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JUEDISCHE RUNDSCHAU
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Palästina und Syrien
• foi, .Berichte aus Syrien — Die Stimmung in Haifa und
. r galiläa — Die Stellung der Araber und Juden
Von unserem Korrespondenten.
A.G. Jerusalem, den 14. 12. 1025,
1 $ scheint nicht viel zu besagen, daß man nahe an der
-t sitzt. Der Zcitungslcser in London und Paris erfährt
lf ebenso schnell und vielleicht gründlicher, was in Syrien
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" s c: - r .t sitzt. Der Zcitungslcser in London und Paris erfährt
f FS י ׳ lf ebenso schnell und vielleicht gründlicher, was in Syrien
ouv '•:rht, als jemand, der nur 150 oder 203 km vom Schauplatz
t j,/?• ׳ Unruhen entfernt ist. Man kann heute z. R. in irgendeiner
v f ; 1 stincnsischcn Stadt \icl über die Kämpfe im nachbarlichen
sch.; lim hören. Aber cs heißt, sehr gründlich Spreu vom Weizen
! K ׳ ! ji-rir, wenn man sich wirklich aus den Gerüchten, aus den
'rkdoten und Erzählungen ein Bild von dem machen will,
1 \ !;< jenseits der Grenzen vorgeht. Auch die Berichte, die die
^ t'i-nincnsischc Presse füllen, kommen zum guten Teil aus
tnun •! ■ וזר , ״ und Paris, z. T. sogar aus dem Unterhaus. Freilich
H yt der ,.Brief aus Mctullah“ (der Nordgrenzkolonic) schon
rinz;'!•!.: eine stehende Rubrik. Aber da findet man nur — oft
!ehe!:i [xssantc - י Einzelheiten, und nicht selten wird die oder
Le wichtige Nachricht dann später dementiert. Auch mit
. 1• Spezialheriehterstattcrn ist es so eine eigene Sache. Man
” j ; von ihnen, wenn sie zurückkommcn, mündlich oder
Pre-j riftlich so manche Eindrücke, so manches Stimmungsbild,
s ck/.-r im Grunde läßt sich das ebenso gut im Manchester
inien.fjrdian oder in den Mitteilungen der Telegraphcnagenturcn
sde* ■•;hlcscn. Es laßt sich bezweifeln, ob der durchschnittliche
ur.cj ׳ .;stinenscr über die Vorgänge in Syrien besser orientiert
riiscn f; 31s der durchschnittliche Engländer, obwohl er dem Lande
>en<vj. viel näher ist und obwohl das, was sich dort abspielt, in
ג , z!/i!r als einer Hinsicht auf Palästina cinwirkcn kann. Aber
fc<j; Berichterstattung ist --- wie immer in der modernen
öc!. — stark gefärbt, von verschiedenen Seiten beeinflußt,
ב ichji verschiedenen Interessen diktiert.
.tateß| p>j c jüdische Oeffcntlichkcit im Lande hat bisher kein
ra /p gewöhnliches Interesse au den syrischen Ereignissen an
. ^.; ו Tag gelegt. Sic war zu sehr mit ihren eigenen Fragen
j »rhäftigt. Die Geldknappheit, die Verkleinerung und
c ״ |h!icßu 11 g von Firmen, die beginnende Arbeitslosigkeit ge•
T n vollkommen, um den Jiscimw 7u beschäftigen. Freilich
*A nu ״ orientiert, aber das syrische Problem steht nicht direkt
Zentrum des Interesses. Der Teil der jüdischen Bevölkerung,
^ a V';rim nördlichen Palästina sit/t, wird stärker auf die Unruhen
; 1 :.;;M:gelenkt. Schon in Haifa fühlt man den Zusammenhang mit
* C * c! ];niaskus. Die Eisenbahnverbindung mit der Hauptstadt des
’ ׳ זז chbarlandes ist häufin ־ , oft für Taere. unterbrochen, der
^ phbarlandcs ist häufig, oft für Tage, unterbrochen, der
... Mg aus Damaskus enthält manchmal gar keine Passagiere,
1 ״ '^jirr nur ganz wenige und ist bewaffnet. Die Automobilver-
“!;:düng nach Beirut und 113011 Bagdad ist sehr schwach
:j worden und teilweise ganz unterbrochen. Einige von den
I uscr, die mit ihren Gewehren die Grenze im Norden über-
ischi i ':,reiten mußten, und wegen Waffentragens zu Gefängnis
.']itär-j;rurteilt wurden, büßen ihre Strafe in Akko ab. Aber trotz
,henf etn ist Haifa gewissermaßen noch ״ weit vom Schuß“.
