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Kongreß der ungarischen Ortl/odoxic hat nun
Stellung genommen, und das Resultat seiner
lingen ist eine kategorische Ablehnung der
-ngsvorschläge. Ja, es fand eigentlich gar
Beratung statt: nicht eine namhafte
tme erhob sich für die Einigung,
i: schon vor der Eröffnung des Kongresses so
lic entschieden, daß, die Orthodoxie die ge-
Fricdenshand schroff zurückweisen werde,
hat sie aber zum mindesten die gleiche
— wenn nicht gar den größeren Teil —
zc Ncologic an den Verhältnissen innerhalb
sgarischen Judcnheit aus sich geladen. Sie hat
1 daß ihr bei allem Eifer für die orthodoxe
bei aller Pflege des Talmudstudiums doch
in für die jüdische Gesamtheit fehlt.
Der auch sonst har der Kongreß viele bcdcnk-
itreiflichter aus die Verhältnisse der ungari-
^rthodoxie' geworfen.
or allem, was dey äußeren Verlauf des Kon-
btztritft. Es herrschte eine Unordnung, cs
sich cirr Mangel aller Disziplin und
Systems in der Leitung des Kongresses und
Haltung seiner Teilnehmer, der wahrhaft
kend ist. Von Tagesordnung , von
^nschaftsbericht, von Kritik keine
Der Kongreß, begann unter großenr Lärm
hloß unter, noch größerem Lärm; die Mit¬
schrien und riefeir durcheinander, und die
hatte keine Kraft, Ruhr zu schaffen. Wahr¬
ungarische Orthodoxie ist noch lange nicht
Standpunkte S. R. Hirsch's angelangt,
oklamicrt hat: „Tauroh im derech-erez
as aber noch viel beschämender ist, das ist
und Weise gewesen, wie die Leitung
Minorität dergcwaltigtc. Die Hal¬
er Leitung -zeugt von einer rücksichtslosen
und von einem scharfen Fanatismus,
agercn Rabbiner, die die Opposition bilde--
man fast garnicht zu Worte kommen, und
'es ihnen einmal, zu sprechen, so wurde
sicht die geringste Beachtung gewidmet. Bei
hlen besonders wandte man alle Maßregeln
die gewünschte Liste durchzusetzrn. Und dann
»sammenstellung dieser Liste. Ehrwürdige
bedeutende Persönlichkeiten wurden kurz-
Erichen, weil sie — man höre — sich nicht zur
hnung des Cherems gegen — den Zionis-
rgeben wollten. Wer nur irgeirdwie im Ver-
par, nicht etwa selbst Zionist zu sein, fan¬
den Zionismus ein günstiges Auge zu
ourdc — mochte er sonst die hervorragend-
enschasten besitzen — nicht gewählt,
war denn das Ergebnis des Kongresses
allen Kennern der Verhältnisse erwartete:
igungsvorschlägc kategorisch abgelehnt, die
rung wicdergewählt und alles wie gewesen,
besonders trauriges Ergebnis, wenn man,
daß diese ungarische Orthodoxie
Menge großer und wertvoller
in sich hat, die, in die richtigen Bahnen
^Großes und Ersprießliches für das Juden-
stcn könnten. Noch herrscht in ihr heiße
jld reges Interesse für alles Jüdische, noch
f fic mit vollem Eifer das Studium von
rd Talmud und der altjüdischen Literatur,
-mit einem Worte, in ihr der starke, leben-
{Ic zum Judentum unverfälscht vorhanden.
? ihr Blick eingeengt, ihre Geistesrichtung
" ocndet, dieser Wille in falsche Bahnen ge¬
lange aber dieser Wille nur da ist, ist
Öffnung auf Besserung vorhanden. Eine an-
serc Erziehung, das ist.es, was der unga-
krthödoxic nottut, Und schon mehren sich
§ ihr selbst die Männer, die es erkennen.
Inten, die cs fordern. Und wir zweifeln
im Läufe der Zeit, unter den: Einflüsse
^belebenden Geistes, der ganz Israel durch-
ch die ungarische Orthodoxie aus sich,
nötigen Kräfte finden wird, um diese
zu bewerkstelligen. Erst dann aber wird
; vollen Kräfte entfalten können, wird sic
Rolle, die sie im jüdischen Volksleben
berufen ist, auch wirklich spielen können.
