last zu groß sei und erleichtert werden müsse. In Wirklichkeit
ist aber’ diese Begründung durchaus nicht stichhaltig. Nach
dem Budgetvoranschlag der Regierung für das Jahr 1932 33
figuriert unter den Gesamteinnahmen von £ 2 361000 der
()scher (tithes) mit £ ISO OCX). Da im Jahre 1930 die Juden
von dem Oscher £ 20 0«) gezahlt haben und sie infolge der
enorm vergrößerten Anbaufläche für Orangen und des Fort-
Schrittes ihrer Siedlungen im Jahre 1932 33 schätzungsweise
£ 30 000 Oscher bezahlen werden, entfallt auf die arabischen
Fellachen £ 150 000. Hierzu kommt noch der Wer ko (land
tax), der im Etatvor,•inschlage der Regierung für 1932 33 mit
£ 210000 angeset/t ist. Die Juden bezahlten für Werko im
Jahre 1030 in der, Dörfern £ 11 ()(!O, in den Städten £ 67 600
/davon in Tel-Awhv allem £ 25 40(1), zusammen £ 79 200. Mit
Rücksicht darauf, daß die Juden in den Städten seit Jahren
ständig neuen Boden erworben und viele neue Häuser gebaut
haben, und daß der Werko in den Städten im Jahre 1931
von 0 ״ , au f j, r n erhöht wurde, dürfte die von ihnen im Jahre
1932 33 zu bezahlende Summe £ 120()«) erreichen oder sogar
übersteigen. Auf die Araber würden hiernach £ 129 000 ent-
fallen, beider fehlt es an Angaben darüber, wie sich diese
Summe hei den Arabern auf Stadt und Land verteilt. Da aber
1 - v.ukn Im dH aialimt heu D . ־׳ tu auf eine sehr alte
(!er obigen' Summe von £ 129 00 ״ mindestens die ״ Hälfte und
(Kciicr und Werko im Jahre l<H2 33 nufziibringen hat, beträgt
also maximal £ 13'MI'i() pb.is £ h ! )(>99, d. h. .£ 210 000. Da
es in Palästina zurzeit etwa 100 090 Lellachenfamilicn gibt, ist
die Belastung pro Familie nur etwas über £ 2. Abgesehen
vom Oscher und Werko steuert der Fellache zu den Ein-
nahmen der Regierung nur sehr wenig bei. An den Haupt-
einnahtnen der Regierung, nämlich £ 920 000 aus Zöllen, ist
der Fellache wenig beteiligt, da er in seinem Haushalt impor-
tierte zollpflichtige Waren nur in winzigem Maße gebraucht.
Die Viehsteuer, welche im Budgetvoranschlag der Regierung
für 1932 33 mit £ 42 000 eingesetzt ist, fällt nicht auf die
Fellachen, sondern auf die heduinischc Bevölkerung, die dafür
von der Zahlung des Oschers und Werkos befreit ist.
Die Behauptung, daß der Fellache im Vergleich mit der
übrigen Bevölkerung zu hohe Steuern zahle, war richtig in der
türkischen Zeit, als der Oscher eine der Haupteinnahmen der
Regierung bildete und von Steuerpächtern in erpresserischer
Weise beigetrieben wurde. Aber seitdem sind die Einnahmen
aus dem Oscher im Verhältnis zu den Gesamteinnahmen der
Regierung ständig zurückgegangen, wie aus der folgenden Ta-
belle ersichtlich ist.
Wenn man heute noch davon spricht, daß der Fellache ver-
hältnisniaßig zu Dark zu den Steuern herange/ogen wird, so
übernimmt man kritiklos eine Behauptung, die früher einmal
riduig war, auch für die Gegenwart, wo sie nicht mehr richtig
ist. Darüber, daß die Lage des F( ׳ Hachen unbefriedigend ist,
besteht kein Zweifel. Aber man macht sich die Sache zu leicht
und verwechselt Ursache und Wirkung, wenn man die schlechte
Lage des Fellachen auf eine angeblich zu hohe Steuerlast zu-
rückiubrt. Nicht die hohe Steuerlast ist die Ursache für die
schlechte l äge des Fellachen, sondern die schlechte Lage ist
die Ursache, daß ihn auch eine geringe Steuerlast schwer trifft.