^ err \ In Obcrgaliläa spürt man schon mehr von dem, was
0 ' : '^ כ its der Grenze vorgeht. Und für Obcrgaliläa hat die
; ־ ;lende Gefahr schon so manche wichtige Neuerung gebracht.
U- gab Tage, wo man dort oben, in jenem Zipfel, der sich
.j. ׳ h Syrien hinntisschichf, sehr besorgt war, weil sich die
; ״ ic;i j impfe immer mehr nach Süden über Sidon hinauszogen und
1Tun7 hn von dem Lärm der Schüsse und Fliegerbomben wach-
(jen! 4 ־־ halten wurde. Flüchtlinge sammelten sich in der Umgegend
scha, ה ׳ Mctullah und Safcd, und mau tat alles, um sich gegen
!aficü-vorhcrgcschene Zwischenfälle zu schützen. Die Sorgentage
:crcn ]erden dann plötzlich durch hoffnungsvolle Ausblicke unter-
1 ruj ־ echcn, als die Meldung von der Erweiterung der Grenze
der' י [־ hinauf um Litani und der Rnthenbergkonzession zur Aus-
chcr : j-zung der Wasserkraft dieses Bergflusscs durch die Presse
'! ir! 11 ח י • Dann wurde cs wieder still.
'Ilten j Es ist nicht nur die Erwartung des Kommenden, was die
ricd-'j.cmüicr im Norden in Atem hält. Die Sicherung vor den
ider• jv.hrndcn Gefahren hat für Obcrgaliläa Neuerungen gebracht,
:eiere j:f die cs unter normalen Umständen vermutlich noch lange
ern ste warten müssen. Der Bau einer Straße von Rosch-Pinah
| ־ h Mctulbh, und die Anlage eines Telephondrahtcs sind
Par• j ־ iuig für diesen entlegenen Landcstcil. Es ist wohl bc-
cha• ; kniend, daß unter friedlichen Umständen keine solchen
nberj.Malten getroffen worden wären. Ist ja auch ein Teil der
arte-]Üstincnsischcn Eisenbahnen zu militärischen Zwecken und
ein• rit militärischen Mitteln gebaut worden. Die bessere Verbin-
hien ] ng der entfernt liegenden galiläischcn Kolonien ist für uns
inen ] י großer Schritt vorwärts, ln der Regenzeit war cs bei den
! 4 ו 1 י>ד-־ . ungcpflastcrtcn Pfaden manchmal wochenlang unmög-
jj da hinauf zu kommen, die Post kam dann nicht bis zur
3Freigrenze, und die Siedlungen waren wie abgeschnitten von
]Vl.1‘• ׳ Dmwelt. Auch iin Sommer war eine Fahrt nach Mctullah
a ״ c. j ״ den Chauffeur wie für den Reisenden trotz der schönen
here U ־ “dschaft eine erhebliche Strapaze. Schon vor einem halben
kul- l'är wurde cs besser, als man gelegentlich der Abschicdsfahrt
_oh j-nncls durch Palästina die. größten und gefährlichsten Steine
f äre.,j.; dem Wege räumte. Und jetzt haben, wir endlich eine
!crc. von Rosch-Pinah bis zur Grenze. Ihre Führung ent-
vor- '• : ‘ cht nicht unscrcn Wünschen. Anstatt Ajeteth Haschachar
: durchqueren, läuft sic seitwärts daran vorbei, und Jessod
־'; י aalah in seiner Niederung atn Meromsec wird überhaupt
jt berührt. Aber sic verbindet uns enger mit den Nord-
a j 0r < Fnien und kann in gewissem Sinne für die Erschließung
irn - ' Chulc-Sumpfcs wichtig werden. Von ähnlicher Bedeutung
ater ;?der Telcpbonstrang nach Mctullah, und die neue Luftschiff
jibt. j'ition bei Machnajim erweckt — wie man sich erzählt,
^ Inders unter den Arabern der Umgebung — reges Intcre-.sc.
