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10* Jahrgang.
Freitag, de» 15. 'I6^>68 5672 (5. Januar 1912)
Jupalt des Hauptblanes.
! Artikel: Brief aus England. — Aus den Ereignissen
! des Tages: 1. Der Kongreß der ungarischen orthodoxen
: Judenheit; 2. Die Reichstagswahlen und die Juden. —
j Sitzung des Zentral-Komitees der zionist. Förderation
Z.Misrachi". — Aus aller Welt. — Feuilleton:
!Akiba. —Kalmon.— Woch en-Ka len der. — Familien-
!nach richten.
Brief ans England.
Die Geschichte erzählt uns Don einem lakonischen
Berichte Julius Cäsars. der nur drei Worte enthielt:
Veni, vidi, vici. So der heidnische Cäsar. Der
christliche Cäsar Karl V. soll nach der Schlacht bei
Mühlberg diesen Spruch mit einer kleinen Varia¬
tion wiederholt haben: Veni, vidi, Deus vicit. Was
Dr. Joseph Abrahams auch gemeinsam mit
Julius Cäsar und Karl V. haben mag, so dürste er
doch kaum berechtigt sein, die eine oder die andere
Version zu gebrauchen.
Es sind nun einige Wochen seit meinem letz-'
ten Briefe verstrichen. Wählend dieser Zeit hatte
der Reverend Gentleman die Gelegenheit, in eini¬
gen Synagogen zu predigen. So erwünscht es auch
sein mag, daß der Nachfolger Dr. Adlers ein be¬
deutender Kanzelredner ist, so fällt es mir durch¬
aus nicht ein, die Befähigung eines Mannes für
das Amt des Chief Rabbi nach seiner Redege¬
wandtheit zu beurteilen. Auch die Majorität der
englischen Judenheit würde gern aus diese Eigen¬
schaft verzichten, wenn sie wüßte, daß der Kan¬
didat ein großer Gelehrter und Talmud-Chochom,
kurz eine Persönlichkeit sei. Wenn aber diese Vor¬
aussetzungen fehlen, dann mutz wenigstens auf die
die Beredtsamteit des Kandidaten Gewicht gelegt
werden. Aber auch als Redner macht der Rabbiner
von Melbourne den Eindruck der Mittelmäßigkeit.
Die Rothschilds sind gewiß sehr tüchtige Geschäfts¬
leute, doch ich glaube, daß Lord Rothschild,
der Dr. Abrahams eingeladen und die Kosten der
Fahrt usw. tragen soll, diesmal kein gutes Ge¬
schäft gemacht hat. Aber vielleicht konnte er auch
nichts Anderes machen. Wenn mau keinen Wein
hat, darf man Kiddusch über Barches machen . . .
Es gibt wohl Leute, die sich sagen: Aut Caesar,
aut nihil, und die auf einen Cäsar in unserer
Mitte Hinweisen, aber diese guten Leute wollen
nicht einsehen, daß es- in einem Rom Teilte zwei
Cäsaren geben kann, und daß daher kein Cäsar,
sondern eiiiflunky für das Oberrabinat gesucht wird.
Dr. Abrahams ist der einzige Kandidat, von
dem jetzt, wenn auch inoffiziell, gesprochen wird.
Wird Ke und da ein anderer Name vorgeschlagen,
— sofort erscheinen in der jüdischen Presse ano¬
nyme Briese, die dem Vorgeschlagenen den Garaus
machen. Dajan H y a m s o n, der lange als der
aussichtsreichste Kandidat galt, verhält sich; sehr
ruhig- Wahrscheinlich gab man ihm zu verstehen,
daß er sich nicht anzustrengcn braucht, die Doktor¬
prüfung zu machen. Die Vorbereitungen schreiten
indes vorwärts, und in vierzehn Tagen wird
Me Delegier tenversammlung der Ge-
mreindeu des Landes in London stattfinden,
i ein Zeichen, daß alles schon „abgemacht" ist.
j Das Programm dieser Versammlung ist bekannt.
