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„Indisihe Jugend."
Zir. 24. Beilage zit Nr. 4S des Franrfnrter Israelitische« Familieublattes. 1906.
Eine Stunde ein Jude.
Es war im Jahre 1775, just in dem Jahre, als der all¬
genreine Reichskalender zum ersten Male erschien, da wanderte
ein fröhlicher Student aus dem Tore Erlangen heimwärts. Nie¬
mand ahnte und er selbst am wenigsten, daß der Student einst
der trefflichste deutsche Kalendermann werden sollte; denn es
war der junge evangelische Theologe xPeter Hebel, der nach
zweijährigein Aufenthalt auf der Universität Erlangen nun heim¬
wärts zog, um, wie man's nennt, ins Philisterleben einzutreten.
Der Student, der mit dem. Ranzel'auf dem Rücken und dem
Wanderstabe in der Hand dahinzog, hatte wohl manches frische
Liedlein und manchen lustigen. Schwank im Kopfe; heute mochte
es ihm aber nicht singerig und nicht spaßig zu Mute sein, denn,
wer je die bunte Mütze trug (und auch Hebel hatte sie getragen,
denn er hatte sich zu der Landsmannschaft der Mosellaner ge¬
halten), wer je in glücklicher Jünglingszeit sich frei und frisch
den Studien und dem Jugendübermut hingab, der weiß, was
die Worte des Liedes bedeuten: „Zur alten Heimat zieh' ich
ein, muß selber nun Philister sein!"
Ja, in einem heimkehrenden Studenten streiten sich zwei
Welten, eine sorglos heitere und eine sorgenvoll ernste, und in
manchein Manne hört dieser Streit nie auf, und das hat auch
sein Gutes; wer nicht einen unsterblichen Studenten in sich
hat, der hat kein frisches Herz.
Der Student Hebel wunderte still seine Straße, bald lustig,
bald ernst, bald fröhlicher Zeiten gedenkend, bald in die Zukunft
hinaus träumend.
„Halt Jud! Zoll bezahlen!" wurde Hebel plötzliche angerufen.
Er stand vor dem Tore von Seegringen, dem damals Ans-
bachischen Grenzorte. Hebel sah sich um und dann wieder den
Rufenden an. „Wem gilt das? Wer ist damit gemeint?"
„Was stehst Du so da, verdammter Jude! Meinst Du,
Du kannst den Zoll betrügen?" so rief der einäugige Zöllner
am Tor und ballte durch das Fenster die Faust gegen Hebel,'
und der Hund sprang aus der Tür und bellte ihn an; er wußte, -
was sein Herr gerufen hatte und daß auch er ohne Scheu seinen
Zorn auslassen und, wenn er will, die Kleider zerreißen darf.
Jetzt erst merkte Hebel, daß der Zuruf ihm gegolten hatte.
. Wie wenn im Walde ein Mensch, der sich hineinträumtc
in das ewig unversiegbare wonnige Naturleben, unversehens
von einem wilden Tiere oder noch, ärger von einem Hammer¬
schlag aus Menschenhand getroffen wird, so stand Hebel plötzlich
da. Also das ist die Welt, in die man eintreten soll, um das
Wort der Liebe zu predigen?
Unwillkürlich rief Hebel nach dem ersten Schreck: „Ich
bin kein Jude." „So!" rief der Zöllner, „Du leugnest noch?
Warte, ich will Dir," und jetzt kam er heraus und geradewegs auf
Hebel zu und wollte ihn packen, und der Hund war bereit Bei¬
stand zu leisten. Da sagte Hebel mit einer Miene, in der sich
Wehmut und Schalkheit miteinander stritten: „Ich kann schon
allein gehen und ich gehe mit Euch."
Plötzlich war er des Scherzhaften und Lustigen inne ge¬
worden, das in seiner jetzigen Lage war, und er wollte es ganz
auskosten.
„Muß doch auch einmal sehen, wie man als Jude in der
Welt lebt," dachte er, und da er die hebräische Sprache gut ver¬
stand, sagte er: „Soll ich, vielleicht Judenzoll bezahlen, weil
ich hebräisch gelernt habe? Es ist mir schmeichelhaft, daß Ihr
mich für einen so guten Hebräer haltet, als ob ich ein geborener
Jude wäre," und .mit einer pfiffigen Miene setzte er hinzu:
„Uebrigens bezahle ich nichts. Führt mich zum Richter."
