Seite
»Jüdische Jugend."
Nr. 23. Beilage zu Nr. 43 des Fra«rf«rter Israelitische« Famtlieublattes. 1S«6.
Am Morgen Keind,
am Abend Ireund?
Bei Gravelotte im Felde, da mähte gewaltig der Tod,
Wohl zwanzigtausend Streiter, die färbten den Boden rot.
Er fuhr mit der blutigen Senfe hin zwischen Freund und Feind ;
Die sich am Morgen bekämpften, sie lagen am Abend geeint.
Bei Gravelotte im Felde nach ausgerüngener Schlacht/
Lag ich auf Feindcsleichen, die lange, grausige Nacht.
Die' Kugel hatte zerschmettert noch spät am Abend mein Bein,
Bewußtlos war ich gesunken; mich weckte die grimmige Pein.
Ich lag in' wirten Sinnen geschüttelt von Fiebers Macht,
Den toten Welschen am Boden, hielt ich die Leichenwacht.
So harrt ich von Stund zu Stunde! Vergebens mein Hilfruf
erklang,
Nur Aechzen, Stöhnen und Wimmern, die weiten Lüfte durch¬
drang.
Ha! werden die Toten lebendig? Es hebet ein Arm sich empor!
Es dringen bekannte Laute gespenstisch an mein Ohr:
„Hör' Israel, der Ew'ge, er ist ein einz'ger Gott!
Gelobt sei der Name des Höchsten! Er ist Gott Zebaoth!"
Gewaltsam,hob ich den Körper, erfaßte des Welschen Hand,
Ich habe in-seinem Gebete den Glaubensbruder erkannt.
Und als ich Wiederholte dem Sterbenden Wort für Wort:
„Hör' Israel, der- Ew'ge, er ist der einz'ge. HoH!",_,
Da fühlt' ich den Druck seiner Rechten, dann nahte'des Todes
Gewalt:
In meinem Schoß gebettet da lag er stumm und kalt.
Ich schloß ihm sanft die Augen: Er war nicht mehr mein Feind;
Die sich am Morgen bekämpften, sie hatte der Abend geeint.
Frei nach dem Russischen von S. Schlesinger.
In blendender Helle liegt das spiegelglatte Schneefeld. Kalt
blickt die untergehende Sonne. Millionen Und Millionen Sma¬
ragde auf den laublosen Aesten der Bäume, die der Chaussee
entlang sich hinziehen. Eine beklemmende, beängstigende Stille,
nur unterbrochen von dem Flügelschlag eines verspäteten Raub¬
vogels. —
Führt dieser Weg zu den bewohnten Stätten der Menschen
oder in die Gefilde des ewigen Schweigens? Hand in Hand
stehn sie da, der greise Chajim und sein jugendlicher Schwester-
. sohn. Benjamin. Wohin führt dieser Weg? In ihren weit auf¬
gerissenen, spähenden Augen, in ihren geängstigten, von Grauen
verzerrten Mienen, steht sie da, diese große Frage. i
„Wohin führt dieser Weg?" kommt es stöhnend von den -
zitternden Lippen Chajims. „Nur nicht zurück, nur weit, weit
weg von ihnen. Nur kein Blut mehr sehen, fort, weit fort von
diesem furchtbaren Weg, Lieber in die Steppe zu den Bestien,
in die starre Natur, in die eisigen Wellen !" --
Und sie gehen langsam Schritt für Schritt, immer tiefer
sinkend in die weiche, weiße Decke, immer tiefer in die Nacht
hinein.
„Hörst Du nichts?" flüstert kaum verständlich Benjamin,
der vor Mattigkeit sich schwer weiterschleppt, „klingt es nicht
wie nahes Glockengeläute?" — und horchend bleiben sie stehen.
„Ich höre nichts," antwortet Chajim. „Es sind Deine auf¬
geregten, überreizten Nerven, die Dich. täuschen. Wehe, daß
ich das erleben mußte, daß meine Augen diesen Jammer sehen!"
'— Und keuchend gehn sie-weiter.
*) Aus dem Gedichtwerke „Im Tale Saron" von Max Herschel.
Verlag von M. Poppelauer, Berlin.
