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jüdische Rundschau
Nr. 72. 8. IX 1933
auch sie bestimmt nur einen Teil des geistigen Raums unseres
Sclücksals und nur zu einem Teil unsere existenzielle Wirk-
liclikeit. Aber für das hcranwachsende Geschlecht verengert sich
von Tag zu Tag der Bezirk, in dem deutsche Volkheit Schicksal-
gestaltend ist und in eben demselben Maße vergrößert sich der
Raum, in welchem jüdische Volkheit Schicksal-gcstaltend wirkt.
Das bedeutet: unser Lebensraum ist grundlegend verändert 1 ).
Aus einer ״jüdischen Gemeinschaft“ in Deutschland entwickelt
»ich (schneller als man ru begreifen gewillt ist) dieGemcin-
Schaft der deutschen Juden. Die unerbittliche Logik
der Verhältnisse ist das Feuer, das sie zusarnmenschweißt. Sie
»chalft zu den bereits vorhandenen biologischen, gemeinschafts-
bildenden Faktoren den historischen hinzu oder richtiger: sie
erneuert ihn, indem sie ihn wieder ins Bewußtsein zwingt.
Unser, der in Deutschland lebenden, lebenwollenden oder leben-
müssenden Juden neuer Lebensraum ist die Gemeinschaft der
deutschen Juden, ob wieder Gliedschaft in ihr teilhaftig sein
wollen oder nicht.
Welchen Namen aus der politischen Terminologie man
dieser Gemeinschaft zuerteilen will, ist in diesem Zusammen-
hang ohne Bedeutung. Die Situation, in der die deutschen
Juden sich heute befinden, ist ohne Analogie in der jüdischen
Diaspora und ohne Analogie in der Geschichte der Völker.
Es ist nicht anzunehmen, daß die deutschen Juden durch den
Uebcrgang zu einer ״zweisprachigen“ Kultur die Bezeichnung
einer nationalen Minorität zu verdienen suchen. Andererseits ist
es sehr wohl denkbar, daß der Staat den Juden den Charakter
einer nationalen Minderheit zubilligt. (״Sic sollen ihre eigenen
Lebensordnungen und ihre eigene Kultur durchbilden — bei
uns im Rahmen einer nationalen Minderheit.“ — Professor
E. K r i e c k.) Für die Klärung der Frage unseres gegenwärtigen
Lrbensraumes, d. h. unserer objektiven Situation, sind solche
subjektiven, auf ein Gewolltes hinzielenden Entschließungen
nicht von Wichtigkeit.
Mit der Erkenntnis unseres Lebensraumes ist über das Jetzt
Urul Hier der jüdischen Schule entschieden. Sie formt sich nach
Seinem inneren Gesetz, ihre Umgestaltung entsprechend dem
neuen Lebensraum ist bereits im Gange, nicht deshalb, weil
dieser oder jener Kreis die Umgestaltung will, sondern weil
der objektive Geist der Gemeinschaft der deutschen Juden,
dieser wie ein Funke aus dem Zusammenbruch, aus der Vcr-
wirrung, aus den Versuchen zur Sammlung und zu jüdischer
Besinnung aufgesprungene neueGeist sc 11 o na m Werke
ist. Ueberaitete Parteien mögen noch eine Weile über das Oh
lind Wie der Schule miteinander diskutieren, Indolenz mag noch
«ine Zeitlang ihre frische Entfaltung hemmen: sie werden sich
»icht behaupten können gegen die Uebermacht des Lebendigen,
«las durch die Tatsache einer neuen Gemeinschaft der deutschen
Juden gegeben ist.
