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Frankfurter Israelitisches Familienblatt.
Nr. 1
Kennst du dieses Land? Das ist das Land der
„Buffalo Bill's" und' der „Texas Jack's". Hestern
galt es deix Falascha in Mitte der GeezWölker am
Blauen Nil, heute gilt es den ffiehcnden Inden aus
dem Hooliganen-Laiide, die unter die wilden, räube-"
rischen Indianer Texas verpflanzt werden sollen, die
Kinder Seems sollen fortan.die „Buffalo Bill's" von
Texas werden, sie sollen die räuberischen Indianer
bekriegen. Der lustig dahinsausende Kolorado Texas
soll fortan die Seufzer Ahasvers aufnehmen, das
Brausen feiner Wogen sollen den Klagctöucn der
Kinaus Israels ein Echo bieten; bis jetzt waren cs
der Euphrat und Tigris, der Indus und Langes
Asiens, der Nil, der Oranje nich der Darling Afrikas
und Australiens, die Wolga, die Themse, die Donau,
die Rhone, der Ebro, der Tajo' und der Po Euro¬
pas, wo Israels Tränen in Strömen geflossen sind.
Bon nun ab soll der jungfräuliche,' südlich gelegene Ko¬
lorado Nordamerikas sich ihnen anreihen 'und die blei¬
schweren Tropfen mit tragen helfen . . . bis das Mast
der '-Leiden Ahasvers voll geworden und er in seiner
Ur-Hejmat seine Lieder, seine Triumph-Lieder, sein
„Lechu nerauno" an eigenem Heimatsflussc, am
Jordan, anstimmen wird. Ahasveri über Hei¬
mat, an den Heimatsflüssen singend!
Ja, der Tag kommt, er kommt sicher, also sprach der
Allmächtige, der Gott Israels! Und bis dahin? Ja,
einstweilen muß Israel nach Texas wandern und mit
den räuberischen Indianern kämpfen: so will es die
Jto haben. ....
Und doch ist noch immer Texas besser als die
Mördergrube des Hooliganenscheiks' und wilde India¬
ner sind noch immer' als Nachbarn besser als die
Hooliganen Europas.
. Brief aus Breslau.
6. H. In den letzten Wochen fanden aus Aiilaß
des-Weihnachtsfcstes zur Zeit unseres Chanuka meh¬
rere Einbescherungen statt, so z. B. eine, bei
der Herr Rabbiner Dr. Guttmann eine schöne Rebe
hielt, und ferner noch eine in der Bereinigung
jüdischer Frauen", wo man es nicht vermuten sollte,
nicht etwa deshalb, weil dieser Verein einen — seinen
Satzungen gemäß — national-jüdischen Charakter
haben müßte, sonder» vielmehr deshalb, weil in
diesem Verein einige Herren als geheime Ratgeber
funktionieren, denen man eine solche Geschmacklosig¬
keit nicht zntrauen konnte. —
Außerdem fand ein „Makkabäcrfest" statt, das,
wie sich erst nachträglich herausstellte, von der hie¬
sigen „Zionistischen Vereinigung" veran¬
staltet worden war.. Näheres über die Art lind die
Tendenz dieser Veranstaltung verschweigen wir. —
Es wäre wahrlich an der Zeit, in den traurigen Ver¬
hältnissen, in denen sich hier die moderne jüdische Be¬
wegung befindet, endlich einmal Remediir zu schaffe».
Me Lauheit und Trägheit der Zionisten in allen
jüdischen Gemeindcfragen, die Kleinigkeitskrämerei
und Zerfahrenheit haben eS dahin gebracht, daß es
in Breslau beinahe unmöglich geworden ist, einen
Schekelzahlcr zu gewinnen. — Selbst der Bered¬
samkeit und Begeisterung des Herrn Dr. Elias Auer¬
bach Und Dr. Heinrich Löwe, die in der vergangenen
Woche hier sprachen — nebenbei bemerkt: Herr Dr.