Der Fellache kann nur dadurch aus seiner Misere herauskom-
men, daß er durch Schaffung von billigem Kredit aus den
Händen der Wucherer befreit wird, und daß ihm die ,Möglich-
keit gegeben wird, seine rückständige Wirtschaft den neuen
Bedingungen der Weltwirtschaft anzupassen. Aber das ist
natürlich ein Prozeß, der eine geraume Zeit beansprucht. Nicht
von heute aut morgen läßt sich diese Umwandlung: durch-
führen. Sollte inzwischen der Fellache auch die geringe Steuer,
die er zu zahlen hat, nicht aufbringen können, so kann die
Regierung ihm, wie sie es in den letzten Jahren schon wieder-
holt getan hat, Stundung oder Nachlaß der Steuer gewähren,
ohne daß sie deshalb eine Einkommensteuer einzuführen
braucht. Der Ausfall in den Einnahmen, der durch einen solchen
Stcuernarhlaß entstehen kann, ist nach den oben angegebenen
Ziffern relativ gering und kann aus den Ueberschüssen der
Regierung oder durch Ersparnisse bei gewissen Ausgaben ohne
Schwierigkeit gedeckt werden.
4. Hohe Administrationskoslen der Einkommensteuer.
Die Einkommensteuer ist unter allen Steuern wahrschein-
lieh diejenige, welche die höchsten Administrationskosten erfor-
dert. Sie verlangt eine Evidenzhaltung des Vermögensstandes
jedes einzelnen Steuerzahlers und ein ausgedehntes System der
Kontrolle und der Recherchen über alle Einkommensquellen
des Steuerzahlers. Diese Kontrolle muß natürlich um so schärfer
und ausgedehnter sein, je weniger zuverlässiger und präziser
die Angaben der Steuerzahler selbst sind. Es wird dadurch
notwendig, viele neue Beamten anzustelien und den ohnehin
schon hohen Beamtenetat der Palästina-Regierung noch weiter
zu erhöhen. Die hohen Verwaltungskosten der Einkommen-
Steuer bringen die Gefahr mit sich, daß der Steuersatz, mag
er auch im Anfang niedrig gehalten sein, sehr bald erhöht wird,
denn der Kontroll- und Beamtenapparat bleibt der gleiche, einer-
Ici, ob der Steuersatz 2 0/0 oder 20 00 ־ vom Einkommen beträgt.
Das ist natürlich eine ständige Versuchung für die Regierung,
zur Verringerung der Proportion zwischen Verwaltungsspeseh
und Ertrag der Einkommensteuer den Steuersatz zu erhöhen.
Im Irak, das als einziges von alien ehcmaK türkischen Ländern
im Jahre 1927 die Einkommensteuer eingeführt hat, betrug der
Steuersatz im Anfang nur 3,63 °/0 des Einkommens und jedes
Einkommen bis zu £ 390 blieb von der Steuer befreit. Aber
schon im Jahre 1930 wurde das steuerfreie Einkommen auf
£ 150 heruntergesetzt und die Steuersätze (ür Einkommen von
£ 150 -300 aut 6 °, 0 ׳ und für Einkommen über £ 300 auf 9 ״ /o
heraufgesetzt. Trotzdem ergab die Steuer nur geringe Erträge,
nämlich
im Jahre 1927/28 ca. £ 14 000 = 0,3 G \
0 / 0 1 0,7 ־= 000 28 ״ ״ 29 1928 ״ ״ der gesamten
0/0 0,9 000 45 ״ ״ 30 1929 ״ I Steuereinnahmen
0 » 1,4 = 000 64 ״ ״ 1930/31 ״ ״ J
Es geht daraus hervor, daß die Einkommensteuer kaum
mehr wie 1 0/0 aller Regierungseinnahmen erbracht hat. Dieser
Versuch im Irak kann also keineswegs als ein Erfolg angesehen
werden.