c Zusammenzichung der Elitcgcndarmcric im Norden ver-
f 51 ז י /-hrt Leben und Bewegung.
; j Von der Arbeit, die der Bau der Straße und des Telephons
' . 1 • 1 ׳ eil, haben wir sehr wenig gehabt. Diese Arbeit, die gegen
. .i’"0 Leute beschäftigte — für Palästina eine ungeheure
!Sfl j ih| ־־־ . hat kaum Juden beschäftigt. Und wir hätten sehr
, . : 1 '׳ bei dem jetzigen Stand der Arbeitslosigkeit im Lande einige
J . ■i "btandsarbeiten der Regierung brauchen können. Aber der
und * n überwältigendem Maße von Arabern, darunter
7L ; 5 :iuc « und Kindern, durebgeführt, in fieberhafter Eile, die
•]3 ^. זך Kilometer tun den anderen überwindet. In vierzehn
Bl' . J 2cn soll alles beendet sein.
j- tC • | Es wäre interessant, heute unter den Juden Palästina י eine
; i 1 ״ frage zu veranstalten, wie sic zu dem Aufstand in Syrien
GgW Die Meinungen würden _ sich teilen. — und was das
j 1 ״ ‘fallendste ist — ein .Teil würde überhaupt nicht wissen.
;j
Die näcfcsio Ngg?.r 1 cr der ״Jädisclzca Rund«
scliau“ erscheint Dienstag;, den 5״ Januar 1926«
was er zu antworten hätte, weil ihn die Frage bisher nicht eng
berührt hat. Es ist hier ebenso wie mit der Stellung zu den
Arabern im Lande. Viele sehen das Problem gar nicht, und
wenn sie cs zu verstehen anfangen, türmt cs sich so sehr in
seiner Komplikation, die keine glatten Lösungen zuläßt, daß
viel Denken, Kenntnisse und guter Wille zu seiner Bewältigung
gehört. Und die Drusenfrage rührt zu eng an die allgemein-
arabische, als daß sie sieh davon nhtrenncu ließe. Daß ihr
Widerhall zur Zeit sowohl im arabischen als auch im jüdischen
Palästina nicht alles andere iibertönt, läßt so manchen Schluß
auf die palästinensisch-arabische Bewegung ־zu. Man soll
hier sehr vorsichtig. Vorgehen, wenn man mit den Trägern
dieser Bewegung nicht in dauerndem Kontakte ist. Denn ihre
Presse bringt nur einen Teil dessen zum Ausdruck, was vor-
geht, und diese Presse selbst ist nur wenigen zugänglich. So
kann man ־— mit allem Vorbehalt — sagen, daß die svrisclic
Bewegung nur bestimmte Kreise zu einer klaren Haltung
bewogen hat. Es gibt einige Beispiele für Hilfsaktionen und
Untcrs\üt 71 u 1 gsvers 11 che moralischer und materieller Art. Be-
stimmte Schritte der ״arabischen Exekutive“, eine GeUlsamm-
lung hei einer Klubeinweihung in Jaffa, Aufrufe zur Hilfe
für die syrischen Brüder am Tage der Balfour-Deklaration.
