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»Indische Jugend."
Nr. 21. Beilage zu Nr. 38 des Frankfurter Israelitischen Familieu-luttes. 1W6.
Werten aus dem Midrasch.
LLNbdi AltLiev.
Schlimmer als des Schwertes Klinge,
Schlimmer als die scharfe Waffe
Ist das böse Wort der Lügenzunge.
Der weise und gelehrte Rabbi Meier innßte auch die trübe
Erfahrung machen, daß die Volksgunst ein trügerisches Geschenk,
daß die wankelmütige Menge klein und unzuverlässig ist.
- Elischa ben Abuja, mit dem brandmarkenden Namen „Ach,er"
war gestorben. Sein Tod ließ die jüdische Bevölkerung Je¬
rusalems kalt und teilnahmslos. Dem Verächter der heiligen
Gotteslehre, dem Abtrünnigen, der im kecken Uebermute das
Echte mit dem Falschen vertauschte, konnten die Glanbens-
treuen nur mit Haß und Verachtung begegnen.
Nur einen Menschen gab es in der ganzen Stadt, dessen
Herz von den Gefühlen des Schmerzens erfüllt ward. Rabbi
Meiers große Seele kannte keinen Haß. Er hatte nur Mitleid
und grenzenlose Liebe für atle seine Mitmenschen.
„Rabbi," sprach eines Tages einer seiner Jünger zu ihm,
„aus dem Grabe, in das man die Leiche Achers legte, steigen
lodernde Flammen.und Rauchwolken empor. Selbst die ewige
Gerechtigkeit kennt kein Erbarmen mit dem Ketzer, nur Du,
den wir Dich „Meier den Leuchtenden" nennen, scheuest vor
dem Frevler nicht zurück."
„Halt ein, rede nicht so lieblose Worte," ruft Rabbi Meier,
„Du vermehrst meinen Schmerz. O, daß ich imstande wäre,
für meinen verirrten Lehrer vor Gottes Thron ein Anwalt,
ein Fürsprecher zu sein!"
Und mit raschen Schritten nähert sich der Rabbi der ein¬
samen Grabesstelle, aus der die Flanrmen emporzüngeln.
„Barmherziger Vater," ruft er und heiße Tränen entstürzen
seinen Augen. „Verzeihe und vergib meinem Lehrer. Möge
ich selbst nicht der himmlischen Freuden teilhaftig werden, wenn
Elischa ben Abuja, der mir die Hallen der Weisheit eröffnet hatte,
die Qualen der Hölle erdulden "muß. Weder hier noch dort oben
kann ich Ruhe finden, bis ich ihn von seinen Leiden be¬
freit wissen werde. — — Kommet, kommet Ihr Engel des
Friedens und beschattet diesen Hügel."
Mit diesen Worten nimmt Rabbi Meier den Mantel von
seinen Schultern und breitet ihn liebevoll über das rauchende,
qualmende Grab. . . Der Rauch verzog sich — und gleich den
andern Gräbern lag Achers Grab still und ruhig da.
Doch nun begann die Lästerzunge ihr wühlerisches Werk,
sie zerrte und riß an dem großen, leuchtenden Namen des
Meisters, sie wurde schärfer als das Schwert des Kriegers,
schlimmer als die scharfe Waffe.-
„Ich bin müde der eitlen Reden," sprach der Rabbi zu
seinem edlen Weibe Beruria, „wir wollen den heimatlichen
Boden verlassen und uns im fernen Babylon eine neue Heimat
suchen."
„Gehe nicht von uns," baten seine Freunde, die von
seinem Vorhaben Kunde erhieltet!, „Deine Tugenden und Deine
Gelehrsamkeit erhellen die Nacht unseres Lebens. Unser Licht
erlischt, wenn Du Jerusalem verläßt."
„Gerne will ich ferner unter Euch bleiben," antwortete der
Rabbi, „nur erfüllet mir zuerst eine Bitte: Ein heftiger Sturm¬
wind brauste vor einigen Tagen durch die Straßen der Stadt.