5. Steuerbelastung von Juden und Arabern.
Eine Einkommensteuer würde wahrscheinlich zu einer höhe-
ren Belastung der Städter zugunsten der Landwirte führen,
weil in den Städten die wirtschaftliche Bildungsstufe größer
ist und weil bei einer Befreiung der kleineren Einkommen von
der Einkommensteuer der allergrößte Teil der Landwirte keine
Einkommensteuer zu zahlen haben wird. Diese Neubelastung
der Stadt wird sich besonders zuungunsten der Juden atiswirken.
ln Polen, wo die Regierung die Tendenz hat, die Steuerlast
vom Dorfe auf die Stadt zu verschieben, haben unter dieser
Tendenz die Juden als Stadtbewohner besonders zu leiden.
In Palästina liegen die Verhältnisse insofern ähnlich, als auch
hier die Juden zu etwa 80 0 / 0 , die Araber dagegen nur zu etwa
30 0/0 in den Städten wohnen. Die Juden tragen ohnehin schon
zu den Steuereinnahmen der Regierung in einem Maße bei,
der ihren Anteil an der Bevölkerung (17 0 / 0 ) weit übersteigt.
Der Statistiker David Gurevich in Jerusalem hat die Einnahmen
der Regierung für das Jahr 1930 daraufhin untersucht, in
welchem Maße sie von Juden und Arabern aufgebracht werden.
Herr Gurevich wird die Resultate seiner Untersuchung dem-
nächst veröffentlichen; er war aber bereits so freundlich, mir
einige Ziffern zur Verfügung zu stellen. Es ergibt sich daraus,
daß die Juden im Jahre 1930 beigetragen haben zu den direkten
Steuern:
1. Werko, Oscher ft Liccnces £ 119 000 = 0 0 26 ־
2. Einfuhrzölle 421 ״ CTO = 0/0 40 ־
3. Exeise on Drinks, Tobacco
Matches ft Salt 0/0 42 = 000 86 ״
4. Stamps 45 000 21 ״ <£,
5. Land Rcgistration Fees ,, 54 000 —- 75 0/0
Zusammen £ 701 0Ü0 = 39,5 °/ 0 .
6. Post, Telegraph u. Telephon £ 111 000 = 50-57 0 ־״
7. Eisenbahnen 0 / 0 49 — 37 = 000 142 ״
8. Fees of Courts or Offices 0 /<> 45 =־ 000 76 ״
9. Verschiedene Einnahmen 0 « 43 — 000 15 ״
der ge-
׳ Ein-
6. Gefahr der Verscheuchung neuen Kapitalzuflusses.
Es ist zwar richtig, daß der erste Anstoß für den Zufluß
von Kapital nach Palästina nicht in Profitrücksichten, sondern
in dem Interesse der Juden an der wirtschaftlichen Entwicklung
des Landes liegt, das ihnen teuer ist. Aber wirtschaftliche Er-
wägungen spielen dabei natürlich auch eine Rolle und fallen
durchaus nicht in allen Punkten zugunsten Palästinas aus. Bet
dem relativ hohen Standard of Life in Palästina ist dieses
Land gegenüber den Nachbarländern dadurch im Nachteil, daß
die industriellen Unternehmungen in Palästina höhere Löhne
zahlen und den Arbeitern bessere Arbeitsbedingungen geben
müssen, als es 7. B. in Syrien der Fall ist. fin vorigen Jahre
wurde aus diesen Gründen eine Textilfabrik von Palästina nach
Syrien verlegt. Gegenüber diesen Nachteilen war die Be-
freiung von der Einkommensteuer in Palästina für viele curopä-
ische Kapitalisten ein gewichtiges positives Argument zugunsten
von Palästina. Wenn jetzt in Palästina eine Einkommensteuer
eingeführt wird, so besteht in viel größerem Maße die Gefahr,
daß Kapital, das für Palästina bereit steht, nicht herüberge-
bracht wird oder daß industrielle Unternehmungen statt in Pa-
lästina in Syrien gegründet werden, wo keinerlei Einkommen-
Steuer besteht. Die Regierung, für die bisher der dauernde
Zufluß jüdischen Kapitals und jüdischer Einwanderer die Haupt-
quelle ihrer steigenden Einnahmen war, sollte sich sehr davor
hüten, durch Steuerexpcrimente diesen Kapitalszufluß zu ver-
scheuchen.