De facto hat Palästina wenig Geld und kaum Menschen für
Syrien gestellt. Und die Ruhe, die im Lande herrscht, ist
nicht nur eine Folge des Respektes vor den Engländern, die
nach wie vor wenig sichtbar werden, sondern cs fehlt wohl
auch der starke Wille breiterer Kreise, Aktionen cinzuleiteu.
Es scheint ähniieh zu sein, wie bei der antiziouistisehen Bc-
wegung, die auch nur in bestimmten umgrenzten Kreisen ihre
Stützpunkte hat und nur von liier aus verbreitet wird.
Trotz allem ist es sicher, daß ein gewisser Zündstoff
auch bei uns in der Luft liegt, wenn man ihn auch nicht über-
schätzen soll. Im Augenblick haben die Wahlen zum ״Mos-
Ionischen Rat“, die an vielen Stellen zu Zusammenstößen
zwischen den Arabern untereinander geführt haben, die Ge-
mütcr erregt.
Und was die Juden betrifft, so zeigt gerade die Beier
der Fahnenüberführung nach Jerusalem, wie wenig sie sich
einer besonderen Empfindlichkeit des Momentes bewußt sind.
Es handelt sich hier vielleicht um eine Frage des Taktes;
vielleicht auch um die Frage, ob dieses Fest uns soviel gibt
wie cs — auf lange Sicht — gefährden kann.
oriell 2us Li bä«!
Aus Libau (Letviand) wird uns geschrieben:
Libau ist eine alte und gut organisierte jüdische Gemeinde.
Sie hat eine gute Zionistische Organisation, die sieb durch
ihre Einigkeit und Arbeitsfreudigkeit aus/.eichnet. Ti'ir den
Keren Hajessod hat Libau immer verhältnismäßig viel bei-
gesteuert. Man hatte allen Grund, zu erwarten, daß auch
die diesjährige Aktion unter der Leitung von L. Jaft'c Erfolg
haben wird — obwohl die ökonomische Lage der Stadt eine
trostlose ist, der Handel stockt und der Li bauer Hafen jetzt
mit bitterem Spott ״ein Freihafen, frei von Dampfern.“ ge-
naniit wird. Doch der Erfolg, den die Kcrcn-Hajcssod-Woehc
(<). bis 16. Dc/emher) in Libau erzielt hat, war eine Heber-
raschung. Herrn Jaffe ist es gelungen, in der Stadt ci״e
tiefe und opferfreudige Palästina-Stimmung zu schaffen Die
ganze Gemeinde stand im Banne Palästinas.
Im Verlauf von sieben Tagen wurden dreizehn Versamm-
lungen abgchalten. Ein feierlicher Empfang zu Ehren L. Jaffcs
leitete die Aktion ein. Der Saal war überfüllt. Der eng-
iischc Konsul, Mr. A. Porter, hielt eine begeisterte
Ansprache und forderte die Juden Libaus auf, ihre National-
Steuer für den Keren Hajessod zu zahlen. Eine große Wirkung
übte die Rede von Frau Lewin, Tochter des verstorbenen
N. Katznclensohn, ehemaligen Deputierten der ersten russischen
Durna und Direktors der Jüdischen kV.onialbnnk, aus. Der
Vortrag von L. Jaffe über den Aufbau Palästinas entfesselte
eine stürmische Ovation. Es folgten daun ein ,,Gcsellschafts-
tcc“, der 300 der prominentesten Personen der Stadt vereinigte,
zwei Massenversammlungen in den zwei großen Synagogen
(jede wurde von etwa 2000 Personen besticht): ״Makkabi“,
.,Hakoah“ und ״Haschomer-Hazair“ veranstalteten drei große
Versammlungen: in einer großen Versammlung der ״Frauen-
liga für Palästina“ sprach L. lat'fe über ״Palästina und die
jüdische Frau“; die zwei brdeiieiuliii jüdischen Mittelschulen
veranstalteten Kinderfeste zu Ehren des Ciastes aus Palästina:
zwei SammlcrversnmmUmgcn wurden abgchalten. 31 Paare
haben sieb vollständig der Sammlernrbeit gewidmet. Es
wurden viele neue Kcren-Hajessod-Znltler gewonnen, die alten
verdoppelten, verdreifachten und vervierfachten ihre Beitrage.