Löwe unter seinem Pseudonym.Dr. Sachse! Wozu die
Maskerade? — gelang cs nur, einige wenige unserer
lieben Breslauer Juden zu überzeugen, die man
indessen unter der Rubrik „Schekelschenker" dem zio¬
nistischen Heere einrcihen müßte. — Schließlich ist man
damit zufrieden, denn hier ist man noch an ganz
andere Arten der Agitation gewöhnt. —
Erfreulich ist dse Tätigkeit des „Verein s
für jüdische Geschichte u. Literat»r". In
verhältnismäßig kurzer Zeit hat er seinen Mitgliedern
und seinen Gästen eine Reihe interessanter Vor¬
träge geboten, unter denen besonders zu nennen
ist der Dortrag des Herrn Dr. Grundwald-Wicn
über „Rembrandt, der Jndcnmaler". Es bleibt in-
deffen zu wünschen, daß die Redner sich bei derartigen
Gelegenheiten der größten Volkstümlichkeit befleißig¬
ten und alle gelehrten Erörterungen tunlichst außer
acht ließen, eine Forderung, die, wie ich glaube, ganz
allgemein Berechtigung hat.-
Jnbetreff der Neichstagswahl ist von hier
zu berichten, daß sämtliche bürgerlichen Parteien ge¬
meinsam gegen die Kandidaten der Sozialdemokratie,
Bernstein und Tntzaner Vorgehen lverdcn. Sic haben
zu Kandidaten nominiert: Fürst Hatzscldt und Schul¬
rat Pfüudtiier, der sich in Breslau durch seine soziale
Tätigkeit auf dem Gebiet der Kindcrfürsorgc eine»
geachteten Namen erworben hat. Indessen sind die
Aussichten der bürgerlichen Kandidaten gering.
Aus aller Welt.
Deutsches Reich.
Frankfurt a. M, 31. Dez. Nur 'eltcn dari sich
eine Organisation rühmen, daß ihre General-Ver¬
sammlungen von 40—50°/» der Mitglieder besucht
werden. Die Israel. Religionsgesell¬
schaft, die einzige der größeren jüdischen Ge-
mciudcn Deutschlands mit einem demokratischen Auf¬
bau — die anderen haben das reaktionäre Dreiklassen¬
wahlsystem und lassen es sich nicht rauben — er¬
freut sich in ihren Generalversammlungen stets eines
solch' zahlreichen Besuches und zeigt damit, wie innig
ein sehr großer Teil ihrer Mitglieder, mit ihrem
Wohl und Wehe verwachsen ist.
Die diesjährige ordentliche Generalversainmlung
wurde gestern abgchaltcn. Herr Wilh. Hacken-
bIoch, der den Vorsitz führte, verlas den Bericht.
Der Synagogen-Ncubau ist vor Eintritt der kalten
Witterung im Rohbau fertig gestellt und der Vor¬
anschlag bis jetzt nicht überschritten worden. Wenn
die Synagoge ihrer Bestimmung übergeben werden
kann, läßt sich jetzt noch nicht feststellen, besonders,
da die künstlerische Ausgestaltung des Oraun Hakau-
dcsch eine zeitraubende Arbeit erfordert.. Die Spen¬
den für die Synagoge sind nunmehr ans 260 000 JL
angewachse». Auch -icilc der Innen - Einrichtung
haben eine Anzahl Gemeindcmitglieder übernommen:
Meier Selig Goldschmidt, Sara Knlp, Leopold Mos-
bacher und Frau, Meier Mosbachcr und Frau, Klara
Jcidel und Nathan Hoinburger, Isaak Wolfs, Adolf
Stern, Louis Feist. H. Birnbaum, E. Birnbaum usw.
— Eine Anzahl Mitglieder haben,freiwillig ihre
Steuern erhöht: die Gesamtsumme dieser Erhöhung
beträgt 2285, .,//erhielt die Gemeinde 'eine An¬
zahl größerer Spenden für die Synagogen- bezw.
Schulkasse und zwar: JL 2500 von Herrn Louis Feist;
JL 1000 von .Herrn Meier Selig Eoldschmidt, JL 1Ö0Q
von Herrn Hermann Cramer, JL 3000 von N. N.
und JL 2000 von 3f. N. Für die dem Protektorate
der Gemeinde unterstehende Volksschule spendete Herr
Louis Feist JL 1000, und die Freiherr von Rothschild-
schc Familie übernahm^ die Koste» für den Neubau
der Turnhalle und Reltoratswohnnng. — Der Ge¬
meinde traten 61 neue Mitglieder bei. Der Etat be¬
ziffert sich ans JL 209 000 in den Einnahmen und
JL 210 000 in den Ausgaben. Die Schulkasse, deren
Etat JL 152 061 beträgt, erforderte einen Zuschuß
von JL 15 406. — lieber die Verwertung der bis¬
herigen Synagoge ist noch kein Beschluß gefaßt
lvorde».