Damit sind wir zu dem Punkte gelangt, von dem aus
wir die Situation der jüdischen Schule nicht mehr in ihrer
Tkziehungslosigkeif sehen, in die sie durch die Umgestaltung
der Verhältnisse in Deutschland geraten war, sondern in ihrer
neuen Beziehung zu einer neuen Gemeinschaft. Diese neue Be-
Ziehung wird uns völlig deutlich, wenn wir sie mit der ver-
gleichen, die die jüdische Schule zu der alten ״jüdischen
■Gemeinschaft" in Deutschland hatte. Jene Schule versuchte
*eine wesensdeutsche Schule zu sein, indem sie den geistigen
*Gehalt des Deutschtums fortpflanzen wollte. Da es eine wirk-
liehe, d. h. eine —in dem obengenannten Sinne einer Wechsel-
beziehung zwischen existenzieller Wirklichkeit und geistigem
Raum des Schicksals — wirkende Gemeinschaft der deut-
sehen Juden nicht gab, konnte auch eine wesentliche Beziehung
ftjr ,,jüdischen Gemeinschaft“ nicht vorhanden sein. Was als
solche Beziehung angesehen wurde, war historische Reminiszenz,
ohne verpflichtende Bedeutung. Die Gestalt jener Schule ließ
In Nichts erkennen, daß sie Funktionen einer Gemeinschaft
von Juden erfüllte.
Nun ist diese Gemeinschaft da. Ihre Wirkungen sind all ent-
halben zu spüren in dem Ringen um eine Neugestaltung jü-
(fischen Lebens auf wirtschaftlichem und kulturellem Gebiete,
vor allem aber in der Erziehung.
״Es gibt keine Gemeinschaft, die nicht erzieht.“’ (Hördt.)
Die Tatsache, daß die deutsche Judenschaft zu erziehen
begonnen hat, und zwar nicht nur dadurch, daß sie die Frage
der Erziehung des Nachwuchses in den Brennpunkt ihres Lebens
stellte, sondern dadurch, daß, nach der! Worten Ernst K r i e c k s,
Erziehung ״als eine notwendige und jederzeit sich vollziehende
Urfunktion des Geistes und gemeinschaftlichen Lebens“ in der
deutschen Judenschaft erscheint, diese Tatsache er-
weist das Vorhandensein einer neuen Ge-
wein schaff der deutschen Juden.
״Es gibt keine Gemeinschaft, die nicht erzieht, d. h. Men-
pchentum in ihrem Bereich formt und gestaltet. Da es aber keine
menschliche Gemeinschaft gibt, die nicht gemeinsame geistige
Güter besäße, so ist Mitteilung dieses geistigen Besitzes, seine
immer vollständigere Erfassung durch alle Glieder der Gemein-
Schaft und seine Einpflanzung in die nachfolgenden Gesehlech-
ter ... eine zur Erhaltung dieser Gemeinschaft notwendige
Grundfunktion, so 11 «־notwendig, wie Zeugung und Geburt für
die körperliche Erhaltung der Art.“ (Hördt, Theorie der Schule,
S. 94.)
Gemeinschaft als objektive Gegebenheit Ist noch nicht
gleichbedeutend mit Gemeinschaft als sinnvolle Aufgabe. Durch
das Wollen der ihrer Gemeinschaftbeziehung innegewordenen
Menschen hebt jede Gemeinschaft sich fortgesetzt über ihre
natürliche Wirksamkeit hinaus. Das gilt auch hinsichtlich der
Funktion, die die Erziehung in ihrem Bereiche einiu'mmt.
Kri eck, der drei Dimensionen der Erziehung unterscheidet,
bezeichnet als zweite die nach Tiefenschichten gegliederten For-
mutigen erzieherischen Geschehens: a) ״Formung aus unbe-
wußten Wirkungen“, b) ״Formung aus geistigen Wirkungen, die
zwar bewußter Zwecktätigkeit, aber noch nicht absichtlicher
Erziehungstätigkeit entspringen“ und c) ״Formung aus be-
wußfer Erziehungsabsicht und planmäßiger Erziehertätigkeit״.
(Zitiert von Hördt, Theorie der Schule.)
