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»Ittdiphe Jugend."
Nr. 26 Vellage zu Nr. 56 des Frankfurter Israelitische« Familieublattes. 1966.
Das weiße Gestcht.
Bon S. G o r d o n.
Frei übersetzt von M. Pulver mann.
Schwerfällig erhob sich die,. Großmutter von dem gebrech¬
lichen Holzstuhle und ging nlüde und schleppend zum Fenster.
In ihren schlaffen und welken Händen trug sie ein Kleidungs¬
stück, das auf Eleganz und Schönheit durchaus keinen Anspruch
erheben konnte; es bestand bereits aus so vielen Flicken und
Lappen, daß man die ursprüngliche Form und Farbe sogar
mit einer Doppelbrille nicht mehr hätte herausfinden können.
Auch das Zimmerchen, in dem die alte Frau sich befand, war
von gleicher Beschaffenheit:.es war ebenfalls ans lauter
Lappen' und Flicken zusammengesetzt, Lehmflicken als Wände
und Fußboden uud jStroh- und Schindelflicken als Dach und Decke.
Sic war recht müde, die alte Großmutter, und die Arme
waren ihr sehr schwer; sie hatte sie ja auch wenigstens eine
halbe Stunde in die Höhe halten müssen, ehe es ihr gelungen
war, die Nähnadel einzufüdeln. Ihre Enkelkinder, Iankel und
Jente, waren natürlich wieder nicht da; wie gewöhnlich, wenn
man sie brauchte; . . . sie kamen stur, wenn man sie am wenigsten
nötig hatte . . . nur, wenn sie eine Leere im Magen ver¬
spürten, die mit der Leere im Speiseschranke, der aus einer
halbzerbrochenen Kiste bestand, vollkommen übereinstimmte. . . .
Für gewöhnlich fing Jente da an zu weinen, während Iankel
sich heimlich nach einem benachbarten Garten schlich, um eine
Rübe zu stehlen, die ihm als Mi.ttagbrod dient. Das war das
Leben, welches diese drei Menschen schon seit Jahren führten,
und man könnte durchaus nicht behaupten, daß es ein besonders
angenehmes war. .
Denselben Gedanken hatte auch jetzt die alte Großmutter
wieder, was eigentlich dreimal täglich geschah, zu der Zeit,
wenn in andern Haushaltungen die üblichen Mahlzeiten ab¬
gehalten wurden. So war es ja auch schon seit ungefähr fünf
Jahren gewesen, seitdem die Cholera ihre Tochter und deren
Mann hinweggerafft und das ganze Städtchen fast zu einem
großen Friedhof gemacht hatte.
Jetzt war die Großmutter wieder so weit, daß sic mit
zittrigen Händen ihr Flickwerk fortsetzen konnte. Ein neuer
Gedanke beschäftigte sie, und sie rechnete sich Folgendes aus:
In vier Jahren wird Iankel Bar-Mizwoh und kann dann schon
einige Groschen verdienen, indem er dem Hausierer Mordche
behilflich ist, den Pack auf die Dörfer herumzutragen; Jente
ist dann auch schon zwölf Jahre alt und kann dann auch schon
einen Dienst annehmen.Welch herrliche Zeit wird es
dann sein . . . das Geld wird förmlich von allen seiten herein¬
regnen . . . mindestens doch einen Rubel die Woche . . . und
da kann sie sich ja dem Wohlleben hingeben . . . und hat es
nicht mehr nötig, das bißchen Essen sich in der ganzen Stadt
zusammen zu betteln, im strömenden Regen und in der glühen¬
den Hitze. . . . Für ihre mürben Knochen wird es ja dann
das reinste Paradies sein; ... sie wird auch nicht mehr nötig
haben, vor der Synagoge zu stehen und sich von den Jüngern
hin- und herstoßen zu lassen, bis jemand ihr eine Gabe reicht.
... Auch sie wird dann ihren Kopf hochtragen können, wie
andere Großmütter, die Gott mit Söhnen und Töchtern begnadet
hat, um die alten Frauen vor Schande und Bettelei zu be¬
wahren. . . . Geduld! Nur noch ein wenig Geduld! Sie hat
ja auf dieses Glück schpn so lange gewartet . . . ach, wer weiß,
wie lange? . . . und jetzt sind es doch nur noch vier Jahre
. wie schnell vergehen die . . . ehe man sich umsieht, sind
sie vorbei . . .; und sie ist doch gar noch nicht so alt ...
kaum dreiundachtzig . . .! In dem Städtchen sind doch drei
oder vier Frauen vorhanden, die schon längst verheiratet waren,
als sie noch „Blindekuh" gespielt! Ja, ja; nur noch einzige
vier Jahrek — Wird das aber eine feine Zeit werden!