Es ist anzunchmcn, daß fast a’lc zahlungsfähigen Juden Libaus
jetzt für den Keren Hajessod- gezeichnet haben. Ueber das
Häuflein ״Hartnäckiger“ wird ein (in Lettland sehr übliches)
.,gesellschaftliches Gericht“ in der Form einer öffentlichen
Diskussion geplant. Man kann mit Sicherheit behaupten,
daß Libau, trotz der trostlosen ökonomischen Lage, seinen
Beitrag für den Keren Hajessod verdoppeln wird. Ein
großer Teil des Geldes ist in bar gesammelt worden, und
auf dem Abschicd.stcc wurde Herrn L. Jaffe ein gutes Geschenk
auf den Weg gegeben: ein Scheck auf die ersten 530 C für
den Keren Hajessod. Die Arbeit ist noch lange nicht zu
Ende und wird mit großer Energie weitergeführt
Der Wahlterror in der Tschechoslow3!\ei
Prag, 20. Dezember. (J.T. A.) Im tschechoslowakischen
Parlament erhob der deutsche Abgeordnete Heller scharten
Protest gegen den Wahltcrror i 1 ״ Lande, der es verhindert
hat, daß die mehr als 100 000 Wähler der jüdischen Partei
auch nur ein einziges Mandat errungen hätten, obwohl auf
100 000 Wähicr doch mindestens fünf Mandate, hätten entfallen
sollen. Die Regierung, sagte der Abgeordnete, habe zu ganz
unglaublichen Mitteln, wie Bestechung usw., gegriffen, um' ein
jüdisches Mandat zu verhindern. Ihr williges Werkzeug war
der Vizegouverneur von Karpathorußland, Herr Rozsypal,
der große Summen a u f w a n 111 0 , um die orthodoxen
l lemente in ihrer Opposition gegen die Zionisten zu stärken
und so die jüdische Front zu zersplittern. Abg. Heller sagte,
er sei in der Lage, seine Behauptungen dokumentarisch, so
durch Vorlage von Geldquittungen, zu bestätigen
Aus Oslo wird gemeldet, daß mit Wirkung vom 15. De-
zember 1925 die Schechitah in Norwegen ver-
boten ist. Darob hat sich der norwegischen Jtidenheit,
die 7 um größten Teil noch sehr orthodox i«t, eine große
Panik bemächtigt. Wir hoffen, daß es gelingen wird, das
gegen die Toleranz verstoßende Verbot rückgängig zu
machen.
Die Assschreitensea in Lemtog
Lemberg, 21. Dezember- (J.T.A.) Die in: Zusammen-
hang mit der Freisprechung Steigers am IS. Dezember bc-
gonnenen antijiklischen Ausschreitungen erreichten am 19. De-
zember ihren Höhepunkt. Auf dem Platz vor dem Fredro-
Denkmal versammelten sich mehr als 5000 Studenten, So-
kolni und Angehörige der Rozwoj-Organisalion, alle mit
Schlagwnffcu ausgerüstet. Die Polizei bildete einen Kordon
um die Versammelten. Mehrere Redner, die auf die Schultern
gehoben wurden, riefen zu einem Vcrnichtimg^kampf gegen
die Juden und die ״ Judenknechte“ auf. Es wurden Rufe
ausgertoßen: ״ Nieder mit den Juden! Nieder mit den
Verteidigern Steigers! Nieder mit den pflicht ver-
g c s :.citnt acht Oese h w 0 r e ״ c n 1“ Als die Reden
und die Rufe verklungen waren, durchbrach die Menge den
Polizeikordoii, verteilte sich auf die umhegcndri: Gasser»,
schlug auf die jüdischen Passanten ein und verwundeten
mehrere recht erheblich. Die Verwundeten, die .sich nicht
selber nach Hause begeben konnten, winden durch die
Rettuugsgcsdlschaft in die nädisthcgemku Krankenhäuser
gebracht. Vor dem Hanse des Steiger-Verteidigers Dr. Grek
wurde eine große Kundgebung veranstaltet und >;im(liohc
Fensterscheiben des Hauses angeschlagen. Die Polizeiwache
verhinderte die Menge, in das Haus selbst ciuzudringeti.