Die beiden ersten Formungen erzieherischen Geschehens
treten in dem Prozeß der Gcmeinschaftswerdung der deutschen
Juden bereits deutlich in Erscheinung. Um die dritte Formung
*wird heute noch gekämpft. Vom Ausgang dieses Kampfes hingt
die Wesensgestalt der jüdischen Schule ab.
ln meinem Artikel ln Nr. 66 der ״Jiid. Rundschau“ *war das
Verhältnis der verschiedenen Gruppen zur jüdischen Schule
l ) In dieser Beleuchtung zeigt »Ich das Irrtümliche In
Moritz Goldsteins Aufsatz ״Kulturghetto" (Nr. 60 d. ״Jüd.
Rundschau"), wenn er meint, ״daß die Absonderung, die uns
letzt auferlegt wird, nur eine rechtlich-organisatonsclie und
seine lebendige Besonderheit" schaffe. Wir Befinden uns heute
mitten in dem Prozeß einer neuen Gemeinschaft-
werdunfi,
Fortsetzung des Verhörs in Jaffa
Jaffa, 5. September. (J. T. A.) Am 5. September nahm
der Vorsitzende des Jaffaer Gerichts, Richter Bo di Hy,
die Verhandlungen im Vorverfahren gegen die im Zusammen-
hang mit der Ermordung Dr. Arlosoroffs verhafteten jirgend-
liehen Revisionisten wieder auf. Der Verhandlung wohnte
zum erstenmal auch der Vater Abraham Stavsky bei. Es
wurden einige von der Ankiagebchörde neu geführte Zeugen,
unter ihnen der Bürgermeister von Tel-Awiw, Meir Dizen-
g o f f, einvernommen. Bürgermeister Dizengoff berichtete aus-
führlich über die Unterredung, die er mit Arlosoroft nach
dem Attentat im Hadassah-Hospital hatte. Der Zeitge Mosche
W i e s e r sagte aus, er habe am Mordabend, als er mit
einem Freund am Strand saß, plötzlich ein Licht aufblitzen
gesehen und einen Schuß gehört. Als er an die Stelle, an
der der Schuß gefallen war, eilte, um Hilfe zu leisten, habe
er Dr. Arlosoroff schwer verletzt gefunden. Später habe er
noch einen Schuß gehört und einen Mann auf einem Flügel
beim arabischen Friedhof bemerkt. Auf die Frage des Rieh-
ters, ob es möglich gewesen sei, den Mann in der Dunkel-
heit zu erkennen, erklärte der Zeuge, er habe nach
Wochen Stavsky an seiner Haltung als den
Mann erkannt, den er damals beim arabischen
Friedhof gesehen habe.
kurz charakterisiert. Zwei dieser Gruppen lehnen sie grund-
sätziieh ab. Es hat sich aber herausgestellt, daß
ihre grundsätzliche Einstellung der Wirk-
lichkeit gegenüber sich nicht behaupten kann.
Beide Gruppen bejahen nämlich unter bestimmten Voraussetzun-
gen jüdische Schulen. Sie betrachten diese als Unterbringungs-
anstaltcn für Schüler, die aus äußeren oder inneren Gründen
nicht in der deutschen Schule bleiben können. Nun ist aber die
Frage, welche Schulen jüdische Kinder besuchen sollen, objek-
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zu Rosch hasdianah
Ist ein Exemplar des Buches
״Ja•Sagen znm Judenlum“
Dieses Buch enthält die wichtigsten Leit«
ariikel der ״Jüdischen Rundschau" seit dem
5. März 1933. Es ist das wichtigste Jüdische
Dokument unserer aufwühlenden Zeit.
Preis HK. 2,85
Zu beziehen durch jede Buchhandlung oder direkt vom
Verlag ״Jüd. Rundschau", Berlin W IS, Meinekestr. 10.