Inzwischen' waren die welken Hände müßig in den Schoß
gesunken, ohne daß sie es gemerkt hatte. Nim nahm sie die
Jacke wieder auf, um zu sehen, wo sie den nächsten Lappen
:MbrinAen .sMte'„-.- -Ein wenig höher.: . . näher-dem Lichte;
. . ."hm, hm hm! Es wird schon wieder so dunkel . . .; noch
.ein bißchen höher : , j Na, was ist denn, das? Was soll denn
das bedeuten? Je .höher, sic das-Kleidungsstück empor hebt,
destvWniger-kann -sie es sehen . . . ! Ein großer Schatten kommt
vom Himmel herunter, oder ist es von der niedrigen Decke?
Er legtsichwor die -Sonne, über ihre Augen, über jeden
Gegenstand. ... Es wird doch nicht jetzt schon wieder Nacht
werden. . .?? Es sind doch kaum erst zwei Stunden nach dem.
Mittag; denn'Iankel und Jente sind noch nicht da, um sie schon
wieder wegen Essen zu quälen . . .. Und jetzt hört sie es und
fühlt es auch „schnapp, schnapp" in ihrem Kopfe, als sollte
ihr das Gehirn herausgerissen werden.
Sie hatte gerade noch Zeit, sich zu dem Bündel Stroh
neben dem Ofen hinzuschlcppen . . . und sie lag bewegungslos,
da. ... Ihr „Glück" war eher zu ihr gekommen, als sie es
gedacht und geahnt hatte!
Zehn Minuten später stürmten Iankel und Jente ins
Zimmer. '
„Großmutter, ich habe Hunger," schrie der Bursche un¬
gezogen.
„Schreie doch nicht so," flüsterte Jente ihm zu, ihren Zeige¬
finger au die Lippe legend.
Im Zimmer ließ sich ein eigentümliches Geräusch vernehmen
. . . ein heißeres Röcheln, als ob man Wasser auf eine glühende
Platte gegossen. ...
„Sie verstellt sich nur; sie tut bloß so, als ob sie schlafen
möchte," rief Iankel griinmig. „Du, Großmutter," fuhr er fort,
„hör auf zu schnarchen und gib uns zu essen!"
Doch es kam keine Antwort, aber ein langgezogener, tiefer
Atemzug, . . . und dann tiefe Stille. . . .
Iankel fuhr erschreckt zusammen; er konnte sich dieses plötz¬
liche schweigen nicht erklären.
„Geh' aus dem Lichte, Jente," flüsterte er.
Sie trat auf die andere Seite des Strohlagers und beugte
sich zur Großmutter nieder.
„Sieh' nur, wie weiß sie aussieht , . . und sie bewegt sich
auch garnicht mehr . . . und die Hände hat sie auch garnicht
' so gefaltet wie immer, wenn sie schläft," flüsterte sie ängstlich
und leise.
Plötzlich kam Iankel ein Gedanke, den er mit bebender
Stimme Ausdruck gab.
„Jente, ich glaube nicht, daß sie schläft . . .; ich denke sie
ist schon tot. ..."
„Was ist denn das?"
„Das ist, daß sie. uns nicht mehr zu essen geben kann und
auch von den reichen Leuten kein Geld und auch keine Sachen
für uns mehr bringen wird," war seine Antwort. „Ja, jetzt
haben wir garnichts mehr," fügte er noch bekräftigend hinzu.
Er setzte sich nieder und gab sich allerlei Gedanken hin.
Er hat seine Großmutter nie sonderlich geliebt. Sie hat ihm so
wenig zu essen gegeben. Wenn er halb verhungert, halb ohn¬
mächtig aus dem „Cheder" kam, da gab es nicht einmal einen
Bissen Brod. Und wenn er sich auch heiser schrie, und wenn
er noch so lärmte und tobte und den Tisch zu zerschlagen drohte
. . . er bekam doch kein Brod.
Nun aber war die alte Frau tot und er hatte ihr nicht inehr
zu gehorchen. . . . Ein Gefühl der Ruhe und Freiheit kam
über ihic ... er fühlte sich, jetzt so leicht, so unbelästigt, wie
ein Vogel in der Luft. . . . Nun kann er beten, wann er
will . . . und das ist doch anders, als wenn man muß. . . .
Nun kann er auch schlafen, so lange er will ... und kein
Mensch wird ihn jetzt vom warmen Lager mit dem verhaßten
Ruf aufjagen: „Iankel, steh' auf, oder-Du wirst die Zeit für
„Kries-Schma" versäumen!" . . . Ein besseres Leben konnte
er sich ja garnicht wünschen . . . und er war versucht, vor lauter
Freude drei Ellen hoch zu springen. ...
(Fortsetzung folgt.)
Rätfellöfimg,
Nr. 53.
Eins.
Monat.
Mark.
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