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11. Jahrgang. Freitag, den 21. Tewes 5673 3 Januar 1913) Rr. 1
Aever rationalistische Mitzdentnnge«
des Judentmntz.
j . In einer seiner gelegentlichen Aeußcrungen
Wer die Erscheinungen des menschlichen Lebens, die
-:weit mehr in sich enthalten als manche gelehrte,
-weitläufige Untersuchung, spricht S ch o p e n h a u e.r
.Don der Religion als der Metaphysik des Volkes
luub überbrückt damit, vielleicht ohne es selber zu
i wollen, die sich anscheinend anftuende tiefe Kluft
>Uvischen der philosophischen Deutung des univer¬
sellen Geschehens und der Art und Weise, wie sich
chas gewöhnliche Bewußtsein den letzten Grund der
jDinge denkt. Man muß nämlich bedenken,, daß
; jcbc metaphysische Annahme von einer unerkenn¬
baren transzedenten Potenz, die in die Welt der
handgreiflichen Empire Hineinspielen soll, von dem
Glauben an ein göttliches Eingreifen nicht weit ent¬
fernt ist. Dort wie hier haben wir es nicht mit
^empirisch verifizierbaren Behauptungen zu tun, die
sdeni gefunden Verstand ohne weiteres cinleuchten,
sondern lediglich mit einem gewissen Triebe, der,
selber in der empirischen Sphäre liegend, über die
! letztere hinauszugehen strebt. Vom rein empirischen
! Standpunkt aus betrachtet, sind alle diese meta-
; physischen. Hypothesen von einem Ding an fich, einer
jCausa sui, einem absolut einheitlichen Willen
> ebenso viele Wunder, für die sich in der Reihe
!der Sinnesdaten keine Stelle finden läßt. Ander-
iseits wiederum ist der Begriff des Wunders als
, eines außernatürlichen Phänomens, das den ge-
-schlossenen Zusammenhang des natürlichen Gescheh¬
ens mit einem Male durchbrechen soll, nichts ande¬
res als ein gewisser Ausdruck für eine unerkenn¬
bare, transzendente Potenz, die den Kreis der
empirischen Zusammenhänge auf ebenso unerklär¬
liche Weise tangiert.
Wer den Glauben an Wunder lediglich von
einer negativen Seite aufznfassen sucht, indem er
ihn ausschließlich als Produkt eines mangelnden
Wissens hinstellt, der legt wahrlich eine allzu ober¬
flächliche Kenntnis der menschlichen Natur an den
Tag. Denn ebenso wie cs wahr ist, daß die Her-
, anziehung eines Wunders zur Erklärung eines
> mtürlichen Tatbestandes wohl in den meisten Fällen
,aus ungenügender Kenntnis gewisser Tatsachen ge¬
schieht, ebenso falsch ist es, das Wunder lediglich
als einen Lückenbüßer zu betrachten, als etwas,
das nur dazu da ist, um einen Mangel an Wissen
zu decken. Vielmehr entspringt der Glaube au
Wunder einem tiefen Bedürfnis der Menschenseele,
Pas der verfeinerte philosophische Verstand in dieser
ober jener Annahme äußern, mag, und das das
(religiöse Bewußtsein auf seine Weise zum Ausdruck
bringt. Das religiöse Bewußtsein im Vorgefühle
seines innigen Zusammenhanges mit einer myste¬
riösen Gewalt wird ohne den Begriff des Wunders
kaum anskoinmen können. Daher bildet auch der
Begriff des Wunders den eigentlichen Lebcnskern
jeder echten Religiosität, von dem alle übrigen
Aeußerungen des religiösen Lebens getragen und
genährt werden, fodaß ein Eliminiere» dieses Be¬
griffes das allmähliche Absterben aller anderen
religiösen Vorstellungen mit sich führen muß.
Und daher betrachten tvir auch alle oiejenigen
rationalistischen Bestrebungen, die
sämtlich darauf ansgehen, irgend
einen religiösen Gehalt von seiner
mystischen Wurzel loszureißen, als ein
im Grunde verfehltes Unternehmen,
das nur ans einem Mißverständnis beruhen kann.