| Die Herren kommen in einem eleganten Hotel zu¬
sammen; Lord Rothschild leitet die Versammlung
iu persona, um den Chutzpah-Ponims, die sich
einfinden können, den Mund zuzumachen; nach
Schluß der Sitzung wird den Herren ein feines
Diner gegeben, für das Lord Rothschild aus eigener
j Tasche bezahlt, und die Herren Delegierten fühlen
I sich schr gekitzelt durch die Ehre, die Gäste seiner
i.KordWp zu sein. -
Der Boden ist jedoch nicht ruhig. Manchester,
die bedeutendste .Gemeinde nach London, ist mit
einem scharfen Protest in die Oeffentlichkeit
gerückt, und die Londoner Herren müssen mit diesem
Proteste rechnen, ob sie wollen oder nicht. Die Nicht¬
beachtung der Manchester-Forderungen, die die
Nichtanerkennung der Autorität.des Chiefrabbinats
seitens der Manchester-Gemeinden zur Folge hätte,
würde dieser .Autorität den. Todesschlag versetzen,
auch int Falle, daß die Manchester-Gemeinden ver¬
einzelt in ihren Forderungen blieben und keinen
Anschluß von .Seiten der anderen Gemeinden er¬
hielten.
Tie Repräsentanten der Manchester-Gemeinden
fordern, daß die einzuberufeitde Konferenz die
Chief Rabbi-Frage allgemein behandle, damit es
sich klar herausstelle, ob das Amt überhaupt
Existenzberechtigung habe. Stimme die Versamm¬
lung ftir die Erhaltung des Amtes, so seien die Be¬
fugnisse und die Pflichten des Trägers dieses "Amtes
festzustellen, damit man wisse, wen man zu wäh¬
len tmd was man in den Kandidaten zu suchen habe.
Also zuerst eine prinzipielle Behandlung der
Frage, die allein es möglich macht, zu der Per-
sonensrage überzugehen!
Ferner verlangen die Herren, daß die Kon¬
ferenz von den sämtlichen Gemeinden des Landes
proportionell zu ihrer Mirgliederzahl vertreten
werde und nicht wie vorher von der Londoner
United Syuagogne mit Heranziehung von einigen Ja¬
sagern aus der Provinz.
So schlecht die United Synagogne es mit ihrer
Würde vereinbar finden konnte, sie muhte deitnoch
auf diesen Protest reagieren. Die Antwort war aus¬
weichend und konnte natürlich die Manchssster-
Herren nicht befriedigen. Sie tonne nur die Ge¬
meinden einladen, die zum Chief Rabbi-Fond bei¬
steuern, ein Modus, der ihr vom Parlament vor¬
geschrieben sei. ,
Die Manchester - Repräsentanten erwiderten
prompt, daß in dem Act of Parliament, in dem
die Gründung der United Synagogne behandelt wird,
keine Rede von einem Chief Rabbi von England und
seinen Kolonien ist. Dieses Amt verdanke feine
Entstehung einzig dem Einfluß von Adler II.
und widerspreche dem Geiste der englischen Verfas¬
sung, die keine Kirchenoberhäupter anerkennt, und
nach der Staat von Kirche getrennt sein müssen.
Die United Synagogne hat hierauf noch nicht
geantwortet. Die nächsten Tage werden zeigen,
welchen Weg die United Synagogne, d. h. Lord
Rothschild, einschlagen wird.
