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„Jüdische Jugend."
Rr. 1. Beilage zu Nr. 1 des Frankfurter Israelitische« Familienblattes. 1906.
Nachdruck verboten.
Me Wette, oder die Wahrheit siegt.
Erzählung von Samuel Gordon.
Frei übersetzt von M. Pulverman n.
(Fortsetzung.)
Ein Klopfen an der Tür ließ ihn endlich aufblicken, und auf.
sein einladendes „Herein", erschien der lahme Chaim, der Diener
des „Beth-Din", des Rabbinats-Kolleginm, ans der Schwelle.
Awrom erhob sich schnell, um den Eintretenden freundlich
zu begrüßen. „Friede sei mit Euch, Reb Chaim," sprach er,
ihm die Hand entgegenstreckend; „seit drei Tagen/ seid Ihr der erste
Mensch, der meine Schwelle überschreitet. Könnt Ihr mir viel¬
leicht sagen, was dieses zu bedeuten hat?"
„Sie sollen morgen Bormittag ini „Beth-hamidrasch" sein,
und dort werden Sie es erfahren. Versäumen Sie nicht zu
kommen; es ist der Befehl des Rabbinats."
Und ohne Awrom eines Grußes zu würdigen, war der Bote
wieder draußen.
Einen Augenblick trat Awrom ans Fenster, um die blaue,
mit funkelnden Sternen besäete Unendlichkeit zu lictrachten, die
sich so weit, so unergründlich weit in der Ferne ausdehnte; dann
las er noch eine Weile in dem Buche, um sich dann leichten
.Herzens und mit reinen: Gewissen zur Ruhe zu begeben.
Pünktlich zur festgesetzten Zeit stand Awrom am nächsten
Vormittag vor der Türe des Lehrhanses. Der Platz vor dem¬
selben war von Männern und Frauen vollgedrängt, die bei
seinem Herannahen sich den Anschein gaben, als seien sie nur
zufällig hergekommen und nicht mit der Absicht, sein Erscheinen
zu erwarten. Schweigend ging er durch die Menge, weder rechts
noch links blickend, um den Gaffenden das Peinliche zu ersparen,
ihm etwa eine Unhöflichkeit zu erweisen, und als er das Zimmer
betrat, wo Rabbi Bunem und seine zwei Beisitzer bereits an¬
wesend waren, da begegnete sein Auge frei und offen den: ihrigen'.
Nach Awrom's ehrerbietigem Gruß, der schweigend, mit
einem Kopfnicken erwidert wurde, begann der Rabbiner:
„Awrom Pelzer! Menschen können nicht immer die Wölfe
in Schafskleidern erkennen; doch Gott kennt sie und er gibt
uns kurzsichtigen Menschen ein Zeichen, um sie zu entdecken.
Wir haben Sic vertrauensvoll als Hirt für unsere unschuld¬
vollen Lämmer hier eingesetzt, und Sie haben dieses vertrauens¬
volle, heilige Amt auch angenommen, obwohl Sic wußten, daß
Sie dessen nicht würdig waren, und darum haben wir Sie rufen
lassen, damit Sie Ihr Urteil aus unserem Munde vernehmen."
‘ Awrom bewegte keine Miene. Hochaufgerichtet stand er da,
sein Haupt schien die Decke zu berühren, obwohl noch mehr als
drei Zoll Zwischenraum vorhanden war. Mit klarer und fester
Stimme sprach er:
„Ehe jemand verurteilt wird, muß er doch erst gerichtet
werden, und ehe man ihn richtet, müßte er erst angeklagt sein."
„Das ist wohl richtig," sprach der Rabbiner; „doch in An¬
betracht Ihres Berufes, Ihres Standes, bitten wir Sie, gehen
Sie in sich und gestehen Sie Ihre Schuld ein, um eine be¬
schämende Airklage und ein entwürdigendes Richten uns zu er¬
sparen. . . . Nicht? Sie wollen nicht?" fuhr der Rabbiner un¬
gehalten fort, als er des Lehrers abwehrendes Kopfschütteln be¬
merkte; „wohlan; so hören Sie denn. Awrom?Pelzer, wir haben
in Erfahrung gebracht, daß Sie das göttliche Verbot „Ihr sollt
kein Feuer anzünden am Sabbathtage," übertreten und den Sab-
bath entweihet, indem Sie am Sabbath geraucht."
Ein ungläubiges Lächeln umspielte Awrom's Lippen. „Ich
soll'.den heiligen Tag entweihet und geraucht haben?" wiederholte
er. „Aber ich rauche doch garnicht; auch an Wochentagen nicht
—! Ich den Sabbath entweihet! Warum beschuldigt man mich
nicht auch, am Versöhnungstage verbotene Speisen gegessen zu
haben?!"
„Der Zeuge soll eintreten," war der kurze Befehl des Vor¬
sitzenden.
Am andern Ende des Zimmers ging die Türe auf, und Aron
trat mit festen Schritten ein. Steinhart und höhnisch "lächelnd
erwiderte er den erstaunten Blick seines Lehrers, und ohne daß
auch nur eine Muskel seines Gesichtes sich bewegte, stand er
am Richtertisch.
„Erzähle uns was Du weißt," gebot Rabbi Bunem.
