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Gegenteil die T c m p e 1 w e i h c! — Das große
Werk ist vollendet. Eine glänzende Volksversamm¬
lung faßt der Tempel und die Herrlichkeit Gottes
erfüllt ihn. Der weiseste aller Könige tritt zum
Mare hin, die Krone auf dem Haupte und in
fürstlichen -schmuck gehüllt zur Ehre Gottes. Volks-
krast und Bolksglück, irdische Freude und
tiefreligiöser Sinn, menschliche Lustz
.und himmlische Wonne vereinigten sich
hier in nie erreichter Harmonie! Ter
König selbst hält die Weihercde, groß angelegt,
in erhabenen Zügen, aber in jeder Hinsicht klassisch,
ein unerreichtes Meisterwerk der Rhetorik. Unter
den großen Gesichtspunkten, welche die Weihcrede
berührt, findet sich auch folgender Passus: „Und
auch den Ausländer, der nicht von Dei¬
nem Volke ist, und er kommt aus fernem
LandeumDeines Namenswillen —denn
sie werden hören von Deinem großen
Namen und Deiner starken Hand und
Deinem ansgestreckten Arme — und er
I o mm t und betet in diesem Hause, s o
höre Du im Himmel und tue alles, um
was der Ausländer zu Dir ruft; damit
alle Völker der Erde Deinen.Namen er¬
kennen. Dich zu fürchten, wie Dein Volk
Israel."'
Wahrlich, wahrlich, eine solch „kö¬
nigliche Predigt" verdient niedriger
gehängt zu werden zum beschämenden
und lehrreichen Excmpel für die mo¬
dernen Kulturnationen, bei denen der
Chauvinismus seine wüsten Orgien
feiert! — Vollends wird man sie erst zu würdigen
verstehen, wenn man sie im Milieu der dama¬
ligen Volks- und Zeitverhältnisse be¬
trachtet. Es möchte einen bedünken, als hätte da die
Geschichte einen Sprung von über 3000 Jahren ge¬
macht. Das königliche Bekenntnis sener feierlichen
Stunde adelt nicht nur den weisen Salomyn, sondern
das ganze Volk. Ihm wird dadurch das Zeug¬
nis einer edlen Sittenbildung ausgestellt, der Stem¬
pel einer unstreitbar hohen Kulturstufe ausgeprägt!
(Schluß folgt.)
Samson Raphael Hirsch in Ungar«.
Von M. E Philipp Fischer, Rabbiner
zu Devavanya in Ungarn.
(Schluß).
Ueberhaupt verbreitet sich der Ruhm und die
Anerkennung Hirschs Tag für Tag mehr und mehr
in Ungarn. Mit diesem gehet auch ein fortschrei¬
tendes Studium seiner Werke und Anerkennung und
Annahme seiner Ideen Arm in Arm. Und dieser
fortschreitende Einfluß Hirsch'schen Geistes ist nur
mit Freuden zu begrüßen. Denn nur die Huldigung
Hirsch'scher Prinzipien kann' die einem entscheidenden
Momente entgegcngehende ungarische Orthodoxie da¬
vor bewahren, daß sie nicht Beute einer der beiden
Extreme im ungarischen Israel wird: Des seglicher
modernen Bildung sich feindlich entgegenstemmenden
Chassidismus oder der an das Judentum, ans wahre
Judentum, nur^durch das leicht zerreißbare Band
einer Jomkipur-stunde oder des Kaddischsagens ge¬
knüpften Neologie.
Obiges ist eine Wahrheit, der schon vor einigen
Jahren ein begeisterter Anhänger des Hirschianis-
mus in einer von ihm vcröffenllichten, in ausge¬
zeichnetem Style geschriebenen ungarischen Brochüre
Ausdruck verliehen hat. Wir meinen die unter dem
Titel: „A zsido vallas a modern korbau" (Die jü¬
dische Religion in der modernen Zeit) erschienene*)
Schrift des Herrn Elias Friedmann. In der Vor¬
rede schreibt der geehrte Versos) er: „Auch wollte ich
die Wahrheit dessen vergegenwärtigen; daß der reli¬
giöse Glaube wohl zu vereinbaren sei mit der . welt¬
lichen Bildung. Dieses Letztere wähnte ich dadurch
am ehesten zu erreichen, indem ich den beiden eben
charakterisierten itztrcmen in der ungarischen Juden-
heit die wahrhaft großartige Gestalt Hirschs, der
doch auch unserer Zeit angchörte, als eine solche
vorzustellen mich bemühte, die Thoragelehrsamkeit
mit moderner Bildung harmonisch vereinigend, zu¬
gleich Großmeister auf dem Gebiete weltlicher Wis¬
senszweige und Vertreter des wahren Judentums
war." —
Auch sonst befreunden sich selbst noch aus der
alten Schule hervorgcgangcne Rabbiner immer mehr
und mehr mit den Hirsch'schen Ideen, machen sich
mit seinen Schriften immer bekannter, wie dieses
schon daraus ersichtlich ist, daß man in den in
neuerer Zeit erschienenen Werken agadischen Inhaltes
häufig auf Citate aus Hirschs Werken und Be¬
nützung und Anwendung der dort gegebenen Ideen
trifft.