Im Saale der Sokoleil fand am 20. |X-/r!nher eine Ver-
Sammlung statt, in der die aus dem Steiger-Prozeß bekannte
Balletteuse Pasternak eine jtidrnhetzcrische Rede hielt
und davon sprach, daß die ״ jüdischen Dollar“ Steiger
befreit haben. Sic sagte auch, die acht Geschworenen, die
die Schuld frage verneinten, seien ebenso wie die Verteidiger
und der Ukrainer Ols/anski von den Juden gekauft worden.
Nach Schluß der Versammlung wurde die Pasternak auf
den Schultern nach ihrer Wohnung getragen, wobei auf
dem ganzen Wege die Rufe erschollen: ״ Es lebe unsere
Heldin Pasternak, es lebe Witkowski (einer der Geschworene ״ ,
der sich für Steigers Verurteilung einset/te). es lebe Lu-
kom-.ki, Tod den Juden!“ In dem Cafe ״ Wars/awa“, wo
gewöhnlich Juden verkehren, wurden sämtliche Fensterscheiben
ringesclilagon. Die Menge drang auch ir; das Innere des
Cafes ein, mißhandelte schwer die Gäste und demolierte die
Einrichtung. Hierauf zog die ;Menge vor die Redaktionen
der jüdischen Zeitungen ״ CInvila“ und ״ Lemberger Togbhtt“.
Da ein stärkerer Polizeitrupp die Zugänge zu den Häusern
absperrte, zog die *Menge vor die Wohnung der Eitern
Steigers. Auch dort verhinderte die Polizei größere Aus-
schreihingen. Die jüdische Bevölkerung Lcml>crgs ist von
Panik brhn;. ־.׳ ht. Die jüdischen Läden sind geschlossen,
man vermeidet, womöglich, das Passieren der Straßen.
Zu den Arrangeuren dieser Exzesse gehört der getaufte
Jude Tlimnim, Herausgeber der ״ Gazeta Codziemu“, der
Flugblätter verteilen ließ, in denen jeder, der ״ polnisch fühlt“,
aufgefordert wird, gegen die ״ jüdische Hydra“ zu demon-
stricrcn.
In der ״ Roten Gasse“ versuchte die Menge unter den
Rufen: ״ Nehmt den Juden die Dollar weg!“ jüdische Bank-
häuscr zu stürmen. Hier stellten sich ihnen die jüdischen
Inhaber und deren Angestellte entgegen. Als die Menge
Widerstand mciktc, wagte sic keinen Angriff, bis Polizei
kam und sie zerstreute. In mehreren von Juden bewohnten
Gassen sind fast alle Fensterscheiben cingescinagen. Mehrere
jüdische Frauen und Kinder wurden durch Stcinwiirfc verletzt.