^Dte Reichstagswahlen und die Juden.
Me Woche werden im ganzen Deutschen
re Wahlen zum Rvichstag stattfiu-
holitisches Ereignis allerersten Ranges nicht
Frankfurter Israelitisches Familienblait:
nur für Deutschland selbst, sondern auch für ganz
Europa. Denn ctz ist klar, daß eine starke Ver¬
schiebung der iPartcivcrtzältnisse im Deutschen Reichs¬
tag oder gar. eine Wandlung in den Majoritäts¬
verhältnissen von großer Bedeutung wäre für die
glanze europäische internationale Politik.
Auch für uns Juden sind die Wahlen
von Bedeutung. Nur soll man diese nicht all¬
zusehr überschätzen, wie cs so häufig in jüdischen
greisen geschieht, soll nicht in den Wahlen ein
Ereignis von unendlicher Tragweite für unser
jüdisches Leben erblicken. Dazu haben die Resul¬
tate der Wahlen viel zu wenig Einfluß auf das
innere jüdische Leben, dazu werden auch ihre
Folgen für unsere politische Stellung im Reiche
zu geringfügig sein. Immerhin — wie gesagt —
haben die Wahlen auch für uns Juden eine ge¬
wisse Bedeutung. Denn es wird zum guten Teil
von ihnen abhängen, ob wir deutschen Juden in
der .nächsten Zeit unsere politische Gleichsterech-
tigung auch in facto erringen werden, oder ob
diese nach wie vor nur auf dem Papier stehen wird.
Natürlich darf man auch hier nicht allzuviel er¬
hoffen. Selbst im günstigsten Falle, wenn die Ma¬
jorität von Konservativen und Zentrum gestürzt
wird, auch dann werden Juden nicht sofort Offi¬
ziere und Richter und Staatsbeamten werden
können. Die antisemitischen Instinkte wurzeln viel
zu tief, als daß ihr völliges Verschwinden vom
Ausfall der Wahlen abhängen könnte. Aber ein
bedeutsamer Schritt zur völligen Gleichberechti¬
gung wäre doch getan, wenn der schwarz-blaue Block
fiele.
Dieses 'eine Moment, dein man noch viele air-
dere hinzuzählen könnte, .deutet schon auf die
Stellungnähme von uns Juden hin; es
ist auch heute noch so, daß die Juden nur
liberal-demokratisch wählen können
und wählen dürfen. Die Tatsache, daß die
antisemitischen Jufliiikte vorwiegend bei den rech¬
ten Parteien zum Ausdruck kommen, daß die Kon¬
servativen noch inimer die antisemitische Parole
in ihrem Programm haben, sowie das für uns
Juden selbstverständliche .Eintreten für Recht und
Freiheit, all dies macht unsere Parteinahme für
die Liberalen fast selbstverständlich. Und hoch ist
es eigentlich nicht immer so selbstverständliichj. Denn
es hat auch in der letzten Legislaturperiode manche
Fragen von Bedeutung für uns gegeben, in denen
die rechtsstehenden Parteien mehr Ver¬
ständnis für unsere Ansprüche gezeigt haben
als die Parteien der Linken. Wir erinnern nur an
die S ch echitahfragc, in der sich ja gerade das
Zentrum mit der größten Energie für unsere For¬
derungen eingesetzt hat. Dies gilt nicht nur in Ein-
zclsiagcn, sondern in gewisser Hinsicht auch ganz
allgemein. Die Konservativen als die Verfechter
von Nationalismus und Patriotismus und das
Zentrum als Vertreterin der religiösen Sonder¬
interessen haben überhaupt mehr Verständnis
für unsere jüdischen nationalen und religiösen For¬
derungen und Interessen wie die kosmopolitisch
und freireligiös angehauchten Liberalen. Und cs
wäre aus diesem Grunde der Gedanke nicht von
von vornherein abzuweisen, daß es vielleicht ein¬
mal die Zeit geben wird, wo viele Juden mit den
Konservativen gehen werden, wie es denn über¬
haupt ein nicht ganz gesunder Zustand ist, daß wir
Juden uns stets in der Opposition befinden. Aber
dies alles sind nur Gedanken für eine etwaige
Zukunft. Für jetzt ist, wie gesagt, die' Lage so,
daß wir Juden mit den Liberalen gehen müssen,
ebensowohl aus allgemein vaterländischen wie aus
speziell jüdischen Motiven.