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»Jüdischer Verlag", Berlin W 50, Budapesler Straße 11.
tiv, d.h. von der Situation des Kindes aus, entschieden. Da-
her ist jene Entscheidung, da subjektiv, eine Fehlentscheidung,
für die jeder Einzelne seinem Kinde gegenüber die Verant-
wortung trägt 2 ). Einen Beitrag zu der Frage nach der
Wesensgestalt der jüdischen Schule haben diese beiden
Gruppen nicht zu geben.
Die zweite Gruppe will eine Schule, deren Funktion eg
ist, den geistigen Gehalt des Deutschtums fortzupflanzen.
LJi’sere heutige Klärung hat dargetan, daß der Lebensraum der
deutschen Juden sich zu einer Gemeinschaft von Juden, die im
deutschen Raume leben, gewandelt hat. Wir können nicht mehr
übernehmen und weiterführen, was war, unser grundlegend
veränderter Lebensraum fordert Erneuerung auch der jü-
dischen Schule. Die kann nur von der Wurzel unseres jiidi-
sehen Seins her erfolgen. Für unsere erzieherische Auf-
gäbe ist die Wurzel des Deutschseins abgeschlagen.
So bleibt für die jüdische Schule als ״Funktion der Lehre,
Ort des Lehrens und Lernens, Feld geistiger Berührung mit
den geistigen Gütern der Gemeinschaft und ihren mensch-
liehen Trägern“ nur die eine Gestalt der ״wesensjüdi-
sehen Schule“. (Buber.)
Der Ausdruck soll jedoch nicht mißverstanden werden. In
ihm drückt sich nicht die Mannigfaltigkeit, sondern die Ein-
heit dieser Schule aus. Er bezeichnet das an ihr, ־was unab-
hängig von zeitlichen und örtlichen Bedingungen als der un-
erschütferliche Boden jüdischer Bildung angesehen werden
muß. ״Daß der heranwachsende Jude sich auf den Urbestand
seines geschichtlichen Wesens besinne und sich aus ihm neu
aufbaue zu dem Menschen, der die Problematik der Gegen-
wart am exponiertesten Punkte bewältige, das ist das Ziel
unseres Bildens." (Buber, Unser Bildungsziel, ״jüd. Rund-
schau“ Nr. 54.)
״Wesensjüdisch" bleibt solche Schule demnach auch' dann,
wenn sie, in naher Verbundenheit mit deutscher Landschaft,
deutscher Sprache und Kultur, deutschen Bildungsformen, sich
äußerlich nicht allzu sehr von der deutschen Schule unierschei-
det. Die geistige Wechselwirkung, die in ihr sich vollzieht und
die das wesentlichste Erziehungselement jeder Schule bildet,
ist nicht die einer fiktiven, sondern der tatsächlich ge-
lebten neu gewordenen Gemeinschaft der deutschen Juden.
Aus den Ergebnissen unserer Untersuchungen der Situ-
ation des jüdischen Kindes und der Situation der jüdischen
Schule lassen sich wichtige schulpolitische Forderungen ableitcn.
1. Fragen der jüdischen Schule sollen nicht nach den
subjektiven Meinungen von Personen oder Gruppen, sondern
nach den aus der Klärung der Situation des jüdischen Kin-
des und der jüdischen Schule deutlich gewordenen objek-
tiven Bedürfnissen der deutschen Juden-
schaff entschieden werdet».
2. Personen und Gruppen, die die jüdische Schule heute
noch grundsätzlich verneinen, haben kein Anrecht dar-
auf! über die Gestaltung jüdischer Schulen mitzubestimmen.
x Die deutsche Judenschaft bat die größten Anstrengun-
gen zu machen, ihr Schulnetz derart tu erwel-
fern, daß eine möglichst große Zahl jüdischer Kinder in
jüdischen Schulen gebildet werden körnten.
