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Beilage p Nr. 60 des Frankfurter Israelitischen FamiliMattes.
Sprcchsaal.
(Wir übernehmen für diese Rubrik nicht die redaktionelle
Berantworttichkeil).
Israelitische Religionsgesellschaft und
Synagogenbausrage.
l j In den nächsten Tagen findet die jährlich wieder-
kehrenoe General -Verjammluiig der Synagogengc-
meinde „Israelitische Religionsgesell,
schaft" )tatt, die voraussichtlich wi.oer teugnii ab»
legen wird von dem fielen Wachetum ihrer Mi.gli.dcr-
zayl wie von der Festigung und Krä.tigung ihrer
wohlbewährten Einrichtu» g n und Jnstitutione.k.
Dies freundlich Helle Bild wird nur von einem ein¬
zigen Schatten getrübt: Die Synagogcnbau-
Frage wird, wie zu befürchten steht, auch in des r
Generalversammlung nicht zur Lösung kommen, w.il
der Vorstand bezw. die Baukommifsion noch immer
nicht in der Lage ist, einen geeigneten Vorschlag zu
machen.
Während es sonst im Leben häufig vorkommt,
daß ein Bauprojekt mit allen Einzelheit m v:rhand:n
ist, während die Gelder zu seiner Au.sührung fehlen
und auch nicht zu beschaffen sind, ist eZ bei uns um¬
gekehrt. Gelder sind längst vorha-den, aber das
Proje't fehlt und will nicht kommen, trotz der
alljährlich wiederkehrenden, stereotypen Versicherung
des Vorstandes, daß er hoffe, „demnächst" in der
Lage zu sein, einen geeigneten Vorschlag zu unter¬
breiten.'
Wie kommt es nun, daß' Vorstand und Bau¬
kommission sich seit Jahren, v:rg:blich um di: Lösung
dieses Problems bemühen, trotzdem es beiden Gremien
weder an Eifer noch an Sachverständnis und Er¬
fahrung mangelt?
Wir glauben, daß das Haupthindernis für ei-e
gedeihliche Lösung dieser Frage eine gewisse U -
klarheit ist, dir unter unseren Mitgli d rn herrscht
über das, was ein Synagogen-Neubou erreichen kann
und erreichen soll. Es ist unser l bha't:r Wun'ch,
mit diesen Zeilen zu einer Klärung der ganzen Frag?
beizutragen;'da uns lediglich sachliche Motive leiten
und wir wünschen, daß diese Aussührung'n g:n'>
sine ira nt studio ausgenommen werden, so kommt es
auf die Person ihres Urhebers hier nicht weiter an.
Die Notwendigkeit der Schaffung neuer Syno-
gogenplätze ist so. allseitig anerkannt, daß wir bei
diesem Punkte nicht zu verweilen brauchen, es
handelt sich nur um die Frage, wie es geschehen soll.
Der erste.Gedanke ist natürlich der einer Ver-
gr ößerung des bestehendenBaues, wo u
der Umstand, daß die Häuser links und rechts der
Synagoge Gemrindeeigentum sind, sörulich cinlldet.
Indessen haben di: Fachmänner, mit den'n diese
Idee besprochen wurde, sofort erklärt, daß si:
unausführbar ist. In einem ents rrchrnd v:r -
größerten Bau würden für einen Teil der Be¬
sucher, die auf das Hören angewiesenen gottes¬
dienstlichen Handlungen — Tho avorlesung. Pre¬
digt u. s. w. — unvernehmbar sein, ein Umstand,
der genügt, um diesen Plan endglltiz abzutun.
In zweiter Linie kam ein Neubau auf den
gleichen G.undstücken in Be rächt. Se bst ed'nd ließen
sich hierbei günstigere all stifche Verhältni s: schuf en
als bei einem bloßen Anbau und wenn es sich
bloß um Hin'uiügung von 3—403 Pl tz:n handelte,
wäre diese Lösung durchaus anne'mbar. Dr aber
'ein paar Hundert neue Plätze höchstens für d n
Augenblicksbedarf genügen und den ganzen in der
Zukunft zu erwartenden Zuwachs außer Acht lassen,
so müssen wir uns auch gegen dies: Lö.ung aus¬
sprechen.
Wir kommen hier schon zum Kernpunkt der
ganzen Frage, denn was in dieser Ve iehung gegen
einen Neubau auf der sei.herigen Stelle ein u-
wenden ist, läßt sich auch gegen j d n Neubau
d. h. gegen die dauernde Lösung der
Platzfrage durch eine einzige Syna¬
goge, stehe sie wo sie wolle, einwenden. In Wirklich¬
keit ist auch von allem Anfang an die Schaffung einer
zweiten Gemeindesynagoge, neben d:r bisherigen
in Frage gekommen. Diese Idee hat zahlreiche
und sehr entschieden auftretend: Cegn r gesunden.
