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Nr 43
Frankfurker Israelitisches FamilieMakt.
Und doch war die Antwort nicht schwer zu
finden. Nur die Bedenken gegen sie hätten erst
überwunden werden müssen — und sie wäre gefunden
worden. Es muß nämlich zu dem alten Grundsatz
zurückgekehrt werden: „Gut ists, wenn Torah mit
Derech-Erez vereinigt wird." Daß dies die richtige
Antwort ist, ist ja klar. Dies beweist am besten
der Umstand, daß sich kein Einziger in Jerusalem
findet, der sich von vornherein ablehnend ihr gegen¬
über verhielte — für die Nichtigkeit dieser Antwort
spricht auch unsere Geschichte, Rabbi Azriel Hildes¬
heimer gehört nunmehr der Geschichte an, sein gro߬
artiges Werk aber besteht noch' und wird fortan
bestehen. Rabbi Azriel Hildesheimer war ein -kincr-
kannter Lamdon, darum ward er von vielen beneidet.
Wie einheimisch in Talmud und Dezisoren, ebenso
gelehrt war er auf den Gebieten der profanen Wissen¬
schaften — darum ward er von so Manchem be¬
argwöhnt. Und gerade er war der Mann gewesen,
der die Torah bewahrt hatte vor hem Untergange.
Die alte Semichah hat er zwar nicht zu neuem
Leben erweckt; dazu können sich nur Laien »er¬
steigen. Aber er tat viel 'mehr. Er hat ein Rabbiuer-
seminar begründet, dessen Jünger, im Sinne ihres
Meisters wirkend, jenen alten Grundsatz der Weisen
befolgend, allein berufen sind, das altüberlieferte
Judentum in Ehren zu erhalten.
Nicht anders war cs im Altertume. Wie früher
das Griechentum, so hatte später das Röiuertum
alle Schichten der Bevölkerung ergriffen. Diese beiden
Sprachen haben auch bei den Juden Eingang ge¬
funden. Im Hause des N. Jehuda Ha-Nasi, des
Redaktors der Mischnah, ist zwar die heilige Sprache
die Volkssprache gewesen?) am Hofe aber, zu dem er
freien Zutritt hatte, hatte er sich sicherlich keiner
anderen Sprache bedient, als der Hossprachc.-) Noch
mehr. Dem Hause des Patriarchen war sogar ge¬
stattet das Studium der griechischen Philosophie?)
Charakteristisch für jene Zeiten ist nun die Be¬
gegnung des R. Jehudah Ha-Nasi mit Rabbi PinchaS
b. Jair?) R. Jehudah, den Staatsmann, freute cs
nun, als er R. Piuchas zu sich zum Essen gebeten,
daß dieser Stockchassid nicht die Einladung abgelehnt
hatte. Wie bald aber war seine Freude zu Wasser
geworden. R. Pinchas hatte nämlich im Hause des
Patriarchen etwas — seiner Ansicht nach — Un¬
rechtes bemerkt. Nun mochte R. Jehuda was immer
in der Welt aufbieten, er konnte cs nimmermehr dem
Chässid rechttun. Jener drang in diesen und ver¬
sprach, die Sache wieder gutzumachen, aber ver¬
geblich. Ein Berg, schließt der Talmud seine Er¬
zählung, trennte schließlich die beiden Gelehrten von
einander. — Der Nachwelt hat aber R. Jehudah Ha-
Nasi die Torah erhalten und nicht R. Piuchas ben
Jair! —
Scheinbar bestehen noch heute Berge zwischen
dem modernen Jerc-Schomajim und den Frommen
vom alten Schlage. Wer nur scheinbar. In Wirk¬
lichkeit sind es bloß kleinliche Bedenken, die, ernst
in Erwägung gezogen, wie Ranch vor dem Winde
dahinschwinden.
Werden uns die leuchtenden Männer in Israel
Musterbilder sein, dann kann das gutgemeinte 'Projekt
unmöglich auf Widerstand stoßen. H.
Pensionat. Ihre Söhne sind angesehene Gelehrte,
zwei von ihnen gehören dem Lehrkörper der hiesigen
Universität an.
Paris. Am 24. Oktober wui de hier Fräulein
Landau aus Warschau, eine Enkelin des Staats¬
rates von Poliakofs, mit Herrn Osinondd'Avig-
d o r - G o l d s ch m i d getraut.
Paris. In den G e n e r a l r a t gewählt als
Vertreter von Haute-Warn wurde Emile Go-
g u e n h c i in und zlvar mit 2717 Stimmen von
2890 Stimmen. —
Den Söhnen des verblichenen Großrabbiners
Zadoc Kahn, den Herren Edmond, Leon und Paul
Kahn, ist gestattet worden, ihrem Vatersnamen den
Zusatz Zadoc zu geben.