7. Die Einkommensteuer — ein neuer Konfliktstoff.
Die Einkommensteuer stößt nicht nur bei den Juden, son-
dern auch hei einem großen Teil der Araber in Palästina auf
scharfen Widerstand. Die Regierung sollte sich sehr überlegen,
oh es wünschenswert ist, in einem Lande, in dem es an Kon-
flikten ohnehin nicht fehlt, noch einen netten Konfliktstoff zu
schaffen, zumal, wenn der Erfolg, den sie mit der Einkommen-
Steuer erreichen will, so problematisch ist wie wir cs oben
dargestellt haben.
8. Allgemeine Reform des Zoll- und Steuer-Systems.
Wenn wir uns gegen die Einführung einer Einkommensteuer
wenden, so bedeutet das nicht, daß das jetzt in Palästina geh
teride Steuer- und Zollsystem so ideal ist, daß es keiner Aende-
rang mehr bedarf. Im Gegenteil; wir glauben, daß eine Aende-
rurip durchaus wünschenswert ist, daß sie aber auf anderem
Wege als durch Einführung einer Einkommensteuer erfolgen
soll. Das jetzige Steuersystem in Palästina geht in den Grund-
zögen aut das alte türkische Steuersystem zurück, nach welchem
alle Steuern (wenn man von der Gewerbesteuer absieht, die
nur wenig einbrachte) nur auf das unbewegliche Eigentum
fielen. Das bewegliche Eigentum, d. h. alle Industriellen, Kauf-
leute. Handwerker, freie Berufe, waren von jeder Steuer be-
freit, soweit sie nicht Boden oder Häuser besaßet). Es liegt kein
Grund vor, diese Unterscheidung zwischen dem steuerpflich-
tigen unbeweglichen Eigentum und dem steuerfreien beweg-
liehen Eigentum in alle Ewigkeit aufrecht zu halten.
Aber jede Aenderung des Steuersystems muß so beschaffen
sein, daß dadurch der Zufluß von Kapital, von dem die weitere
wirtschaftliche Entwicklung Palästinas zum großen Teil ab-
hängt, nicht verstopft wird und sie muß auf die Rückständigkeit
der wirtschaftlichen Bildung und der Steuermoral Rücksicht
nehmen. Ebenso wichtig wie eine Aenderung des Steuersystems
ist eine Aenderung des Zollsystems . Das Zollsystem Palästinas
ist ebenfalls aus türkischen Zeiten übernommen, als es lediglich
fiskalischen Zwecken diente und auf die eigentlichen wirt-
schaftlichen Bedürfnisse des Landes nur geringe Rücksicht nahm.
Zwar hat die englische Verwaltung versucht, durch Exemptio-
nen die schwersten Mißstände dieses Zolltarifs zu mildern, aber
zu einer radikalen Aenderung des Systems ist sie bisher nicht
gekommen. Es ist notwendig, den Zolltarif den Bedürfnissen
der wachsenden palästinensischen Verhältnisse der Industrie an-
zupassen und andererseits mehr als es bisher geschehen ist
zwischen den lebensnotwendigen Importwaren, deren Zoll er-
.mäßigt werden mußte, und den Luxuswaren, die einen höheren
Zoll vertragen, zu unterscheiden.
Aber diese nllgcmcinc Reform des Steuer- und Zollsystems
bedart einer gründlichen Vorbereitung. Die Regierung muß
in viel größerem Maße als bisher Einzelheiten über ihre Eia-
nahmen aus Zöllen und Steuern veröffentlichen, damit Klarheit
darüber geschaffen wird, in welchem Umfange die einzelnen
Schichten und Klassen der Bevölkerung zu den Einnahmen bei-
tragen. Sie muß ferner klarstellen, in welcher Weise die Steuer-
last durch die beabsichtigte Reform verschoben wird. Die Samm-
lung dieses Materials und seine Diskussion in der ()öffentlich-
keit verlangt natürlich Zeit. Aber glücklicherweise haben wir
ja hier keinen Notstand vor uns, der sofortige Abhilfe er-
heischt. (Wenn die Lage der Fellachen eine baldige Maßnahme
erfordert, so kann sie, wie oben erwähnt, ohne Einführung
der Einkommensteuer aus den Ueberschüssen der Regierung
ertolgen.) Durch eine gründliche und systematische Unter-
suchunp aller Einnahmequellen der Regierung ist zu hoffen,
daß eine dem gegenwärtigen Zustande des Landes und seinen
Bedürfnissen angepaßte Steuerreform herauskomrnen wird, statt
daß, wie cs durch die Einkommensteuer geschähe, auf ein
mangelhaftes Steuersystem ein neuer Flicken aufgesetzt wird.