Man macht vor allem ge.tend, daß der ^u'ammenhang
in der Gemeinde leiden müsse, w:nn si: nicht mehr in
ihrer Mehrzahl allsabbathlich sich am g'eich:nLrte
einsinde, um dort im g:mci:isamen Geb t: Stärkung
und Kräftigung zu suchen;dieEinheitdesRau-
mes sei es, die auch die Einheit der Gesinnung be¬
fördere und bedinge.
Dem möchten wir entgegenhalten, daß auch heute
: schon eine ganze Anzahl Mitglieder, s i es aus Platz¬
mangel, sei es der Entfernung wegm oder ans and -
ren Gründen, die Synagoge in der Schützenstraß: nicht
oder nicht regelmäßig besuchen, dafür aber in dcrClaus
Waisenhaus-, Königswarter-, Hermesweg-, Träu-
behen-Synagoge und wie sie all: heißen, Samm-
gäste sind. Man braucht sich nur zu v:ra> genwäi ttsteu,
f baß unsre Synagoge nur 600 Männer itz lätz: ent¬
hält, während- schon über 800 -Mitglieder Vor¬
handen sind, j ätt denen noch Söhne, sonstige
Angehörige und eine Anzahl Sitze innekabndr
Nichtmitglieder kommen, um fest^ustellen, dag auch
heute schon ein ziemlich hoher Prozentsatz der
Gemeindemitglieder die Synagoge nicht benutzen kann.
So sehen wir denn heute schon, daß die
„Einheir im Raum" nur ein schöner Traum
ist, daß sie in der Praxis ersetzt werden muß
und 'ersetzt werden kann durch die „Einheit
im Geiste", die sich glücklicherweise au rech, er¬
halten läßt, wenn jene schon längst undu.chführbar
geworden ist.
Die einfache Erwägung also, daß es technisch
unmöglich ist eine Gem inde, di: rüstig an; das
erste Tausend an Mitgliedern lo steuert, ti umlich
in den Schranken ei nes Gotteshauses festl,a.'t n
zu wollen, sie zeigt uns den Weg, d.n wir g Yen
müssen und selbst dann gehen müßten, wenn die,er
oben angeführte Umstand nicht vorhanden w.,r:.
Für die Schassung einer räumlich getrennt.»,
zweiten Synagoge spricht nämlich noch ein an. rer,
mindestens ebenso gewichtige G und; Di: immer
weiter und weiter wachsende Au dehn-
ung unseres Gemeinwesens. M» vor^me>,r
als 50 Jahren unsere Gem.inde gegründet» di: Syna¬
goge in der Schützenstraße erbaut wurde, da hatte
Frankfurt etwa 60000 Einwohner, von denen nur eia
für uns gar nicht in Betracht kommender Bruchteil
außerhalb der Innenstadt und ihrer wichtigsten Um¬
gebung wohnie. Als vor ca. 30 Jahren eine Erwei¬
terung der'Synagoge nöti.z wurde und sie ihren h:u-
tigen Umfang erhielt, hatten sich diese Berhältnifse
noch nicht wesentlich geändert. Wie ganz anders
heute! Die Einwohnerzahl Frank'u ts ist auf über
300000 gewachsen, ein Netz von Trambahnen über¬
zieht die Stadt nach allen Richtung:» und e möglicht
es, daß die Innenstadt immer mehr zum Ge'chä ts-
viertel wird, während die wohlhabende Bevölkerung
nach der Peripherie drängt. Der Zug nach dem We¬
sten, ohnehin fast allen europäischen Großf ä ten g -
mein, tritt seit der Hinautlegung des Haup bahnho es
bei uns in erkö'tnn Maße auf. Prachtvolle, breite
Sttaßen, mit allem modernen Eomfort äu gest t>.t:
Neubauten, di: Nähe des Hauptbahnho'es, der Thea¬
ter und Museen haben dazu geführt, daß in unserer
Stadt in den letzten 25 Jahren der Westen zum b vor-
zugten Aufenthalt der Wohlhabenden g'worden »ft.
Dem entsprechend ist das -Ostend in der allg m in:n
Wertschätzung entsprechend gesunken. — „Nur eitr hohe
Säule zeugt von entschwundner Pracht!" Ti: jüdi che
-Oit'odo i: und di: von i'r unter^a'tenen Anstalten,
sie stützen den Rest des Ansehens, d'n das Ost'nd noch
genießt. Aber wie lange noch? Wie lange noch n ird
es möglich sein, unsere Gemeinde im Ostend und d m
angrenzenden nördlichen Gebiete zusammen zu la'trn?
