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1^1/Jahrgang 40
Preis RM -.25
JUDISCHE RUNDSCHAU
«, Ar litlelrung,V«rUg a. AnieIg«ow«rw»ltiing i B.rlln WU.atolnokaaltT.lO
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BERLIN
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DIENSTAG, 1. JANUAR 1935
AncalgannraliUata Nr. 2 gfllrJg. Die 12gesp, tnm-Zeue 20 Rpf, für Stellenges
10 Rp[, für Familionnaihru htm 15 Rpf. EinzeUnzeigrn nur gegen Vorauszahlung ra
Schalter oder auf Posuchccl-Konlo Berlin 71618 Momag bis Donneretag 9-18 Uhr,
Freitag 9-15 Uhr. AnnahmeochluS für die Dienstag-Ausgabe Montag 10 Uhr. für
die Freiiag-Auggabe Mittwoch 13 Uhr (Fimilienanreigen bis Donnerüag 10 Uhr)
per Zionismus erstrebt für das judische Volk die Schaffung einer Öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. ,.Baseler Programm"
Das Verbindende
„ * . . daß wir fähig sind, unsere Differenzen im
Interesse einer großen Sache zurückzustellen,"
Rundschau zu 1935
Am 30. März dieses Jahres wird in d»r ganzen Welt
'die Feier des 800. Geburtstages von Mos :s Maimonidcs
begangen werden. Wir haben im jüdische i Leben genug
Gedenkfeiern, denn wir sind ein Volk, das vor allem
von der Vergangenheit lebt, aber dies • Feier unter¬
scheidet sieh doch von den meisten a« deren. Sic gilt
einem Manne, der repräsentativ ist fü eine Epoche
großer jüdischer Kultur, einen Höhepunkt der jüdischen
Geistesgeschichte. Nach der großen klasischen Zeit des
jüdischen Volkes in Erez Israel hat die in der Welt
/erstreute jüdische Gemeinschaft neben Zeiten des Nie¬
derganges auch Blütezeiten durchlebt, wo in Berührung
mit den umgebenden Kulturen und in gegenseitiger Be¬
fruchtung Großes geleistet wurde. So war es, um nur
einige Beispiele zu nennen, im hellenistischen Aegypten,
in Babylon, vor allem aber im arabischen Spanien;
in einigem Abstand könnte man das europäische, ins¬
besondere deutsche Judentum der jüngsten Zeit da zu¬
stellen. Alle diese Epochen gingen vorüber, die äußeren
Schicksale der Juden wandelten sich, auch nach glän¬
zendstem Aufstieg kamen Schicksalsschlafe, die nie¬
mand vorausgeahnt härte; dreihundert Jahre nach Mai¬
monidcs wurden sämtliche Juden aus Spanien vertrieben.
Spanien, obwohl infolge der Zwingsbekehrungen jüdi¬
sches Blut sich mit spanischem venuischt hüben mag,
war durch Jahrhunderte das judet reimte Land Europas;
und 450 Jahre nach der Vertreibung erläßt eine spa¬
nische Regierung ein Dekret, worin sie das Wirken
von Moses Maimonides in Spanien als eine Ehre für
ihr Land bezeichnet und offizielle Feiern anordnet.
Die Werke des Maimonidcs waten bekanntlich in
arabischer Sprache geschrieben. Im südwestlichen Winkel
Europas trafen sich damals die drei großen Kulturen:
die arabische, die europäisch-christliche und die jüdische.
Dort wurde die Epoche vorbereitet, die wir als Huma¬
nismus und Renaissance bezeichnen ut,d die das moderne
Europa schuf. Vergangenes kehrt nicht wieder. Aber
eine verworrene Zeit sucht nach starken inneren Er¬
schütterungen geistigen Halt. Können die Träger großen
Erbes wieder produktiv zusammenwirken? Das ara¬
bische Volk, lange niedergedrückt, erwacht zu neuer
Regsamkeit; Juden kehren in den Orient zurück und
haben seit den Zeiten des Maimonides die erste große
Begegnung mit dem Arabertum. Und das Abendland, das
sich durch das spanische Volk und die spanische Regie¬
rung der Feier des Maimonides-Gedenktags anschließt,
bedarf, wie viele meinen, einer Berührung reit dem Orient,
sowie dieser sich der Welt des Westens nähert. Neh¬
men wir den Maimonidestag als Symbol der vereinigen¬
den Kraft des Menschengeistes, der über alle notwen¬
digen und schöpferischen Differenzen hinweg Synthese
und Einheit sucht.
