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Tage schwinden, Jahre gehen . . .
Aelter, älter wird der Rabbi,
tiefe Traner furcht sein Antlitz,
doch erzählt er leinem Menschen
was er fühlt und was er denkt.
Auch hat's niemand noch erfahren,
daß in später Abendstunde, —
während er den Talmud lernt —
hört er eine Frauenstimme;
schmelzend weiche, süße Lieder
klingen, fließen aus der Ferne,
und aus trüben Dämmerungen
strahlt hervor ein hold Gesicht.
Er erkennt das holde Antlitz
seiner Schülerin — Dcborah,
weinend fleht er: „Ach, verzeih!
ach, verzeih mir, liebe Tochter,
denn durch mich bist du gestorben,
wärst geblieben du am. Leben,
wärest heute eine Braut. . ."
7.
Tage schwinden, Jahre fliehen - . -
Horch, ein Schrei aus Frauenkehlc,
jener Schmerzensschrei der Freude,
Und er weint, begießt mit Tränen
den Folianten. . . „Ach, verzeih mir —"
fleht der Rabbi: „liebe Deborah,
wärst geblieben du am Leben
wärest heute eine Mutter..."
Alle Nacht in später Stunde
hört er ihre junge Stimme —
süße, Weiche Wiegenlieder
singt dem Kind die tote Mutter . . .
8 .
Dreizehn Jahre sind verflossen...
Wieder sitzt und denkt der Rabbi:
„Wärst geblieben du am Leben
wäre heut dein Sohn Bar-Mizwah.
Ja, er wäre ein Gelehrter,
hättest Freud an ihm erlebt! . . ."
Plötzlich hört er: — Musikanten
spielen, fiedeln auf zum Tanze,
lustig singts und klingts herüber. . .
„Sie verheirat't jetzt die Tochter —
denkt der Alte — zu der Chuppe
führt das Kind die tote Mutter!"
9.
Und so fort an jedem Tage
hört und fühlt und sieht der Rabbi
jeden Zustand ihres Lebens;
und er weint mit heißen Tränen
und er fleht zum Mlerbarmer: —
„Laß, o Gott, mich auch vernehmen
ihren Jammer, ihre Seufzer;
ihre Tränen laß mich sehen!
Latz mich meinen Trost drin finden,
daß sie in dem Erdenlcben
auch von Unglück, Leiden, Schmerzen,
nicht verschont geblieben wäre.
Zeig die Zeit mir ihres Leidens
— wärens ach nur Augenblicke —
wo sie hätt' der Welt gesluchet
und herbeigesehnt den Tod!" ....
10 .
Doch umsonst ist all sein Flehen.
Schmelzend weiche, süße Lieder
tönen in den dunkeln Nächten:
Glücklich, glücklich wär' ihr Leben —
jenes stille Frauen - Leben, 1 .
welches glänzet wie die Sonne
an dem wolkenlosen Himmel,
wie der helle Morgenstern. . .
Und es rinnen und es fließen
seine Tränen unaufhörlich;
und er betet: „Lieber Gott,
ach, erweis mir deine Gnade
und befreie meine alte,
meine tiefbetrübte Seele —
sterben laß mich, laß mich sterben,
lieber Kater, großer Gott!" ....
FAmkfurter JsraEKs FcmMchblM
Tage schwinden, Jahre fliehen. . .
Und das winzig kleine Städtchen
ist längst eine Stadt geworden,
eine große, reiche Stadt.
Und ^unzählig viele'Menschen, " ^
die er noch als Kinder kannte,
deckt bereits die kühle Erde;
er allein nur lebt und lebt.
Neue Zeiten, neue Menschen,
neues Leben, neue Sitten —
fremd und einsam, wild und elend
ist der Rabbi unter ihnen.
Nacht wohnt in den müden Augen,
eingetrocknet ist der Körper,
nnd man hört den Rabbi schluchzend
beten um den' Retter Tod
12 .
Ein Gedanke lebt im Herzen
des verwelkten greisen Rabbi:
Sterben! Sterben! — Und am Ende
hat sich Gott auch sein erbarmt.'
Schaurig war die 'Nacht gewesen,
höll'sche Stürme rasten, heulten,
und ein Ton wie Kindeswimmern
streifte durch "die schwarze Nacht.
Einsam in dem leeren Lehrtzaus,
fern vom Leben, von den Menschen,
ihren Freuden, ihren Leiden —
saß der schmerzgebeugte Greis.
Horch, mit eimnal: — Kinder jammern
Z'dokoh-Büchsen hört man klirren
und man . singt „El mole rach'mim"
— „Jetzt, o jetzt war' sie gestorben."
ruft voll Freude aus der Greis
„Meine Leiden sind zu Ende! . . .