Aus der Lehrerwett.
Danzig. Die Generalversammlung des V e r e ins
j ü d. R e l i g i o n s l e h r e r W e st p r e u ß e n s, die
jüngst in Culmsce abgehalten wurde, beschloß bei dem
„Verband der jüdischen Lehrervereine im Deutschen
Reiche" die Bildung von A u s k u n f t s st e l l e n in
allen Landesteilen des Gleiches anzuregen, weil 1. die
Auskunftsstellen für die Kotlegen sehr wichtig und 2.
ie nur dann von allgemeinem Wertk sind, wenn
man in ganz Deutschland Gelegenheit hat, sich über
diesenigen Stellen genau zu informieren, für die
mau Juieresse hat.
Auf der Versammlung referierten: Wachsmann-
Schöncck über „Die Wirksamkeit der jüdischen Ec-
meindebeamtcn", Mannheimer - Grandenz über „Die
Lage der jüdischen Gemcindebeamten in Wcstpreußen"
und Meisel-Danzig über „Die Tonarten des Cha-
ionus".
Mannhcimer-Graudenz konstatierte in seinem
Referate auf Grund einer Enguötc, daß von den in
Westpreußcn durch die jüd. Gemeinden angcstcllten
Religionslchrcrn und Kantoren 30 ein Einkommen
unter 2000 Jk, 3 sogar unter 1200 Jt. haben. Es fehlt
fast durchweg eine Gehaltsskäla, es liegt in der Hand
der Vorstände, den Beamten-jederzeit — auch nach
ahrzehntelangem Dienste — zu entlassen und für
das Alter und die Witwen und Waisen der Beamten
gehen die Gemeinden offiziell keinerlei Verpflich¬
tungen ein. Hier sollte der „Westpreußische Gemciude-
vcrband" eingreifen.
© Mltton. ©
Des Schammes Tochter.
Eine Volkslegende.
Von S. F r u g.
Aus dem Jüdischen übersetzt von Samuel M e i s e l s.
1 .
Mäuschenstill und finster war es
in der alten, engen Stube,
wo von schwerem Schlaf umfangen
lag der alte greise Schammes.
Personalien.
Berlin. Frau Setta Stahl-Neustadt a. A„
Frau Louise Marx -Lambrecht u. Frau Lina
II l l m a n n - Ottersberg ist das Verdienstkreuz für
freiwillige Krankenpflege u. Herrn Rabbiner Dr.
Hulisch - Herford der Rote Adlerorden 4. Klasse ver¬
liehen worden.
München. Nach mehr als 20 jähriger Pause ist
wieder ein Jude — nämlich der Handelsrichter Ben¬
jamin D eg ginger — in das hiesige Ge¬
rne indekollegium gewählt worden.
Heilbronn. Das 50 j ä h r i g e Jubiläum
als Vorstand des Israel. Wohltätig¬
keitsvereins, dessen Mitbegründer er ist, konnte
Herr Lieber mann Strauß feiern. Gleich¬
zeitig fand die 50jährige Jubelfeier des Vereines
unter großer Beteiligung statt.
Budapest. Der Eyeiredalteur des «Pester Lloyd",
Leo Veigelsberg, der durch einen Revolver-
schuß seinem Leben ein Ende machte, wurde 1844
als Sohn des Rabbiners von Kis-Körös geboren.
London. 87 Jahre alt, ist die jüdische Schrift¬
stellerin Marion Hartog geb. Motz verschieden.
Bereits als 16jährige veröffentlichte sie gemeinsam
mit ihrer 2 Jahre älteren Schwester Celia einen Ge¬
dichtband „Early Efforts, by the Misses, Moß of thc
Hebrew Nation", von denk bereits im folgenden Jahre
die zweite Auflage erscheinen mußte. Dann schrieben
die beiden Schwestern: „Romance of Jewish History"
und „Tales of Jewish History". 1855 gründete Ma¬
rion das „Jewish Sabbath Journal", das jedoch nur
von kurzer Dauer war. Von 1845—1884 leitete
Marion mit ihrem Gatten, einem Enkel von Marens
Prague, Mitglied von Napoleons Sanhedryn und
Assessor beim Großrabbiner von Paris, ein Damen-
Still und ruhig schläft der Schammes,
und im Schlafe hört er plötzlich
schwere Schritt', als känl' ein Lahmer
hergetrampelt auf den Krücken.
Und durchzuckt von Ahnungsschauern
ist vom Schlaf erwacht der Schammes,
zündet an das alte Lämpchen —
und was sieht er? — Ti5ott, du lieber!