Im Frühling wird hier ein Bazar stattfin¬
den zu Gunsten der B e z a l e l- und der E w e l i n a
de Rothschild-Schule in Jerusalem, auf dem
die Arbeiten der Schüler dieser Schulen ausgestellt
sein werden. Man erwartet viel Gutes von dieser
Ausstellung. sowohl in materieller als in geistiger
Hinsicht, und daß es ihr gelingen wird, das In¬
teresse für Palästina in den höheren Kreisen zu
wecken, ein Arbeitsgebiet, dem die englischen Zio¬
nisten, die sich einander immer in den Haaren
liegen, niemals richtige Aufnterksamkeit geschenkt
haben. Die Seele dieses Unternehmens ist Lady
Sway thling, die älteste Tochter des sel. Colonel
Goldsmid. Dem Komitee gehören die vornehmsten
Damen der Londoner, jüdischen Gesellschaft, darunter
Lady Spielmann, Lady Cohen, Lady Henry, Lady
Magnus, Lady Stern, Lady Tuck, Baronin Percy
de Morins, ^.Baronin de Goldsmid e Palmeira,
Bentwich und andere, an. Treu dett Tradi¬
tionen ihres großen Vaters interessiert sich Lady
Swaythling für die Entwicklung Palästinas, wenn
sie auch keine ausgesprochene. Zionistin ist. Sie
studiert auch fleißig die moderne hebräische
tur; letzten Chauukah sprach sie auf einem ^
der Bnoth Zion hebräisch in sehr elegantetM
Heine wird hier demnächst ein Den
kommen. Wie bekannt, hielt sich Heine eint
in London auf und wohnte im Hause
Cravenstreet W. C. Mr. R. B. Marston. EiW^
glied des London County Council wanlM^i
vor kurzem an diese Körperschaft mit der^-
ihm zu gestatten, eine Tafel zur (sauntet:
dieses Haus anzubringen. Ter Stadtrat b
dieses Gesuch mit der für den Engländer
ristijchen Bemerkung: „Wir sind der Ansid
dieses Angebot angenommen werden soll, uj
wir dagegen gewesen wären, tuef
mit Kosten verbunden gewesen
Ihre letzte Nummer berichtete von der
go gen-Einweih ung der „Adaß-J
Gemeinde" iu London. Ihr Bericht
unterließ jedoch zu erwähnen, daß der
dieser Gemeinde Lord Swaythling mit dev,:
nung des Gebäudes beehren wollte, diesetKx
abwinkte, da die Gemeinde sozusagen .an
Trennungsprinzip ä la Frankfurt steht. De
stand wandte sich hierauf an Sir A. Tuck
eine ähnliche abschlägige "Antwort erhalte
Ter Gemeinde ist recht geschehen. Wer
Trennungsprinzip schwört, soll auch koi
sein und danach handeln. —
Die jüdisch-literarische Ges«
zu Liverpool lud jüngst eine lokale me!
Größe und enragierten "Antisemiten ein, ei
trag vor ihren Mitgliedern zu halten. '
nahm die Einladung an und ergoß sich
Flut von Beschimpfungen auf „de^i
Haufen Europas", der arbeitsunfähig und
ist und sich nur aufs Schachern versteht.
Urenkel der Makkabäer in Liverpool laust
musterhafter Geduld und Rtlhe — und s
Dr. I. M.
KHM
Aus den Ereignissen -es Tag>
1. Der Songretz der nngar. orthod. Iu-
Ungarn ist ein wunderbares Land, tfwi
der Extreme und Widersprüche, sowohl iniT
mein kultureller wie in spezisisch-jüdischerZ*
ung. Neben den raffiniertesten "Auswüchsen i
ster Ueberkultur eine erschreckende Unbildp
Bolksmassen, neben den feinsten Sitten^'
Adelsfamilien die wüsten Manieren selbst dMl
Vertretung; und in jüdischer Hinsicht nebe^f
lichem weitverbreiteten Talmudstudium auf &
vollständige Unwissenheit und JndifferenM ^
anderen Seite, neben warmem Interesse
Juden einerseits das Trennungsprinzip -
extremsten Form andererseits. Und es
gekommen, daß Ungarn offiziell zwei Ir
besitzt: ein neologes und ein orthddoxes.
Schuld daran, daß es so gekommen ist,
erster Linie auf Seiten der Neologie lag;
zu bestreiten und ist durch deren irreligiös^',
tismus, durch deren atheistische Undulds
erklären; daß aber auch die Orthodoxie i
aller Schuld freizusprechen ist, daß sie "-M
größere Schuld auf sich trägt, das klcr-
zu haben ist das Verdienst des soeben ge
Kongresses der ungarischen
doxen Judenheit.
Von Seiten der Neologie war nämlö
söhnnngshand ausgestreckt worden. Und
Führer hatte Schritte unternommen, :
dem widerwärtigen Bruderhässe ein End«