So findet man z. B. in dem agadischen Teile
des Werkes „Likutc Schelaumauh" von meinem sel.
Großonkel gk. Salomo Klein gew. Oberrabbiners in
Zentra, Seite 104, b. die treffliche symbolisierende
Erläuterung Hirschs zitiert, die derselbe zu dem
Befehle Gottes giebt, daß man aus den Pfannen der
untergegangenen Rotte Kvrahs einen Ueberzug für den
Mar bereiten soll. (S. Hirsch, Pent.-Com. IV. B.
*) Erschienen im Jahre 1899, M. Szipet.
Frankfurter Israelitisches FamilieMatt.
M. fl.7t 3 und Psalm.-Com. 42) 1.) — Seite 111, b.
wird wieder eine in Hirschs Psalmenkommentar zu
34, 1 enthaltene etymologische Erklärung verwendet.
— In einem anderen Werke des erwähnten Ver¬
fassers wird wieder die herrliche Etymologie Hirschs
zu dem Worte: N'siim, welches im Hebräischen be¬
kanntlich zugleich Fürsten und Wolken bedeutet, zi¬
tiert. ' (Eß s'paud. Paus. 5658, S. 17, b.)
Selbst in dem köstliche agadischc Erklärungen ent¬
haltenden Werke eines langjährigen Schülers von
R. Mosis Loser fl A., in dein „M'atch Jaussef" des
N. Josef Fisch finden wir S. 27, b. die tiefsinnige,
seither fast zum geflügelten Worte gewordene Exegese
Hirschs zu II. B. M. 25,8 agadisch verwertet und von
einem der größten Schüler des Verfassers des „Ehas-
sam Sauser", von N. Fciwel Plaut s. A. gctv. Rab¬
biners zu Groß-Sürany und Verfasser des immense
Gelehrsamkeit verratenden und 12 dicke Bände aus¬
machenden talmudischen Werkes „Likute chowor ben
chajim", worin der Verfasser auch wertvolle Bei¬
träge zur Biographie seines großen Meisters liefert,
einem Studiengenossen des Verfassers des „Match
Jaussef", weiter ansgebauet.
Mch ist vor zwei Jahren in dem zu Waitzcn in
Uegarn erscheinenden rabbinischcn Fachblatte „Tel
Talpijanß" 10. Jahrgang. S. 45 eine bishin nur
handschriftlich vorhanden gewesene, hebräisch abgc-
faßte „T'schüwah" von R. Hirsch veröffentlicht worden.
Das Antwortschreiben ist an meinen Vater, den
Herrn Amran Fischer, Rabbiner in Gyönk gerichtet
und befindet sich gegenwärtig in meinem Besitze.
Das Schreiben ist aus Frankfurt a. M. 5639, 1. Kis-
lew datiert und beanttvortet mehrere an Hirsch ge¬
stellte Fragen in „Jnjou hiekriw korban b'läu mclach
usw." — Dieses Schreiben beweist, daß Hirsch nicht
nur auf dem Gebiete der jüdischen Religionsphilo-
sophie der Maimonides unseres Zeitalters genannt
werden darf, sondern daß er mich ein Großmeister
der althergebrachten Methode in der talmudischen
Forschung war. Dasselbe erschien mit den Rand¬
glossen des Einsenders, des Herrn Rabb: A. Fischer
und mit denen des Oberlciters des erwähnten Blat¬
tes, des Herrn I. Silberstcin, Rabbiner in Waitzen,
versehen und erregte iit_kcr Talmudgelchrten-Welt
Ungarns ein solches Ausfehen, daß sich eine große
publizistische Kvntoverse mehrerer Rabbinen und Tal-
mudgelehrten ihrem Erscheinen anschloß, die in -den
folgenden Nummern des T. £■' zur Aussprache ge¬
langte.
Zum Schluß sei noch erwähnt, daß Schreiber
dieser Zeilen im.Begriffe ist, durch) Herausgabe seiner
ungarischen im Hirsch'schen Geiste gehaltenen Sy-
nagogal-Neben und seiner freien Umarbeitung eines
Teiles vom Ehanrew einen Vorschub für die Ver¬
breitung des Hirschianismus unter seinen Glaubens¬
genossen in Ungarn zu leisten.