Schon mehren sich die Anzeigen, daß ge'chä'tl'ch: und
andere Interessen den einen und anderen bewege'«»
diesen Ravon zu verlassen und sich dem Zug: d:r aü
gemeinen Entwicklung an'uschließen. Mäq tas Tempo
auch vorläu'ig ein langsames sein, ti: nächsten Jahre
werden sicher eine starke Beschleunigung und Ver¬
mehrung bringen.
Wir haben nun den hier geschilderten Ums'and —
die Concentrierung unserer Gem:indeansta't:n i.n Ost¬
end — noch unter einem anderen Gesichtspunkte zu
betrachten. Es ist bekannt, daß alljähräch ein bedeu¬
tender Zuzug jüdischer Familien stattsindet. Dieser
Zuzug stammt fast ausschließlich aus Hessen, Na sau
und Süddeutschland. In allen diesen Gebieten hat sich,
im Gegensätze zu Norddeutschland, das jüdisch-: eiigiöfe
Gefühl noch vielfach erhalten. Tie Ursachen sind na¬
türlich nicht überall die gleichen. Die klare E kenntnis,
daß allein das g:setzestteue Judentum eine Zukunft
hat, mag bei den meisten nicht vorhanden sein, aber
ein lebha'tes jüdisches Gefühl. Pietät gegen das, wo'ür
unsere Ahnen gekämpft, und gelitten haben, ist wol
bei der Mehina^l vorauszusctzen. Wi: kommt es nun,
daß unsere Gem'inde von jenem auswärtigen Zu'ug
so wenig prosittert, daß mehr als 60 Proz. von ihnen
der Hauptgemrinde beitreten? Die Erllärung ist sehr
einfach. Was können wir den neuen Zu'üglern bi'»
ten? Plätze in unserer Synagoge? Es sind s it
Jahren keine mehr zu haben! Aumahme ihrer schul-
psiichtigen Kinder? Ti: Lage der Schule im äußer¬
sten Osten erschwert ihre Nenutzung all den Famili'n.
die sich nicht gerade im Osten oder Nordosten nieder¬
lassen. Die meisten von auswärts kommenden Fa¬
milien siedeln sich aber aus den geschilderten Ur¬
sachen im Westen und Nordwesten an; sie suchen und
finden Anschluß bei der Hauptg-meinde, weil unsere
Gemeinde ihnen nach der prakttschen Seite nichts zu
bieten vermag. Daß sich auch einige rühmliche Aus¬
nahmen finden, Leute, die ihren Anschluß an unsere
Gemeinde aus ideellen Gründen vo lsiehen, kann an
jener Tatsache wenig ändern. Es ist unberechenbar,
was hier an gutem brauchbarem Material für uns
schon verloren gegangen ist, und so lange die heutigen
Zustände dauern, noch verloren geht!
Wie anders würde sich das alles gestalten, wenn
unsere Gemeinde über eine zw:ite, mittelgroß:, schön
ausgestattete Synagoge verfügte, deren Lage am zweck¬
mäßigsten etwa in die Nähe des P e t e r s t o r s zu se¬
tzen wäre. Ein Tell der Besucher würde sich rek.mieren
aus MUglieüern unserer Gemeinde, die in der Nähe
wohnen, wodurch sofort eine Enttastung der Syna¬
goge Schützenstraße einträte. Der größte Teil aber
würde aus Leuten bestehen, die heute noch unserer Ge¬
meinde fern stehen. Gehören diese erst einmal zu den
regelmäßigen Besuchern eines nach alt Lisch:» Prin¬
zipien geleiteten Gottesdienstes, und kommen si: in¬
folgedessen fortgesetzt mtt begeisterten und über^eu-
gungs-treuen Gesinnungsgenossen in B:rü.,rnn^, dann
können wir iyre völlig: Gesinnung ruhig der wer¬
benden Kraft unsrer Prinzipien und der Macht des Bi-
spiels überlassen. Dann können wir sicher sein, daß
aus diesen Besuchern Mitglieder werden, die auch ihre
Kinder trotz alter Ent,ernung in unsere Schuten ent¬
senden werden. Ja, wir Hallen noch Wetter ausschau¬
ende Pläne für ausführbar. Wir glauben mtt aller
Besttmmtheit, daß auch eine zweite Synagoge, eine
günstige Lage vorausgesetzt, in 4, 5 Jahren gefüllt
sein und daß man dann eine dritte Synagoge im We¬
sten zu errichten gezwungen fein wird.