Lächelnd ließ sich Hebel durch die Stadt transportieren und
alles spottete ihn aus, und die Kinder schrien hinter ihm drein:
„Hephepp!" als ob sie's nach- Noten in der Schule gelernt
hätten. Hebel aber lächelte und lächelte immer, selbst noch da,
als er vor dem unsäglich lächerlichen Richter stand, der ihn
sofort mit einer Prügelsuppe beunrten und dann frei beherbergen
wollte.
Nun fing der Spaß doch an über den Spaß hinauszugehen.
Hebel legte seine ltniversitäiszeugnisse und seinen Reisepaß vor.
Der Richter stutzte, aber besiegt war er nicht; er wollte den
Studenten bestrafen, weil er sich für einen Juden ausgegeben, der
er nicht war. Hebel wußte ihin indes den Meister zu zeigen, denn
natürlich, zuerst mußte der Zöllner vorgenommen werden; er
selber hatte sich für nichts anderes aüsgegeben, als er war.
Der Richter aber wollte dem Zöllner nichts tun, eine Krähe
hackt der andern kein Auge aus, und hier wärs noch besonders
schlimm gewesen, denn der Zöllner hatte nur ein Auge. Mit
einigen groben Worten als Reisesegen wurde Hebel entlassen.
Ter Student hatte einen gesunden Durst gehabt, als er
sich dem Städtchen nahte, jetzt wollte er hier in keinem Wirts¬
hause einen Tropfen trinken; auf; seiner Zunge lags wie Galle
und Wermut. Er machte sich bald zum andern Tor hinaus,
aber zurückschauend dachte er: „Seegringen! dich bergeß ich
nicht!" Und er vergaß es nicht, denn er verlegte in später»
Jahren alle die albernen Schalkstreiche, die er in wohlgemuten
Stunden ausheckte, am liebsten nach Seegringen.
Auf dem ferneren Heimwege mußte Hebel viel darüber Nach¬
denken, was das für eine Welt ist, in der man von einem Mit¬
menschen, weil er andern Glaubens ist, einen Leibzoll verlangt
wie von einem Stück Bich, und das Vieh hats noch besser,
denn es braucht den Zoll nicht selber zu bezahlen und kann
sich nicht verfärben über die Schmach, die man ihm antut.
Hebel hat's noch erlebt und' lang überlebt, daß der Juden¬
zoll — wir können es kaum glauben, daß er je bestand —
abgeschafft wurde; er hat aber in der Stunde, da er selbst für
einen Juden gehalten worden war, das ganze tiefe Weh kennen
gelernt, das den Juden in der bürgerlichen Welt beschieden
war. Der Leibzoll war abgeschafst, aber der Geisteszoll be¬
stand und besteht in vielen Kreisen noch. Der Jude, nicht vor¬
urteilslos betrachtet, soll bei jeder neuen Begegnung, in jeder
neuen Lebenslage sich dokumentieren, daß er ein gerader, ehr¬
licher, menschen- und vaterlandsliebender Mensch sei. Hebel
schloß sich mit besonderer Zuneigung den Juden an und lernte
ihre Innigkeit, Dankbarkeit und Herzensgüte immer neu kennen.
Daß es Viele gab, die von einem Schachergeist umhergetrieben
wurden, störte ihn nicht; es gibt solche in allerlei Konfessionen
unter allerlei Formen. Hebel erzählte gern gesprächlich und
in seinem Kalender allerlei Witzwort und Schwänke von und mit
Juden, und er war einer der eifrigsten, der in Aufsätzen, wie
der über Moses Mendelssohn und über das Sanhedrin von
Paris und viele ändere dazu beitrug seine Mitchristen über die
Juden aufzuklüren und ihnen zu zeigen, daß das erst die echte
Liebe ist, die man den Menschen erweist, die andere Denk- und
Glaubensformen haben, wenn sie nur in ihrer Weise das Recht¬
schaffene wollen.
Wenn nur Jeder, der noch ein Vorurteil gegen Juden
hegt — und es haben Unzählige ein Vorurteil, ohne es sich
eingestehen zu wollen — wenn nur Jeder nur einmal einen
Tag, eine Stunde für einen Jllden gehalten worden wäre, er
würde sein Vorurteil ablegen und es in Gerechtigkeit und Liebe
verwandeln. -
«SIsrI.
Nr. 52.
Hoch in den Lüften siehst Du mich zieh'n;
Pfeilgeschwind stürz' ich auf Beute hin.
Doch wird der Schwanz mir abgeschnitten, —
Um einen andern möcht' ich bitten —.
So hast aus dem Vogel Du gemacht
Den späten Abend, die dunkle Nacht. Elieser.