*
Jüdische Gedenktage sind für uns Juden eine Er¬
ziehung zu gesamtjüdischer Haltung. Gegen¬
über der Macht der Jahrhunderte und der Einheit un¬
seres Schicksals schwinden die oft künstlich aufgebausch¬
ten Differenzen des Tages dahin. Wir sind, wie Buber
ci . 11,11 al sagte, eine „Erinncrungsgemeinschaft", aber wir
find nicht nur dies. Alle, die sich in den Strom der
jüdischen Geschichtserinnerung einstellen, sind bereits
«•"griffen und verbunden. Wir Juden lebten im letzten
Jahrhundert vielfach mit dem Rücken /u Unserem eigenen
Selbst; was war den meisten von uns Maimonides mehr
als Heeuba? Heute horchen wir aui; wir haben eine
Wendung uni 180 Grad vollzogen und schauen unserem
Selbst wieder ins Gesicht. Wir schließen uns da¬
durch nicht ab; wir sind lebendige Menschen und um
Uns flutet das unendliche Leben. Wir nehmen Anteil -
diran, aber wir können es nur, indem wir klar und
deutlich als Juden dastehen, mit all den Erschwer¬
nissen, die es mit sich bringt, aber auch mit all.'-der.
inneren Sicherheit, die aus dem Bewußtsein, nicljts ver¬
bergen zu müssen, strömt. Wir haben eine weitgehende
Solidarität im Erleiden, weniger deutlich ist unser a|$v<:s*„
Gemeinschaftsgefühl. Da heute so viel von Juden ge¬
sprochen wird, fühlen wir die Blicke der LJmwclt auf
uns gerichtet, und dadurch scheinen wir auch einander
nähergerückt. Zugleich aber ist innerhalb unserer Gemein¬
schaft der selbstkritische Sinn stärker geworden. Wir
fühlen uns selbst betroffen durch das Verhalten anderer
Juden. Daß sich die Gesarntlage der deutschen Ju¬
den verändert hat und vor allein in Zukunft immer
mehr verändern muß, weil die Jugend fast keine Ein¬
gliederungsmöglichkeit mehr findet, wird von denjenigen,
die selbst noch in materiell geschützter Position sind,
nicht immer empfunden. Der Unwille darüber spiegelt
sich u. a. in Briefen, die die „Jüdische Rundschau"
erhält. Wir sind keine Mucker und können verstehen,
daß Menschen, die die ganze Zeit arbeiten, auch einmal
die Düsterkeit der Lage vergessen wollen. Auch in
Vor Redaktionsschluß:
Wetterkatastrophe in Palästina
Wie durch Rundfunk bekanntgegeben wurde,
hat sich i& II ü, i 1 a. eine fut chkbai« Wetter¬
katastrophe ereignet. Nach den ersten Mel¬
dungen soll ein Teil der Stadt erheblich be¬
schädigt worden sein. Nähere Nachrichten
waren bis zum Schluß des Blattes (da die
heutige Nummer wegen des Neujahrstages
früher fertiggestellt werden muß) nicht zu
erhalten.
Die JTA. meldet aus Jerusalem vom 31. Dezember:
In ganz Palästina ist eine Wetterkatastrophe
mit starken Ueberschwemmungen eingetreten. In Tel-Awiw
und in den Kolonien sind über 100 Häuser beschä¬
digt, ebenso wurden Pardessim schwer beschädigt. Viele
Kolonien sind isoliert, da die Straßen und Eisenbahndämme
überflutet sind. Wasser- und Lichtleitungen sind vielfach
zerstört worden.
Verluste an Menschenleben sind nach den bis¬
herigen Nachrichten nicht zu beklagen.
schweren Zeiten und gerade in schweren gibt es das Be¬
dürfnis nach gelegentlicher Entspannung. Daß dabei die
Grenzen des Taktes und Gesichtspunkte des Gesamt¬
interesses nicht vergessen werden sollen, ist selbstver¬
ständlich. Wer diese Grenzen verletzt, stellt sich außer¬
halb der Gemeinschaft. Daß allzu unbekümmertes Ver¬
halfen von Juden bei Juden Widerspruch weckt, ist ein
Symptom unserer Lage. Viele Juden empfinden stärker
als früher die Gesamtverantwortung, die auf uns ruht.
Und gerade diejenigen Kreise, die in ihrer materiellen
Position nicht oder noch nicht gelitten haben, müßten
stärker, als es zuweilen geschieht, ihrer Gesamtverant¬
wortung gedenken. Denn das Jüdischsein ist nicht mehr,
wie es in einer Uebergangsepoche des vorigen Jahr¬
hunderts der Fall war, eine Angelegenheit der Armen
und Hilflosen, auch nicht Privatsache, sondern jeder, wo
immer er steht, wird als Jude angesprochen und hat
dieser Tatsache Rechnung zu tragen.
*
Negatives hält uns zusammen, aber auch Positives.
Das Wesentliche ist nicht, zu fragen, was zu dieser
oder jener Sache die Umwelt sagen wird, sondern
was wir selbst für das Judentum tun oder fehlen. Es
ist ein aufwühlendes Erlebnis, auch für Fernstehende
irnd Entfremdete, einmal ganz Jude sein zu können.
Darum hat ein Besuch in Erez Israel so unbeschreibliche
Gewalt. Juden aller Länder besuchen das Land, begegnen
einander dort und bringen ihre Eindrücke und Erfahrun¬
gen in die Heimatländer zurück. Die steigende Palästina-
Touristik mag vom Standpunkt des Landes als „Indu¬
strie" und Einnahmequelle betrachtet werden; vom jü¬
dischen Gesichtspunkt ist Palästina kein gewöhn¬
liches „Touristcnland", sondern eine verbindende
Kraft. Während sich die einzelnen Splitter der Juden¬
schaft, \p Sprache und Kultur ihrer Vaterländer lebend,
.^us'einaadcr entwickeln, ist Palästina ein einigendes Band.