lieber Punkt 2 der Tagesordnung „Aenßerung
der Verwaltung aus die i» der vorjährigen General¬
versammlung gegebenen Änregiingen" erstattete Herr
Louis Fei st Bericht. Der Vorstand hält es nicht
für angebracht, dem Wunsche, vor der- Generalver¬
sammlung den Mitgliedern den Jahresbericht gedruckt
znznsenden, zu entsprechen, da dann das Interesse
an der Generalversammlung geschwächt würde. Der
Bericht liegt vor der Geiieraluersammlung eine Woche
lang im Sekretariat ans. — Dagegen hat Der Vor¬
stand beschlossen, dein Wunsche, den Voranschlag
der Eeneralversamnilung vorzulcgcn, vom nächsten
Jahre ab zu entsprechen. — Auf die Frage, warum
Paragr. 13 der Statute», der Geueralversaniuilung
eine Geschäftsordnung zu geben, noch nicht zur Aus¬
führung gelangt ist, verweist der Vorstand auf die
beabsichtigte Statuten-Aendcrung. — Zu der Sta-
tuten-Aenderung haben Moritz A. Locb und Genossen
einen Antrag eingebracht, der der zur Vorbereitung
einer Statuten-Aendernng niederznsetzendcn Kommis¬
sion- als Richtschnur anfgiebt, daß Vorstand und
Ausschuß airch äußerlich zu einem geschlossenen Gre¬
mium zu gestalten und dem erweiterten Vorstande
ein nen zu bildender 'Ausschuß von 18 Mitgliedern
an i>ic Seite zu stellen ist, sowie, daß die ans dem
Vorstände ansscheideiiden Mitglieder für die nächste
Periode weder in den Vorstand. noch in den Ausschuß
wählbar sind. Auch soll der von der Kommission zu
erstattende Bericht bis spätestens 15. März fertig¬
gestellt und einer ans den 7. April anzuberaumenden
Generalversammlung vorgclegt werden. — Diesem
Antrag steht der des Vorstandes gegenüber, eine Kom¬
mission behufs Prüfung der Statuten einzusetzen,
ohne dieser Kommission bestimmte Richtlinien oder
eine beschränkte Arbeitszeit zu geben. — Der Antrag
des Vorstandes wird einstimmig angenommen, der
Antrag Loeb und Genossen einstimmig abgelehnt.
In die Kommission werden die Herren Julius
Hirsch, 'Meier Selig G o l d s ch in i d t, Ja¬
cob Strauß, Sally Goldschmidt, Aron
Wolf. Julius M ^jxx -• - •» r - Rosen-
heim hcraatjio — ,Än StaUe »nes ausscheidenden
Dorstani s- tfffo'' 2'aussMlKlwdr I Ausschuß Mitglieder
werden gdtrcgftj jtträ Mag? o j g und die Herren
Wilhelm H a ck e n b r o ch und Meier Nu߬
ban m gewählt.
Frankfurt a. M. Wir erhaüeiNVb.n dem „Ver¬
band der deutschen Inden" von ihm ausgestellte„Leit¬
sätze zur Ausführung des preußischen Volksschulgesetzes
von 1906" zugesandt. Wir haben diesen Ausführungen
eine ailsführlichc Kritik hinzugefügt, können dys
Ganze aus Raummangel aber erst iir der nächsten
Nummer bringen.
Berlin. -Die bis jetzt von freisinniger Seite
ausgestellten K a n d i d a tu r e u für d i e Neichs¬
tagswahl lassen es als gewiß erscheinen, daß auch
in dem nächsten Reichstage jüdische Abgeordnete nur
unter den Sozialdemokraten sein werden. Es sind von
freisinniger -Seite bis jetzt folgende jüdische Kandi¬
daten aufgestellt worden: Landtagsab. R o s e n o w,
LandtagSabg. Kassel, Justizrat L : ch t e n st e i n -
Königsberg, Nechtsanw.' Dr. Heckscher - Hamburg,
Rechtsanwalt Dr. H c i l b r u n n - Frankfurt, Fabrik¬
besitzer Löwenthal - Brieg, Sanitätsrat Dr. P a Y--
s e r - Königsberg und Stadtverordn. Dr. P r e » ß -
Berlin, die sämtlich keine Aussicht -haben, gewählt zu
werden.
Berlin. Die Sitzung des Ausschusses des
Verbandes der Deutsche,» Inden, welcher
hier am 30. Dezember stattfand, erfreute sich einer
überaus regen Beteiligung. Von den Beschlüssen wird
folgendes allgemeineres Interesse haben:
Die Hauptversammlung des Jahres 1907 soll
im Oktober in Frankfurt a. M. stattfinden.