Man verstehe uns wohl, und vor allem hüte man
sich vor Verwechselung des Irrationa¬
len mit einem Arationaleu. Das Aratio-
nale, das Sinnlose, das Vernunftwidrige, niuß
aus jeden: Lebensgebiete nnd somit auch aus dem
der Religion schonungslos verbannt werden. Das
Irrationale dagegen, als der mysteriöse Unter¬
grund alles, auch des vernünftigen Geschehens, muß
notwendig gewahrt nnd aufrecht er¬
halten werden, soll von einer religiö¬
sen Beziehung des Menschen zur Welt
dieRede sein können. Der Versuch des Mai-
monides, die religiösen Gebote des Judentums
auf eine vernünftige Basis zu stellen, ist empfeh¬
lenswert und nachahmungswürdig, und sein Ver¬
dienst in dieser Beziehung kann nicht hoch genug
angeschlagen werden; aber derselbe Mainwnides hat
.nicht in: entferntesten daran gedacht, an der transze¬
denten Grundlage der jüdischen Religion zu rütteln.
Dagegen muß das Beginnen Mendelssohns,
dem religiösen Gehalt des. Judentums seine lebendige
Seele zu nehmen, als mangelhaft bezeichnet werden.
Aus den Prämissen, die M e n d el s s o h n auf¬
gestellt hatte, zog Professor Hermann Cohen, sein
direkter Nachfolger in dieser Beziehung, die äußer¬
sten Konsequenzen. Er ist es, der die Mend'elssohn-
sche Auffassung vom Judentum als einen Inbe¬
griff von Regeln und Normen auf die Spitze ge¬
trieben hat;' er ist es, der den radikalen
rationali st ischeu Desinfektionsversuch
unternommen hat, den religiösen Ge¬
halt des Judentums von allen Ingre¬
dienzen z u reinigen, indem er so lange an
den mystischen Beziehungen zwischen Volk und Gott
herumdeutete, daß ihm als letzter Rest nur noch
eine nüchterne Moralität zurückgeblieben ist. Sehr
bezeichnend für einen eniinenten Erkenntniskritiker,
wie Cohen einer ist, der keine Konzessionen dem
Irrationalen machen will.
Freilich muß es dahingestellt bleiben, wie es
mit der Cohn'schen Behauptung von der Priorität
des jüdischen Volkes in Bezug auf die Moral be¬
stellt ist; ob es nämlich wahr ist, wie cs Cohen
zu betonen liebt, daß das jüdische Volk in der
Person seiner Propheten das Verhältnis von Mensch
zu Mensch zuerst in den Vordergrund des Interesses
rückte. So viel wir wissen, gab es rein mora¬
lisch e Tendenzen auch in der außerjüdi-
s ch e n Antike, die, was die Zeit anbetrifft, mit
dem Judentum gleichen Schritt hielt. Wir möchten
bloß an Sokrates erinnern, der ungefähr 500
v. Ehr. lebte, also zur selben Zeit, wo die aller¬
ersten jüdischen Propheten wirkten, und der in die
Moralität den Schwerpunkt aller geistigen Inter¬
essen verlegte. Und Co ns ne ins, der 551 v. Chr.
geboren tvurde, und dessen Anschauungen für das
geistige Leben des chinesischen Volkes grundlegend
wurden, hat eine Morallehre aufgestellt, so lauter,
so gereinigt, so nüchtern und trocken, wie! es sich
Professor Cohen nicht besser wünschen könnte.
Das jüdische Volk hat die Moral nicht in Pacht
genommen. Haben wir es nicht in der allerletzten
Zeit erlebt, daß ein Tolstoi alle Mystik in den
Lehren des Christentums verwirft, um es aus¬
schließlich auf ethische Prinzipien zu gründen? Wir
meinen also, daß eine Tendenz, die sich an allen
Enden der Welt, zu allen Zeiten, in prägnanter
Weise kundgibt, nicht zum ausschließlichen Eigen¬
tum des Judentums gemacht werdein kann.
vr. R. Seligmann.
Generalversammlung der Bereinigung
tradtttonell-gesetzestrener Rabbiner
Deutschlands.
Berlin, den 24. Dez. 1912.
Die Vereinigung traditionell-gesetzestreuer Rabbi¬
ner Deutschlands hatte-hier gestern nnd heute ihre
Generalversammlung. Bon den ca. 120 Mitgliedern
waren 61 erschienen.