J ) Die Haltung, welche aus einer Gesinnung entspringt,
die sagt: das jüdische Kind muß die Position, die durch die
Berechtigung zum Besuch der deutschen Schule uns gelassen
wurde, unter allen Umständen wahren, diese Haltung er-
innert an das unmögliche Untertangen einer Zeit, die durch
.einen Kinderkrcuzzug das heilige Grab erobern woltt&U
Auf, leuchte, denn dein Licht ist aufgegangen,
und die Herrlichkeit des Herrn ist über dir erstrahlt.
Denn mag auch Finsternis die Erde bedecken
und Wolkendankel die Nationen, über dir erstrahlt
der Herr, und seine Herrlichkeit erscheint über dir..
Dir soll nicht mehr die Sonne zum Lichte dienen
bei Tage und der Mond dir nicht mehr leuchten
als Glanz, sondern der Herr wird dir sein zu
ewigem Licht, und dein Gott zum Ruhme für dich.
Es wird nicht fürder untergeben deine Sonne, und
dein Mond sich nicht zurückziehen, denn der Herr
wird dir sein zum ewigen Licht, daß vollendet sind
die Tage deiner Trauer. (Jesaja 60, 1— Z, 19—20.)
Heftara für Sabbat, 9. September.
Arierparagraph lflr Kircheabeamle
Die * Oeneralsynode der altpreußischen
Union, die den künftigen Aufbau der evangelischen Kirche
Preußen zu regeln hatte, beriet u. a. ein Beamtengesetz, das
den Arier-Paragraphen enthalt. In § 1 des Gesetzes
wird nach dem Bericht der ״Voss. Ztg.“ vom 6. September
folgendes bestimmt: ״Als Geistlicher und Beamter der all-
gemeinen kirchlichen Verwaltung darf nur berufen werden,
wer die für seine Laufbahn vorgeschriebene Vorbildung be-
sitzt und rückhaltlos für den nationalen Staat und die deutsche
evangelische Kirche eintritt. Wer nichtarischer Ab-
stammung oder mit einer Person nichtari-
scher Abstammung verheiratet ist, darf nicht
als Geistlicher und Beamter der allgemeinen
kirchlichen Verwaltung berufen werden.
Geistliche und Beamte arischer Abstammung,
die mit einer Person nichtarischer Abstam-
mung die Ehe eingehen, sind zu entlassen.
Wer als Person nichtarischer Abstammung
zu gelten hat, bestimmt sich nach den Vor-
Schriften der R e i c h s g e s e t z e.“
Von der Anwendung des Arierparagraphen kann ab-
gesehen werden, wenn besondere Verdienste um den Auf-
bau der Kirche im deutschen Geiste vorliegen. Ebenso gelten
diese Vorschriften nicht für Geistliche und Beamte, die
bereits seit dem 1. August 1914 Geistliche oder Beamte
der Kirche des Reiches, eines Landes oder einer anderen
Körperschaft des öffentlichen Rechts gewesen sind oder
die im Weltkrieg an der Front für das Deutsche Reich
oder fiir seine Verbündeten gestanden haben, oder deren
Väter oder Söhne im Weltkrieg gefallen sind."
D. K n a k, der Sprecher der Gruppe Evangelium
und 'Kirche, brachte in der Aussprache Beden ken
gegen das Beamtengesetz vor, wobei er einen Unterschied
gemacht wissen wollte zwischen der grundsätzlichen Ab-
lchnung nichtarischer Beamter in der Kirche und der Be-
handlung derjenigen nichtarischen Beamten und Geist-
liehen, die gegenwärtig schon im Dienste der Kirche
stünden.
Präses D. Koch gab im Namen der Gruppe Evangelium
und Kirche eine Erklärung ab, in der u. a. gesagt wurde,
daß bei der Beschlußfassung über das Beamtengesetz, das
die Grundsätze des staatlichen Beamtenrechts auf die Kirche
übertrage, die Frage entstehe, ob hier nicht der dritte
Artikel des Glaubensbekenntnisses verletzt werde.