in summa: Wenn man die Einkommensteuer, die für wirt-
schaftlich und kulturell fortgeschrittene Länder paßt, in das
rückständige Palästina einführt, so wird daraus für die fis-
kalischcn Interessen der Regierung kein großer Nutzen, aber für
die wirtschaftliche Entwicklung Palästinas ein großer Schaden
entstehen, weil dadurch der Zufluß von Kapital, der die Lebeift-
ader Palästinas ist, unterbunden würde.
NSDAP, und tschechische Nationalsozialisten
Von unserem Korrespondenten.
h. 1. Prag, 1. Januar 1933.
Die ״C.-V.-Zcitung“ brachte in ihrer letzten Ausgabe einen
Beitrag Dr. Rudolf Früchts, der einen Vergleich zwischen
den tschechischen und deutschen Nationalsozialisten zog und
zu dem Schlüsse gelangt, daß es sich bei den ersteren um eine
seriöse Partei handelt, der jeglicher Antisemitismus fernliegt.
Die Analyse ist nur zum Teil richtig. Es stimmt, daß die
Partei der tschechischen Nationalsozialisten schon über 30
Jahre alt ist, bedeutende Staatsmänner des tschechischen V 01 -
kes hcrvorgcbracht hat und sich nicht nur als Arbeiterpartei
bezeichnet, sondern auch tief in den Kreisen der Arbeiterschaft
verankert ist. Aber mit den deutschen Nationalsozialisten hat
sie immerhin gemein, daß ihre Hauptstütze der kleine Mann
aus den Mittelschichten darstellt, dessen Horizont recht enge
ist und um dessen Gunst sie ständig buhlt. Dieser kleine Mann
ist nun durchaus kein Gegner des Antisemitismus, wie aus den
Ausführungen Dr. Früchts hervorzugehen scheint. Der Anti-
semitismus spielt aber in seinem Leben momentan keine sicht-
bare Rolle, einerseits weil der Nationalitätenstreit — insbeson-
dere mit den Ungarn und Deutschen — in viel größerem Maße
seine Gruppeninstinkte aufstachclt und in Anspruch nimmt,
andererseits weil die Juden im tschechischen Sprachgebiet auch
zahlenmäßig keine große Rolle spielen. Das alles hindert jedoch
die tschechischen Nationalsozialisten nicht daran, wann immer
sie es für opportun halten, in ihrer Presse antisemitische Töne
anzuschlagen. So haben sie im Vorjahre, als in Karpathorußland
der Versuch unternommen worden war, einen Ritualmordpro-
zcß in Szene zu setzen, eine Zeitlang den Arrangeuren dieser
Komödie hilfreich sekundiert und ihre Schreibweise erst auf
energisches Einschreiten der Jüdischen Partei aufgegeben. Des-
gleichen haben sie jüngst, als es in einem slowakischen Dorfe
anläßlich einer Exekution zu Ausschreitungen und Schießereien
kam, die Schuld an diesen Vorgängen sogleich den Juden in
die Schuhe geschoben, obgleich in dieser Gegend weit und breit
kein Jude wohnt und auch der betreibende Gläubiger ein
Tscheche war. Die politischen Instanzen der Partei, in denen
keine Juden vertreten sind, halten sich in ihren Ennuntiationen
und in ihrer politischen Linie im Parlament völlig von anti-
semitischen Hetzereien fern. Die Presse der Nationalsozialisten
dagegen, die besonders in Prag die stärkste Auflage aller
tschechischen Zeitungen erreicht, verläßt oft genug diese Linie.
Das Interessante daran ist jedoch der Umstand, daß gerade
hier in den Redaktionen eine Reihe t sch echi scher
assimilierterjuden hervorragende Positionen einnimmt.