Nimm mich zu dir, liebe Deborah,
in die Welt reiner Wahrheit" . . .
Der Rabbi starb. Sanft und ruhig
schied die Seele Don dem Körper;
Tags darauf hat die Gemeinde
heiß und ernst ihn beweint.
Sprechsaal.
(Ohne Verantwortlichkeit der Redaktion.^
Sehr geehrter Herr Redakteur!
„Wenn die Könige bauen, haben die Körner zu
tun." Es ist ein Verdienst des Kongresses des jüdischen
Frauenbundes, daß die Frauensragc „vom jüdi¬
schen Standpunkte aus beleuchtet" auf der Tages¬
ordnung steht. Nachdem über diese Sache so viel
gesprochen und geschrieben wurde, möchte ich Sic
bitten, folgenden Zeilen Aufnahme zu geivähren.
Die Frauenfrage ist in der Hauptsache nur ei»
Teil der sozialen Frage und für den Mittelstand
der wichtigste, insofern man unter der sozialen Frage
ein Problem versteht, wie man den Minderbemittel¬
ten den Daseinskampf erleichtern kann. Unter den
Neichen besteht in Bezug auf materielle Existenz¬
bedingung kein wesentlicher Unterschied zwischen Män¬
nern und Frauen. Anders jedoch bei den Minder¬
bemittelten, bei diesen liegen die Verhältnisse für
die jungen Mädchen weit ungünstiger als für die
jungen Männer. Letztere können in den meisten Fällen
bei Fleiß und gutem Willen ihre Eltern unterstützen
und sich später selbst ein eigenes Heim gründen.
Die Töchter von unvermögenden Eltern sind jedoch,
wenn sie einen Broterwerb haben, nur selten so ge¬
stellt, um ihren Angehörigen eine wesentliche Stütze
zu sein, und fast nrenials verdienen sie soviel,
um den Unterhalt einer Familie bestreiten zu können.
Es fragt sich nun, wie die jüdische Ethik das
Problem der Frauensrage zu lösen sucht. Von der
moralischen Seite aus betrachtet sicher aitf die idealste
Weise, indem sie die rein sinnliche Regung selbst
in der Ehe verpönt und dem Ehemann jede Gering¬
schätzung oder Mißachtung seiner Frau verbietet.
Ohne Einfluß ist jedoch dies auf die materielle
Versorgung der orthodox-jüdischen Mädchen. Diese
bietet im Gegenteil besondere Schwierigkeiten.
Wie sehr hat sich auch die Stellung der Frauen
der heutigen Gesellschaft gegen die im alten jüdischen
Staate geändert! Während damals sich der Mann
eine Frau kaufte, muß heute umgekehrt sich die
Frau einen Mann kaufen. Zwar scheint das schon
zum Beginn des Exils sich etwas geändert zu haben,
indem im Talmud erwähnt wird, welche Sorgen
der Vater einer heiratsfähigen Tochter hat, doch
sind selbstredend die heutigen Verhältnisse gegen
die damaligen himmelweit verschieden. In jedem
Falle bildet das Vermögen der Frau beim Eingehen
der Ehe heute ein Hauptfaktor und wo dies aus¬
Nr. 43.
nahmsweise nicht der Fall ist, stellen sich der Ver¬
sorgung durch Ehe den orthodox-jüdischen Mädchen
andere Hindernisse entgegen.
Die jüdische Ethik sucht zwar mildernd einzu¬
greifen, indem sie den jungen jüdischen Männern
zur Pflicht macht, womöglich die Tochter eines jüdi¬
schen Gelehrten zu ehelichen, und umgekehrt dem
reichen Manne rät, seine Tochter mit einem Schrift-
gelehrten zu verheiraten. Leider steht dieser Teil der
jüdischen Ethik fast nur auf dem Papier. Selbst in
orthodoxen deutschen Gemeinden, die keine materiellen
Opfer für ihren Glauben scheuen, ist es fast niemals
vorgckommen, daß für einen reichen Jüngling bei
der Wahl seiner Zukünftigen nur diese Vorschriften
maßgebend waren, oder daß ein orthodox-jüdischer
Mäcen seine Tochter einem Manne zum Weibe ge¬
geben hätte, der die wissenschaftliche Forschung zu
seiner Lebensaufgabe gemacht hatte. Selbst wenn
übrigens dies in Ausnahmsfällen geschieht, ist's für
die Mehrheit der Männer heute nicht möglich, bei
ihrer Verheiratung nur ideale Gründe walten zu
lassen. Ich will damit durchaus nicht sagen, daß
es in andren Kreisen besser bestellt sei, eher noch
ist das Gegenteil der Fall, so weit man beispielsweise
aus den Schilderungen Frenßen's in seincin Roman
„Hilligenlei" entnehnien kann.