Es sind jetzt zehn Jahre her, daß bei der sogenannten
überparteiischen Konferenz in Amerika unter der Leitung
von Louis Marshall die Zusammenarbeit von Zio-
nisten und Nicht/ionisten zugunsten Palastinas beschlos¬
sen wurde. Als Marshall diese Konferenz schloß, sprach
er die Worte:
„Die Konferenz bat gezeigt, daß wir fähig sind,
unsere Differenzen im Interesse einer großen
Sache zurückzustellen."
Das ist es, worauf es ankommt. Die Differenzen auf¬
zuheben, ist wohl eine Utopie, genau so wie die
Differenzen zwischen Völkern, Ländern und Parteien
allenthalben; nicht auf die Beseitigung der Diffe¬
renzen kommt es an, sondern auf ihre Zurückstel¬
lung im Interesse eines G r ö (Seren, dein alle, welcher
Anschauung sie auch im einzelnen sein mögen, dienen.
Es hat fünf Jahre gedauert, bis Marshall sein Werk
vollenden konnte; unmittelbar darauf ist er gestorben.
Die von ihm zusammen mit Weizmann geschaffene „Er¬
weiterung" der Jewish Agency hat die erwarteten
Resultate für Palästina nur teilweise gebracht. Die ameri¬
kanischen Nirhtz'onisten haben mch Marshalls Tod die
Hoffnungen, die auf sie gesetzt waren, nicht ganz erfüllt.
Gegenwärtig tagt in New York eine Sitzung des
Administrative Committee der Jewish Agency mit dem
Hauptzweck, die Gedanken der überparteiischen Marshall-
Konferenz von 1925 zu realisieren und die „nichtzionisti¬
sche Hälfte" zu aktivieren. Was die Realisierung er¬
schwert hat, war aber nicht allein Apathie und mangelnde
Organisationskraft, sondern man darf nicht übersehen,
daß die Verhältnisse der jüdischen Welt sich sehr ver¬
schlechtert haben, so daß die Hilfsbedürftigkeit der
Juden Osteuropas wieder stärkere Anforderungen stellte.
Und auch in Amerika selbst begannen Sorgen, die man
früher nicht kannte. Die Kreise, die den nichtzionistischen
Teil der jewish Agency bildeten, glaubten wieder in
höherem Maße als früher sich der „Hilfsarbeit'' widmi n
zu müssen, auf Kosten ihrer Mitarbeit in der Jewish
Agency. Seit zwei Jahren beschäftigen sich die Hilfs¬
aktionen vorzüglich mit den deutschen Juden, wie
denn auch die Siedlungstätigkcit in Palästina weitgehend
auf deutsche luden zugeschnitten ist. Wie immer die
Beratungen in New York in bezug auf Einzelheiten aus¬
fallen mögen, die verbindende Kraft Palästinas ist ci;i
unverlierbares Gut.
*
Die Juden, die in diesem Frühjahr ins Land kom¬
men, werden Zeugen charakteristischer Ereignisse sein.
Wir Wullen nur zwei hervorheben: Das zehnjährige
G r ü n d u n g s fest der U n i v e r s i t ä t Jerusalem
und die zweite M a k k a b i a h. Am 1. April 1925
wurde von Lord Balfour die Universität Jerusalem ein¬
geweiht. Wissenschaftliche Institute aller Nationen hatten
Delegierte geschickt, alle Regierungen nahmen Anteil,
es war ein Tag von ungewöhnlichem Glanz. Inzwischen
hat die Universität mühsam zu arbeiten und zu kämpfen
gehabt. Sie ist in diesen zehn Jahren weitergekommen,
und sie wird mit innerer Berechtigung Rückschau halten
können. Die Makkabiah wird jüdische Sportler aus aller
Welt vereinen. Ein Fest des Geistes und ein Fest der
körperlich-sportlichen Betätigung! Wie verschieden die
beiden auch sein mögen, das eine ist ihnen gemeinsam,
daß hier jüdische Leistungen in ihrem eigenen Rahmen
sich zeigen. Es sind bescheidene Anfänge. Wir reden
uns nicht ein, daß wir etwas „besser machen" als andere
Völker; wir wissen, daß wir in vieler Hinsicht noch
weit zurückstehen. Aber es ist unser, was hier versucht
w'ird, und schon dadurch bekommt es für uns einen ganz
anderen Klang. Darum sind solche Ereignisse über ihren
positiven Inhalt hinaus von gesamtjüdischer Bedeutung,
Palästina ist ein Kolonialland, vieles ist noch sehr unge¬
ordnet, es hat noch nicht sein klares kulturelles Profil,
die Menschen leben in Hast und Mühe. Da ist noch
keine jüdische Qualität, wir geben uns keiner Illusion
darüber hin. Und dennoch ist die Tatsache, daß hier ein
Vereinigendes über allen Differenzen vorhanden ist,
mehr Gemeinschaftswert als so manche Qualitätsleistung,