Sieht: von einer Wand zur andern
'rumspaziert sein eigner Stecken. . .
Ach, das ist ein böses Zeichen —
einer liegt gewiß im Sterben . . .
Und im selben Augenblicke
schreit die Tochter: „Eile, Vater,
geh' und wecke die Gemeinde,
unser Rabbi liegt im Sterben!"
2 .
Dunkle Nacht. Von Haus zu Hans
geht und klopft der alte Schammes . . .
Doch was ist mit der Deborah,
mit des greisen Schammes' Tochter?
Diese sitzt am Tisch, und heiße
Tränen rinnen aus den Augen;
und sie weint und seufzt und flüstert:
„Ach, der Rabbi liegt im Sterben!
Schick ihm Rettung, Gott, du lieber!-'
Denn seit ihren Kindesjahren
liebet sie den alten Rabbi
inniglich wie eine Tochter;
i) R. - ha-Schanah 26b.
B. Kana 82d.
3) Jbd. 83a.
*) Chulin Tb.
weil der alte weise Rabbi
liebte auch das Kind so herzlich
wie ein eigenes; pflegt am Sabbat
es mit Früchten reich beschenken;
und auch sonst an Werkeltagen
lehrt' Deborah er das Beten,
lehrte schreiben sie und lesen,
sprach dabei die sanften Worte:
„Lern, Daborah, lerne, Tochter,
und du wirst Mit Gottes Hilfe
groß und klug, beliebt bei Juden
gleich 'Deborah, der Prophetin" . . .
Und sie sitzt am Tisch, und heiße
Tränen rinnen aus den Augen,
und sie weint und seufzt und flüstert:
„Schick ihm Rettung, lieber Gott!"
In der Synagoge betet
die Gemeinde; Greise, Kinder
sagen Psalmen, weinen, beten
zu dem Schöpfer . . . Doch es hilft nichts.
Und ein Licht, von Wachs gegossen
nach dem Maß des kranken Rabbi,
hüllen sie in Stcrbekleider,
— nach uraltem Väterbrauch —
und begrabens auf dem Friedhof. . .
Doch auch dieses Wundermittel'
wirket diesmal keine Wunder;
alles, alles ist vergebens...
Wer eines blieb noch übrig:
Jedes Mitglied der Gemeinde
soll von seinem eignen Leben
einen Teil dem Kranken schenken.
Männer, Weiber, Kinder, Greise,
je nach Willen: Tage, Monde —
Wles wird gebucht, geschrieben,
und das Schriftstück kommt in Oraun.
4.
Ms sie in des Schammes' Stübchen
mit dem Schriftstück sind gekommen,
trat Deborah zu den Vorstehern
der Gemeinde, sagte leise,
aber ruhig: „Schreibt, ich bitt' euch!" —
„Wieviel, Deborah, wieviel schenkst du?" —
„Ich? ich schenk' mein ganzes Leben,
ihm schenk' ich mein ganzes Leben."
Alle waren stark betrofien:
„Wer, Deborah, Kindchen, Närrchen,
ist es möglich? Kind, bedenke! . . ."
Mes Reden war vergebens;
selbst des alten Vaters Bitten,
seine Worte, seine Tränen,
konnten nicht in ihrem Herzen
den Entschluß zum Wanken bringen.
Und sie schrieben in das Schriftstück
wortgetreu nach ihrem Willen:
„Deborah schenkt ihr ganzes Leben."
Drunter schrieb sie ihren Namen.
Und sie eilten mit dem Schriftstück
hin zur „Schul", und verschlossen's
in die heilgc Bundeslaüe —
Kaum war dieses auch geschehen,
da genaß der kranke Rabbi,
fühlte jugendfrisches Leben
durch die Glieder sich ergießen . . .
Und des Schammes' edle Tochter,
diese holde reine Unschuld,
die verschied am selben Tage;
heiß beweinte sie der Vater,
sagte ihr den ersten Kadisch.
Ihrem Sarge folgte trauernd
und in Andacht die Gemeinde;
alle priesen ihre Tugend,
wünschen ihr auch das Gan-Eden.
5.
Still und ruhig fließt die Zeit
in den: kleinen stillen Städtchen;
Menschen leben, Kinder wachsen,
Kinder werden junge Menschen,
wachsen, werden alt und sterben.
Auf dem alten, alten Friedhof,
häufen sich die neuen Gräber —
Doch was macht der alte Rabbi?
Gottseidank, er lebt in Frieden,
und studiert die heilge Thora
und er denkt ans tote Kindchen,
an die tote Schön-Deborah;
läßt an ihrem Jahrzeitstage
Lichter zünden, Kadisch sagen. . .
Und so schwindet still und ruhig
Tag um Tag und Jahr um Jahr.