„Am letzten Sonnabend bald nach dem Morgen-Gottes¬
dienste," fing Aron an geläufig zu erzählen, als habe er eine
auswendig gelernte Lektion aufzusagen, „da ging ich im Walde
spazieren^ j-Ach ging allein, nnd''da sahn ichp von ' einem Baume
verdeckt, Awrom Pelzer im Grase liegen und Tabaks-Rauch ent¬
stieg seinem Munde. Ich lief schnell fort, um ihn nicht zu
beschämen; denn ich habe gelernt, daß es für einen Schüler eine-
große Sünde ist, die Schamröte in das Gesicht seines Lehrers
zu bringen. Dieses habe ich gesehen und kann es auch be¬
zeugen."
Die Augen der drei Richter waren mit voller Strenge auf
den Lehrer gerichtet; doch dieser bemerkte es nicht: denn seine
Angen waren. voller Trauer und Mitleid Aron zugewendet.
„Aron," sprach er mit zitternder, bewegter Stimme; „Aron,
irrst Du Dich nicht? Hast Du mich wirklich bei einer solchen
schweren Sünde betroffen?"
Ohne ein Wort zu sprechen, ohne den Lehrer anzusehen,
nickte Aron wiederholt mit seinem Kopfe.
„Antworten Sie darauf, Awrom Pelzer," rief der Rabbiner
dem Angeklagten zu.
„Wollt Ihr das Zeugnis aus dem Munde eines Kindes für
voll hinnehmen?" sprach Awrom ernst und gelassen.
„Er ist kein Kind mehr," war die gleich ernste Antwort
des Vorsitzenden; „er ist bereits „barmitzwoh", und sein Zeugnis
hat volle Gültigkeit."
„Aron," wendete sich der Lehrer wieder seinem Schüler
zu; „wir sollen doch ein Volk von Priestern sein und darum
darf keine Falschheit zwischen uns herrschen."
„Ich habe nichts Falsches berichtet," antwortete! dieser trotzig.
Awrom dachte eine Weile nach. Ihm kam das Schmerzliche
und Entsetzliche des Vorganges zum vollen Bewußtsein: schmerz¬
lich für ihn selbst, aber noch weit entsetzlicher für den Knaben,
der im Begriffe stand, den Ruf und den ehrlichen Namen eines
unschuldigen Menschen, mit voller Absicht und lleberlegung zu
vernichten. Ihm fiel die Wette ein, die er im Walde gehört:
so war cs denn keine kindische Prahlerei, um sich vor den Ge¬
fährten zu brüsten und wichtig zu tun; es war eine wohlüberlegte
Schlechtigkeit, um die schändliche Drohung wahr zu machen!
Gott im Himmel! War denn das arme Kind von den Krallen
des Bösen so fest umklammert? Gab es denn kein Mittel, das
Entsetzliche abzuwendcn und die Kindesseele vor dem Untergänge
zu bewahren? Jawohl; cs gab noch einen Ausweg uni> der
soll jetzt angewendet werden.
„Ehrwürdige Herren," sprach der Lehrer mit bewegter
Stimme, seine Worte gebrochen, stoßweise hervorbringend, „nach
dem Talmud, im Traktat Synhedrin, habe ich das Recht von
denr Zeugen einen Eid zu beanspruchen; ich verlange daher,
daß er seine Aussage bei der heiligen Tora beschwören soll."
Der Rabbiner sah den Sprecher lange und forschend an
und nickte dann zustimmend; im nächsten Augenblick hatte der
lahme Chaim die heilige Rolle aus der Lade geholt und sie
auf den Tisch gelegt.
Aron erblaßte und scheu senkte er seine Blicke zur Erde;
darauf war er nicht vorbereitet. Er konnte wohl sein Spiel
mit diesen Männern treiben — sie waren ja auch nur menschlich,
wie er selbst; doch angesichts der heiligen Tora, das sichtbar
gewordene Wort Gottes; im Bewußtsein, daß der Allwissende,
der Herz utid Nieren prüft, jetzt auf ihn und sein Tun nieder¬
schaut! Das Blut stieg ihm siedenheiß in den Kopf und es
hämmerte wie mit einem Schmiedehammer. Was sollte er tun?
Zurücktreten? Alles eingestehen, um dann als Lügner und Ver¬
leumder für das ganze Leben gebrandmarkt zu bleiben? Nein,
er war auf die abschüssige Bahn geraten, da gab es kein Halten
mehr — mag die traurige Komödie zu Ende geführt werden —
koste es was es wolle. Sein Haß gegen Awrom Pelzer schwoll
noch mächtiger in seinem .Herzen; gegen den Mann, den er
vor drei Monaten erst zum ersten Male gesehen, und der ihn
heute in diese schreckliche Lage gebracht und einen solch schweren
Seelenkampf ihm aufgebürdet. Er vergaß, daß es ihm nur ein
einziges Wort gekostet hätte, um dieser peinigenden Qual zu
entgehen, daß er nur hätte brauchen der Wahrheit die Ehre zu
geben, um seinen Seelenfrieden wieder zu erlangen; doch der
verstockte Sinn hielt ihn mit eisernen Klammern fest umfangen;
der Zorn und die Wut verblendeten seine Augen, und anstatt
die Schuld in seiner eigenen Tat zu erkennen, sollte das Opfer
seiner Rache dafür büßen.
(Fortsetzung folgt).