Die verschiedenen Gesetzentwürfe wurden dann mit der
erforderlichen Zweidrittelmehrheit angenommen.
Keine deutsch-arische Filmkönstler ln ausländischen
niebtariseben Unternehmungen
Ueber die Einstellung der Reichsfachschaft Film zur Frage
der Betätigung deutsch-arischer Filmkünstler in ausländischen
nichtarischen Filmunternehmungen berichtet der ״Filmkurier“:
Es wird als unpatriotisch, ja sogar als Landesverrat an-
gesehen, wenn jetzt inmitten der großen Aufbauarbeit am
deutschen Film deutsche Künstler sich mit Filmgesellschaften
und Filmschaffenden im Auslande verbinden, die entweder als
Nichtarier aus Deutschland auswanderten oder gegen das
neue Deutschland feindselig eingestellt sind und sich an der
Hetze gegen Deutschland beteiligen. Solche Fälle verdienen
schärfste Verurteilung, wie die bereits von uns charakteri-
sierteil, wo deutsche Künstler ganz offensichtlich nur zur
Tarnung oder ״Verschwörung“ von Emigrantenfilmen und
Emigrantenensembles sich verpflichten ließen. Gegen solche
wirtschaftlichen und ideellen Landesverräter wird sich das
neue Deutschland mit allen Mitteln wenden, Solche arischen,
deutschen, im Ausland gegen die deutschen Interessen arbei-
tenden Filmschaffenden taufen also Gefahr, mit den nicht-
arischen in Zukunft gleichgestellt zu werden.
Wie wir hören, soll von der .Fachschaft Film eine ver-
hältnismäßig nur noch kurze Karenzzeit zur Rückkehr für
solche Filmschaffenden gegeben werden. Da die Fachschaft
Film als ein Organ der Reichsfiimkammer nur in Ueber-
einstimmung mit dieser arbeiten kann, werden die Beschlüsse
denjenigen Nachdruck erhalten, der den amtlichen Verlaut-
barungen unseres heute straff organisierten Berufsstandes
zukommt. Jeder Ausschluß oder jede Nichtaufnahme in die
Fachschaft Film bedeutet ja die völlige und restlose Ent-
Ziehung jedes Filmschaffens in Deutschland.
״,Die Romanze eines Volkes"
Die ״Jüd. Rundschau" hat in Nr. 60 vont 28. Juli über
die Aufführung des großen jüdisch-historischen Ausstattung«-
stiiekes ״Die Romanze eines Volkes“ beim ״Jü-
dischen Tag“ der Weltausstellung in Chicago ne-
richtet. Nun wird aus New York gemeldet, daß dieses
Stück auch dort aufgeführt werden soll. Der Bischof der
Protestant Episcopal Church, William T. Manning, und
über 50 andere führende christliche Persönlich-
k eiten der Stadt New York haben ein Patronatskomitee für
die Aufführung zugunsten des Fonds zur An-
Siedlung deutscher Juden in Palästina gebil-
det. Die Aufführung findet am 14. September auf dem New
Yorker Polospielfeld statt. Das christliche Komitee wird mit
dem Komitee, an dessen Spitze der Gouverneur des Staates
New־ York, Herbert H. Lehman, und Nathan Straus jr,
stehen, gemeinsam die Sammelaktion zugunsten der Ansied-
lang deutscher Juden in Palästina durchfuhren.
Frau Sarah Levi aus Singapore, die sich gegenwärtig
In Palästina aufhält, hat beschlossen, ihr gesamtes etwa
100000 Pfund betragendes Vermögen für den Wieder-
aufbau der Staat Safed, die während der Unruhen
von 1529 schwer gelitten hat, zu verwenden. Ein neues
.Wohnviertel, eine Synagoge und eine große Mittelschule
sollen aut dem bei der Stadt liegenden Berg Kanaan er•
richtet werden.