Den Schreiber d. Z. leitet die Erfahrung, die er
an sich gemacht und die er am Schönsten in den
Worten Goethe's über . Shakespeare wiedersindct:
„Die erste Seite, die ich in ihm las,
machte mich aus Zeitlebens ihm eigen;
und wie ich mit dem c r st e n Stücke
fertig war, st and ich wie ein Blindge¬
borener, dem eine WunderhanddasGe-
sich t in einem Augenwlick schenkt. Ich
erkannte, ich fühlte aufs lebhafteste
meine Existenz um eine Unendlichkeit
erweitert. — Alles war mir neu, unbe¬
kannt u ii b das ungewohnte Licht machte
mir A u g e n s ch m e r z e n. Nach und nach
lernte ich sehen, und Dank sei meinem
Genius, ich fühle noch immer lebhaft,
was ich gewonnen Hab e."
Aus aller Welt.
Deutschland.
Fechenheim bei Frankfurt a. M. Am 28. Oktober
veranstaltete die christlich-soziale (-antisemitische) Ar¬
beiterpartei im Laale „Zum Kaiser Friedrich" ihre
erste öffentliche Versammlung, in der Herr Lic. thcol.
Mumm, Berlin, über das Thema referierte: „Was
wollen die Christlich-sozialen ?“ Er wies in seiner
Rede daraus hin, daß edle und monarchisch ge¬
sinnte Männer, wie Wagner und Stöcker, es laut
in alle Lande verkündet hätten, daß gegenüber den
unchristlichen Mächten des Mammonismus und Kom¬
munismus, nur der christliche Sozialismus helfen
könne. Leider seien diese Männer ohne Nachfolge
geblieben, dennoch gäbe es kein zu spät. _
In der Diskussion bedauerte Herr Pfarrer Stop¬
pel das Fernbleiben der Bürgerschaft Fechenheims,
der wir auch ein weiteres Fernbleiben wünschen.
Grotz-Karben. Ein großer Teil der Judenhcit
dieser Gemeinde lebt in deni Glauben, daß die
Zukunft der Fudenheit bei Hintenansetzung der kon¬
fessionellen Tradition in der Ausgleichung der äußer¬
sten Grenzen der Reform mit allgemeiner Einheit
und Gleichheit zu suchen sei. Die Folgen bleiben
natürlich nicht aus. Erst kürzlich verlobte sich ein
;unges Mädchen — «elma Eahn — mit Zustim¬
mung und im Hause ihrer Eltern mit einem evan¬
gelischen Eisenbahnarbeiter.
. Nr. 52.
Höchst i. Odenwald. Die Vollendung des Syna¬
gogenneubaues schreitet bei dem günstigen Wetter
rüstig vorwärts. Die Einweihung wird voraussicht¬
lich im Februar stattsinden.
Berlin. Herr Moritz M a n h e i m e r und Gattin,
deren Hochherzigkeit die hiesige jüdische Gemeinde die
zweite Atterversorgungs-Anstalt (Schönhauser-Allee)
und das Hospital (Siechenhaus) dankt, haben 10 00 00
Mark für ein Kinder-Genesungsheim in
dem Soolbad Eimen (bei Akagdeburg) gespendet.
Eharlottenburg. Wegen Freiheits-,
heranbun g hatte sich 'gestern der Synagogen-
diener Isidor Rawitzer aus Charlockenburg
vor der ersten Strafkammer am Landgericht II zu
verantworten. Dein Vorstande des Synagrgenvereins
zu Charlottenburg gehört als zweiter Vorsitzender
der Rentner Beutner an. In dieser Eigenschaft liegt
es ihm ob, an den Wochentagen die Zeit für die
Abhaltung der üblichen Gottesdienste zu bestimmen
und die erforderlichen Anordnungen dafür zu trefsen.