„Ich kann nicht weiter," beginnt nach einer Weile der
Jüngling wieder. „Seit Tagen — ich weiß nicht mehr, wie
viele es sind — sind wir so, ohne einen Bissen Brot, laufend
und wieder versteckend. Was lebt noch in uns? Nur das
eine Verlangen, uns zu verkriechen! — Mein Körper ist ganz
wund geschlagen, meine Haare kleben noch vom Blüte meiner
Geschwister. — O, mein Gott, räche sie, zeige ihnen, daß Du
noch lebst!" - - .
„Still mein Kind, Mut, Mut!" sagt begütigend der Alte,
die Hand'Benjamins fester umklammernd. „Wir müssen bald
am Ziele sein, bald in einem-gesegneten, freien glücklichen Lande,
wo Kinder nicht zerrissen werden, Mütter nicht hingeschlachtet."
Und immer tiefer sinken sie in den Schnee, immer finsterer
wird die Nacht/um sie. — — —
„Ruhen wir ein -wenig !" ,
Willenlos läßt sich der Greis vom Jüngling niederziehn.
--- — Wie weich, wie wohlig hüllt sie die flockige Decke
zu, wie süß ist es zu träumen?
Und Chajim träumt: Er ist zu Hause. Zu Hause in seinem
geliebten Dörfchen, wo ihm jeder Busch, jeder Strauch, jede
Maucrspalte vertraut ist. Wo er geboren, gespielt, gelacht, ge¬
weint. Wo er jedes Kind beim Namen nannte und ihn jeder
freundlich anblickte. Biele, viele Jahre noch, bevor er war,
lebten sie schon dort. Was wollten denn seine Brüder? —
nichts wie ein Stückchen Brot, ein klein wenig Platz! Sie
lebten ruhig und zufrieden. Jeder ging still seinen Geschäften
nach, einer war dem andern nicht im Wege. Der Glaubens¬
unterschied der Dorfbewohner erweckte keinen Glaubenshaß. Der
Pope predigte keinen Aufruhr, keinen Mord, keinen Totschlag.
Das Wort Jude war noch Nicht zum Losungswort der ent¬
fesselten rohesten Leidenschaft geworden.-—
Die Schneeflocken beginnen ihren Kreistanz, sie setzen sich
auf die Schlafenden — und Chajim träumt noch inWer. Ein
blasser Strahl des Mondes huscht um seinen silberwMen Bart.
Das wimmernde Aechzen seines jugendlichen Gefährten dringt
nicht zu ihm, zerstört ihm nicht sein leuchtendes Traumbild.
Wie ein Lächeln gleitet es um seine schon halb erstarrten Züge.
Sein Weib mit ihren frommen, gazellenartigen Augen, seine s
schöne, gesunde Kinderschar, sie alle erscheinen noch einmal vor
ihm. Dann kamen Kämpfe ums Sein, kleine und große Sorgen,
der frühe Tod seiner beiden Söhne, die für Kaiser und Thron ihr
ihr Leben Hingaben. Ein Blutzoll, den er ohne zu murren
dargebracht.
Benjamin an seiner Seite wimmert nicht mehr. Er sitzt
zusammengekauert, einer formlosen Masse gleich. Der Kopf ist
tief niedergesunken, so daß ein bloßer Streifen seines bloßen
Halses sichtbar wird. Er hak die unsichtbare Brücke bereits
überschritten. — Die Lebenskräfte Chajims sind ausdauerndes.
Der Rückweg zur. Heimat ist für den Müden steiler,'und er
träumt noch immer.-—
Doch plötzlich verfinstern sich seine Züge. Der Ausdruck
der Ruhe ist von ihnen gewichen und macht dem der Angst .
Platz. Ein grauenvolles Bild hält seine halb erstorbenen Sinne
umfangen. Große, ungewöhnliche Erscheinungen, einer andern
Welt entstammend, kommen und verschwinden mit unheimlicher
Schnelle. Wohin sie kommen, bringen sie Tod und Verderben.
In ihren Mienen Raserei, in ihren Blicken Blutdurst!'——.—~ =
Dunkle Nacht wird es um Chajim. Er sieht nicht mehr die i
lichtvollen Spiegelungen der Seele, nicht mehr die milden Sterne
seines Lebens, nur sich und einen Knaben in wilder Flucht.
Dichter, immer dichter, rieseln die schneeigen Flocken. Sie
werden-zu einem glänzenden Leichentuche, das warm und weich
die Verjagten bedecket.
RätftHöftitig.
Nr. 51.
?irO Rücken, -122 Geld.
- - Nr. 52.
Fürst, -si Hand, *THvP Flüchtling.