Da sah ich, wie einige übermütige Knaben .das Dach eines
Hauses bestiegen und eine Handvoll Federn auf die Gasse warfen.
Gar bald waren die Federn ein Spiel des Windes, der die
leichten Flocken erst lustig umher wirbelte, um sie sodann nach
allen Richtungen zu zerstreuen. — Sammelt diese Federn und
bringet sie mir! — Wie kannst Du solches verlangen, weißt
Du doch, daß dies unmöglich ist, wurde mir geantwortet. — Ja,
es ist unniöglich, gestand ich ein. — Und nun sage ich Euch,
meine Freunde: auch Ihr seid nicht imstande, die häßlichen
Verleumdungen, die lügenhaften Worte, die meine Gegner von
mir verbreiteten, zurück zu nehmen. Bringet mir alle Schätze
der Welt, alle Spezereien Arabiens, sie werden nicht aufwiegen
den Verlust meines kostbarsten Eigentums, meines guten
Nanrens."
„Und glaubst Du, Rabbi," sprach hierauf Jochanan aus
Gaetara, „daß in Babylon die Lästerzunge ruhen wird? Weißt
Du doch wie leichtfüßig sie sein kann."
„Ich hoffe nicht auf das. Allein, ich will auf Deine Be¬
hauptung mit einer Parabel antworten. — Es war in alters¬
grauer Zeit. Eine tvundcrbar geprägte Goldmünze lag unbekannt
und unerkannt in der Schatzkammer des Königs. Ihr Sehnen,
aus der dumpfen Haft befreit zu werden, wurde nach langem
Harren erfüllt. Sie hielt in der ihr unbekannten Welt Umschau.
Ueberall, wo sie erschien, fand sie Heiterkeit und Frohsinn. Allein,
wie staunte sie, als sie auf ihrer Wanderschaft in die Werkstätte
eines Schmiedes kam, wo laute Wehrufe erschollen. Sie sah
ein Stück Eisen, aus das der Schmied losschlug, und dieses
schrie so gewaltig. Voll Unnlut blickte die Goldmünze auf das
Eisen hin. — Warum schreist du? sprach sie. Schämst du
dich nicht, hast du keinen Stolz, keine Selbstüberwindung in
dir, muß die ganze Welt von deinen Schmerzen wissen, kannst
du nicht still dulden und leiden? — Sieh', auch ich werde ge¬
schlagen, gepreßt, in den Schmelztiegel geworfen, bis ich Form
und Gestalt bekomme, doch ich dulde schweigend, lautlos. —
Verurteile mich nicht, antwortete das Eisen, bis du mich
gehört hast. Ich schreie, ich zische, weil meine Seelenpein größer
ist, als meine körperliche. Denn, o, die Zangen, die mich
martern, sind meine Brüder, der Amboß, auf dem ich gepeinigt
werde, ist aus demselben Stoffe als ich, der Hammer, der un¬
barmherzig auf mich fällt, ist Eisen so wie ich. Du Gold, du
kannst dich stolz in stummes Schweigen hüllen, denn, die dich
schlagen, sind dir fremd, dein Herz bleibt unberührt, denn Gold
wird nicht mit Gold geschlagen."
„So auch ich," sprach Rabbi Meier, „sollte mir in Babylon
dasselbe Los zuteil werden, das mir hier in meiner Heimat
getvorden, so roerde ichs still ertragen, denn fremd und un¬
bekannt bin ich dort; doch von Brüdern geschlagen zu werden,
das schmerzt zu sehr." I. S chl e sin g er.
Rätfel.
Nr. 51.
Vieler Menschen einziges Bestreben,
Wird durch das erste Wort dir angegeben.
Doch was das zweite — fast dem ersten gleich —
Das haben alle Menschen, arm wie reich.
Das zweite ist zu finden aus dem ersten Wort:
Man nehme ihm das Mittelzeichen fort.
Und setz' ein andres ein an seiner statt.
So man das zweite Wort schon hat. Elieser.
Rätfellofung.
Nr. 50.
n Fisch. T! Gab