Hier mag der Platz sein, einen Einwand zurückzu¬
weisen, den man gegen unsre Darlegungen in d:r be¬
vorstehenden Generaloersammlung voran sichllich er¬
heben wird. Der Vorstand hat eine Art Enquete über
die Wohnverhältnisse seiner Mitglieder veranstalte»
und als Resultat ergab sich, daß nur ein Bruchteil
außerhalb jenes Rayons wohnt, der noch einen be¬
quemen Besuch der Synagoge gestattet.. Gu'em Ver¬
nehmen nach ist der Vorstand grneigt, aus diesm Er¬
gebnis den Schluß zu ziehen, daß nun keinerlei Be¬
dürfnis vorliegt, eine Synagoge außerhalb je¬
nes Rayons zu errichten.
S.immt das, so liegt eine bedauerliche Verwechs¬
lung von Ursache und Wirkung vor, über die nach uns¬
ren obigen Darlegungen kein Zweifel mehr f in kann.
Wir dürfen nicht schließen: „Weil wir aukerha b eines
bestimmte» Rayons wenig oder keine Mitglieder ha¬
ben, brauchen wir dorthin auch keine Synagoge zu
stellen", sondern umgekehrt muß der Schluß lauten:
„Weil wir dort keine Synagoge haben,
geht der reiche Zuzug, der sich in jenen
Gebieten niederläßt, unsrer Ge meind«
als Mitglieder verloren!"
Wir möchten zum Schlüsse als warnendes E em-
pel die Hamburger Verhältnisse erwähnen. Dort
stehen am Sabbath cie großen, tzrächttgen Synagogen
in Kohlhöfen und E bestraß: leer und v:rödet, wäh¬
rend eine Anzahl kleiner Synagogen im Grindelviertel
gefüllt und überfüllt sind. Auch dort hat sich die
Leitung des Synagogenverbandes Jahrzehnte hin¬
durch gesträubt, der Entwicklung der Wohnverhältnisse
durch Schaffung neuer Synagogen Rechnuna zu tra¬
gen. Jetzt endlich bequemt sie sich dazu; die Synagoge
Elbestraße wird geschlossen und vor dem Dammtor
eine neue errichtet werden. Aber der Schaden, den
diese Verzögerung anrichtete, ist, wie alle Kvnner der
Hamburger Verhältnisse wissen, ein ungeheurer; die
vielfach unerquicklichen Verhältnisse, die in der Ham¬
burger Gemeinde herrschen, sie dürfen zum großer»
Teil auf Rechnung der verfehlten Politik in der Syna¬
gogenfrage gesetzt werden.
Hoffen wir, daß der gleiche Fehler bei uns ver¬
mieden wird, daß Vorstand und Generalversammlung
sich entschließen, nicht hinter den Ereignifs n ei.cher-i
zuksinken, sondern sich der Entwicklung, wie sie dem
wettschauenden Blicke llar sich darstellt, heute schon
Rechnung zn tragen.
Also: keine Ausgabe unsrer Synagoge Schützen¬
straße, mit der unsre pietätvollsten Erinnerungen ver¬
knüpft sind, zn Gunsten einer utopistischen „Eentra sy-
nagoge"; dagegen Schaffung einer-weiten, s. G.w. auch
dritten «Ynagoge in jenem Viertel, wohin uns die
Entwicklung unsrer Stadt gebieterisch verweist.
Aus der Lehrerwelt.
Budapest. (Jubiläum eines Rel'gionslehrers.j
Im Prunksaale des Armenkindergarten-Vereins wurde
kürzlich das 50jährige Jubiläum des Rabbiners
und Religionslehrers Simon Goldberger ge¬
ifert. Eine ansehnliche Festgemeinde füllte den Saal.
Nachdem Adolf Weißfeld die Festgäste begrüßt hatte,
wurde der Jubilar durch eine Deputation eingehakt.
Schuldirektor Nathan Halaß würdigte in schöner Rede
die segensreiche Tättgkeit des Jubilars als Rabbi
und Religionsprosessor. Zum Schluffe flehte Direttor
Halaß den Segen Gottes auf das Haupt des in Ehren
ergrauten Jubllars herab. Im Namen des Schub¬
stuhles richtete sodann Schulinspektor Dr. Mnn-
kacsi eine herzliche Ansprache an den Jubiliar. Im
Namen der isr. Religionsgemeinde sprachKultuS-
vorsteher Dr. Wilhelm Grauer. Namens der' Volks¬
schule in der Muranyi-utcza sprach Bolksschullehrer
Anton Kis. Es hielten ferner Begrüßungsansprache»
Professor Dr. Max Weiß seitens der „Talmud-Thora"-
Schule, Professor Adolf Györi namens der Religions¬
lehrer und des isr. Landes-Lehrerverbandes; als
einstiger Zögling begrüßte Schriftsteller Thomas Ko-
bor seinen jubitterenden Meister, namens der jetzige»
Zöglinge sprach I. Klein usw. Die meisten Sprecher
überreichten Ehrengeschenke.