Man kann aus der Darstellung dieser Gegebenheiten un-
schwer erkennen, daß die Situation der Judenheiten in fast
allen Ländern prinzipiell gleich ist und daß es nur_ auf be-
stimmte Konstellationen ankommt, damit die latente Spannung
gegen die jüdische Minderheit akute Formen annehme.
Die ״ Affäre" Salomon Dyk. Aus der Tagespresse konnte
die Öffentlichkeit erfahren, daß unser Gesinnungsgenosse,
Domänendirektor Salomon Dyk, Gegenstand heftiger Angriffe
i !1 der antisemitischen Presse ist. Mit kurzen Unterbrechen-
gen ist Salomon Dyk in Deutschland seit dem Jahre 1907 tätig.
Er betätigte sich besonders auf dem Gebiete der Moor-Urbar-
machungs-Wirtschaft, wofür er im Jahre 191S mit dem Ver-
dienstkreuz der Kriegshilfe ausgezeichnet wurde. Im Jahre 1920
wurde Dyk in die neugegründete Siedlungs-Treuhand G.m.b.H.
in Berlin als Geschäftsführer entsandt. Diese Gesellschaft fand
wegen ihrer Gemeinnützigkeit staatliche Förderung, die sich auf
50 0 ״ des Gcsamtkapitals belief. Nunmehr wurde von antisemi-
scher Seite auf Grund einer Denunziation eines entlassenen
getauften Angestellten der Gesellschaft die Forderung gestellt,
daß Dyk, der ehemals österreichischer Staatsangehöriger war
und nunmehr polnischer Staatsangehöriger ist, fristlos ent-
lassen werden soll, weil mau dem Staat nicht zumuten könne,
zuzulassen, daß der Geschäftsführer einer vom Staate subven-
tionierten Institution ein ״ galizischer Jude“ sei. Die preußische
Regierung hat dem Drucke der Antisemiten nachgegeben und
stellte bei der Verwaltung der Gesellschaft die Forderung, Dyk
zu entlassen. Da jedoch Dvk einen bis zum Jahre 1940 laufen-
den Anstellungsvertrag in Händen hat und seine Obliegenheiten
mit größtem Erfolge versieht, hat sich der Gesellschaftsvorstand
geweigert, die Forderung der preußischen Regierung zu er•
füllen. Eine amtliche Erklärung teilt nun mit, daß die Regie-
rung angesichts dieser juristischen Sachlage andere Möglich-
keiten erwäge, 11 m ihre Forderung durchzusetzen. Wir werden
auf die weitere Entwicklung dieser Angelegenheit noch zurück-
kommen. ______
Aut dem jüdischen Friedhof in Osthofen (Rheinhessen)
wurden zwei schwere Grabsteine umgestürzt. Am Eingang des
Friedhofes wurde eine Ruhebank herausgerissen und umge-
worfen. — In Frenz bei Düren i. Rheinland wurden auf dem
jüdischen Friedhof zwei Grabsteine zerstört und mehrere Grä-
her beschädigt. Die eiserne Eingangstür zum Friedhof wurde
zertrümmert. Da in dem Ort nur noch wenige jüdische Familien
wohnen, wurden die Zerstörungen erst spät bemerkt.
״ Unser Recht auf Arbeit". Die Vereinigte Zentrale für Jü-
dische Arbeitsnachweise in Deutschland (Berlin-Charlotten-
bürg, Kantstr. 158), hat eine überaus lesenswerte Broschüre
unter dem Titel ״ Unser Recht auf Arbeit“ herausgegeben, in
dieser Broschüre wird in kurzer, übersichtlicher und cindrucks-
voller Zusammenfassung die Situation des jüdischen Arbeit-
nehmers dargestellt. Die ״ Jüd, Rundsch.“ hat in einem Leit-
artikel in Nr. 88 vor. Js. sich mit diesem Gegenstand ausführlich
beschäftigt. Die vorliegende Broschüre bringt dazu eine ganze
Reihe konkreter Illustrationen aus detn wirklichen Leben. Es
wäre zu wünschen, daß die Broschüre in die Hände möglichst
vieler Juden, vor allem der jüdischen Arbeitgeber, komme.