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„Indische Jugend."
Nr. 22 . Beilage zu Nr. 41 des Frankfurter Israelitische« Familienblaires. 1906.
Mächlliche Zwerge.')
(Aus dem Hebräischen des Ch. N. Bialik.)
Im Mondeslichte, flutend durch blauen Weltenraum,
In Zaubern blickbetörend und trunk'nen, gold'nen Traum,
Wenn sich in tiefes Schweigen die Welt und Weite senkt.
Ein Kleid aus lichten Fäden des Hanges Wald umhängt.
Wenn zwischen bleichen Blüten ein Silbernetz sich flicht,
Auf zarten Gräsern hüpft es, wie Kügelchen von Licht.
Da tummeln den Hang hinunter Zwerggeister ohne Zahl,
Gleich Kinderträumen Leiter und zart wie Mondesstrahl.
Die kleinen Köpfchen nicken, in Mützchen schwarz und rund.
Sie streben mit den Blicken hinab in Waldesgrund.
Und wie sie schweben, stieben sie Tropfen aus dem Grün,
Tautropfen wie Kristalle: ein keckes Funkensprüh'n.
Und singend steigen sie nieder, sieben zu sieben in Reih'n,
Zum "dichten Waldesgrunde, ins schwarze Tal hinein.
Und tosen dort auseinander bis zu dem Eichenplatz,
'Entrückt den Späherblicken, zu graben Schatz um Schatz.
Dort wo die Schatten schweben, ballt sich die Schar so viel,
Sie huschen und Hüpfen wie Böckchen im munteren Kinderspiel.
Auf ihren Röckchen springen seltsame Lichter bleich.
Auf ihren hohen Mützchen, in ihren Locken reich.
Und manche fallen, strecken sich kmüd' im Schatten aus —
Dann graben sie und schleppen Schätze um Schätze heraus.
Im klaren Mondeslichte, in heit'rem Hellem Tand,
Umspielt die Schar der Zwerge der Goldeshöhle Rand.
Und Glanz von Edelsteinen und Klingen von Metall —
Und Mondeslicht und Lachen, die Stille bebt im Hall.
Ach, Lachen, Gold und Jubel, wie bald ist, das vertan!
Des Morgens denkt ihr Zwerge, habt acht! bald kräht der Hahn!
Da bebt die Schar und hebt sich und wandelt still und bang.
Sieben zu sieben in Rechen zurück des Berges Hang.
Und wie der Mond erbleichend, verschämt versinkt im Raum,
Verschütten auch die Zwerge, zerfließen wie ein Traum.
Kin Knischluß.
Wie schön doch heute der Tag anbricht, dachte der schlanke
Jüngling auf seinem Wege zur Synagoge, die er keinen
Morgen versäumte, nicht weil ein Unterlassen des Schulen¬
gehens dem Vater mißfallen hätte, oder daß er es tat, weil
es einmal so eingeführt war, nein, er fühlte selbst jeden Tag
von neuem das Bedürfnis zu beten zu dem, der da über
den Sternen die Geschicke seiner Menschenkinder lenkt.
Auch heute verließ er gestärkt das.Gotteshaus, um den
Heimweg anzutreten, der ihn durch hübsche Promenaden
führte. Langsam vorwärts schreitend, überließ er sich wie
häufig seinen Gedanken, die der wundervolle Frühlingstag,
an dem die Sonne sp herrlich schien, mehr denn je anregte.
Wie forderten ihn die grünenden Bäume und Sträucher, die
herrliche erblühenden Blumen auf: Sieh' uns an und be¬
wundere in uns Deines Schöpfers Größe. Ja, wie dankbar
sah er zum Himmel empor, und wie jubelte es laut in seinem
Innern auf, wenn er so das Erwachen in der Natur be¬
obachtete. Seine Muskeln spannten sich straffer, seine Sehnen
*) Aus der Monatsschrift .Unsere Hoffnung".