Am Sonnabend, 25. Juni, hatte er den Abendgottes-
dicnst, der sonst später stattfand, bereits für Nach¬
mittag 5 Uhr (!) angesetzt. Er hatte den'Synagogen-
diener von dieser Anordnung in Kenntnis gesetzt;
er fürchtete aber, Rawitzer könne dies vergessen und
nicht zu rechter Zeit die Türen öffnen. Um dieser
Möglichkeit vorzubcugen und allenfalls auch se.bst die
Türen der Synagoge öffnen zu können, nahm er den
Schlüssel einer Scitcutür, die sonst als Notausgaug
diente, an sich, allerdings ohne dem Synagogendicuer
etwas davon zu sagen. Dieser suchte lange Zeit nach
dem fehlenden Schlüssel, und da er ihn nicht fand,
so band er die unverschließbare Tür von innen mit
Stricken zu. Als Rentner Beutner am Sonnabend
nachmittag in der fünften Stunde die Synagoge durch
die Seitentür betreten wollte, konnte er sie nicht
öffnen. Während er sich an der Tür zu schaffen
machte, kam der Synagogeudiener hinzu und rief
sofort wutentbrannt: „Sie sind es also, der mir den
Schlüssel gestohlen hat! Sie kommen hier nicht
eher fort, als bis die Polizei da ist!" Damit schloß
er den zweiten Vorstand im Borgarten der Synagoge
ein und lieh ihn nicht eher heraus, als bis ein
Polizeibeamter erschien, worüber eine halbe Stunde
verging. Der Angeklagte behauptete, daß niemand
berechtigt gewesen sei, den Schlüssel an sich zu nehmen
außer ihm, da er allein für den wertvollen Inhalt
der Synagoge verantwortlich sei. Der Rabbiner Dr.
Kroner und der Rendant Salomons bekundeten aber,
daß dem Rentner Beutner an ben Wochentagen tat¬
sächlich die erwähnten Funktionen oblagen und daß
er bei deren Ausübung der Vorgesetzte des Ange¬
klagten war. Der Verteidiger warf ein, daß es sich
doch hier um den Sonnabend handele, der für die
Juden'doch nicht zu den Wochentagen zähle, erhielt
aber darauf die Antwort, daß. der Sonnabend
Nachmittag für- die Inden nicht mehr als jeder
Wochentag gelte. (!) Der Staatsanwalt beantragte 14
Zage Gefängnis, der Gerichtshof zog aber in Betracht,
daß das Vergehen des Angeklagten sich gegen einen
Vorgesetzten- richtete, was besonders strasve:schärfend
wirke, und erkannte auf einen Monat Gefängnis.
München Unter sehr zahlreicher Anteilnahme
von Leidtragenden verschiedener stände ist der prak¬
tische Arzt Herr Jonas B i l l i g h e i m e r zu seiner
letzten Ruhestätte geleitet worden. Ter Verstorbene,
der ein Alter von 74 Jahren erreichte, war 40
Jahre lang als praktischer Arzt in Eppingen in
Baden tätig. Als badischer Bezirks-Assistenzarzt nahm
er an dem Feldzüge 1870/71 teil und tat sich her¬
vor in der Pflege kranker und verwundeter Krieger.
Die Kriegsdenkinünze 1870/71 und die Kaiser-Wil-
Helm-Erinnerungsniedaille lohnten seine Verdienste
im Felde. Vor einigen Jahren hatte er sich nach
München in den Ruhestand zurückgezogen.
Breslau. Im Anschluß an dieIsraelltische
Alters v ersorgungs anstalt auf der Kirsch¬
allee ist von dem Rittergutsbesitzer Julius Schottländer
ein Schwesternheim gegründet worden. Das¬
selbe hat seinen Platz neben der genannten Anstalt
am Ende der Kastanienallee erhalten, hat aber seinen
offiziellen Haupteingang von der Kirschallee, aus. Auf
die Ausbildung jüdischer Krankenschwestern wird neuer¬
dings von jüdischen Kreisen besonderer Wert gelegt.
Die im jüdischen Krankenhause ausgebildeten Schwestern
sollen teils in der Anstaltspflege, teils in der Privat¬
pflege Verwendung finden.
Posen! Nach einer Darstellung im „Posener
Tageblatte" waren in der Provinz Posen im Jahre
1867: 4.26 v. H. und 1900: 1,87 v. H der Be¬
völkerung Juden. Sie haben sich von 1867
bis 1900 in der Provinz um 46,07 v. H., im Re¬
gierungsbezirk Posen um 47.46 v.H. und im Regierungs¬
bezirk Bromberg um 43,51 v. H. verringert.
Eine ausgesprochene Vorliebe für die größeren Städte
ist Eigenart der Juden, da dort ihre Neigung für
Handel und Gewerbe mehr beftiedigt wird. Aber auch
die Städte mit mehr. als 20 000 Einwohnern zeigen
eine numerische Abnahme. Auf die Juden entfielen
1867: 11,17 v. H. der Bevölkerung, 1900: 4.64 v. H.
So z. B. sind sie in der Stadt Posen von 1867 bis 1900
um 15,67 v. H. und in der Stadt Äromberg um 17.58 v.
H. zurückgegangen. Zur Erklärung dieser Konfessions-
Verschiebungen kommen offenbar auch wieder Wander¬
erscheinungen in Betracht. Da die.Seelenzahl der
Juden im preußischen Staate in der angegebenen Zeit
um 25,28 v. H. gestiegen Ist, so ist der Rückgang des