Es ist also für diese jungen Mädchen nötig, sich
selbst im Erwerbsleben zu betätigen. Die Grenzen,
die der Frau darin gezogen sind, werden noch ver-
engt für diejenigen Damen, die die Sabbatheiligung
streng halten. Man sage nicht, daß dieselbe Schwie¬
rigkeit der Mann 'habe. Dieser kann beispielsweise,
wenn er den Posten eines Reisenden oder Agenten,
welche Stellung den Frauen zum Teil verschlossen ist,
bekleidet, in vielen Fällen Säbbatheiligung ermög¬
lichen, selbst in Geschäften, die sonst Samstags nicht
frei geben. Unrichtig ist jedenfalls der Einwand,
daß Mädchen keinen Beruf ergreifen sollen, weil sie
durch ihre Konkurrenz Männer von den Posten ver¬
drängen und dadurch die Zahl der Ehekandidaten
vermindern. Erstens ist sich jeder selbst der Nächste,
zweitens würden jene Herrn voraussichtlich auch nur
vermögende Mädchen heiraten.
Ich weiß, daß ich niit diesem allein nichts Neues
äge Ich wollte nur alle bekannten Faktoren zu-
ämmcnstellen, um zu zeigen, daß die traditionell
lebenden jüdischen Mädchen durch die Differenzierung
der Geschlechter im Erwerbsleben mehr verkürzt wer¬
den, als die anderer Konfessionen.
Sollte jedoch die Ausrollung der ganzen Frage
weiter keinen Erfolg gehabt haben, als in der Grün¬
dung eines Vereins für orthodox jüdische Mädchen,
in welchein dieselben über den schlimmen Schopen¬
hauer und den noch schlimmeren Nietsche aufgeklärt
werden, so gliche dies, um ein bekanntes Bild zu
gebrauchen, dem Spaziergänger, der sich an einem
Vulkan eine Zigarre auzündet. Es sollte vielmehr
gerade in orthodoxen Kreisen dem Bestreben der
Frauenvereine Vorschub geleistet werden, welche ver¬
langen, daß den grauen die Pforten der gesamten
Erwerbstätigkeit geöffnet werden. So erfreulich es
auch ist. wenn junge Damen Zeit und Lust haben,
einen von echt jüdischem Geiste erfüllten Verein zu
gründen, so kommt es meines Erachtens nach weniger
darauf an, wißbegierigen Damen in den Irrgärten
der Mode und Belletristik einen zuverlässigen Führer
zu stelle», als denjenigen Mädchen zu Helsen, die aus
Stolz an den Wahrheiten des Judentums verzweifeln.
Wer glaubt, daß dies schwierige Problem aus so ein¬
fache Weise zu lösen sei, täuscht sich sehr.
Hochachtungsvoll!
P. b. P.
Kaiser Friedrich Quelle
-- Offenbach-u M. —
‘Gegen Gicht nnd Rheumatismas-bewährt.
Wocheu-Kalender.
(Zeitangaben nach dem Lnach.)
Samstag, den 9. November (--- 3. EMew):
Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 4 Ahr 25 Min.
Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 5 Uhr-40 Min.,
in Berlin 5 Uhr 8 Min.
Der'Wochcnabschnitt Tauldaus erzählt von
der Geburt der äußerlich und auch ihrem Charakter
nach verschiedenen Zwillingsbrüder Esau und Jakob:
ersterer rötlich, rauh, haarig und roh von Sitten;
letzterer schlicht, häuslich und fromm. Esau Liebling
Jsaks, Jakob mehr von der Mutter geliebt. Jakob
kauft Esau die Erstgeburt ab um ein Gericht Linsen.
Die Erstgeburt hatte heiligernste Bedeutung; sie be¬
rechtigte und verpflichtete zum Gottesdienst in der
Familie nach des Vaters Tode. Dazu war Esau
weder fähig noch würdig! Ausdrücklich wird auch
beim Verkauf hcrvorgehoben, daß Esau aß und trank,
davonging und die Erstgeburt verachtete. — Jsak
will ahnungslos den Erstgeborenen segnen. Er weiß
nichts vom Verkauf dieses hl. Rechtes. Esau geht
auf's Feld, Wildpret zu bringen; er verschweigt den
Verkauf, obwohl Jakob „so klar, wie der Helle Tag"
sich das Recht zusichern ließ. Esau ist ein ,-Betrüger.
Jakob bringt nun auf Rebekkas Geheiß Aegenböck-
lein, nach Wildbretart bereitet, dem Vater.. Hals
und Hände sind mit Fellen bedekll. Jsak soll aus