I.ukomski bleibt im Amt
Warschau, 25. Dezember.. (J.T.A.) Der Inspektor
des liauptpolizcikominandos, Ludwikowski, der nach Lern-
borg entsandt worden ist, um die Untersuchung gegen
die I.rmbergcr Polizcibeanitcn L u k o m s k i und K a id a n .
die der Protokollfälsclumgeii in Sachen des Steiger-Prozesses
und anderer Verbrechen bezichtigt werden, zu fuhren, ist
nach wenigen Tagen Aufenthalts in Lemberg wieder nach
Warschau zurückgc kehrt. Im Zusammenhang da¬
mit wird von unterrichteter Stelle mitgctcilt, daß die Unter-
suchung wahrscheinlich nicht fortgeführt und daß die Diffc-
renzeu zwischen der Kriminalpolizei und der politischen
Polizei auf gütlichem Wege beigelegt werden würden. Ur-
Sache zu dieser neuen Wendung ist der Umstand, daß die
gesamte nationaldcmokratisch-antiscmitischc Front sich hinter
Lukomski und Kaidan gestellt hat und entschlossen ist, die
in der Angelegenheit Steiger kompromittierten Kreise mit
allen Mitteln za decken. Die Regierung ist nicht in der
Lage, gegen diese geschlossene Front anzugehen. י - In
einer halboffi/.iöscn Mitteilung hieß es bekanntlich, daß
Lukomski bereits seines Amtes entsetzt worden ist.
Eine diesbezügliche Maßnahme war auch schon vorbereitet
gewesen, allein die neue Wendung der Dinge hat die maß-
gebenden Kreise der Regierung veranlaßt, die A ח g c -
legen heit auf sich beruhen zu lassen.
Steigers Abreise
Lemberg, 21. Dezember. (J.T.A.) Da die demon-
strierende Menge immer wieder versuchte, vor das Haus
der Familie Steiger zu ziehen, haben verantwortliche jüdische
Kreise Stanislaw Steiger geraten, für einige Zeit Lemberg zu
verlassen. Steiger folgte diesem Rat und ist heute a b -
gereist.
Senator Ringel, einer der Verteidiger Steigers, Inter-
veniertc bei den zuständigen Behörden und erhielt die Ver-
Sicherung, daß keine Exzesse mehr geduldet werden würden.
Die Wohnungen der Verteidiger Steigers und der acht
Geschworenen, die mit Nein stimmten, werden durch Polizei
bewacht.
Warschau, 22. Dezember. (J. T. A.) Steiger ist heute
m Warschau cingctroffcn. Seine Adresse wird geheim ge-
halten, damit er nicht auch in Warschau Insulten ausgesetzt sei.
Die jüdisch ca Gcmciadcvvahlca ia Liteara
—v. Kowno, 17. Dez. 192s.
Der litauische. 11 menmini>ter erklärte, daß die Wahlen
zu den jüdischen Gemeinden überall am 25. und 20. Januar
stattzufinden haben. Das Wahlrcglcmcnt i<: noch nicht ver-
öffentlicht worden, doch verlautet, daß sich das Wahlrecht
nur auf Personen erstrecken wird, die am betreffenden
Orte eine eigene Wohnung, eine feste Stellung oder Bc-
schäftigung haben. Das passive Wahlrecht beginnt mit
dom 21. Lebensjahr. Mit Genehmigung des Innenministers
dürfen mehrere Nachbarorte eine Gemeinde wählen. Die
gewählten Gemeinde Vorstände bedürfen der behördlichen Be-
stätignng.
Der von der italienischen Regierung zum Professor tür
hebräische Literatur an der Universität Florenz ernannte Prof.
Umberto Cassuto, wurde vom Rabbinersemmar zu Florenz,
an welchen! Prof.' Cassuto 19 Jahre lang doziert hatte, zum
Ehren professor ernannt. Diese Auszeichnung verleiht
das Rabbinerseminar Florenz nun zum zweiten Male. Der erste
Fhrenprofessor der Anstalt ist unser bekannter tig. Pro!.
Chaics, früher Lehrer am Seminar, jetzt Oberrabbiner von
Wien.