Allerdings — und dies ist die Lehre, die wir
aus dem oben Gesagten schon jetzt zu ziehen haben
—, müssen wir uns bei jedem liberalen Kandida¬
ten, dem wir unsere Stimme geben wollen, erst
vergewissern, welche S t e l 1 ung er zu unseren spe¬
zifisch jüdischen Fragen cinnimmt. Erst wenn er
auch da wahrhaft liberal ist und uns unsere vollen
Sonderintcrcssen zugcsteht, können wir ihm un¬
sere Stimme geben. Liberale, die uns nur Rechte
geben wollen auf die Bedingung hin, daß wir un¬
sere Sonderheiten aufgeben und uns völlig assi¬
milieren, haben wir als unsere. Gegner zu be¬
trachten, und mögen sic sonst noch so demookratisch
sein.
Diese Forderungen neben der felbstverständ
lichen, da
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Stad--.0.^ Uniy.-Eibl.
Frankfurt am Moin
s entschiedener Gc
Nr. 1
ner des Antisemitismus erklärt, sind die einzigen,
die )vir stellen können und müssen. Unsere relativ
geringe Zähl in Deutschland gestattet uns nicht,
eigene Vertreter zu entsenden. Suchen wir darum
/wenigstens dies wenige zu tun, was wir tun können,
um das, was wir als Juden erkämpfen können,
zu erkämpfen. Und es ist keine Frage, daß bei
einem mannhaften Auftreten der jüdischen Wäh¬
ler die erwähnten Forderungen sich mühelos durch¬
setzen werden. Sic aber durchzusetzen, ist unsere
Pflicht ebensowohl als Menschen wie auch als
Deutsche und als Juden. Auf unsere Rechte zu ver¬
zichten, hieße in diesenr Falle eine.dreifache Sunde
begehen. Begehen wir keine, und erringen wir
unsere Rechte.
Sitzung -es Central-Komitees
der zionist. Föderation „Misrachi".
Anwesend: vom Zentralbureau: Dr. Frank, Rechtsanwalt
David und Referendar Möller;
rom Zentralkomitee: Redakteur Berlin-Ber¬
lin, Rüben Cohn-Antwerpen, Albert
E l l c r u - Nürnberg, S. I ur o v i cz-Ber-
lin, Dr. Wilhelm L e w y - Charlottenburg,
Zahnarzt Rothschild - Lübeck, M o r i tz S.
Wolfs- Haniburg und Magnus als
Sekretär.
Bon Dr. Jeremias-Posen, Hermann Struck-Berlin, S.
Wolfs-Antwerpen, Rabbiner Reines-Lida und Rabbiner
Fischmann-Ilngcni waren schriftliche Meinungsäußerungen
zu den einzelnen Punkten der Tagesordnung eingetrofsen,
die zur .Kenntnis des Zentralkomitees gebracht wurden.
Bo» Rabbiner Schmelkes-Przemysl, H. Farbstein-Warschau
lagen telegraphische Begrüßungen vor.
Z u Punkt 1 der Tagesordnung berichtete
der Vorsitzende über die bisyerigcTätigkeitdes
Z e n t r a l b u r e a u s. Das Zentralburcau hat seine Tätig¬
keit nach der Berliner Konferenz vom 10. September
1011 aufgenommen und sich sofort mit sämtlichen zioni¬
stischen Justitntioucn in Verbindung gesetzt. Gemäß dem
.Beschlüsse der Konferenz ist das Zentralbureau mit dem
Engeren Aktionskomitee in Verhandlungen über die zur
Sicherung des Punktes II der Kultur-Resolution des X.
Kongresses zu trcssendcn Maßnahmen getreten. Die vor¬
läufigen Abmachungen wurden dann von der Sitzung
des G. A.-Ä. genehmigt.