Folgende Herren sind in den Ausschuß gewählt:
Dr. M. Ginsberg, Berlin, S. Flörsheim, Dortmund,
Rabbiner Dr. Coblenz, Bielefeld.
Der Ausschuß wird Material über die Frage be¬
schaffen, inlvieweit die beabsichtigte strenge Sonntags-
rnbe .in Kontoren und »»'Großhandel für diejenigen
jüdischen Kaufleute unerträgliche Zustände schassen
würde, welche den Sabbat und die jüdischen Feier¬
tage streng halten.
Für die Ueberleitung der preußischen Volks¬
schulen in die neuen Verhältnisse unter dem Schnl-
unterhaltungsgesetz nahm der Ausschuß eine Reihe
Leitsätze an.
Breslau. Der jüngst verstorbene Stadtverordnete
Schürtzmann, der der Stadt zum Ban billiger
Wohnungen 675 000 JL vermachte, hat festgesetzt, daß
ein bestimmter Teil der bercitznstclleiidew Wohnungen
für a r m e j ü d i s ch e-M i t b ü r g e r vorznbehaltcn
ist; — gewiß seitens eines Christen eine recht
bemerkenswerte Handlungsweise!
Stuttgart. Wie in den anderen Teilen Deutsch¬
lands, - so haben auch in Württemberg die Juden die
geringste Vermehrung zu verzeichnen. Seit 1899 haben
sie sich zum ersten Male überhaupt wieder etwas
vermehrt (um 137 Seelen). Dieses Anwachsen ist
aber ausschließlich aus die großen Gemeinden des
Landes beschränkt: In den drei größten Städten
des Landes betrug die Zunahme gegen 1900 456, im
Landesrest aber zeigt sich eine Abnahme von 319
Personen, in Laupheim allem z. B. eine solche von
30. Stuttgart hatte sei, 1900 eine Zunahme an Juden
von 395 Personen. Heilbronn eine solche von 57.
Hamburg. Die überseeische .Aus¬
wanderung hat in den abgelausenen 11 Monaten
eine Höhe erreicht, wie nie zuvor, so daß auch ohne
den Monat Dezember das Jahr 1906 als das Rekord¬
jahr der Auswanderung bezeichnet werden kann.
Die Auswanderung im Monvi November betrug:
über Hamburg über Bremen
1906 18012 22 401
1905 9142 11444
1904 11771 15 309
Die Gesamt-Auswanderung über Ham¬
burg und Bremen in den ersten 11 Monaten des
Jahres 1906 stellte sich wie folgt:
über Hamburg über Bremen
1906 160530 194 987
1905 131595 175 550
1904 118 474 120 947
Diese steigende Auswanderung dürfte wohl in
erster Reihe auf die politische und wirtschaftliche Kri¬
sis zurückzusühren sein, die das Zarenreich in den
letzten Jahren durchgemacht hat, und die vor allen
Dingen die jüdische Bevölkerung zur Auswanderung
zwingt.
Oesterreich-Ungarn.
Wien. Burckhard über den Hilsner-
Prozeß. Max Burckhard, einer unserer tempera¬
mentvollsten Schriftsteller und hervorragendsten Ju¬
risten — Burckhard war bekanntlich Mitglied des Ber-
waltuirgsgerichtshofeS — ergreift in der „Neuen Fr.
Presse" das Wort zum Prozeß Hilsner.
„Da haben wir" — schreibt er — „einen Prozeß,
eilt staatliches Verfahren, das im Namen des Rechtes
geführt wird, dessen Urteil' im Namen des Staats-
Hauptes gesprochen wird,, das von seinen ersten An¬
fängen an bis weit hinaus über seinen formellen
Abschluß getragen wird von den erregten Wogen
der Parteileidenschast, des Rassenhasses — und des
borniertesten Aberglaubens. Wenn einer die Juden
nicht leiden kann, wenn er sie „haßt", so ist das seine
Sache; so lange er diesen Hatz nicht dort betätigt, -
wo er ihn nicht betätigen darf, meinetwegen sein
Recht. Wer aber irgend einen Haß, und sei es
auch „nur" den Judenhaß in das Gebiet des Rech¬
tes hineinträgt: der ist ein Lump, wer immer er
sei ... . Der Prozeß muß aufgerollt,werden- und
__ . . . . *_*