Rektor Dr. Hoffman», der Vorsitzende, er¬
stattete Bericht über die abgelausenen zwei Ge¬
schäftsjahre, Eingangs der verstorbenen Kollegen
Dr. Löb-Emden und Dr. Ackermann-Brandenburg
gedenkend. Die Vereinigung ist durch den Zutritt
von 19 neuen Mitgliedern gewachsen. Wäh¬
rend fast der ganzen Tauer der Berichtsperiode
beschäftigten die halachische Kommission (Nobel-
Halberstadt, Dr. Ehrentreu-München, Dr. Feilchen-
feld-Posen, Dr. Hoffmann-Berlin, Dr. Lcrner-Alto-
na) verschiedene Fragen, zuletzt die der Feuer-
best a t t u n g. In den bisher bereits von vier Mit¬
gliedern erstatteten, d.m ftinsten Mitglieds vorlie¬
genden außerordentlich mnsangreichen Gutachten
werden alle einschlägigen Fragen genauestens ge¬
prüft. — Auf der 7. Generalversammlung (Dezem¬
ber 1910) ist der Vorstand ersucht worden, „eine
Erklärung, welche die u n t e r s ch e i d e n d e n M e r k-
m a l e : zwischen glaubenstreuem und
liberalem I u d e n t u m knapp und scharf um¬
schreibt, in möglichst kurzer Zeit auszuarbeiten, den
Mitgliedern zur Unterschrift zuzusenden und mit
den Unterschriften zu veröffentlichen." Im Verfolg
dieses Auftrags hat der Vorstand Rabb. Nobel in
Halberstadt, als Vorsitzenden der halachischen Kom¬
mission, um einen Entwurf gebeten. Rabb. Nobel
hat eine sehr klare Darstellung entworfen, die
aber den Umfang einer „Erklärung", wie solche der
Beschluß fordert, »in ein Beträchtliches übersteigt.
Es ist zweifelhaft geworden, ob in der gewünschten
Kürze und doch unzweideutig die Merkmale dar¬
zulegen möglich sei. Es war dies um so schwieriger,
ftls eine sicher^ Unterlage! fstr die Normierung dessen,
was „liberal" ist, nicht vorhanden war. Durch die
Veröffentlichung der „Richtlinien" ist nach dieser
Richtung die Arbeit immerhin erleichtert. — Durch
Rundschreiben und zwar wiederholte Rundschreiben
ist der Vorstand wegen der Stellungnahme zur
„Agudah"- und zu den „Richtlinien" mit
seinen Mitgliedern in Beziehung getreten. Zunächst
wird über die Tätigkeit in Sachen der „Richtlinien"
referiert:
Abgesehen von der großen Wichtigkeit der Angelegen¬
heit überhaupt, der Entrüstung, die das ganze gesetzes¬
treue Judentum Deutschlands nach dem Bekanntwerden
der Richtlinien erfüllt bat, nnißte die Bereinigung dem
Drängen weiter »reise nachgeben, mit einer Erklärung
gegen die Richtlinien hervorzutreten. Ursprünglich war
geplant, daß diese — am 12. November versandsertige — Er¬
klärung nur vom Borstande erlassen werde, aus viel¬
seitigen Wunsch wurde sie jedoch zuvor allen Mitgliedern
zur Rückäußeruiig zugestellt. Eine mündliche Besprechung
ivar aus. den IS. November einberuse» morden und von
ca. Miigliedern besucht. Nach Versendung des ersten
Erkläruiigseiitir urses wurde bekannt, daß die Bereinigung
liberaler Rabbiner ihre Bereitwilligkeit erklären wurde,
in Bezug auf die Ehegesetze ihre Beschlüsse einzuschränken.
Eingehende Erwägungen hatten sowohl den Borstand als
auch die durch Rundschreiben besragten Mitglieder .es
für unmöglich ansehe» lassen, diese doch höchstens in
einem, >ve»n auch äußerst wichtigen Punkte erfolgende
„Einigung" für ausreichend zu erachten, mit von einer
klaren Stellungnahme gegen die Richtlinien Abstand zu
nehmen. Es erschien dann die bekannte Erklärung, der
sich lll von unser» Mitgliedern angeschlossen haben. Als
dann einige Gemeindevorstände die bekannte Gegenerklä¬
rung erlassen hatten, hat der Vorstand sofort eine Er¬
widerung entworfen, diese sämtlichen Mitgliedern zugehen