Im übrigen verbreitete sich der Bericht über die
Tätigkeit des Zentralbureaus in sämtlichen Ländern. Es
wurde mitgeteilt, daß in Berlin eine Agitations-Zentrale
(Leitung: Rabb. Dr. Wilh. Lewy), in Rußland ein Landes-
Komitce (Leitung: Rabb. Reines in Lida) und in. Jaffa
ein Landeskomitce (Leitung: Eliahu Kahano) eingerichtet
worden ist, und daß die Zentrale für Galizien sich
wie bisher in Stanislau (Leitung: M. Hochmann) be¬
findet.
In dem Bericht konnte konstatiert werden, daß in
sämtlichen Ländern die Tätigkeit in vollem Umfange aus¬
genommen ivorden ist, daß auch in Ungarn, wo die bis¬
herige Zentrale sich aufgelöst hat, neue Verbindungen
angcknüpft worden sind, und daß in sämtlichen Ländern
große Arbeitsfreudigkeit herrsche, sodas; zu erwarten ist,
daß die Tätigkeit in-der lausenden Kongreßpcriode befrie¬
digende Resultate erzielen werde. ~ ■
Es wurde sodann mitgeteilt, daß die einzelnen Landes-
Komitees, Vertrauensmänner und Ortsgruppen über die
durch das von: Kongreß angenonimene Organisations-Sta¬
tut veränderte Sachlage unterrichtet und insbesondere
auf die sofortige Propaganda für die Schekel- und Maß-
Eingängc hingewiescn worden seien.
Hinsichtlich der übrigen Tätigkeit des Zentralbureaus
wurde auf die zu den einzelnen Punkten der Tages-
Ordnung zu erstattenden Berichte hingewiesen.
Zu Punkt 2 der Tages-Ordnung referierte
Redakteur Berlin über die bereits vereinbarte Grün¬
dung der M i s r a ch i - K u l t ur - G e s s e l l s chaf t und
legte die Grundzügc dieser Gesellschaft dar. Auf Antrag
wurde ein Komitee aus 8 Mitgliedern mit dem Sitze
in Berlin gewählt, das die Vorarbeiten für die Tätigkeit
der Kultur-Gesellschaft zu treffen hat.
Zu Punkt 3 der Tages-Ordnung berichteten
Al o r i tz S. Wolfs - Haniburg und Referendar M ö l l e r -
Altona über ihre in Frankfurt a. M. gepflogenen Verhand¬
lungen mit dem T a ch k cm o n i-S ch u l-Ko mite e,
deren Resultate auch bereits veröffentlicht sind. — Zu
diesem Punkte >onrden aus der Mitte des Zentralkomitees
verschiedene Anträge gestellt, deren Ergebnis im Interesse
der Sache vorerst aus Beschluß des Zentralkomitees gehest»
gehalten werden soll.
Zu P >l n kt -1 der Tages-Ordnung wurden die
vom Zentralburcau vorgeschlagcnen Herren in das Zen-
tral-Komitee. kooptiert. Das Zentral-Komitee be¬
steht danach aus folgenden Mitgliedern: Dr. L. Franck,
Rechtsanwalt David, Referendar Möller vom Zentral-,
Bureau: Rabbiner Aronsohn, Kiew, Rcv. A. M. Ashinsky,
Pittsburg, Redakteur M. Berlin, Berlin, Rabbiner S.
Blum, Posen, R. Cohn, Antwerpen, M. Duff, Jassy, H.
Farbstein, Warschau, Rabbiner Fischmann, Ungeni, Dr.
L. Fränkel, Kopenhagen, M. Hochmann, Stanislau, Dr.
Jeremias, Posen, S. Jurovicz, Berlin, Kahane, Charkow,
Eliahu Kahano, Jaffa, Rabbiner Dr. Wilhelm Lewy, Char-
lottenburg, S. Mciscl, Jaffa, Dr. Mirkin, Antwerpen,
Rabbiner Dr. Nacht, Focsani, Dr. .Pinkhof, Amsterdam,
Rabbiner Reines, Lida, Zahnarzt Rothschild, Lübeck, Rev.
I. L. Shire, Capetown, Rabbiner Schmclkes, Przemysl,
Moritz S. Wolfs, Hamburg, S. Wolsf, Antwerpen.
Zu Puukt ö'der Tages-Ordnung referierte
Rcserendar Möller über die .mit dem Jüdischen'Na-