zogen sich kräftiger zusammen, und mit glanzenden, frohen
Augen, ein Bild strotzender Jugendkraft, nahm er die herr¬
lichen Eindrücke in sich aus. Er verstand dieses Streben in
der Natur, dieses Vorwärts zu immer herrlicherer Entfaltung,
und der Wunsch ward in ihm rege, auch einmal Großes
zu leisten. '
In solcher Stimmung betrat er das Studierzimmer des
Vaters, ihm seinen Morgengruß zu. bieten. Der Vater rich¬
tete eine Frage an ihn, und indem er diese beantwortete,
wurde sein Auge durch das offene Fenster auf ein ergreifen¬
des Bild gelenkt. Da kauerte an der Straßenecke ein armer,
alter Jude mit einer Tefilloh in der Hand und betete. Mancher
Seufzer unterbrach sein Gebet. Er schien es eben beendet
zu haben, denn er stand ans und ging weiter. Der Jüngling
sah ihm nach, dem gebückt gehenden Manne, gebückt von der
Last der Jahre, gebeugt wohl auch von Sorge und Not. „Viel¬
leicht ist er einer jener Ungliicklichen, einer der vielen, die
da ohne Halt und Stütze, an der sie sich auftichten können,
durch das Leben gehen", so kreuzten sich die Gedanken in
seinem Hirn. Wer bald glättete sich die Stirne, die sich vor
Auflegung zusammengezogen hatte, und eine heiße Sehn¬
sucht brannte in seinen Augen, eine Sehnsucht, die heute
Morgen nur noch undeutlicher, gestaltloser Wunsch gewesen.
Er fühlte, wie jede Fiber in ihm vor Verlangen zitterte,
den Unglücklichen in Israel ein tröstendes Licht zu weisen,
das ihnen den düstren Lebensweg erhelle. Wie ein
Blitzstrahl durchfuhr es ihn, denn ihm dünkte, als zeige sich
ihm ein Weg dazu. „Ich will und muß", kam es bebend
über seine Lippen.
Aufmerffam gemacht durch die hastig ausgestoßenen
Worte, schaute der Rabbi auf. Ta ftchlte er schon den Hände¬
druck seines Sohnes, dessen brennende Augen einen Entschluß
verrieten, den er nun mit klarer Stimme aussprach: „Vater,
ich will ein braver Jehudi werden, dann werde ich auch die
Kraft haben, meinen Brüdern zu helfen!"
Die Mannaflechle — das biblische Manna.
Dem Senckenbergischen Naturhistorischen Museum in Frank¬
furt übersandte Bankdirektor Arthur Gwinner-Berlin eine
Portion der sogenannten Mannaflechte, die bei Kutahia an der
anatolischen Bahn im Mai d. Js. gefallen ist. Diese Flechte,
LpdoorotdolliL esculenta genannt, hat die Eigentümlichkeit, daß
sie sich von dem felsigen Untergrund, dem sie anfangs ausge¬
wachsen ist, loslöst und frei auf der Erde liegend, vom Wind
hin und her bewegt, weiter wächst, wodurch ihr Körper eine
knollenförmige Gestalt annimmt und allseitig ausgebildet wird.
So entstehen runzelige, rissige Knöllchen, die bis 1 Zoll im
Durchmesser erreichen. Starke Winde fuhren dann diese Knöllchen
in die Luft, aus der sie durch Regen niedergeschlagen werden,
und so entsteht der Mannaregen. Bon den Asiaten wird die
Flechte zum Brotbacken verwendet, obwohl sie kein Stärkemehl,
sondern Gallerte und stickstoffhaltige Bestandteile enthält.
Diese Mannaflechte dürfte das Manna sein, mit dem Gott
unsere Vorfahren 40 Jahre lang in der Wüste speiste und mit
welcher Speise das Wunder geschah, daß am Freitag stets die
doppelte Portion herabfiel und daß bei dem täglichen Sammeln
keiner mehr oder weniger als der andere einheimste.
Riffel.
Nr. 52.
DaslOberhaupt von einem Land
Wird von der ersten Silb' genannt;
Einen Teil des Körpers nennt die zweite.
Verbindet man die Silben beide.
So ist aus dem Mann mit hohem Orden,
Sofort ein ängstlicher Flüchtling geworden.
Elieser.
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